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Episode 76
  Episode 76: Hochzeitsgeschenke
Schmetterlinge.
Vögel.
Alles, was fliegen konnte.
Alles, was in der Luft herumtollen und sich frei bewegen konnte - er war so neidisch gewesen, wenn er ihnen von seinem schmalen Fenster aus zugesehen hatte. Seinem Lieblingsplatz. Der Neid, den ihn dieser Platz spüren ließ, tat ihm ein wenig weh, aber für Bitterkeit war in seinem kleinen Inneren keinen Platz gewesen, damals wurde sie noch beiseitegeschoben, weil an die Richtigkeit geglaubt und an ihr festgehalten wurde.
Mutter hatte einen Grund.
Es hatte alles seine Richtigkeit.
Mutter hatte einen Grund, weshalb er die fliegenden Geschöpfe beobachten konnte, aber weder an ihrem Spiel, noch an dem Spiel der sich am Boden befindenden Wesen teilzunehmen vermochte. Sie beobachten; die warme, fast heiße Sonne auf der einen Gesichtshälfte spüren, während die andere im Schatten lag und abgekühlt ward, war seine Art der Teilnahme. Er gab den fliegenden Wesen Namen; er versuchte sie auseinanderzuhalten, während die Geräusche der anderen Wesen abgeblockt wurden. Er sah nach oben; lieber nicht nach unten. Wenn er nach unten sah… drohte der Neid zur Eifersucht zu werden… seine Geschwister…
Mutter hatte es verboten.
Rein sollte er sich halten.
Ecui und Acui…

Schmetterlinge mochte er ganz besonders.
Vögel erschienen ihm manchmal hoheitlich. Verspottend mit ihrem starken Flügelschlag. Schmetterlinge dagegen waren sanft, verletzlich und ungewöhnlich zutraulich.
Einmal, da hatte sich ein Schmetterling sogar zu ihm gesellt. Er war durch das hohe Fenster hineingekommen, einfach so. Als wäre das ganz einfach, ein Durchgang natürlich, frei und offen. Als der kleine Schmetterling hineingekommen war, hatte er für große Aufregung gesorgt; einen Schrei der Verblüffung hatte der Turmbewohner ausgespien, war zurückgetaumelt, hatte sich erst langsam dem flatterhaften Geschöpf genähert, das auf dem Boden hockte, als wartete es… darauf, berührt zu werden.
Von Inceres berührt zu werden. Als wäre es sein Schmetterling. Sein Freund.
Er wollte ihn berührten. Diesen kleinen… blauen Schmetterling. Ganz langsam; die Finger ganz langsam ausstrecken, vorsichtig…

Die Tür, die nur von außen geöffnet werden konnte, öffnete sich, obwohl es gar nicht die Zeit dafür war. Es waren nicht Ecui und Acui: es war seine Mutter.
Der Schmetterling war weggeflattert. Inceres verspürte Traurigkeit. Er wollte weinen.

„Folge mir.“

Der Schmetterling hatte so eine schöne blaue Farbe.

Genau wie Silence es vorhergesagt hatte, konnte Green sich nicht konzentrieren. Sie hatte sich nicht bei der Konferenz konzentrieren können und sie konnte es auch jetzt nicht gut. Fieber hatte sie wirklich keines, aber gut ging es ihr nicht: ihr war schummrig, weshalb sie sich an ein Fenster gelehnt hatte durch das helles Sonnenlicht hereinflutete, als wäre das Licht ein erfrischendes Getränk. Anstatt Augenkontakt mit der Verkörperung ihres Elements aufzunehmen senkten sich ihre Augenlider, ließen ihr Gesicht jedoch nicht entspannt, sondern eher verzerrt wirken, während die Hikari langsam ausatmete, ehe sie die Augen wieder öffnete und ihr Blick dem Flug eines Schmetterlings folgte, der am Fenster neben ihr Platz nahm. Ein dunkelblauer Schmetterling, ungewöhnlich - waren die nicht selten? Green runzelte die Stirn, hinter deren Falten Kopfschmerzen anfingen zu brodeln, seufzte und versuchte die Gedanken an ihr Glöckchen - ihr fehlendes Glöckchen - zu verdrängen. Silence war nicht pünktlich - ausgerechnet heute war sie nicht pünktlich. Was tat sie denn? Was tat sie überhaupt mit ihrem Glöckchen? Sie hatte nur noch eine Viertelstunde, bis ihr Großvater sie in einer weiteren Trainingsrunde auseinandernehmen würde - bis dahin hatte ihr Glöckchen um ihren Hals zu hängen! Wie sollte sie das Fehlen ihres Glöckchens auch erklären? Verloren? Aus der Hand gelegt? Sie hatte heute keine Lust es zu tragen? Eine Antwort war ja schlimmer als die nächste! Silenceeeeeee….
