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Episode 75
  Episode 75: Lights Lächeln
„Mach das Licht aus.“ Silence‘ Stimme klang ein wenig angespannt. Eine Gefühlsregung, die sie bemerkte und die sie störte, die sie ein wenig zum Knurren brachte, ehe ihre Zähne hinter ihren Lippen verschwanden, als die Bibliothek sich wieder in die Dunkelheit hinabsenkte. Das sollte sie freuen, das sollte die Yami wahrscheinlich auch erleichtern, aber dafür war sie zu zielgerichtet. Dafür hatte sie keine Zeit und auch nicht die Geduld. Die herrische, zeigende Bewegung ihres Fingers zeugte von derselben Ungeduld, die ihr jedoch nur noch mehr Wut einflößte. Warum hatte sie das Gefühl, dass sie sich in einem gefährlichen Spiel gegen die Zeit befand? Warum sagte ihr Gefühl ihr, dass sie sich beeilen musste, dass jede Sekunde wichtig war… sie wusste nicht genau, wo das Gefühl herrührte, aber sie wusste, dass sie auf ihr Gefühl vertrauen konnte. Sie hatte es immer getan; sie würde es auch jetzt tun, weshalb die langsamen Schritte des armen, fremdgesteuerten Tempelwächters sie auch sehr irritierten.
Geht das auch ein wenig schneller…“ Es handelte hier immerhin um Hikaru.
Hikaru. Silence spürte ein bitteres Gefühl in sich aufkommen, wenn sie diesen Namen in ihren Gedanken hörte. Hikaru. Sie hatte sie nie gemocht. Nein, da war mehr als Antisympathie. Als Kind hatte sie sich vor ihr gegruselt und als Erwachsene, immerhin einige Köpfe größer als die kleine Puppe mit den weißen Augen, gewusst ihr aus dem Weg zu gehen. Silence hatte schon so viele Jahre existiert und viele dieser Äonen waren verblasst, wie ausgewischt, trübe und verschwommen – aber Aeterniem war es nicht. Aeterniem war immer ein Bild von klaren Farben, strahlenden Farben, Sehnsucht weckenden Farben. Eine Sehnsucht, die sie wahrnahm, der sie aber nie verfiel.
Aeterniem war nicht mehr.
Und Hikaru sollte es eigentlich auch nicht mehr sein. Die starren, verurteilenden Augen, die Silence ebenfalls immer noch genauso klar wie die einzigartige Natur Aeterniems vor sich sah, sollte es nicht mehr geben. Silence ärgerte sich darüber, dass alleine dieser Blick ihr solch ein abwehrendes, ja… verängstigtes Gefühl einjagte – es waren doch nur zwei leere, weiße Augen, manchmal trübe wirkend, manchmal fast schlafend… um dann wieder zu erwachen und andere – Youma und sie – nur mit diesen Augen auf eine widerlich passive, ignorierende Art beobachtend, im Auge behaltend, abwartend… immer nur abwartend. Silence hatte nie ein Wort von ihr gehört, nicht in ihren Gedanken und auch nicht auf Papier; dennoch war es Hikaru gelungen, mit scheinbar „nichts“ Silence zu verunsichern – sie nervös zu machen. Und es gelang ihr immer noch. Silence, ganz alleine in der Bibliothek, denn sie zählte ihre Marionette nicht dazu, hatte sogar jetzt das Gefühl, als wären ihre Augen da. So wie sie immer da gewesen waren. Wenn sie als Kinder spielend an ihr vorbeigerannt waren, dann waren ihre Augen zu ihnen gehuscht, hatten sie verfolgt, ihren Spaß für einen Moment gedämpft – ab und zu hatten sie sogar Albträume von ihr gehabt – und wenn Hikaru an einer offenen Zimmertür vorbeiging, in deren Zimmer Light und die Zwillinge gewesen waren, dann war sie stehen geblieben. Länger als nötig.
Nein, ganz egal wie sehr Silence sich über sich selbst ärgerte – sie glaubte nicht, dass sie grundlos so angespannt war. Youma hatte die Vermutung bestätigt, die Silence nicht hatte bestätigt haben wollen – Green hatte Hikarus Aura gehabt.
Such nach allen Büchern, in denen der Name „Hikaru“ vorkommt“, befahl Silence, sobald die Suchmaschine der Bibliothek einsatzbereit war und die Tastatur unter den Fingern des Tempelwächters aufleuchtete. Eigentlich tat es nicht Not, dass Silence die Befehle laut aussprach: sie könnte den Tempelwächter, der sofort begann zu tippen, auch so kontrollieren. Aber es lag doch eine gewisse Befriedigung darin, Befehle zu erteilen… eine Befriedigung, die Silence ablenkte.
