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Episode 77
  Episode 77: Die schwarze Hand
„Hikari-sama befindet sich im Training.“ Firey wollte den Mund öffnen, um Itzumi zu erklären, dass es wirklich wichtig war, dass Firey mit ihrer Hikari sprach, aber sie ließ ihn lieber geschlossen. Nicht nur, weil Itzumis starres Gesicht deutlich machte, dass Widerspruch unmöglich war, sondern auch, weil… nun, der Trainingspartner Greens war immerhin Shaginai. Firey traute sich gar nicht reinzuplatzen, um nach Green zu verlangen, nur weil sie kurz mit ihr alleine reden wollte.
„Das Training ist bald abgeschlossen“, fuhr Itzumi fort:
„Hikari-sama wird dann pünktlich zur morgigen Versammlung der Elementarwächter anwesend sein. Da werden Sie sie sprechen können, Hii-sama.“ Ja, aber das wollte Firey doch nicht – sie wollte alleine mit ihr sprechen… aber dennoch bedankte sie sich bei der Tempelwächterin und ging zurück in ihr Zimmer, wo sie sich erschöpft an die Flügeltür ihres Gemaches lehnte, kaum dass sie angekommen war. Im Tempel und eigentlich überall, wo Firey hinging, hörte man gar nichts anderes mehr als Greens Verlobung mit Saiyon – und hier war sie, der es nicht gelang, darüber mit Green zu sprechen, obwohl doch jeder davon sprach. Aber würde sie es überhaupt übers Herz bringen, ihre Meinung über diesen Bund zu sagen?
Vielleicht waren ihre Worte auch gänzlich überflüssig, denn Firey konnte sich nicht vorstellen, dass Green sich nicht absolut über Fireys Meinung im Klaren war – sogar dieser Dämon Nocturn hatte es Green unter die Nase gehalten – und sie wahrscheinlich sogar ein Stück weit teilte, Green wirkte immerhin so gar nicht wie eine glückliche Verlobte… Gut, Firey hatte sie auch noch nicht sonderlich oft gesehen: auf dem Schlachtfeld sollte man vielleicht auch nicht wie eine verliebte Verlobte wirken, sondern hoch konzentriert sein. Beim Frühstück hatte Green gefehlt…
Aber Firey konnte sich nicht vorstellen, dass Green über ihre Verlobung mit Saiyon glücklich war. Sie konnte es sich einfach nicht vorstellen – und doch würde es passieren.
Firey kam sich dumm vor, wenn sie daran dachte, dass sie sich wortwörtlich in die Höhle des Löwen begeben hatte – und wofür das alles? Eigentlich um eben das zu verhindern, was nun geschehen war – und was war stattdessen passiert? Der Dämon, den sie eigentlich hatte zur Vernunft bringen wollen, hatte zur gleichen Zeit im Tempel Greens Bruder umgebracht... und Firey… hatte einen Dämon auf sich aufmerksam gemacht, den sie nicht hätte aufscheuchen sollen.

„Karou-san würde sicherlich einen guten Preis für dich bezahlen.“

Firey schluckte und erwischte sich dabei, wie sie sich etwas ängstlich in ihrem Zimmer umsah.

„… versuche dieses Mal wenigstens, mir die Jagd ein wenig spannender zu gestalten…“