Green war drauf und dran sich die Haare zu raufen - sie konnte den Drang aber noch unterdrücken und schwang sich stattdessen auf die Fensterbank, nicht darauf achtend, ob sich das nun für eine Hikari ziemte oder nicht. Sie ließ ihre Beine frei baumeln und blickte gedankenverloren in den Hof hinein, während der Schmetterling an ihr vorbeiflog. Sie folgte ihm ein wenig müde und auch ein wenig irritiert mit den Augen, ehe ihr dunkelblaues Augenpaar von etwas anderem abgelenkt wurde. Unten im Hof sah sie Yuuki und Firey zusammen, die den Hof gerade durchquerten, ein wenig schlendernd, aber doch mit Eile. Wo waren sie denn auf dem Weg hin an diesem freien Tag… Green war doch die einzige, die heute zum Training verdonnert war, weil Shaginai sich natürlich überhaupt nicht um freie Tage scherte.
„Da bin ich wieder.“ Silences geisterhafte Stimme ließ Green zusammenzucken, aber dann flutete ein Schwall der Erleichterung und Entspannung durch ihren Körper, als Silence, vor der Hikari auftauchend, das Glöckchen zurück um ihren Hals legte. Greens Augen, eben noch überrascht geweitet, schlossen sich mit einem erleichterten Aufseufzen. Die Schmerzen verschwanden und sie konnte förmlich spüren, wie ihr Kopf wieder klar wurde, als würde ein Wind durch ihre Gedanken fegen und ihn aufklaren. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus und sie bedankte sich auch bei Silence, die sie mit einem Lächeln fragte, ob nun alles „gut sei“.
„Ja…“ Green öffnete die Augen wieder und sah Silence strahlend an:
„Jetzt ist alles wieder gut.“ Schon wollte Green Silence von der Konferenz berichten, von Ilangs feindseligen Blicken und von ihren Sorgen, was ihre Führungsqualität anging, als Silence schon entschuldigend lächelte, ehe sie überhaupt ein Wort gesagt hatte.
„Ich muss noch einmal weg.“
„Aber…“ Greens Blick drückte ihr Missverständnis aus und auch ihre Enttäuschung, aber sie unterdrückte allzu große Beschwerden über das Verhalten ihrer Geisterfreundin:
„Was machst du? Und warum machst du es alleine? Wir können doch zusammenarbeiten…“
„Ist dein Terminkalender nicht ein wenig voll, Hikari-sama?“, log Silence, aber ihre Lüge wurde von Itzumi unterstützt, die wie gerufen plötzlich um die Ecke bog und Green mit unterdrückter Aufregung darauf aufmerksam machte, dass Shaginai bereits angekommen war. Aber Green dachte gerade nicht an Itzumi - oder Shaginai. Sie hatte ihre Tempelwächterin nur kurz angesehen, dann blickte sie zurück zu Silence. Sie kam jedoch nicht dazu etwas zu sagen, denn Silence fiel ihr ins Wort:
„Ich werde dich schon noch aufklären - und jetzt konzentrier dich auf dein Training, ansonsten macht Shaginai dich einen Kopf kürzer.“
„Das macht er so oder so…“, antwortete Green, aber Silence war schon verschwunden und zurück blieb Green mit ihrer Tempelwächterin und ihren Pflichten als Hikari und Shaginais Enkelin.


In Paris war es noch dunkel. Der Morgen würde zwar bald grauen, aber die ersten Strahlen der Sonne wurden von dichten Wolken verschluckt und der Übergang zwischen Nacht und Morgen verwischt. Im Schlafzimmer Youmas war es dunkel und sein schmerzverzerrtes Gesicht lag im Schatten, womit die Verzerrungen seines Gesichtes nur noch mehr betont wurden. Die Zähne zusammengebissen, die Hände zu Fäusten geballt, die Bettdecke und das Laken gepackt, als müsste er die Stoffe zerreißen, um den Schmerz auszuhalten. Sein Mund öffnete und schloss sich in kurzen Abständen, formte stumme Namen, die er in seinem Traum laut ausspie; seinem Traum voller Ruinen, Verdammnis, Schmerz und kaltem Alleinsein.
Als er seine Augen endlich laut aufatmend aufschlug, tränten seine roten Dämonenaugen, die sich verzweifelt, hilfesuchend und wirr umsahen - um sich entsetzt zu weiten und umgehend, wie auf Knopfdruck schwarz zu werden, als eine kalte Hand sich über seinen Mund legte. Es geschah alles so schnell, dass es Youma nicht einmal gelang, den Namen seiner Schwester auszusprechen - vor Überraschung hatte er ihn unvernünftigerweise sogar rufen wollen - und auch sein Tasten nach dem Lichtschalter der Nachttischlampe wurde von seiner schelmisch lächelnden Schwester unterbunden.
