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Episode 74
  Episode 74: Todbringer
Das Computersystem der Hikari war wieder einsatzbereit. Nachdem Hizashi es wieder zum Funktionieren gebracht hatte, hatten viele – Hizashi eingeschlossen – Minuten damit verbracht, die letzte Messung des Systems anzustarren; die letzte Meldung, ehe das System überlastet zusammengebrochen war: eine Lichtmagie so groß, dass sie nicht messbar war. Eine Lichtmagie, mächtiger als alles, was zuvor zu sehen oder zu messen gewesen war. mächtiger auch als Whites Magie – mächtiger als… alles, was sie zuvor gesehen hatten.
„Das ist… unglaublich.“
Das war es auch. Sie sprachen es nicht aus, aber besonders dass dieses Wunder von der Hikari vollbracht worden war, die sie als Yogosu hatten hinrichten wollen, war wohl das, was sie am meisten schockierte. Über diese Ironie konnte man wohlmöglich lächeln; aber man belächelte weder die Ironie, noch war ein erfreutes Lächeln über diese riesige Menge an Licht auf den Gesichtern der Hikari zu sehen: es war Fassungslosigkeit. Die meisten von ihnen starrten auch einfach nur auf die Daten – es herrschte Schweigen im Saal, wo eigentlich immer von der einen Seite zur anderen diskutiert wurde – und auf die aufgenommenen Bilder Greens; von ihrem Gesicht, ihren Kampfhandlungen und dem Himmel der Dämonenwelt, gezeichnet und erhellt von der freigesetzten Lichtmagie.
Auch White starrte auf ihren Bildschirm. Sie hatte langsam zu ihrem Platz gefunden; hatte sich auf ihrem Stuhl niedergelassen. Aber anders als ihre Mithikari starrte White gar nicht so sehr auf die Daten: sie starrte auf… Greens Gesicht.
Sie sollte sich darüber freuen, dass ihre Tochter so eine enorme Verbindung zum Licht hatte aufbauen können, oder? Und ihr war nichts geschehen… sie hatte… gut gekämpft… sie sollte sich über diesen deutlichen Beistand des Lichts freuen, aber… warum… konnte sie es nicht? Warum war sie… nervös?
Zitternd berührten Whites Finger das von Hass verzerrte Gesicht ihrer Tochter. Unweigerlich musste sie daran zurückdenken, wie strahlend genau dieses Gesicht ihr einst erzählt hatte, dass sie… diesen Halbdämon liebte. Jetzt war ihr Gesicht nicht mehr errötet, nicht mehr erfreut – aber erhellt war es.
White spürte, dass sie angesehen wurde und blickte nach rechts, wo Adir sie tatsächlich ansah – und in seinem Blick erkannte sie, dass er verstand, warum sie sich nicht über dieses Wunder freuen konnte.
Ganz im Gegensatz zu Hizashi, der der erste Hikari war, der lächelte. Er war es auch, der die Sitzung eröffnete und damit Shaginai aus seiner Starre aufschrecken ließ, der so ruckartig den Kopf hochriss, als hätte man ihn aus dem Schlaf gerissen – aber es bemerkte niemand, da die weißen Augen auf Hizashi lagen oder immer noch auf den Daten.
„Was für eine überraschende Wendung der Geschehnisse, des Schicksals möchte ich fast sagen. Womöglich haben wir damals vor siebzehn Jahren etwas überspitzt reagiert…“ Hizashi machte eine Handbewegung und vor ihm, inmitten des Ratssaals, tauchten die unheilschwangeren drei Karten als vergrößertes Hologramm auf, die White nun auch dazu brachten, sich von Greens hassendem Gesicht abzuwenden.
„… vielleicht ist die Karte des Todes anders zu deuten als angenommen.“ Adir runzelte kaum merklich die Stirn, aber er konnte sein Gesicht nicht daran hindern, sich zu verfinstern: Hizashis Freude war ja fast schon ekelhaft.
„Womöglich ist Green-san…“ Ach, so schnell vergaß man also das Yogosu…
„… gar nicht der Todbringer des Wächtertums, sondern der Dämonen.“ Hizashi verzichtete auf alle dramatische Rhetorik und fuhr sofort fort: richtig erhitzt, wie Adir mit leichter Übelkeit feststellte.
„Wenn diese enorme Lichtmagie gestählt und in die richtigen Bahnen gelenkt werden könnte, dann wäre Green-san in der Lage, Hunderte von Dämonen binnen Sekunden auszulöschen! Es ist natürlich ein wenig schwer, mit den jetzigen Daten Spekulationen aufzustellen, aber mit dieser Lichtmagie wäre es womöglich keine Utopie mehr, Henel binnen Jahrhunderten komplett zu säubern, sondern innerhalb von Jahren – möglicherweise sogar Monaten! Das ist womöglich auch der Grund…“ Aufgeregt, fast schon fahrig wirkend, schlug Hizashi mit der flachen Hand auf den Tisch, sein Glöckchen löste sich aus seinem Kragen, baumelte herunter:
„… weshalb Inceres-no-danna damals eingriff, um ihre Hinrichtung zu verhindern! Weil wir falsch lagen! Aber er! Er hatte recht! Wir hätten dem Licht von Anfang an vertrauen sollen; keine Sekunde des Zweifels hätten wir zulassen dürfen – aber trotz unserer Zweifel, unseren Versuchen, sie zu töten, ist das Licht dennoch in dieser Form zu uns getreten… endlich, in dieser reinen Form… um endlich die absolute Säuberung zu bringen.“ Adir schloss die Augen; kniff sie eher zusammen und wandte sich auch ab – etwas, was Hizashi bemerkte und lachend nicht unkommentiert lassen konnte:
„Was ist denn, Adir-san?! Besorgt um die Dämonen?!“ Adir öffnete wieder die Augen und sah Hizashi, dessen Hand an seinem Hals war, irritiert und auch ein wenig leidend an, ohne auf diesen Frevel zu antworten.
„Ich glaube nicht, dass Sie das sein müssen, Adir-san – die Dämonen werden wahrscheinlich so schnell sterben, sie werden es gar nicht spüren, ehe sie wieder das geworden sind, was sie eigentlich sein sollten: tote Funken. Von Tortur kann keine Rede sein: das Licht ist doch gütig.“
„Yogosu ist und bleibt Yogosu“, ertönte nun auch Shaginais Stimme in einem ernsten, entschlossenen Tonfall, welcher allerdings ruhig war im Gegensatz zu Hizashis aufgeregter Stimme. Shaginai hatte sich auch nicht aufgerichtet: er blieb sitzen, die Arme über der Brust verschränkt, die halb geöffneten, ein wenig zusammengekniffenen Augen auf den Bildschirm gerichtet.