Als wären die Bücher plötzlich zum Leben erwacht und als müssten sie nun antworten, ertönte ein leises, Silence wohlbekanntes – denn sie war oft hier gewesen – Klicken um sie herum in einem kleinen Echogesang, denn es waren ein paar mehr Bücher, die halb nach vorne kippten und dort hängen blieben, aufleuchtend in der Farbe der jeweiligen Kategorie. Ah, das erfreute Silence – da war ja wenigstens Material, mit dem sie… Moment.
Silences Augen verengten sich. Die vielen Bücher, die nur darauf warteten, vom Leser entgegengenommen zu werden und solange halb in der Luft hängen blieben, wie der Leser sich noch nicht entschieden hatte, welches Buch er nehmen sollte, gehörten alle zur selben Kategorie – und an dieser Kategorie hatte Silence eigentlich kein Interesse.
Kunstgeschichte.
Silence verdrehte die Augen. Das waren sicherlich zwanzig Bücher, die da aus den Regalen herausragten – warum hatte man Lust über Gemälde von Hikaru ganze Werke zu verfassen? Nein, warum malte man die Frau, nein, das Gör, überhaupt… in dem Punkt war wenigstens ein anderes Gör – Inceres – besser. Von ihm gab es wenigstens keine Gemälde.
Ein Fluchen entwich Silences Lippen, während der Tempelwächter einfach nur dastand ohne zu blinzeln und auf Befehle wartete, die nicht kamen, denn Silence drehte sich herum – vergebens allerdings, denn sie wurde enttäuscht. Dort, wo sie eigentlich Bücher erhofft hatte – in der Abteilung für Geschichte – leuchtete nur ein einziges Buch auf… und sie wusste, welches es war.
Auch wenn sie das Buch im Prinzip selbst geschrieben hatte ließ sie es zu sich schweben, ebenso wie die Bücher der Kunstgeschichte. Die Suchmaschine wurde ausgeschaltet, der Tempelwächter weggeschickt mit dem Befehl, hinter sich abzuschließen und dann wurde gemütlich oben auf den Bücherregalen Platz genommen, wo der Geist die Bücher verteilte, die durchscheinenden Beine über das Regal schwang und die Seiten mittels Magie umblätterte.
Taos Buch war das erste Buch, das aufgeschlagen wurde, aber sie las es nicht. Ihre schwarzen Augen hatten kurz auf der Inschrift, der Widmung des Buches gelegen, dann hatte sie sich abgewandt, den Blick Richtung Boden geheftet, während ihre Magie die Seiten ungelesen hin und her blätterte. Was tat sie hier eigentlich? Das Buch zu lesen war sinnlos; fügte ihr nur Schmerzen zu, die sie jetzt nicht spüren wollte, für die sie jetzt keine Zeit hatte. Sie kannte den Inhalt. Er verriet ihr nichts Neues – sie hatte das Buch mitgeschrieben. Das, was darinstand, war ihr Wissen… danach hatte kein Historiker das Thema wieder aufgegriffen… andere Bereiche des Buches schon, denn die Regale unter ihr waren gefüllt mit Büchern. Aber nicht mit Hikaru. Von den drei Urgöttern war dies das einzige Buch, in dem sie Erwähnung fanden. Silences Augen verengten sich weiter, während sie dem Rauschen der Seiten zuhörte. Eigenartig.
„Ich muss vorsichtig mit dem Thema umgehen“, hatte Tao gesagt:
„Es ist ein heiliges Thema.“
Für mich sind sie nicht heilig“, hatte Silence geantwortet… und sie vertrat diese Meinung immer noch. Light hatte Engelsflügel gehabt und wenn sie nach rechts zu dem Haufen von Kunstbüchern blickte und auf einigen Ebenbilder Lights erblickte, dann sah sie dort auch Bilder eines Heiligen. Aber er war nicht heilig gewesen. Und Hikaru war es genauso wenig.