„Na na, Youma, du wirst ja wohl keine Angst vor der Dunkelheit haben, huh?“ Silence löste die Hand von Youmas verwirrt aussehendem Gesicht und bedeutete ihm, dass er ruhig sein sollte - aber Youma, immer noch ins Bett hinabgedrückt, hörte nicht auf sie:
„Die Wände sind alle dick und Nocturns Zimmer liegt am anderen Ende der Wohnung…“ Youma warf einen flüchtigen Blick auf einen Wecker, der anzeigte, dass es vier Uhr morgens war:
„… er wird uns nicht hören. Was machst du hier, Silence? Und zu… dieser Uhrzeit?“ Und nachdem sie sich gerade erst gesprochen hatten? Youma hatte ihre Nähe ersehnt: im Traum hatte er auch ihren Namen gerufen und ein kleiner Teil von ihm spürte auch eine gewisse erfreute Erleichterung darüber Silence zu sehen, aber sein Verstand sagte ihm, dass er sich lieber nicht freuen sollte. Silence war nicht als seine Zwillingsschwester hier, die gespürt hatte, dass Youma Trost ersucht hatte - sie war wieder hier, um ihn spüren zu lassen, dass sie nicht mehr dieselben waren, die sich einst im grünen, saftigen Gras geliebt hatten.
„Nun, während du geweint hast…“ Youma sah weg: durchschauen tat sie ihn aber immer noch genauso gut…
„… habe ich ein wenig nachgeforscht.“
Nachgeforscht?“, wiederholte Youma im skeptischen Flüsterton und wollte auch gerade den Versuch unternehmen sich aufzurichten, als Silence ihn mit einem einzigen, kalten und unsichtbaren Finger daran hinderte. Silences Körper war substanzlos: er könnte sich einfach durch sie hindurch aufzusetzen, ohne auf sie überhaupt zu achten und sich von der Kälte ihres Körpers stören zu lassen - aber das tat Youma nicht: er behandelte sie so, als hätte sie einen Körper. Unter anderen Umständen hätte sie das vielleicht süß gefunden; genau wie der leichte Anflug von Röte auf seinem Gesicht, die wohl daher stammte, dass sie auf ihm saß - aber das hier waren keine anderen Umstände und Silence war aus einem anderen Grund hier, als so zu tun, als wäre nie etwas geschehen.
„Ich rufe die 19. der Verbotenen Künste…“, sprach Silence langsam und deutlich, sich belustigt darüber freuend, dass Youma sie einfach nur verwirrt ansah, ohne den Versuch zu unternehmen, der nahenden Technik auszuweichen - was hatte er eigentlich die ganze Zeit in der Dämonenwelt gemacht? Wirklich nur rumgeweint? Nichts gelernt? Nun, das war nicht Silences Problem und sie musste zugeben, dass sie ein wenig Genugtuung verspürte, als eine der Techniken, die wahrlich nur für Youma geschaffen worden waren, nun endlich am auserkorenen Opfer angewandt wurde.
„…schreiendes Herz.“ Nur halbherzig hatte Youma versucht, Silences Hand zu entgehen - wirklich, er war dumm - die die Kehle ihres Zwillings fest packte und mit ihren Fingern umschloss. Sein Schrei war erstickt, verschwand hinter seinen zusammengekniffenen Zähnen und ein gewaltiger Stoß Kälte durchbohrte seinen Körper als wäre die Hand Silences eine Waffe, die all ihre lähmende, beißende Kälte in seiner Kehle entlud. Es tat weh: er fühlte eine enorme Beklemmung, die ihm das Atem erschwerte, fast raubte und sein Bewusstsein drohte ihm zu entschwinden, als eine Frage klar wie ein Pfeilschuss ihn zurück riss:
„Hast du Light umgebracht?“ Und die Antwort kam, ohne dass er darüber nachdenken konnte, wie auf Befehl, klar und deutlich, als Youma die Augen wieder öffnete und Silence verwirrt, ein wenig benommen, aber auch verbissen ins Gesicht starrte:
„Ja.“
Silence antwortete kurz nicht. Ihr Lächeln war verschwunden und für einen Moment war das Schweigen bedrückender, schmerzlicher als jedes ausgesprochene Wort es jemals sein könnte. Es wurde so unaufhaltbar, dass Youma dazu gezwungen wurde, es zu unterbrechen:
„Was war das? Was hast du mit mir gemacht?“ Silence schlug die Augen nieder, ihre Finger von seiner Kehle gehen lassend, wo Youma dennoch eine enorme Kälte verspürte.
„Das, Youma, ist eines meiner Hochzeitsgeschenke an dich. Nachträglich versteht sich.“ Silences langer Zeigefinger fuhr Youmas Kehle von unten nach oben nach, bis sie sein Kinn festhielt - dieses Mal errötete ihr ehemaliger Verlobter jedoch nicht.
„Eine sehr praktische Technik, die das Opfer dazu verdammt, mit nichts anderem als der absoluten Wahrheit zu antworten. Auf jede Frage, die gestellt wird.“ Statt rot zu werden, erbleichte Youma nun sichtlich, etwas was Silence zu erfreuen vermochte und ihr Lächeln kehrte auch zurück.
„Und ich habe eine ganze Menge Fragen an dich…“ Youmas Gesicht war nun fast weiß, aber der Schock legte sich, wurde verbissen, verschlossen - niedlich. Er glaubte wohl, er könnte seinen Körper daran hindern, ihr die Antworten zu geben, die sie hören wollte. Ein niedlicher Versuch, dabei war die Technik doch so herrlich absolut.