Vehement schüttelte Firey den Kopf: sie war im Tempel. Sie war im Tempel. Hier konnte ihr gar nichts passieren. Sie war sicher – sie war nicht in Henel. Argh! Auch in Henel durfte sie keine Angst haben! Sie durfte gar keine Angst haben! Sie war eine Feuerwächterin!
Firey wollte sich ermutigen, aber stattdessen seufzte sie tief, als sie sich aus ihrer Uniform befreite, um zu duschen – aber erst nachdem sie ihr Badezimmer abgeschlossen hatte, obwohl das gar nicht Not tat, da bereits ihr Gemach abgeschlossen war – sie war vorsichtiger geworden, was sie selbst irritierte. Sie wollte nicht wie ein gescheuchtes Schäfchen um jede Ecke gucken, aus Angst, dass da… Karou auf sie warten könnte. Noch einmal seufzte Firey… sie hatte wirklich einen hohen Preis für ihren Besuch in der Hölle bezahlen müssen… war er wirklich umsonst…
Nein – nein, lautete die Antwort: es war nicht umsonst gewesen. Für Green hatte sie zwar nichts verändern können, aber wenigstens war sie sich nun sicher, dass Siberu noch lebte, da war, in irgendeiner Form. Er hatte sie gerettet, obwohl es dafür keinen „Grund“ gegeben hatte. Das war wichtig; und eigentlich… dachte Firey und spürte, dass sie lächelte… war das mehr, als was sie sich erhofft hatte.
Das heiße Wasser der Dusche erinnerte Firey unbarmherzig daran, dass nicht nur ihre Seele einen Preis hatte zahlen müssen, sondern auch ihr Körper, denn als das herabprasselnde Wasser ihren Hals berührte und an ihrer Kehle herunterlief, brannte die Haut, die Karou mit seiner schwarzen Hand gepackt und gewürgt hatte, entsetzlich.
Lange hielt Firey es unter der Dusche nicht aus und sobald sie sich sowohl Shampoo als auch Spülung eilends aus ihren Haaren gewaschen hatte, stolperte sie auch aus der Dusche heraus und suchte schmerzhaft stöhnend Halt am Waschbecken. Kurz flackerte ihr Sichtfeld, ehe es sich wieder stabilisierte und Firey zaghaft den Kopf mit den langen, komplett durchweichten und leider nicht sonderlich gut gewaschenen Haaren hob und in den Spiegel blickte.
Es war wirklich alles andere als ein schöner Anblick. Ihr gesamter Hals war bis zu ihrem Schlüsselbein schwarz gebrannt; ihre Haut nicht mehr als ein verkohlter Fetzen. Beim Atmen schmerzte es nicht, zum Glück auch nicht im Alltag… aber offensichtlich, wenn man es in Berührung brachte mit etwas Warmem. Auch an ihrem Bauch hatte sie schwarze Flecken, als wäre sie verbrannt worden, aber diese schmerzten nicht so sehr wie der Punkt, wo Karou sie gewürgt hatte.
Die Creme, die Firey von Tinami erhalten hatte, wirkte nicht sonderlich gut. Firey hatte die Creme bereits mehrere Male aufgetragen… doch irgendwie zweifelte sie stark daran, dass diese Wunden verheilen würden wie ganz normale Schürfwunden. Vielleicht sollte sie sich aber glücklich schätzen, dass dies das einzige Resultat ihrer Tat war… Sie hätte tot sein können. Aber wenn sie nicht aufpasste, dann…
Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihre beängstigenden Gedanken jäh und erschrocken blickte sie zur Tür, noch gänzlich in ihren finsteren Gedanken gefangen – doch es war Yuuki.