Seite 136 wurde aufgeschlagen. Die Seite, von deren Inhalt Silence alles wusste, frei zitieren konnte – und das tat sie auch. Leise für sich selbst flüsternd:
„Die Göttin Hikaru gab ihren Wächtern Ordnung und Eintracht, ehe sie wieder mit ihrem Bruder und ihrer Mutter vereint wurde…“


Ich mag es nicht, wenn man Light ihren „Bruder“ nennt.“ Silence saß auf dem Schreibtisch Taos, gleich neben ihm, der ihr die Worte, die er eben geschrieben hatte, laut vorgelesen hatte. Die Feder war noch nicht abgesetzt; sie arbeitete weiter, während er Silences Worte, dass sie sich auch überhaupt nicht ähnlichgesehen hatten, unterbrach:
„Ich muss mich an den geltenden Konsensus ein wenig halten. Das Buch ist schon riskant genug.“
Ist es nicht die Aufgabe eines Historikers Dinge richtig zu stellen im Namen der Aufklärung? Und das ist definitiv etwas, worüber die Wächter – und ganz besonders die Hikari – mal aufgeklärt werden sollten. Die beiden haben sich nie mit „Bruder“ oder „Schwester“ angesprochen.“ Taos Feder schrieb weiter, einen Satz ausstreichend, den er nicht für gut befand, was ihn nicht daran hinderte, Silence zu antworten:
„Das weißt du gar nicht.“ Silence‘ Gesicht zeigte sich verärgert, aber Tao sah auf sein Manuskript, weshalb er die Gefahr nicht witterte.
„Sie haben doch mittels Gedankenübertragung miteinander gesprochen.“ Der Sturm auf Silences Gesicht flaute ein wenig ab und sie wandte den Rücken zum fleißigen Historiker.
Ich kann es mir nicht vorstellen.
„Ich auch nicht.“ Silences dunkler Blick wanderte wieder zu ihm und nun wurde der Blick auch erwidert, denn die Feder hatte aufgehört zu schreiben, lag ruhig in der Hand Taos, der sie mit seinen azurblauen Augen aufmerksam ansah. Die Frage, was hinter dieser Antwort lag, musste Silence nicht stellen – Tao hörte sie auch so. Hörte sie im Unausgesprochenen.
„Light, Hikaru und Hikari…“ Taos Blick löste sich von Silence, als er die Augen niederschlug, den Kopf drehte und zu den kleinen Götterfiguren über seinem Schreibtisch sah – oder sah er auf die Skizzen, die er gemacht hatte? Die angefangenen Gemälde der drei, die über seinem Schreibtisch, ein wenig lieblos, ein wenig wahllos und unordentlich an der Wand hingen wie ein großes Skizzenbuch?
„…werden immer als „heilige Familie“ angesehen, portraitiert und verstanden. Eigenartig, oder? Wo dieses unfertige Buch hier… doch das erste Geschichtsbuch sein wird, in dem ihre Namen in einem geschichtlichen Kontext auftauchen werden.“
Wächter sind eben dämlich. Dämlich und leichtgläubig.
„Weil es so in unseren heiligen Regeln steht.“ Silence wollte gerade spöttisch antworten, ob darinstand, dass Wächter dämlich und leichtgläubig sein müssten, aber sie ließ Tao fortfahren, den sie selten so ernst gesehen hatte.
„Regel 9A besagt „Die heilige Familie aus Hikaru, Light und Hikari ist unantastbar“.“ Tao nahm einen Schluck von seinem Tee und fuhr fort:
„Ein Großteil der Regeln ist ein wenig diffus und wirr geschrieben; sie lassen viel Raum für Interpretation, aber hier war man ziemlich explizit.“
Du meinst, Hikaru war ziemlich explizit.“ Tao deutete ein Nicken an und seine Stimme wurde leise.
„Es schien ihr wichtig zu sein, dass kein Zweifel daran besteht, wer die „heilige Familie“ ist… und es ist eine Regel des obersten Regelsets. Schwere Bestrafungen stehen auf Missachtung dieser Regeln. Deswegen…“ Tao lachte und seine Stimme lockerte auch ein wenig auf, wurde wieder ein wenig lauter:
„Werde ich sie nicht brechen, ich will doch meinen Kopf behalten!“
Man wird dir deinen entzückenden Zopf schon nicht nehmen“, antwortete Silence spöttisch und lächelte schelmisch, passend zu Taos etwas schalkhaftem Lächeln – aber ein wenig unpassend zu seinen errötenden Wangen:
„Nein, aber Götterlästerung ist ein schweres und seltenes Vergehen – ich denke, die Hikari werden sich was einfallen lassen.“
Du hast doch deine Verlobte, die für dich weinen kann.
„Ja.“ Das Lächeln war weg.
„Die habe ich wohl.“ Silence lächelte immer noch, sich absolut nichts anmerken lassend, während sie darauf wartete, dass Tao sich wieder seiner Arbeit zuwenden würde, doch das tat er nicht. Er blieb zurückgelehnt sitzen, seine Feder hin und her wippend, immer noch auf die Bilder sehend, bis er Silence endlich aufklärte.