„Beginnen wir mit etwas Einfachem.“ Wieder weiteten sich Youmas Augen; jedoch nur kurz, ehe sie sich wieder verbissen zeigten, als Silence Lights Tagebuch auf ihrer Handfläche erscheinen ließ. Lila leuchtend war es erschienen: nun schwebte es ruhig zusammengeklappt auf ihrer Handfläche.
„Kennst du dieses Buch?“ Youma sah es nur kurz an, dann zurück zu Silence, die genüsslich dabei zusah, wie Youma versuchte, die Antwort zu unterdrücken, andere Worte zu finden, Ausflüchte… aber das schreiende Herz ließ keine Ausflüchte zu und Youma konnte sich wehren so viel er wollte, im Endeffekt würde die Wahrheit aus ihm herausgepresst werden.
„Ich bin mir nicht ganz sicher.“ Youmas Antwort war ein Knurren und oh, er wollte nicht mehr sagen, aber er musste, die Technik zwang ihn dazu:
„… aber ich glaube…“ Wieder versuchte er die Zähne zusammenzubeißen, aber sie wurden auseinandergepresst:
„… ich habe das Buch mal auf seinem Schreibtisch gesehen.“
„Es ist Lights Tagebuch.“ Eine Augenbraue Youmas hob sich, aber er unterdrückte jegliche Gefühle, genau wie er eine Antwort zu unterdrücken versuchte.
„Ich wusste nicht, dass er ein Tagebuch hatte… Ich kann es mir auch nicht vorstellen…“ Seine Stimme war ein Zischen, seine Augen verengt, offen bloßlegend wie sehr es ihn plagte, reden zu müssen.
„… jegliche Schreibarbeit war ihm doch zuwider.“
„Ich weiß. Deswegen bin ich hier, du hast immerhin viel für ihn übernommen.“
„Ich… wollte mich… nützlich machen. Lernen. Er sollte… Silence, bitte…“ Silence antwortete nicht; das Flehen ihres Zwillings konnte nicht einmal eine Regung auf ihrem Gesicht hervorbringen. Sie wartete ab, bis die Technik ihn zum Vollenden seines Satzes zwang:
„… stolz auf mich sein.“ Youma hatte die Worte kaum hervorgepresst, da folgte auch schon die nächste Frage Silences:
„Du hast also definitiv nie von einem Tagebuch gehört?“
„Nein.“
„Willst du es mal lesen?“
„Ja“, antwortete Youma ganz wahrheitsgemäß, obwohl er selbst verbissen und frustriert den Kopf schüttelte - aber schon hielt er das kleine Buch in den Händen. Die Technik Silence‘ konnte die Wahrheit aus Youmas Stimme herausquetschen, nicht aber seinen Körper kontrollieren – und dieser wehrte das kleine, unscheinbar wirkende Büchlein mit einer sehr deutlich sprechenden Körpersprache ab. Er hatte den Kopf abgewendet und die Finger, in die Silence das Buch einfach hineingelegt hatte, waren versteift, seine Zähne zusammengequetscht, die Augen immer noch abgewandt. Aber er brachte es auch nicht übers Herz, das Tagebuch Lights von sich zu werfen, wie Silence mit einem nachdenklichen Blick bemerkte, während sie schweigend das Wechselbad der Gefühle auf Youmas Gesicht beobachtete, ehe sie den Blick abwandte und das Buch ansah, das seinen violetten Schimmer verloren hatte und nun einfach in Youmas feingliedrigen Fingern lag – und wartete einfach ab.
Aber nichts geschah. Das Tagebuch blieb einfach in seinen Fingern liegen, ganz egal wie abwartend Silence das Buch ansah.
„Ich werde… es nicht… lesen.“ Keine Regung war auf Silences Gesicht, als sie antwortete:
„Das ist schade, denn diese 111 Einträge…“ Silence sah auf das Buch und übersah das Zusammenzucken und das Weiten von Youmas Augen, als er diese Zahl hörte:
„Sind alle sehr niedlich; sie handeln alle von uns. Einige Dinge habe ich total vergessen…“
„Alles Lügen“, knurrte Youma und ließ das Buch aufs Bett gleiten, damit er abwehrend die Hände vor der Brust verschränken konnte.
„Alles Lügen.“ Silence sah ihn wieder an:
„Glaubst du das wirklich?“ Youma erwiderte ihren ruhigen Blick mit unterdrückter Verzweiflung, die seine geröteten Augen zu untermalen schien und bestätigte dies mit einem kurzen, bündigen, gezischten Ja.
„Warum hältst ausgerechnet du daran fest, Silence? Dieses leidige Kapitel ist… abgeschlossen, beendet. Du bist doch eine Person mit Klarsicht… eine Person, die sich nicht verblenden lässt… warum schlägst du dieses Kapitel immer wieder auf und versuchst, Lügen zur Wahrheit zu machen?“
„Weil ich selbst herausfinden werde, was Wahrheit und was Lüge ist, besten Dank.“
„Du vertraust meinem Urteil nicht?“ Youmas Stimme erinnerte Silence an früher. Ihren kleinen, älteren Zwilling, sensibel auf alles reagierend… aber diese Erinnerung erweichte sie nicht.