„Und auch wenn das Licht sich dazu entschieden hat ihr beizustehen, so ist und bleibt sie eine Wächterin, der es an Talent und Können mangelt.“
„Nun, ihr Training trägt doch bereits deutliche Früchte“, antwortete Hizashi, dem man den Versuch, sich wieder zu beruhigen, deutlich anmerkte – aber es gelang ihm scheinbar nur widerwillig, seine Hand von seinem Hals zu lösen.
„Die Früchte sind noch lange nicht reif“, fuhr Shaginai fort und machte eine abfällige Handbewegung zum Bildschirm:
„Yogosu hat es immerhin nicht geschafft, einen einzelnen Halbdämon zu töten, obwohl das Licht so deutlich auf ihrer Seite stand.“ Genau wie die meisten sah auch White zu ihrem Vater mit einer verwirrenden Mischung an Gefühlen, derer sie unfähig zu platzieren war. Erleichterung über diese Kritik Shaginais? War es das? Erleichterung? Vielleicht sogar Freude darüber? Und Freude darüber zu hören, dass Green… immer noch Green war?
„Es wäre daher voreilig, von der Vernichtung aller Dämonen zu sprechen. Das Licht hat uns zwar tatsächlich ein Wunder gezeigt – welches wahrlich in einer ungewöhnlichen Form zu uns getreten ist – aber um das Wunder wahrzumachen, müssen wir selbst arbeiten.“ Hizashi setzte sich wieder; Adir huschte ein leichtes, ein wenig stolzes Lächeln über die Lippen…
„Nun, gut“, begann Hizashi:
„Vielleicht sollten wir mit ein paar Untersuchungen Green-sans beginnen. Ich werde mich sofort darum kümmern…“
Sofort?“, fiel ihm Mary ins Wort:
„Im Diesseits ist es ein Uhr nachts; die Wächter kehren gerade erst nach Hause zurück – lassen wir sie doch erst einmal ausschlafen.“
„Ach, ne, alles gut.“
Mary – und einige andere Hikari – fuhren zusammen, als sie Greens Stimme plötzlich hörten und sie dann auch in der Tür stehen sahen, welche Green gerade zufallen ließ. Einige Sekunden wurde die etwas ahnungslos wirkende Hikari schweigend von vielen ihrer Vorfahren angestarrt, als könnten sie nicht begreifen, dass Green immer noch genauso aussah wie das letzte Mal, als sie den Ratssaal betreten hatte – dass diese eigentümliche, unerfahrene Hikari mit den braunen Haaren und den viel zu dunklen Augen… die Hikari war, die das Wunder vollbracht hatte, über welches sie gerade sprachen.
„Green, mein Mädchen… geht es dir gut?“, fragte White besorgt, schon drauf und dran aufzustehen; ein Tonfall, der nicht nur auf Hizashis Stirn ein Runzeln verursachte.
„Ja, alles klar.“ Green musterte ihre Mutter verwirrt, als diese nun vor ihr stand, zwang sich aber zu einem Lächeln, als sie die Sorge Whites in ihrem Gesicht sehen konnte:
„Es geht mir wirklich gut.“ Sie sah an White vorbei zu den anderen Hikari; zu Hizashi, der nun ebenfalls auf dem Weg zu Green war:
„Es geht mir eher fabelhaft; ich bin überhaupt nicht müde, ich hab also kein Problem damit, irgendwelche Untersuchungen zu machen. Ich hab eigentlich eher das Gefühl, als würde ich unter Strom stehen; ich könnte jetzt sowieso nicht schlafen, haha!“
„Sehr gut!“ Hizashi stand schon vor Green:
„Dann lassen Sie uns keine Zeit vergeuden, Green-san…“ Greens Lächeln wurde nun doch ein wenig steif; womöglich wunderte sie sich auch darüber, dass Hizashi plötzlich das Yogosu fallen gelassen hatte – aber ein anderer hatte es nicht und eben dieser erhob nun auch die Stimme, ehe Hizashi seine Enkelin entführen konnte.
„Yogosu.“ Sofort sah Green zu ihrem Großvater.
„Hast du Worte des Lichts vernommen?“ Green sah verwirrt aus.
„Ehm, du meinst, ob ich die Stimme des Elements gehört habe?“
„Natürlich meine ich das!“, erwiderte Shaginai sofort wieder schreiend, als wäre dies die einzige Art, wie man mit Green reden könnte, aber seine Enkelin ließ sich nicht beirren.
„Nein.“ Die Hikari sahen nun wieder zu Green; vornhin Hizashi, dem das Lächeln vergangen war.
„Ich habe gar nichts gehört, auch nichts gespürt.“
„Aber die enorme Lichtmagie, die du eingesetzt hast, ist selbst dir nicht unbemerkt geblieben, oder, Yogosu?!“ Green, die gerade noch auf ihre Hand gesehen hatte, sah an White vorbei wieder zu ihrem Großvater und bestätigte etwas beleidigt klingend, dass sie das natürlich bemerkt habe.
„Und du sagst dennoch, dass du die Stimme unseres Elements nicht gehört hast?!“
„Jaha. Ich habe einfach getan, was du mir beigebracht hast.“ Shaginai schloss den Mund. Green fuhr fort:
„Ich habe mich ganz auf meinen Gegner konzentriert. Ich habe mich in den Kampf fallen gelassen und jeden anderen Gedanken von mir geschoben. Es gab nur mich und den Gegner, den ich töten wollte.“
Und Inceres, dachte Green plötzlich, sagte es aber nicht – Inceres. Sie hatte eigenartigerweise das Gefühl gehabt, dass er bei ihr sei… eigentlich war sie deswegen auch ins Jenseits gekommen. Sie hatte mit ihm sprechen wollen und hatte eigentlich auch erwartet, dass er in der Eingangshalle auf sie warten würde, aber das hatte er nicht getan – und jetzt führte Hizashi sie auch davon, ohne dass sie mit dem nun ruhenden Kind sprechen konnte, welches die Augen wieder geschlossen hatte und ans Fenster zurückgesackt ward…


Zwei Stunden später hatten die Ergebnisse Hizashi wieder ernüchtert. Die Untersuchungen hatten nichts Besonderes erbracht: Greens Werte waren unverändert, ihre Magie weiter unter dem Durchschnitt – nichts, was darauf hindeutete, dass die Elementverbindung sich gebessert hatte. Ernüchtert und auch ein wenig enttäuscht kehrte Hizashi ins Jenseits zurück und begab sich wie die meisten Hikari vor ihm zur Ruhe, denn das Erlebte musste erst einmal verinnerlicht und verdaut werden.