„Das war eigentlich nicht das, worauf ich hinauswollte.“
Worauf dann?“ Tao schwieg eine kurze Weile, dann antwortete er:
„Das Wort „Familie“ hat doch positive Konnotationen.“ Jetzt war es an Silence ihr Lächeln zu verlieren, denn das erste, woran sie dachte, wenn sie das Wort hörte, war nicht sonderlich positiv.
„Ein Band, das nicht zerreißt, ein Band, geformt von Blut und Verständnis, Sympathie. Jedenfalls im idealen Fall. Aber Hikaru, Hikari und Light waren nicht durch Blut, sondern durch Magie miteinander verbunden, ein Band stärker als jedes andere. Und doch…“ Tao streckte die Hand aus, streckte sie über seinen Schreibtisch und berührte ein altes, verschlissen aussehendes Buch zusammengebunden mit Leinen, welches ein wenig lila leuchtete, als wäre lila Puder auf es gestreut. Lights Tagebuch.
Als Taos Finger sich über dem Buch befanden, bündelte sich das Puder und bildete ein Netz wie eine Blase um das Buch herum, das, gefangen und aufbewahrt in dieser Blase, zu Tao schwebte, der mit den sachten und vorsichtigen Fingern eines aufmerksamen Historikers in dem dünnen Buch zu blättern begann. Silence beobachtete ihn dabei, sah jedoch mehr auf das Tagebuch, auf Lights Schrift, die sie trotz des violetten Scheins wiedererkannte. Sie selbst hatte das Tagebuch nicht gelesen. Es war immerhin das Tagebuch ihres Vaters.
„Hikarus Name, egal in welcher Schreibweise, taucht kein einziges Mal auf diesen Seiten auf. Ich habe das Buch übersetzt, jeden Buchstaben, jedes Wort dreimal gelesen und herumgedreht, nach versteckten Botschaften gesucht – denn ich bin mir sicher, dass sie da sind – aber nichts gefunden. Das Tagebuch ist an sich unspektakulär, wenn es nicht vom Lichtgott Light geschrieben worden wäre. Er schreibt über Alltäglichkeiten, in unregelmäßigen Abständen. 111 Einträge, die er meistens…“ Tao schwieg kurz, Silence sah weg, als kenne sie die nächsten Worte.
„… euch widmete. Er schrieb über euer Leben, euren Alltag, was ihr gespielt habt, wie ihr zusammen gekocht habt, Blumen geflochten, was er euch vorgelesen hat. Wie du und Youma…“
Tao.“ Tao lächelte sie entschuldigend an, antwortete auf eine Art, die nicht zum Tonfall Silences passen wollte.
„Manchmal schreibt er auch ein wenig darüber, was er alleine getan hat und das sind die Passagen, die mich wundern, weil Hikaru komplett abwesend ist. Du hast mir erzählt, Silence, dass Hikaru und Light immer zusammen waren; dass sie an seiner Hand ging, dass er sie auf seinen Schultern getragen hat. Aber nirgends steht das. Er schrieb nie „Hikaru wartete schon auf mich“ oder „Hikaru saß auf meinen Schultern“ oder „Hikaru ging an meiner Hand“ oder „zusammen mit Hikaru gingen wir“… Hikaru ist einfach nicht vorhanden. Er hat sie ganz strikt nicht erwähnt.“ Tao lehnte sich vor, sah, nein, starrte auf die Seiten und die Worte auf den Seiten, als würden sie ihm etwas erzählen können, als würden sie ihm die Antwort irgendwie so geben können – die Lösung des Rätsels.
„Ich werde dafür sorgen, dass dieses Buch öffentlich zugänglich ist.“
Wie bitte---
„Ich will, dass andere es ebenfalls lesen: alle Wächter sollen es lesen, die Hikari sollen es lesen. Sie sollen darüber stutzen, genau wie ich es tue: Neugierde soll geweckt werden, Skepsis erregt werden. Ich kann das Rätsel des Tagebuchs nicht lüften. Aber vielleicht kann es irgendwann jemand, der nach mir kommt.“ Tao lehnte sich zurück mit einem Blick, den Silence als „wegdriften“ beschreiben würde, fast so, als würde er einschlafen – was sie nicht verwundern würde – aber als er fortfuhr, war seine Stimme überraschend klar:
„Ich gebe nur den Anstoß für die Aufklärung. Das ist leider alles, was ich tun kann.“


Die Worte Taos im Ohr starrte Silence immer noch auf die Worte von Seite 136. Sie kehrte zu ihrer Mutter und ihrem Bruder zurück… sie kehrte zurück… zu Hikari und Light… zu ihrem Element. So war es überliefert. So geschah es mit allen Wächtern: sie kehrten zu ihrem Element zurück, wurden eins mit diesem… Eine ihrer Töchter wurde zweite Regime-Führerin… wie hieß die noch mal… Seiten wurden von Silences Magie hin und her geblättert - ach ja, Eimea. Aber die Geschichten von Eimea, ihrem großen Götterglauben und den ersten Schlachten in der Dämonenwelt konnten Silence nicht egaler sein - Hikaru war alles, was wichtig war.