„Nein. Warum sollte ich auch.“ Es war wirklich interessant, wie offen er ihr zeigte, dass ihn diese Antwort verletzte; er stand wirklich neben sich, schien verunsichert zu sein – hatte ihn das letzte, nächtliche Gespräch im Tempel so aufgewühlt, dass er gar nicht im Stande war, seinen Schmerz zu unterdrücken?
„Warum solltest du auch… deinem Mörder vertrauen…“, flüsterte Youma plötzlich mit gesenktem Kopf und weckte Silence aus ihren Gedanken, die gerade geistesabwesend das Buch wieder hatte verschwinden lassen, nun wo ihr Test erfolglos verblieben war. Youmas Stimme war nur ein unterdrücktes Flüstern; Silence hatte sie aber dennoch gehört und wandte ihren Blick nun auch wieder zu ihrem Zwilling – ihrem ehemaligen Verlobten.
„…das ist es doch, was du damit sagen wolltest, oder…“ Youmas Kopf war gesenkt; er sah sie aber dennoch von der Seite her an, schwarze Augen, verborgen im Schatten, einst wie ihre, aber nun…
„…Silence?“ War es etwa das, was verantwortlich war für seine roten Augen, die auch die Stunden des Schlafes nicht hatten heilen können? Der Blickaustausch der schwarzen Zwillingsaugen war intensiv, still, aber dennoch laut, schmerzhaft, auf eine unterdrückte, pressende Art, die sie beide spüren konnten und Silence wusste auf einmal mit absoluter Sicherheit, dass er genau deswegen geweint hatte. Dass er nach Paris zurückgekehrt war, sich in seinem Zimmer eingeschlossen hatte und genau dort, an der Tür, den Tränen nicht standgehalten hatte. Sie wusste es ganz genau; sie spürte seinen Schmerz, seine Reue, seine Schuldgefühle, die ihm nie enden wollende Albträume bescherten und wusste auch, dass sie diesen Schmerz würde lidern können – und doch löste all dies kein Mitgefühl in ihr aus.
Nein, es war Genugtuung.
„Mit weißer Kehle solltest du nicht reden, wenn du nicht dazu aufgefordert wirst, Youma…“ Silence spürte ein Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie fortfuhr:
„… ansonsten entfliehen dir Wahrheiten, die du nicht laut hören möchtest.“ Ob es nun Silences Worte, ihr Lächeln oder etwas ganz anderes war, was es herauslockte, so brach plötzlich etwas aus ihm empor; Worte, die er nicht unterdrücken konnte, die darum kämpften herauszukommen, mit einem unterdrückten Schrei, aber dennoch laut und verzweifelt:
„Ich wollte das nicht, Silence! So hätte der Lauf der Dinge nicht geschehen sollen! Absolut nicht! Es tut mir leid! Es vergeht kein Tag, keine Stunde, in der es mir nicht leid tut, wie es gekommen ist!“ Das Lächeln auf Silences Gesicht war verschwunden, ihr Gesicht wurde hart und ungnädig, als sie sich zurücklehnte, Abstand nahm zu Youma, der sich im Bett zu ihr vorlehnte und ihr seine Verzweiflung zeigte.
Das wiederum löste keine Genugtuung aus. Es steigerte sie nicht. Es ließ sie verpuffen. Sie wurde ausgetauscht mit… widerwilliger Abscheu.
„Ich bin ein Jahr älter geworden ohne dich; ich bin älter als du, meine Haare sind länger als deine… das hätte alles nicht passieren sollen… Bitte, Silence, ich ertrage die Kälte zwischen uns nicht! Ich ertrage sie nicht! Die ganze Welt, diese verfluchte, hässliche Welt, ich…“
„Erwartest du, dass ich dich tröste? Erwartest du das wirklich von mir? Dass ich sage alles ist gut, so wie früher?“ Youma hatte die Hand nach ihr ausgestreckt: sie war noch erhoben, als Silence ihm diese kühle Antwort gegeben hatte. Er hatte sie wahrscheinlich zurückziehen wollen, doch ehe er diesen Willen umgesetzt hatte, ging Youmas Hand auch schon durch Silence‘ Körper hindurch, durch ihren schimmernden, geisterhaften Arm, den er in gewohnter Manier wohl zu sich hatte ziehen wollen.
Nichts regte sich auf Silence‘ dunklem Gesicht, ebenso wenig wie sich etwas auf Youmas starrem, geschockten Gesicht regte. Aber sein Körper setzte sich in Bewegung: sein Gesicht blieb starr, aber ruckartig zog er sich von ihr weg, floh förmlich vor ihrem geisterhaften Körper – seiner Verantwortung. Und stumm und schockiert, von Kälte gelähmt, blieb er am Kopfende des Bettes sitzen, sie anstarrend, ohne noch ein Wort über die Lippen zu bringen.
Silence war es, die die Stille brach:
„Ich werde dich nicht trösten. Die Zeiten sind vorbei.“ Silence richtete sich auf, gefolgt von Youmas aufgelösten Augen.