Green war keine dieser Hikari. Sie benötigte keine Ruhe, genauso wenig wie Ukario, der ihr den Bericht der Schlacht aushändigte… und sie etwas länger musterte, wie Green nicht unbemerkt blieb, weshalb sie auch nicht sofort sein Büro verließ.
„Euer Licht, Hikari-sama, hat unsere Wächter heute Nacht sehr motiviert“, erklärte Ukario sich mit einem entschuldigenden, aber höflichen Lächeln und brachte Green mit diesen Worten ein wenig zum Erröten. Hätte Shaginai so etwas nicht sagen können…
„Dabei habe ich doch nicht einmal einen einzigen Dämon töten können.“
„Es handelt nicht immer darum, wie viele Dämonen man tötet, Hikari-sama.“ Ukario klopfte seine Dokumente und legte den komplett geraden Stapel Papier auf den Schreibtisch, sie immer noch anlächelnd:
„Manchmal ist das, was am wichtigsten ist, das, was in den Augen der Wächter zu sehen ist – und heute Nacht strahlten sie.“ Green lächelte erfreut über dieses Kompliment; erfreut darüber… es zu hören.
„Und ich habe mir auch die Aufnahmen Eures Kampfes angesehen…“ Greens Lächeln verschwand, denn sie blinzelte verwirrt.
„Das Training mit Eurem Großvater scheint Euch sehr gutzutun. Wenn man bedenkt, dass Ihr schon 16 wart, als Ihr im Wächtertum aufgenommen wurdet… Ihr habt Euch verändert und große Fortschritte gemacht, Hikari-sama.“ Green blinzelte noch verwirrter und das Blut schoss ihr nun ins Gesicht, ließ es erröten und sie hätte sich auch herumgewandt, wenn das Lächeln und die Worte Ukarios sie nicht so zum Erstarren gebracht hätten. Erst nach einigen Sekunden brachte sie sich zu einer Antwort:
„Ich dachte eigentlich, dass das Training von Großvater und mir geheim bleiben solle?“ Ukario lachte verhalten:
„Ja, aber wie ich Euch vor zwei Jahren in eben diesem Büro mitteilte bin ich oberster Heerführer, da hat man einige Vorzüge… und ich bin ein Gensou, was einige Nachteile mit sich bringt, aber gewiss auch Vorteile.“ Er kehrte wieder zu seinem Lächeln zurück, mit welchem er die verdutzt wirkende Green schier ins Bett schickte, als er feststellte, wie spät es war.
„Schlaf ist zu Kriegszeiten keine Selbstverständlichkeit.“ Green nickte; wo hatte sie das nicht schon mal gehört?
„Gute Nacht, Ukario-san.“ Ukario verbeugte sich.
„Das wünsche ich Euch ebenfalls, Hikari-sama.“ Green gab sich Mühe, ruhig und gelassen – und mit Würde - das Büro zu verlassen, aber sie wusste nicht so ganz, ob ihr das gelang… als sie auf dem Gang der Kommandozentrale Sanctu Ele’Saces stand, grinste sie jedenfalls. Sie grinste sogar ziemlich breit – wie ein kleines Kind, das ein großes Geschenk bekommen hatte.
„Na, das hat aber mal gut getan, was?“ Das Lächeln auf Greens Gesicht verschwand, als sie auffuhr – und schon Silence gegenüber von sich sah. Der Blick ihrer geisterhaften Freundin war finster und ernst, aber Green bezog es auf sich, weshalb sie sich keine sonderlich großen Gedanken darüber machte, warum Silence so bitter aussah.
„Du hast es auch wirklich außerordentlich gut gemacht, Green. Bis auf die Tatsache, dass du dich sehr egoistisch in Gefahr gebracht hast und das Wächtertum damit riskiert hast… Aber bis auf dieses… Randdetail… Im Kampf hast du dich gut geschlagen.“
„Huh?!“ Die Augen der Angesprochenen rissen verblüfft auf; hatte sie sich da gerade verhört oder hatte Silence sie… ebenfalls gelobt?! Was war denn heute Nacht in alle gefahren?! Ausgerechnet… Silence. Green hatte eigentlich erwartet, dass sie sich erst einmal nicht zeigen würde bei dem, was Green ihr um die Ohren geworfen hatte…
„Anders als du bin ich kein Kind mehr. Ich habe die nötige Reife.“ Silence lächelte grimmig und bedeutete ihr, sich von der Tür wegzubewegen: Green sollte lieber nicht vor der Tür Ukarios stehen bleiben und dabei erwischt werden, wie sie stumme Selbstgespräche führte – dann war das Lob sicherlich schnell nichtig.
„Komisch“, begann Green, den Gang heruntergehend:
„Wenn du meine Gedanken liest, dann fühle ich mich gar nicht so… ausgeliefert wie wenn Nocturn es tut.“
„Ich habe deine Gedanken nicht gelesen; sie standen dir ins Gesicht geschrieben.“
„Ah, achso.“
„Green, ich habe deine Gedanken nicht gelesen, weil ich sie nicht lesen konnte.“ Green blieb verdattert stehen.
„Seit wann kannst du meine Gedanken nicht mehr lesen?“
„Seit gut fünf Stunden.“ Die Finsternis in Silence‘ Gesicht nahm zu:
„Du erinnerst dich daran, dass ich deine Gedanken nur lesen kann und wir nur deshalb mittels Gedanken miteinander reden können, weil ich die verbotene Technik Nummer 17 erfunden und sie bei dir eingesetzt habe, nicht?“ Green nickte und ihr wurde ein wenig mulmig dabei, als sie daran zurückdachte… wie Silence sie auf sie angewandt hatte. Ein kurzes Grinsen huschte Silence über das Gesicht: auch der Gedanke an deren Kuss schien Green ins errötete Gesicht geschrieben zu stehen.