Geleitet von dem Licht ihrer Mutter und Light blablablabla tötete Hikaru die sieben Teufel, sie tötete den Dämonenherrscher. Hier hatte Tao sich nicht auf Silence gestützt, sondern auf die Überlieferungen, die geschichtlichen Überreste aus Aeterniem - hauptsächlich Steintafeln - aber Silence konnte das nicht bestätigen. Leider aber auch nicht entkräften. Sie war da noch nicht „aufgewacht“… Eimea hatte sie auch nicht gesehen. Sie hatte selbst ausgerechnet, dass sie um die 135 bis 150 Jahre später „aufgewacht“ war und zu diesem Zeitpunkt schienen Hikarus Siege immer noch gerade gestern geschehen zu sein, so sehr wurde davon gesprochen wie von wahr gewordenen Legenden, Wunder - Trost in der „Zeit der Vertreibung“, als die Wächter begannen, nicht nur über Inseln nachzudenken, sondern den Gedanken auch in die Tat umzusetzen.
Silence hatte den Erzählungen keinen Glauben, aber auch nie viel Beachtung geschenkt - und Fakt war, dass die Teufel samt ihrem Herrscher nicht mehr da waren. Die Schilderung der Dämonen zu hören wäre sicherlich interessant… Damals hätte Silence sicherlich noch etwas herausgefunden, aber heute? Vergeudete Liebesmüh. Und eigentlich interessierte es Silence auch nicht, was mit den Teufeln und ihrem schwulen Herrscher wirklich geschehen war - sondern nur wie Hikaru starb.
Zum Element zurückgekehrt… das war nicht gerade ein Gedanke, den sie willkommen hieß. Hikaru sollte in keiner Form existieren. Aber wenn sie noch irgendwie am Leben war, nie gestorben war, dann hätte sie sich doch nicht schweigend verhalten… und das Jenseits existierte damals auch noch nicht. Warum jetzt? Warum tauchte Hikarus Aura jetzt auf? Wie konnte sie überhaupt auftauchen? Sollte sie doch ein Teil des Elements sein, sollte sie doch ein Großteil des Elements sein, sollte sie auch das Element des Lichts komplett ausmachen - ihre Aura sollte dennoch nicht Greens ersetzen! Noch nie zuvor war das geschehen, noch nie - und Silence hatte lange genug existiert, genug Kämpfe gesehen, um das beurteilen zu können. Auren waren einzigartig! Sie veränderten sich nicht, sie übertrugen sich nicht. Nicht einmal wenn Silence Greens Körper übernahm erhielt Green die Aura von Silence; sie behielt ihre eigene.
Aber es war nicht nur Hikarus Aura gewesen, dachte Silence mit immer dunkler werdendem Gesicht, wenn sie an die leuchtenden Spuren, Rissen gleich, im roten Himmel zurückdachte - es war ihre Magie gewesen. Ihre Magie, eingesetzt von Green.
Silences Lippen formten ein Seufzen.
Das machte doch alles keinen Sinn.
Ein wenig verärgert, immer noch tief grübelnd, ließ sie das Buch Taos neben sich schweben und ließ ihren finsteren Blick über die anderen Bücher schweifen, die ihr wohl noch weniger behilflich sein würden - bis sie plötzlich über das Titelbild eines Kunstbuches, das sich besonders mit der Portraitieren Lights beschäftigte, stutzte. Das Bild war das letzte Bild Taos gewesen und das einzige, das er nach dem Schreiben seines Buches kreiert hatte - es war nicht beendet worden, aber auch das unfertige Bild war auf Sanctu Ele’Saces aufgehängt worden. Das Bild, wovon Silence hier nur einen Ausschnitt sah, zeigte Light mit seinen Flügeln, mit verhangenen Augen abwendend dem Blick des Betrachters ausweichend. Er schien aus dem Bildrahmen hinauszusehen, irgendwohin, wo der Betrachter ihm nicht folgen konnte. Tao hatte dem Bild dunkle Farben verliehen - was nicht viele Künstler taten; Light wurde eigentlich immer als Engel der Glückseligkeit und des Lebens verkauft, was Schwachsinn war, denn Light hatte weiß Gott auch Tage gehabt, wo er nicht gelächelt hatte - Schwachsinn zu glauben, ein Hikari musste immer lächeln… aber natürlich musste es der Light der Überlieferung, er war ja auch einer der drei perfekten Hikari. Aber auf diesem unfertigen Bild ließ Tao ihn nicht lächeln, weshalb Silence das Bild…
Augenblick.