„Du weißt nicht, wie Hikaru gestorben ist, nehme ich an?“ Ein tonloses „Nein“ folgte als Antwort, während Youma den Kopf senkte.
„Wie ist der letzte Kampf verlaufen, ehe du in der Zeit eingeschlossen wurdest?“ Youma atmete aus: wohl um Zeit zu schinden, um nicht antworten zu müssen. Aber er konnte der Magie der Technik natürlich nicht entgehen und eine weitere tonlose Antwort folgte:
„Hikaru kam mit den anderen Gottheiten, nachdem Lights Glöckchen zerstört war. Sie bekämpfte mich jedoch alleine… die anderen Gottheiten schauten zu, halfen nur geringfügig… Ich erinnere mich nicht genau an den Ausgang des Kampfes… nur an die Magieströme im Himmel… aber ich bin ja offensichtlich in der Zeit eingesperrt worden. Die Erinnerung ist ein wenig ungenau.“ Hmm, das deckte sich ja tatsächlich mit der offiziellen Schilderung der Dinge; wie erstaunlich. Und Hikaru bekämpfte Youma alleine? Weil sie wollte, dass es sie war, die Youma tötete oder hatte sie den Gottheiten ihre Fähigkeiten beweisen müssen? Aber wenn sie Youma hatte töten wollen… warum hatte sie es nicht getan? Als direkter Abkömmling der Göttin der Dunkelheit war Youmas Magie zwar sehr groß, aber eigentlich konnte Silence sich nicht vorstellen, dass er gegen Hikaru und die Gottheiten in Person groß eine Chance gehabt hatte, auch wenn sie nicht im Kämpfen ausgebildet waren – ihre Magie war immer noch das reine Element… warum hatten sie ihn eingesperrt, statt ihn zu töten?
„Hat Hikaru irgendetwas gesagt?“ Youma, immer noch mit gesenktem Kopf, schüttelte diesen.
„Was soll sie gesagt haben… Wie soll sie etwas gesagt haben… Ich habe ihre Stimme noch nie gehört…“
„Kannst du dir einen Reim daraus machen, warum du eingesperrt anstatt getötet wurdest?“ Ein Zucken ging durch Youmas Körper und er schien schlucken zu müssen, ehe er antwortete:
„Nein.“ Silence fuhr fort mit ihren Fragen, ganz egal wie sehr Youma sich sträubte; sie hatte es ernst gemeint, als sie gesagt hatte, dass sie viele Fragen an ihn hatte.
„Wann hast du die sieben Teufel das letzte Mal gesehen?“
„Silence… reicht es nicht langsam…“ Offensichtlich nicht:
„Wann hast du die das letzte Mal gesehen?“ Und egal wie sehr Youma sich dagegen wehrte, er musste seiner erbarmungslosen Schwester eine Antwort geben:
„Als ich das letzte und erste Mal in Lerenien-Sei war. Im… echten Lerenien-Sei. Alle außer… Luzifer natürlich.“
„Hast du mit ihnen geredet?“
„Nein… sie haben sich vor mir verneigt, aber nicht mit mir gesprochen.“ Ein bitteres Lächeln huschte über Silence‘ Gesicht:
„Das hat dir sicherlich gefallen.“ Youma sah nun auf und zum ersten Mal sah sie etwas kaltes, Verschlossenes in seinen Augen.
„Nein, es hat mich verwundert.“
„Warum war der Thron eigentlich dir versprochen worden?“ Silence achtete gar nicht auf Youmas deutlichen Widerwillen gegen dieses Gespräch; sie hatte absolut kein Erbarmen.
„Er meinte, ich hätte die geeigneten Qualitäten… und erwähnte öfter wie ähnlich ich… Luzifer sähe.“ Das fand Silence eigentlich überhaupt nicht; jedenfalls hatte sie das früher nicht gefunden. Jetzt konnte sie sich allerdings nicht mehr genau daran erinnern, wie ihr biologischer Vater überhaupt aussah… sie hatte ihn zu selten gesehen. Er war wie ein Schatten… ein Schatten der Vergangenheit, ein Schatten der Erinnerung.
Hm.
Genau wie sie.
Die ersten Strahlen der Morgensonne krochen über die Dächer von Paris und schlüpften hell durch die Ritze der Jalousien, die über Youmas Bett vor dem Fenster angebracht waren; sie strahlten hell und gleißend durch den Schatten Silences hindurch und brachten die abwehrende Kälte in Youmas Augen dazu zu verschwinden. Er wandte den Blick wieder ab, aber Silence war sich dennoch sicher, dass er Tränen in den Augen hatte.
„Kommen wir zur letzten Frage…“ Youma sah sie immer noch nicht an – aber das tat er, sobald seine Schwester ihre Frage ausformuliert hatte:
„… bei unserem letzten Treffen verhieltest du dich etwas eigenartig. Du sagtest „wenigstens habe ich dich nur einmal getötet“.“ Der Blick ihres Zwillings wurde starr. Seine Augen weiteten sich ein wenig, aber nicht in einer geschockten Manier, als hätte er nur auf diese Frage gewartet – ihm war wohl schon von Anfang an klar gewesen, dass diese Frage kommen würde.