„Ja…“
„Nun…“ Silence verlor ihr Grinsen wieder:
„… die Technik wurde während deines ungewöhnlichen Magieschubes – will ich es mal nennen – nichtig gemacht.“ Jetzt war Green es, die Silence‘ Gedanken deutlich ablesen konnte; Silence wusste nicht, warum das geschehen war, konnte es sich nicht erklären und das wurmte sie ganz ungemein.
„Also müssen wir die Technik erneuern.“
„Ah…“ Und schon stand Silence vor Green und grinste sie etwas schelmisch an – die eiskalte Hand bereits unter Greens Kinn gelegt, es anhebend.
„Nicht gerade die romantischte Atmosphäre, aber ich hoffe, unser Romantik-Experte hat dennoch nichts dagegen, wenn ich sie jetzt küsse.“ Ah, doch, eigentlich hatte Green das schon – eigentlich wollte sie sich aus Silence‘ Griff lösen, zurückweichen, einfach um der Kälte ihrer geisterhaften Erscheinung zu entgehen, aber… sie wollte auch die Verbindung mit Silence. Und dass es praktisch war mit ihr mittels Gedankenübertragung zu kommunizieren, war unbestreitbar.
„Aber… dieses Mal nicht mit… Zunge…“ Green errötete stark, Silence lächelte breit, sogar die Worte selbst schienen zu lächeln:
„Ich rufe die 17. der verbotenen Techniken: Todestanz.“ – und schon standen der Hikari die Haare zu Berge, als Silence ihre Lippen zusammenführte. Eine Vereinigung, die genauso kalt war wie Green sie in Erinnerung behalten hatte, die länger dauerte, als sie sich zu erinnern glaubte… aber als Silence nun – fertig war, spürte Green sofort, dass die Wirkung der Technik eingesetzt hatte – dieses Mal sogar ohne dass Green bewusstlos geworden war.
„Ich hatte doch gesagt nicht mit Zunge!“ Silence lachte als sie sah, wie Green mit hochrotem Kopf von ihr wich und sie auch vorwurfsvoll, schockiert und auch peinlich berührt ansah.
„Ah, kleine Hikari-sama, das war die Strafe für deinen Ton vorhin.“ Neckend leckte Silence sich über die Lippen und grinste die errötete, etwas maulende Hikari ein wenig an, die sich gerade darüber beschwerte, dass sie verdammt kalt gewesen war.
„Gerade darum ging es ja, Green!“
„Du bist wirklich ein Teufel.“
„Haha, ja das bin ich.“ Sie grinste weiter, aber ehe sie sich abwandte, war ihr Grinsen verschwunden und die beiden ungleichen Wesen gingen weiter – Green mit ein wenig… Sicherheitsabstand. Sie vergaß ihn allerdings schnell wieder; zu gewohnt war ihr das Beisammensein mit Silence – und zu gewohnt ihr ernster, kritischer Tonfall, der sich an sie richtete, als sie in der Eingangshalle der ruhigen Kommandozentrale standen. Der Springbrunnen in der Mitte des Saales plätscherte leise vor sich hin und fahles Mondlicht erleuchtete die eingravierten Worte, die das Mantra eines jeden Wächters waren:
vereint im Wunsch zu beschützen.
„Green.“ Silence blieb vor dem Springbrunnen stehen und das Mondlicht fiel durch das Deckenfenster… direkt durch sie hindurch, betonte wieder einmal unbarmherzig die Tatsache, dass sie tot war, als die Konturen des Springbrunnens durch die ernst dreinblickende Silence hindurchschimmerten.
„Auch ich möchte mit dir über deinen Magieschub sprechen.“ Green nickte und bedeutete ihr, dass sie einfach anfangen möge – sie spürte ohnehin immer noch keine Müdigkeit.
„Du warst die ganze Zeit bei Sinnen?“
„Ja?“
„Du hast keine Erinnerungslücken? Du erinnerst dich an alles?“ Green nickte, aber Silence sah ihr an, dass sie wusste, wovon sie sprach und warum sie diese Fragen stellte.
„Ich war die ganze Zeit „da“. Ich war nicht besessen, wenn es das ist, was du andeutest.“ Nun war es Green, die Silence ein wenig angrinste:
Damit habe ich immerhin Erfahrung. Aber warum fragst du? Also… warum genau?“
„Weil deine Aura anders gewirkt hat – weil du anders gewirkt hast. Die Hikari interessieren sich natürlich nur für das eingesetzte Licht, aber ich interessiere mich eher für etwas… anderes.“ Wieder huschte Green ein Lächeln über das Gesicht – war das „andere“ etwa… sie? Die Augen Silence‘ verengten sich: das hatte sie immerhin gehört und ihr Medium bereitete sich schon auf eine Schelte vor, aber Silence blieb beim Thema.
„Wie hast du dich während des Kampfes gefühlt?“ Green verging das Lächeln, Silence fuhr fort:
„Als du den Magieschub gespürt hast, als du ihn eingesetzt hast… wie hast du dich gefühlt?“ Die Hikari sah in eine andere Richtung, schwieg… sah dann wieder auf ihre Hände, ihr Glöckchen… und ein merkwürdig ernster Blick trat in ihre Augen; ernst, aber ruhig… abgeklärt wirkend.
„Mächtig.“ Silence‘ Augen verengten sich und ihr Gesicht wurde noch dunkler, als der Mond von Wolken verschluckt wurde.
„Ich war absolut ohne jede Angst, nur voller Entschlossenheit. Ich hatte das Gefühl, unverletzbar zu sein; nichts würde mir wehtun können.“
„War es ein warmes Gefühl?“ Green runzelte die Stirn und antwortete:
„Darauf habe ich nicht geachtet. Wie ich es den Hikari auch schon erzählt habe, so habe ich nur auf Blue geachtet. Es gab in diesem Moment nur… Grey hinter mir, der mich antrieb und Blue vor mir, den ich töten musste.“ Green sah von ihrem Glöckchen auf und Silence ernst an:
„Glaubst du, es ist mir gelungen?“ Sie schwieg kurz, als könnte sie die Worte plötzlich nicht formen, als wäre dies eine große Schwierigkeit:
„Ist Blue tot?“ Die Worte klangen tonlos; ob Green sie extra so hatte klingen lassen, damit Silence keine Gefühle darin hatte lesen können, wusste sie nicht.