Silence ließ das Buch näher an sich heran schweben. Er lächelte auf dem Cover. Er lächelte, obwohl das Bild den Namen „Kriegsvorbote“ hatte. Tao hatte ihm kein Lächeln gegeben: dennoch zeigte auch das Bild im Buch Lights Engelgesicht mit einem Lächeln, das auch so gar nicht zu ihm passen wollte.
Silence überlegte nicht lange: noch mit dem Buch über der Hand schwebend wechselte sie die Insel, teleportierte sich nach Sanctu Ele’Saces, durchquerte einige Gänge der Hauptzentrale - denn so gut kannte sie diese Insel nun auch nicht, um sich direkt richtig teleportieren zu können - und stand dann auch schon vor dem Originalbild.
Light lächelte.
Genau wie auf allen anderen Gemälden und Statuen lächelte er.


D I E   H E I L I G E   F A M I L I E   I S T   U N A N T A S T B A R.



Die Finger Saiyons zuckten auf dem weißen Bettlaken. Der Windwächter war im Begriff zu erwachen. Es war seine erste Nacht in diesem Bett, die ersten Stunden des Schlafes, die er hier erhalten hatte auf dem warmen, reich verzierten Bettbezug, unter dem prächtigen Baldachin, neben dem großen Spiegel, der dem Windwächter zeigte, dass er alleine war. Noch ein wenig schlaftrunken blinzelte er sein verdattertes, aber auch schläfrig aussehendes Spiegelbild an, bis er sich plötzlich mit einem Ruck aufrichtete, wobei die Decke von seiner unbekleideten, brauen Schulter herunterrutschte, während er sich für einen kurzen Moment verwirrt umsah. Doch dann lichtete sich die Verwirrung in dem Moment, als ihm klar wurde, dass er Green vergebens suchte – sie war nie im Bett gewesen.
Ein kleiner Schatten fiel ihm übers Gesicht und verdunkelte es kurzzeitig, doch ein leichtes Schütteln mit dem Kopf verjagte den Schatten und die Verdunklung, ehe er sich aufrichtete und sich aus dem Bett schwang. Keine Zeit für ungemütliche Gedanken, herrschte er sich selbst an, während er nach seiner Uniform griff – die sechs Stunden Schlaf, die ihm nach einer Schlacht zustanden, hatte er hinter sich gelassen; Energie genug getankt, um diesen Tag anzupacken – und es gab weiß Gott viel zum Anpacken. Seine erste Versammlung mit den Elementarwächtern gleich nach dem Frühstück, wo er ihnen offiziell als Getreuer der Hikari vorgestellt werden würde – er bekam schon Herzklopfen nur beim Gedanken daran – und genauso wichtig seine Eingliederung als Elementarwächter des Windes – eine Ehre, der er nachgehen wollte. Nicht nur um seiner Familie keine Schande zu bereiten, sondern auch um in Greys Ebenbild scheinen zu können. Und für all diese Aufgaben des Tages benötigte er einen klaren Kopf!
Doch der fleißige Windwächter wurde abgelenkt, als er auf das Badezimmer zusteuerte. Er hatte sich gerade die Offiziersjacke übergezogen, als Saiyon stehen blieb: er hatte Green erblickt. Sie lag auf der Couch, immer noch schlafend, halb sitzend, den Kopf zurückgelehnt, die Knie an sich gedrückt.
Ein kurzer, in Saiyons Kopf aufflammender Gedanke sagte ihm, dass er Green wecken sollte, aber sein Körper gab dem Befehl nicht nach – einen Moment lang war er zu… sehr gelähmt von diesem eigenartigen Bild. Es war nicht nur Greens Sitzposition… es war… ihr Gesichtsausdruck… ihre Körpersprache. Niemand sah die Hikari so: niemand sah sie als Wächter wie sie selbst an, Wächter mit Schwächen, Wächter mit dem Bedürfnis zusammenzusacken und sich auszuruhen. Die Hikari standen doch über ihnen, waren einfach… anders. Und dann auch noch Green – Green, die er immer von weit weg angesehen hatte, beobachtend wie ein Gemälde, analysierend wie eines… Und jetzt sah er sie… so.