„Erkläre dich. Was hast du damit gemeint, als du sagtest „nur einmal getötet“?“ Die Antwort überraschte Silence sehr:
„Das werde ich dir nicht sagen.“ Ihre überraschten Augen verengten sich und ein spöttisches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, während sie sich wieder zu ihm vorlehnte und dabei ihre Hände an seinen Hals legte, als würde sie ihn würgen wollen – aber sie würgte ihn nur mit ihrer Kälte, der Youma mit ernsten Augen trotzte.
Natürlich wirst du – deine weiße Kehle hier kann gar nicht anders; sie will die Wahrheit sagen.“
„Nein“, antwortete Youma weiterhin ernst, aber die Anstrengung, die es ihn kostete, diese – falsche – Antwort zu geben, wurde deutlich und Silences Lächeln wurde breiter, denn sie wusste, dass er der Magie nicht ewig standhalten konnte. Aber es war niedlich, dass er es versuchte – und es wunderte sie nicht, dass es ihm gelang, die Antwort hinauszuzögern; sie waren immerhin beide göttliche Nachkommen.
„Oh doch, Youma…“ Sie grinste spielend, während Youma sich auf die Lippen beißen musste.
„… sag mir, mein lieber Zwilling – was hast du gemeint, als du sagtest…“
„… nein, niemals, niemals…“ Seine Augen wurden rot, leuchteten kurz hellrot auf, ehe sie wieder zu dunkelrot wurden; ein ungewohnter Anblick für Silence, ihren Bruder im Dämonenmodus zu sehen und sie mochte es auch nicht, aber ihr Grinsen wurde nicht steif. Er konnte so viel wie er wollte in den Dämonenmodus wechseln, er konnte sein Glöckchen auch so viel er wollte an seine Brust drücken; sie war dennoch stärker als er!
„… dass du mich wenigstens „nur einmal“ getötet hast?“
„Nein!“, rief Youma und seine Lippen begannen zu beben, der Antwort nicht mehr lange standhalten könnend, ganz egal wie schwarz sein Glöckchen aufleuchtete, was Silence fast schon niedlich---
„Ich habe es dir schon einmal gesagt – und ich sage es das letzte Mal, ehe ich dich rauswerfe: keine Magieübungen in meinem…“ Nocturn stand in der Tür, die er soeben mit einem heftigen Ruck geöffnet hatte und deren Türklinke er auch noch in der Hand hielt, als er zu dem schnell atmenden Youma sah, der auf dem Bett zusammengekrümmt saß.
„… Appartement.“ Nocturns Stimme hatte sich verändert und seine Stirn runzelte sich auch skeptisch, als sähe er etwas, was eigentlich nicht da sein sollte. Es war jedoch nicht Silence, die ihm diesen Eindruck verlieh, denn diese konnte er nicht sehen und sie beachtete den ungebetenen Gast auch nicht weiter, wartete ab, bis die Technik Youma „überzeugt“ hatte. Dafür sah Nocturn nun Youma, der sein Glöckchen immer noch an sich drückte und dessen Lippen immer noch bebten – aber die Worte, die aus seinem Mund kamen, konnte er nicht verstehen; nicht nur weil sie recht leise waren, sondern weil sie… in einer anderen Sprache geformt wurden?
Aber Silence hörte sie – und genau wie Youma es sich gedacht hatte, der die Augen zusammenpresste, spürte er, wie sie diesen Ort verließ… und ihm war, als hätte er ein Beben in ihr gespürt, das bis in seine eigene Seele widerhallte.
„Verschwinde“, fauchte Youma in einer Sprache, die Nocturn verstehen konnte und die ihn dazu brachte, etwas gelangweilt das Gesicht zu verziehen.
„Das ist mein Appartement; du kannst mich schlecht aus meinen eigenen vier Wänden werfen.“
„Geh mir einfach aus den Augen!“ Youma riss den Kopf hoch, während er ihm diese wütenden Worte um die Ohren warf – etwas, was er nicht hätte tun dürfen, denn nun weiteten sich Nocturns Augen erst recht; nicht wegen seiner Dämonenaugen, denn diese waren ihm sehr wohl bekannt, sondern weil er etwas sah; etwas, das ihn zu einem breiten Grinsen brachte.
„Na, was haben wir denn da…“, trällerte Nocturn hämisch, ehe er plötzlich und ohne Youma die Möglichkeit zu geben sich darauf vorzubereiten auf seine Brust sprang. Youma stöhnte auf, denn Nocturn hatte nicht gerade dafür Sorge getragen, sanft zu landen: im Gegenteil. Ein blitzender Schmerz breitete sich in seiner Brust aus und verstärkte sich, weil Nocturn nicht die Einsicht hatte zu schweben; er stand einfach aufrecht auf Youmas Brust und dass er seine Stiefel trug, die vorne Stahlkappen hatten, machte es nicht gerade besser.