„Das kann ich nicht mit Gewissheit sagen.“ Silence deutete ein Schulterzucken an:
„Als du ihm ins Gesicht geschlagen hast, war deine Aura wieder gänzlich normal und die Magie ebenfalls. Du hast ihn zwar mit deiner gesamten Lichtmagie mitten ins Gesicht geschlagen – und das bedeutet normalerweise das Aus für die meisten Dämonen – aber Blue gehört zu Ri-Il, einem Fürsten, dem man nachsagt, dass er Tonnen von Anti-Licht besäße.“ Green nickte und wandte sich ab, ohne mit Worten zu antworten.
„Wer weiß, Green. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“


Blue hatte keine Stimme mehr: es war, als hätte sein stoßweise gehender Atem seine Stimme komplett verschluckt. Alles, was aus seinem Mund herauskam, war ein angestrengtes, heiseres, gänzlich tonloses Stöhnen, welches laut in der Kammer der beiden Brüder zu hören war. Es war ein schrecklicher Anblick, dem Silver sich pausenlos aussetzte, denn er war seit Stunden nicht von der Seite seines Bruders gewichen – sein Bruder, der seine Anwesenheit gar nicht spürte. Seine Augen wie auch sein Mund waren geöffnet; sein Mund so weit als wolle er schreien, seine Augen nur einen Spalt breit. Sie tränten konstant, hatten zwischenzeitlich auch… geblutet und aus seinem Mund sprudelten immer mal wieder Blutfontänen empor. Silver – und auch Mekare, die immer wieder angerannt kam – taten ihr bestes, um Blues Gesicht von dem Blut zu säubern, aber Blues Körper tat es ihnen schwer.
„Blue… du musst durchhalten, du… du hast es mir versprochen…“ Keine Antwort; Blue hörte Silver nicht. Hörte er überhaupt etwas? Spürte er überhaupt etwas? Sein Gesicht, es war so… leer und schmerzverzerrt.
„Das… das Anti-Licht wirkt schon… und Mekare hat ganz viel davon… es wird dir bald besser gehen, Aniki…“ Keine Reaktion; Blues Hand zuckte, aber Silver glaubte nicht, dass er dies als Zeichen dafür deuten sollte, dass er ihn gehört hatte… er kniff die Augen zusammen und drückte Blues Hand fester – er musste sich zusammennehmen. Er durfte nicht weinen… Aber als er die Augen wieder öffnete, war ihm sofort wieder danach. Blue sah einfach so schrecklich… zugesetzt aus! Das war wirklich Green gewesen?! Seine Green-chan?! Silver hatte doch auch schon einmal wegen ihrem Licht Licht-Intus gehabt… aber damals war es nicht so… ausgeartet? Gut, er war auch nicht am Kopf getroffen worden, aber war das wirklich alles? War das der einzige Unterschied? Nein… Green war auch… besser geworden.
Sie war wohl… eine andere geworden, dachte Silver, als ihm nichts anderes übrig blieb als Blues Finger fester zu drücken und Blues bebendem Atem mit unterdrückten Tränen zu lauschen.


Pink fing Green im Korridor ab. Sie sei gerade aus dem Bett gepurzelt; ein Albtraum habe sie geweckt. Sie habe daher ihr Hello!Kitty-Plüschtier an sich genommen, es ganz fest gedrückt und sei auf den Gang hinaus gegangen, wo sie Green gespürt hatte – was für ein Timing. Green wunderte sich über Pinks plötzliches Auftauchen, nahm sie aber dennoch beherzt in die Arme, als Pink anfing zu weinen. Der Albtraum sei wirklich schlimm gewesen, ganz schlimm… sie habe gesehen, wie Tausende von Wächtern in der Dämonenwelt gestorben seien – ja, wirklich ein ganz fürchterlicher Albtraum – aber dann sei das Licht gekommen… ah, da lächelte Green – und ja, bestätigte, dass dies auch geschehen war, dass aber niemand zu Schaden gekommen war, ja… wie schön… Green lächelte weiter – ach, Green, willst du deiner Cousine denn nichts erzählen?
„Du warst das, Green-chan?“
„Jaha, das war ich.“
„Du kannst so schön strahlen?“
„Jawohl! Das muss aber noch genauer überprüft werden. Die Hikari sind ganz von der Rolle sag ich dir.“
„Was sind denn das für Untersuchungen? Tun die weh? Darf ich dabei sein? Ich möchte nicht, dass man dir wehtut und die Hikari waren schon mal ganz böse zu dir!“
„Haha, aber nein, das tut nicht weh – du musst dir keine Sorgen machen, es ist ganz langweilig und harmlos. Wirklich, Pink! Da musst du meine Hand nicht halten, denke ich. Aber es ist süß von dir… und nun geh wieder ins Bett, ich bin auch unterwegs.“ Ri-Il seufzte und balancierte seinen Kugelschreiber auf seinem Zeigefinger.
„Aber, Green-chan… Pink-chan interessiert es wirklich ganz, ganz brennend…“ Ri-Ils Stimme war nur ein leises, leises Flüstern; für den riesigen Dämon, der sich hinknien musste, um überhaupt in Ri-Ils Büro sein zu können, nicht zu hören.
„Ri-Il-sama, Ihr müsst mir glauben, ich bin untröstlich…“ Der Angesprochene wurde aus seinen seufzenden Gedanken unterbrochen und kehrte wieder in sein Gebiet zurück, ohne dass ihm jemand anmerkte, dass er sie kurzzeitig verlassen hatte. Er zuckte nicht einmal zusammen, als er die laute Stimme eines seiner Befehlshaber – jener, der für die Sicherheit der Grenzen verantwortlich war – hörte, die sich in Demut an ihn richtete. Palnatoke, so der Name des gigantischen, schwarzen Dämons, der in den Augen von Menschen wohl als Ungetüm durchgehen würde, war ein sehr pflichterfüllender, stets über alle Maßen höflich sprechender Dämon; eine Art zu sprechen, die er sich von Ri-Il abgeguckt hatte. Als Ri-Il ihn vor 91 Jahren in seine Horde aufgenommen hatte, war er kaum in der Lage gewesen, lange Sätze zu formulieren; nun tat er es mit Freuden, wie um jedes Mal zu beweisen, was er seitdem dazugelernt hatte. Seine Stimme klang allerdings durch sein enormes Maul immer etwas verzerrt; nun, er stammte von Dämonen ab, die künstlich in Massen hergestellt worden waren und die Stimmbänder dieserlei Dämonen waren eigentlich nur dazu da gewesen, um angsteinflößend zu kreischen.