Er hatte sie auch geküsst.
Gestern.
Und vorgestern.
Zwei Mal.
Mit jedem weiteren Gedanken wurde Saiyons Kopf röter. Aber es war wahr. Das… hatte er getan. Das war wirklich geschehen. Der Ring an seinem Finger war keine Einbildung und dass er Green so sehen konnte, durfte… war auch, weil er ihr Getreuer war.
Saiyon spürte, wie ihn diese Tatsache fast zu überwältigen drohte. Er zwang sich dazu, sich über andere Dinge Gedanken zu machen – unter anderem über den Kampf, der Green ganz schön ausgezehrt haben musste, wenn sie es nicht einmal geschafft hatte, zu ihm ins Bett zu kommen… sie trug ja sogar noch ihre Uniform… Er sollte sie wirklich wecken; ihr vielleicht vorschlagen, dass sie den Termin mit den Elementarwächtern verschoben, damit sie sich noch ein wenig ausruhen konnte, das Wohl der Hikari – seiner Verlobten! Jawohl! – ging doch…
„…Gary… verzeih mir…“
Saiyons Finger kamen zum Stillstand. Er hatte ihren Arm gerade berühren wollen. Nun zog er sie aber weg – und gefolgt von Silences unsichtbaren Augen, die alles skeptisch mitangesehen hatte, verließ er deren Gemach, um zum Morgentraining zu gehen. Silences Augenbrauen hoben sich ein wenig; Green hatte auf Japanisch gesprochen – das hatte sie lange nicht mehr getan – und Saiyon hatte somit den Inhalt nicht verstehen können… aber scheinbar hatte er Blues alten Decknamen schon herausgehört.
Silence verdrehte die Augen. Das klang ja alles nach einem vielversprechenden Drama.
Kaum dass Saiyon aus dem Zimmer verschwunden war, öffnete sich die Tür auch schon wieder, gerade als Silence Green wecken wollte – nun, als Itzumi mit herrischen Schritten direkt auf Green zusteuerte, wich Silence allerdings zurück: sie wollte nicht, dass Itzumi durch sie hindurchging.
„Hikari-sama.“ Silence und Itzumi waren gleichermaßen überrascht, als Green sofort ihre Augen öffnete – Itzumi hatte wohl damit gerechnet, dass sie Green eigentlich noch etwas länger würde plagen müssen, bis sie aufwachte; ein Gedanke, von dem Silence ebenfalls ausgegangen war. Man könnte fast meinen, dass Green gar nicht geschlafen hätte, so hellwach schien sie auf einmal zu sein, als sie bei ihrem Titel genannt wurde. Kurz starrte Green mit geweiteten Augen auf Itzumi, die sie ebenfalls solange anstarrte, bis Green den Blick abwandte und Silence hinter Itzumi stehen sah – erst da blinzelte sie und sah wieder zu Itzumi zurück, die ihr mitteilte, dass sie sich verspäten würde, wenn sie sich nicht sofort ins Badezimmer begeben würden.
„Verspäten? Ist es schon so spät?“
„Ja, in 30 Minuten müsst Ihr…“ Silence unterbrach Itzumi an diesem Punkt, denn sie hatte Wichtigeres zu klären als Greens Tagesplan – und Silence wusste, dass Green sicherlich dankbar dafür war, wenn sie Itzumis Worte nicht mehr lauschen musste, weil Silence sich unbemerkt – jedenfalls für Itzumi unbemerkt – einmischte.
Das wird dich wahrscheinlich ziemlich überrumpeln – aber ich brauche dein Glöckchen.
„Bitte was?!“ Ah, das hätte Silence sich eigentlich denken können – natürlich entfloh Green diese Antwort, anstatt dass sie so klug gewesen wäre, sie Silence auf anderen Wegen mitzuteilen. Itzumi jedoch blinzelte nur kurz, dann fuhr sie fort, als hätte Green sie gar nicht unterbrochen – jedoch nur kurz, denn Green stoppte ihren Wortschwall:
„Schon gut, Itzumi, schon gut, ich werde mich beeilen!“
„Ihr seid aber immer noch in Eurer Uniform“, bemerkte Itzumi nüchtern und erhielt eine weniger nüchterne Antwort:
Ich weiß und ich werde mich auch alleine umziehen! Du kannst gehen.“
„Hikari-sa-“
Du kannst geheeen.“ Itzumis Augen sprachen eine deutliche Sprache und sie konnte es sich auch nicht verkneifen, ihrer Herrin noch einmal zu sagen, dass sie nur noch 20 Minuten hatte– aber sie ging und Silence dankte. Green allerdings nicht: ihre Stimme und auch ihr Körper waren eindeutig abwehrender Natur.