„Könntest du---“, zischte Youma, aber Nocturn achtete gar nicht auf ihn, sondern hob sein Kinn mit seinem Stiefel an, gänzlich ohne von Youmas Widerwillen beeindruckt zu sein.
„Eine weiße Kehle!“ Nocturn lachte und schnell verformte sich sein Lachen zu einem heimtückischen Lächeln:
„Na, wen hattest du denn zu Besuch, huh?“ Er grinste und Youma wurde schnell bewusst, dass sein verdammter Partner genau wusste, was diese Technik für eine Wirkung hatte. Wieder versuchte er die Antwort zu unterdrücken, aber es hatte ihn bereits zu viel Kraft gekostet, gegen Silence anzukämpfen – die Antwort brach hervor, ließ sich nicht aufhalten:
„Von Silence.“
„Silence…“ Nocturn kicherte amüsiert:
„… und wer ist das? Ich muss doch wissen, wer hier in meinem Appartement ein und aus geht, so als Hausherr. Eigentlich finde ich auch, dass du Besuch ankündigen solltest; nur so nebenbei gesagt. Und? Wer ist sie?“
„Meine Zwillingsschwester“, zischte Youma widerwillig.
„Deine sehr mächtige Zwillingsschwester offenbar.“ Youma antwortete nicht; es war immerhin eine Feststellung, keine Frage – und wenn er nicht mit ihm reden musste, dann tat er das auch nicht.
„Aber sie ist mehr, nicht waaaahr? Ich kann es in deinen abwehrenden Augen sehen, Kronprinzchen.“ Youma knurrte, dunkelrot errötet.
„Sie ist meine Verlobte.“
„Aaaah, ich hab mich schon gewundert, woher der Ring kommt – ihr Wächter und euer Inzest.“
„Verschwinde endlich!“ Youma wollte ihn von sich runterwerfen, aber Nocturn hüpfte nur, um seiner Hand auszuweichen und landete wieder auf seiner Brust; noch härter als zuvor:
„Vorsicht, vorsicht, du brichst dir noch deine Rippen!“ Nocturn lachte und ging lachend – immer noch auf Youmas Brust – in die Hocke, ihn mit einem boshaften Leuchten in den Augen ansehend:
„Ne ne, ich denke, ich hole mir mal einen Kaffee… das hier könnte immerhin interessant werden.“


Mekare war erleichtert zu sehen, dass Silver eingeschlafen war. Er hatte sich zwar nicht in sein Bett gelegt, aber wenigstens schlief er jetzt endlich; am Bett seines immer noch bewusstlosen Bruders. Keinen Zentimeter hatte er sich von Blue fortbewegt. Mekare könnte ihn hochheben, aber sie würde ihn nicht in sein Etagenbett bekommen können, weshalb sie ihm nur sachte eine leichte Decke über die Schultern legte – und gar nicht darauf achtete, dass Rui ebenfalls im Raum war. Sie verhielt sich auch ungewöhnlich still, war am anderen Ende des Zimmers, wo sie, mit den Beinen an sich gezogen, einfach nur hockte, zu Silver herübersehend. Keiner von ihnen sagte etwas; das einzige, was in der kleinen Kammer zu hören war, war die Qual von Blues Körper. Sein rasselnder Atem und ein unterdrückter Schrei, der Silver dazu brachte zusammenzuzucken, fast wieder aufzuwachen, aber als Mekare ihre Hand auf seine Schulter legte, beruhigte er sich wieder.
Leider konnte sie Blue diesen Gefallen nicht tun.
Keine Hand würde ihm helfen können; Silver hielt seine Hand zwar fest in seinen, aber auch das half nichts. Seine regungslosen Augen, in dessen tiefem, fast schwarz wirkenden Grün es ständig flimmerte, bewegten sich nicht einmal, wenn ein stummer Schrei über seine Lippen kam. Das Anti-Licht schlug nicht an.
Aber das musste es bald tun.
Bald…
Müsste…
Mekare kniff die Augen zusammen und erhob sich, die Hand ganz vorsichtig von Silvers Schulter lösend.
„Ich muss zu meiner Arbeit zurückkehren“, flüsterte sie und warf dann einen Blick über die Schulter, zu Rui:
„Berichte mir, wenn Silver-kun wach ist oder wenn sich etwas an Blue-kuns Zustand ändert. Ganz egal welcher Kunde es ist.“ Rui antwortete nur mit einem Nicken. Auch sie sah müde aus. Ob Mekare auch mitgenommen aussah? Nein, war sie nicht, denn sie durfte es nicht sein. Sie musste sich auf ihre Arbeit besinnen und…
„Mekare-chan.“ Einen kurzen Moment lang war Ri-Ils Gesicht ernst gewesen, steinern fast. Er stand gegenüber der Tür, neben der Wendeltreppe, die nach oben führte, an die Wand gelehnt und Mekare zweifelte nicht daran, dass er schon eine Weile dort gestanden und auf sie gewartet hatte.
Als er jedoch fortfuhr, fand er zu seinem normalen Lächeln zurück:
„Lass uns einen Tee trinken vor deinem nächsten Kunden, ja?“