„…und werde natürlich dafür sorgen, dass alle Dämonen unverzüglich – spätestens innerhalb der nächsten Flamme, spätestens – wieder an ihre Posten zurückkehren werden.“
„Davon gehe ich aus“, antwortete Ri-Il nonchalant grinsend zu seinem etwas unruhig wirkenden Heerführer aufsehend, hineinsehend in Augen, die wohl größer waren als sein Kopf.
„Und die, von denen ich eben sprach…“
„Ah, jene, von denen du meintest, dass sie womöglich gänzlich den Dienst quittiert hätten, weil die Furcht vor dem Licht sie womöglich, nun, wie sagtest du es, „ans andere Ende der Welt“ gebracht hatte – meinst du die, Palnatoke?“ Er nickte, weiterhin nervös wirkend.
„Die wirst du natürlich ebenfalls ausfindig machen und ihnen angemessen… kündigen; da vertraue ich ganz deinen Fertigkeiten.“ Ri-Ils Lächeln wurde noch eine Spur heiterer, fast schon strahlend, ehe er das Gespräch für beendet erklärte; aber natürlich noch betonte, dass er damit rechnete, dass Palnatoke die Sicherheit des Gebietes sicherlich in sehr absehbarer Zeit wiederherstellen würde – und er war doch sicherlich schneller als er annahm? Es würde sicherlich keine ganze Flamme dauern, nein?
„Natürlich, Ri-Il-sama, natürlich.“ Ri-Il lächelte weiterhin; wünschte ihm viel Spaß bei der Arbeit und schon war Palnatoke auch verschwunden – und zusammen mit ihm Ri-Ils Lächeln. Das Licht, das den Himmel der Dämonenwelt erhellt hatte… hatte wirklich die Angst entfachen lassen. Ri-Il lehnte sich kurz mit geschlossenen Augen zurück, huschte in die Gedanken jener Hordenmitglieder, die bei der Schlacht anwesend gewesen waren… und sah da auch kein anderes Thema. Das Licht – das Licht! Es hatte sich herumgesprochen, die Mädchen sprachen auch schon davon… und Ri-Il hörte nicht nur ihre Gedanken, die von nichts anderem belagert zu sein schienen; er hörte und spürte auch die Angst.
Angst… Angst war lähmend.
Aber nicht für ihn; ihn brachte es zum Handeln; zur Tat.
Und so wurde Pink noch einmal aus dem Bett geworfen.


„Wenn du nicht ins Bett gehst, küsse ich dich noch einmal.“
Mit diesen Worten hatte Silence effektiv dafür gesorgt, dass Green sich endlich zu Bett begeben hatte; sie hatte es wohl eigentlich nicht gewollt. Silence hatte den Widerwillen in ihren Gedanken gesehen… und auch ihr Zögern bemerkt, ihre starren Augen, als sie, gekleidet in ihrem Nachtkleid, am Eingang ihres Schlafzimmers stand und… im Bett natürlich Saiyon sah. Sie war stehengeblieben, die Hand auf dem Rahmen des Türbogens und hatte hineingestarrt. Gerade eben noch hatten Silence und Green gewitzelt; jetzt war das Lachen weg, jetzt hörte Green wieder… Garys Stimme in ihrem Kopf.

Er passt gut zu dir… meine Glückwünsche…

Silence‘ Kommentar, dass sie sie küssen würde, wenn sie sich nicht bewegte, ließ sie die Stimme kurzzeitig vergessen; sie lächelte wieder, grinste und tat ganz so, als ob nichts wäre – Silence durchschaute sie natürlich, aber anstatt sie auf ihre schlechten Schauspielkünste hinzuweisen sah sie zu, wie Green sich nun aufmachte, sich zu ihrem Verlobten hinzulegen, ehe sie selbst das Zimmer verließ – denn sie hatte eine Verabredung.


„Du hast mich 30 Minuten warten lassen, Silence.“
„Ja, da bin ich auch absolut untröstlich. Sind deine Haare etwa nass geworden? Wirst du nun krank?“ Youma wurde ein wenig rot und Silence wusste nicht, woher es kam; daher, dass sie sich gerade sichtbar gemacht hatte oder daher, dass er sich ertappt fühlte? Jedenfalls schien er darauf zu achten, dass der Regen tatsächlich nicht mit seinen Haaren in Verbindung kam; er stand in einem weißen Pavillon an eine Säule gelehnt. Bis Silence zu ihrem Zwilling getreten war, hatte er sich wohl im Schatten der Säule aufgehalten, damit ihn auch ja niemand sehen konnte – seine Aura hatte er ebenfalls gelöscht. Aber ja, obwohl Silence ihn dennoch schon vor gut einer halben Stunde gespürt hatte, hatte sie ihn schön warten lassen. Und absolut kein schlechtes Gewissen dabei.
Und sie hatte auch kein schlechtes Gewissen, als sie wählte, ein wenig länger im Regen stehenzubleiben, damit ihr lieber Bruder so richtig schön sehen konnte, wie der Regen sie durchsiebte – und auch keines, als er sich abwandte.
„Ganz schön gewagt von dir, einfach in den Tempel zu kommen, Bruderherz. Dämonen lässt man hier eigentlich nicht so gerne herumstreunern, weißt du?“
„Ich streune nicht. Ich bin hier, um mit dir zu sprechen – und dass das Sicherheitssystem der Hikari unzulänglich ist, ist nicht mein Problem.“ Es war nicht unzulänglich; es war nur nicht für die Aura von dämonischen Halbwächtern gemacht worden, weil es die eigentlich gar nicht gab – und Youma hatte eine andere Aura als andere Wesen; Silence natürlich eigentlich auch. Wenn sie nicht tot wäre.
„Vielleicht sollte man nicht von etwas reden, wovon man keine Ahnung hat, huh, Youma…“ Wieder wurde Youma rot; sie spielte wohl darauf an, dass sie bei jenem Treffen in Lerenien-Sei bemerkt hatte, dass sein technischen Know-How… begrenzt war.