„Wozu brauchst du mein Glöckchen?“
Das kann ich dir nicht sagen.“ Greens Augenbrauen hoben sich skeptisch, absolut nicht angetan von der ganzen Sache und auch nicht davon, dass Silence sie nonchalant anlächelte.
„Ich soll dir mein Glöckchen – meine Seele – geben und du sagst mir nicht wofür?“
Du musst mir vertrauen, Green.“ Silence lächelte immer noch, aber ihr Lächeln wirkte ernst.
„Es handelt sich hier um meine Seele.“
Und du hast schon öfter bewiesen, dass deine Seele so einiges aushalten kann.“ Green, erst am Vorabend so mit Komplimenten überhäuft worden, errötete leicht bei Silences Worten, aber sie verblieb abwehrend.
„Es ist mein Glöckchen… ich kann es nicht einfach über meinen Kopf ziehen und es dir… das… geht…“
Green.“ Die Angesprochene zuckte zusammen beim Klang von Silences Stimme. Sie hatte nicht hart geklungen – aber gerade das hatte Green so zum Zusammenfahren gebracht, denn… sie war sanft wie nie gewesen. So sanft, dass Green sich kurz fragte, ob es wirklich Silence gewesen war, die sie angesprochen hatte.
Ich bin selbst ein Glöckchenträger“, fuhr Silence mit der sanften Stimme fort:
Beziehungsweise ich war einer.“ Sie zögerte.
Ich werde das Glöckchen nicht missbrauchen und mich beeilen. Innerhalb einer Stunde bekommst du es zurück, ich verspreche es dir. Du wirst nicht einmal erhöhte Temperatur bekommen.
„Aber die Besprechung… die erste Besprechung bei der… Grey… ich bin alleine, ich muss alleine reden und… Saiyon als neuen Elementarwächter und meinen…“
Ich weiß, Green.
„Ich hatte eigentlich gehofft, wenigstens du wärst da…?“ Silence ignorierte das „wenigstens“; Greens hilfesuchende Gestik und ihre plötzliche Schutzbedürftigkeit erweichten sie.
Du schaffst das, Green. Auch ohne mich. Der Großteil von ihnen sind deine Freunde und dass Saiyon dein Getreuer ist wissen sie sicherlich auch so schon. Es wird nicht viel anders sein als sonst.“ Green antwortete nicht, aber Silence hörte ihre Antwort in ihren Gedanken, in ihrem Herzen, sah sie in ihren abwendenden Augen.
Es war alles anders. Grey war nicht mehr da. Alles… alles war anders. Sogar die Luft im Tempel.
Alles.
Dein Glöckchen, Green.


Silence war sich bewusst, dass Green sicherlich Probleme damit haben würde, sich ohne ihr Glöckchen zu konzentrieren und dass Silence ihr die Besprechung nicht gerade einfacher gemacht hatte, aber das war ein Opfer, das gebracht werden musste. Sie würde Green ja gerne einweihen, mit ihr zusammen diese Geheimnisse lüften und hätte Green auch gerne die Ehre überlassen, mit ihrem eigenen Glöckchen die Glasvitrine zu öffnen, unter der Lights Tagebuch schwebend platziert war. Aber es ging nicht. Es musste so gehen.
Jede noch so kleine Gefahr, dass ein gewisses, kleines Puppenmädchen auch nur einen Ton hörte, musste umgangen werden - und wenn Hikaru es wirklich irgendwie geschafft hatte, durch Green…
Die großen, schmückenden Goldflügel der Glasvitrine leuchteten auf und lenkten Silence ab, als sie sich falteten wie echte Flügel und ein leises Klicken die Öffnung der überaus aufwendig verzierten Vitrine ankündigte. Lights Tagebuch wurde zwar wie alle anderen Bücher in der Bibliothek aufbewahrt, aber da es eine teure, heilige Reliquie war, war es niemandem außer den Hikari erlaubt, darin zu lesen - und auch dann musste es eigentlich angekündigt werden. Es war immerhin nicht nur sehr wertvoll, sondern auch noch sehr alt - und nicht jeder war ein Historiker wie Tao und wusste, wie man mit so einem alten Objekt würdevoll und richtig umzugehen hatte.
Aber Silence wusste es. Sie wusste, wie sie dem Buch den gebührenden Respekt zollte.
Lights Tagebuch, das nun wie durch Zauberhand aufschlug und dessen Seiten zu blättern begannen.