„Ich… bin ein wenig besser geworden.“
„Oh, hast du jetzt ein Handy, mit dem du umgehen kannst?“ Youma schien sich gerade rechtfertigen zu wollen – oder sein Handy als Untermauerung vorzeigen zu wollen – als er sich daran erinnerte, dass sie nicht mehr 15 waren und dass es einen Grund gab, weshalb er hier war. Sein Gesicht wurde jedenfalls wieder ernst und verlor jegliche Röte.
„Du kannst dir sicherlich denken, weshalb ich hier bin.“ Youma löst sich von der Säule, blieb jedoch stehen, als… dürfte er sich Silence nicht nähern; als hätte sie es irgendwie angedeutet, was sie eigentlich nicht getan hatte – aber sie machte auch keine Anstalten, den Abstand zwischen ihnen nichtig zu machen.
„Du bist sicherlich wegen Green hier.“
„Wegen ihrer Aura, ja.“ Silence verlor ebenfalls alle Lust herumzualbern und antwortete ernst:
„Sie hat mich an etwas erinnert.“ Youmas Gesicht verdunkelte sich und seine Augen glitten hinaus über den Garten, der sich unter ihnen erstreckte – aber sah er den Garten wirklich?
„Oder eher… an jemanden.“
„Es war Hikarus Aura.“ Youma sah sie wieder an, doch Silence bemerkte es gar nicht, denn ihr fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen und sie schüttelte über sich selbst den Kopf: Hikaru, natürlich… niemand anderes konnte eine solche Lichtaura haben… so eine reine, zerstörerische Lichtaura – deswegen hatte Silence auch das Gefühl gehabt, dass sie den Blick Greens schon einmal gesehen hatte; weil es schon einmal passiert war! Als Youma die Wächter niedergeschlachtet hatte… und Hikaru ihn angriff, ihn mit ihrem Licht massakrieren wollte, da… hatte sie genauso ausgesehen wie Green heute. Genauso hassend, genauso töten wollend.
„Aber damals hat es keine Magieflüsse am Himmel gegeben.“ Silence‘ Stimme klang tonlos; sie bemerkte es selbst und ärgerte sich auch darüber. Hatte sie etwa… Angst?
„Doch, die gab es. Du kannst es nicht wissen, denn da warst du bereits…“ Youmas Stimme schien ihm zu versagen, aber er konnte sie noch festigen:
„… tot. Aber als ich gegen Hikaru kämpfte, hatten sich dieselben Magieflüsse am Himmel gebildet.“
„Du hast gegen Hikaru gekämpft?“ Youmas Gesicht verdunkelte sich weiter; er sah sie nicht an.
„Ja, ehe ich in den Zeitbann eingeschlossen wurde. Ich habe versucht, sie zu töten…“ Ein Schmerz zuckte über Youmas Gesicht, aber er ließ es sich nicht anmerken und auch Silence runzelte nur kurz die Stirn:
„… aber es gelang mir nicht. Sie war sehr mächtig und außerordentlich talentiert.“ Youma fuhr fort, ohne überhaupt eine Pause zu machen; er holte kaum Luft:
„Hast du eine Erklärung dafür, dass das passieren konnte? Warum die Aura deines Mediums sich plötzlich nach der von Hikaru anfühlt?“ Ha, da wollte ein gewisser Jemand wohl nicht zu sehr in Erinnerungen schwelgen… aber Silence sprang darauf an; zu sehr interessierte und beunruhigte sie der Zusammenhang mit Hikaru.
„Nein, das habe ich leider nicht.“
„Besteht zwischen ihnen keine Verbindung?“
„Nicht mehr als bei anderen Hikari. Green hat ihr Element – das… ist es aber auch schon.“ Warum war sie da kurz ins Stocken geraten? Youma hatte es auch bemerkt; er sah sie besorgt an, aber obwohl Silence sich darüber ärgerte, dass er es bemerkt hatte, so war sie kurz abgelenkt – abgelenkt von einer alten Erinnerung.

„Hikaru ist der Ursprung alles Bösen! Die Frau hat sie nicht mehr alle!“

Green hatte damals so… inbrünstig gewirkt, als sie diese Worte leidenschaftlich und voller Wut geschrien hatte in einem Moment, in dem Silence von dem Gesehenen geschwächt und Green… zum ersten Mal stärker gewesen war als sie. Es war das erste und einzige Mal gewesen, dass Silence Green…
„Green und Hikaru könnten nicht unterschiedlicher sein.“ … bewundert hatte.
„Green hat… nichts mit Hikaru gemein.“ Ah, dachte Silence und musste sich wenigstens in Gedanken zurechtweisen: hatte sie da so sehr recht? Die Green in ihrer Erinnerung; die Green, die voller Wut geschrien hatte, dass Hikaru mit ihren rassistischen Gedanken im Unrecht war… sie hatte wirklich nichts mit Hikaru gemein: sie, die Dämonologie hatte unterrichten wollen, um Vorurteile aus dem Weg zu räumen, sie, die zwei Dämonenfreunde gehabt hatte, die sich auch nicht um Silence‘ Dämonenblut geschert und die in Lerenien-Sei… Mitleid mit den Dämonen gehabt hatte. Aber konnte man das heute noch so sagen…?
„Was ist damals wirklich geschehen, Youma?“ Gerade eben noch hatte Youma sie einfühlsam, besorgt angesehen und war auch schon einen Schritt auf Silence zugegangen, als hätte er das Gefühl, dass sie Trost bräuchte – aber jetzt zuckte er zusammen, jetzt wo Silence‘ Stimme wieder fest und hart war und ihre schwarzen Augen ihn durchbohrten.
„Des Rätsels Lösung muss in Aeterniem versteckt liegen; zu der Zeit als Hikaru starb. Also bist du die einzige Wissensquelle, weshalb ich finde, dass du jetzt lange genug geschwiegen hast!“
„Silence! Dann würden wir hier nicht herumrätseln! Es ist nichts geschehen, was uns irgendwie weiterhelfen würde! Ich habe gegen sie gekämpft, ich wurde niedergeschlagen und in den Zeitbann gesperrt. Nach deinem Tod war ich nicht mehr lange in Aeterniem – ansonsten hätte ich dich doch wiederbelebt! Erinnerst du dich – das war das erste, was ich tat, nachdem ich in dieser Zeit aufgewacht bin! Ich wollte dich zurück ins Leben holen, genau so wie es geplant gewesen war…“
„Und stattdessen hast du einen Irren wiederbelebt.“
„Jetzt bist du biestig. Ich habe versucht, dich zu überreden. Du hattest mehrere Male die Chance, dich umzustimmen…“
„Du hast mich umgebracht, Youma! Du hast mich getötet! Warum bekomme ich nur immer wieder das Gefühl, dass du es vergessen hast?! Du hast mich umarmt und mir deine Hand durch den Oberkörper gerammt und trägst MEIN Glöckchen wie ein Souvenir um den Hals!“ Genau dort lag nun auch Youmas verkrampfte Hand, die bei jedem Wort schier zusammengezuckt war – jetzt löste sie sich aber von dem Glöckchen, während Youma Silence entgeistert ansah; tatsächlich ganz so als hätte er vergessen, was er getan hatte, vergessen, wessen Glöckchen er um den Hals trug.
„Ich… ich wollte das nicht, Silence… wenn ich nicht dazu gezwungen gewesen wäre, dann hätte ich dich doch niemals…“
Gezwungen!? Ausgerechnet du sprichst von „gezwungen“?! Light war auch gezwungen worden etwas zu tun, was er nicht wollte, Youma!“ Die Gesichtsausdrücke ihres Zwillings verharrten mit einem Schlag – sein Atmen schien zu stoppen. Die schwarzen Augen des Yami wurden starr, sein Gesicht fahl und seine Stimme ohne jegliche Betonung:
„Vergleichst du mich gerade mit diesem Verräter.“
„Ja, das tue ich, weil du ebenfalls einer bist! Äonen von Jahren habe ich in diesem Geistzustand existiert, Youma: Äonen von Jahren, immer wieder mit demselben Gedanken: Warum! Warum hat mein Bruder mich umgebracht, wo ich ihn doch liebte, als Zwilling, als Mann, als ein Teil von mir selbst – und von dem ich glaubte, dass er mich auch liebte!“
„Ich habe nie aufgehört, dich zu--“
„Ich habe immer gedacht, dass es einen Grund geben müsste – ich habe den Grund gesucht und gesucht, bis ich zu dem Schluss gekommen bin, dass der Grund egal ist! Denn egal was der Grund ist – du hast mich verraten, weil du nicht mit mir gesprochen hast; weil du mich lieber umgebracht hast! Du bist keinen Deut besser als Light, dem du alle Schuld in die Schuhe schieben willst, nur damit du selbst keine zu tragen hast!“
„Ich habe uns wenigstens nur einmal getötet und wollte uns nur einmal wiederbeleben!“ Youmas Stimme war ein so lauter Schrei, dass er die Regentropfen hätte beiseitefegen können. Aber niemand kam; ganz so, als wären sie die einzigen Wächter auf dieser erleuchteten, schwebenden Insel – als wäre es niemand anderem erlaubt, an diesen Worten, an diesen Gefühlen teilzuhaben.
„Was meinst du damit?“ Silence Stimme war wieder ruhiger geworden; Youma dagegen atmete schnell und unkontrolliert. Er wirkte plötzlich auch ganz anders; gar nicht mehr wie ihr stets so ernster und reservierter Bruder… er wirkte aufgewühlt, zerstreut.
„…ich meinte das… im übertragenen Sinne. Weil ich bei deinem Tod ebenfalls starb…“
„Nein, das meintest du nicht. Du hast das „einmal“ betont. Warum hast du das…“
„Frag nicht, Silenci… frag nicht, bitte.“ Es schien ganz so, als würde Silence ihm den Gefallen tun, denn sie sagte nichts – sie sah ihm, der sich wieder aufgerichtet hatte, wohl an, dass…
Bitte… ha, du glaubst wirklich, dass du ein „bitte“ an mich richten könntest, als würde mich das alles nichts angehen…“ Youma sah auf – und erstarrte, denn… er hatte gar nicht mitbekommen, dass Silence plötzlich auf ihn zugekommen war und seine Augen weiteten sich nun auch überrascht, als er sah, dass sie genau vor ihm stand – und auch ein wenig peinlich berührt, als sie ihre Hand auf seine Brust legte, sich vorbeugte, ganz so wie sie es früher getan hatte, wenn sie ihn…
„… aber du kennst mich doch, Youma.“… hatte küssen wollen.
„Ich bekomme immer, was ich will…“ Ihre zu einem Lächeln geformten Lippen, die seinen nun sehr nahe waren, schienen genauso kalt zu sein wie die Hand, die Youma auf seiner Brust spüren konnte; Kälte, die ihm das schlechte Gewissen wie einen Pfahl durchs Herz jagte und die in ihm den Wunsch hochbrachte, rückwärts zurückzuweichen. Früher war Silence auch so gewesen: zuerst kalt und hart, um ihn zu ärgern… dann aber hatte sie gelacht und sie hatten zusammen gelacht, vor und nach dem Kuss, sich ins Gras fallen lassend, weiter geneckt, weiter gelacht, die Sonne auf der Haut, sich wieder küssend…
Aber dieses Mal lachte niemand. Dieses Mal blieb alles kalt.
„… und mittlerweile stehen mir sehr viele Mittel und Wege zur Verfügung. Wusstest du, dass ich 24 Foltermethoden geschaffen habe nur für dich, mein werter Zwilling?“ Ihr düsteres Lächeln verschwand, als Youma zurücktaumelte, hinaus in den Regen – aber sie lächelte schnell wieder.
„Man könnte es mein Hochzeitsgeschenk an dich nennen. Ein wenig verspätet, aber ich denke, das kann man verzeihen.“ Sie kicherte ein wenig in sich hinein, als sie sah, wie der nasser werdende Youma gleichzeitig erbleichte – und wie es ihm schlichtweg die Sprache verschlagen hatte.
„Aber jetzt darfst du erst einmal von dannen ziehen. Ich erwarte natürlich, dass du mich auf dem Laufenden hältst, wenn dir noch etwas zu Hikaru einfällt – vielleicht werde ich es auch tun.“ Mit diesen Worten wandte sie sich herum und wollte auch schon gehen – als sie, wie erwartet – aufgehalten wurde:
„Du bist kalt geworden, Silence.“
„Nein, Youma, ich bin nicht kalt. Ich bin tot.“