Yuuki, der seinen ganz eigenen Kampf vor Fireys Tür hatte ausfechten müssen. Lange, sehr lange, hatte er unsichtbar vor der Tür ihres Gemaches gestanden ohne sich zu rühren. Niemand hatte ihn und seinen zermürbten Gesichtsausdruck gesehen, die die rumorenden Gedanken hinter seiner etwas bleichen Stirn offenbarten. Firey selbst hatte ihn am Tag zuvor darum gebeten, dass er seinen freien Tag mit ihr verbringen würde – aber… nach dem, was sich in der vergangenen Nacht ereignet hatte… zählt dieses Versprechen dann noch? Er hatte sie im Stich gelassen. Egal wie man es drehte und wendete, er hatte sie im Stich gelassen. Die Angst war zu groß gewesen, er hatte nichts tun können… Yuuki wunderte sich ein wenig darüber, dass er schlechtes Gewissen hatte – er war doch ein professioneller Feigling. Er hatte sich geschworen, in diesem Krieg nicht zu sterben; er hatte es sogar seiner Hikari gesagt. Azuma hatte darüber gelacht; Firey hatte Verständnis gezeigt… man musste im Krieg auf sich aufpassen, hatte sie gesagt; sie war ja selbst auch keine Heldin… sie konnte ihn verstehen.
Es war immer Yuukis Lebensstil gewesen, Problemen aus dem Weg zu gehen; gewissenlos. Und eine Dämonin, die einen zerfleischen wollte, war definitiv ein Problem. Warum also hier stehen und sich Gedanken machen; Firey wusste es. Sie… mochte ihn… dennoch…?
Yuuki schüttelte den Kopf, wurde abrupt sichtbar, erschrak damit einen Tempelwächter, der gerade an ihm vorbeigekommen war und ein Fluchen nur halb unterdrücken konnte – ganz drang der beschwerende Ton aber nicht über seine Lippen, Yuuki war immerhin ein Elementarwächter; ein Elementarwächter, der sich höflichst entschuldigte und sich dann der Tür Fireys zuwandte, um an dieser zu klopfen.
Als Firey das Klopfen bemerkte, nahm sie hastig ihren Bademantel vom Harken, ließ ihre Arme durch die großen Ärmel gleiten und öffnete dann die Tür. Sie hatte sich bemüht, den Kragen des Bademantels so hoch wie möglich zu schlagen, dennoch bemerkte Yuuki es sofort, sobald Firey die Tür geöffnet hatte. Er sagte nichts, doch sie sah es an seinem Blick, welcher beunruhigt an ihrem Hals hängen blieb.
„Yuuki!“ Irrte sie sich, oder atmete er erleichtert auf, als er sie lächeln sah? Er sah… tatsächlich irgendwie erleichtert aus und ein wenig… angespannt.
„Wie schön, dass du da bist – ich muss mich nur noch umziehen.“ Yuuki warf dem Tempelwächter, der gerade um die Ecke bog, einen Blick zu, ehe er sich Firey mit einem etwas steifen Lächeln zuwandte.
„Unsere Verabredung steht also noch…?“ Firey, die sich bereits herumgedreht hatte, sah über die Schulter hinweg zurück zu ihm:
„Natürlich, warum sollte sie nicht?“ Schon wieder wirkte er erleichtert – und langsam verstand Firey warum. Sie nahm seine Hand, hielt sie fest und zog ihn mit einem Ruck in ihr Zimmer, was der Tempelwächter – der wieder kehrtgemacht hatte – genauestens und mit größter Neugierde beobachtete.
„Mach dir keine Gedanken, Yuuki.“ Sie löste ihre Hand wieder von dem schweigenden Gensou, als sie die Tür schloss.
„Ich bin dir nicht böse. Gar nicht.“ Die Feuerwächterin schüttelte ihren nassen Haarschopf und versuchte, den etwas bedrückt wirkenden Yuuki aufmunternd anzulächeln:
„Ich hatte auch zu große Angst, um mich zu bewegen.“ Yuuki wollte die Worte einfach nur annehmen und sich darüber freuen, dass Firey ihm nicht grollte; er wollte lächeln, aber es fiel ihm schwer, weshalb er erleichtert war, dass Firey ins Badezimmer ging, um sich umzuziehen. Sie ließ die Tür offen, damit sie noch miteinander reden konnten, aber der sonst so gesprächige Yuuki sah nur auf seine Hand – eine ganze Weile, ehe er zur angelehnten Tür sah.
„Schmerzt die Wunde dich sehr?“ Firey hatte nicht vor, jemandem etwas vorzumachen – ganz besonders nicht ihren Teampartnern – und antwortete unverblümt:
„Ja, es tut höllisch weh, aber nur wenn es mit Hitze in Kontakt kommt.“ Die Feuerwächterin konnte Yuukis besorgtes Gesicht förmlich vor sich sehen, denn das war natürlich alles andere als eine gute Kombination: diese Wunde und ihr Element. Aber konnte man es überhaupt eine „Wunde“ nennen? Es war eher ein… schwarzer Abdruck, ein Mal, Brandmal, ein Geschenk von Karou, um sie daran zu erinnern, dass er nach ihr… jagte.
„Was in Lights Namen hattest du in der Dämonenwelt überhaupt zu suchen?“, hörte sie Yuuki sagen, der immer noch stehen blieb anstatt sich in einen von Fireys gemütlichen Sesseln fallen zu lassen:
„Ich hatte ja eigentlich geglaubt, dass das Ganze Azumas Idee war; dass er dich unbedingt mit nach Henel nehmen wollte, damit er dich auf irgendeine Art beeindrucken konnte und dich einfach mitgenommen hat – so ein unüberlegter Gedanke hätte zu Azuma gepasst! Aber er behauptete, dass du es warst, die unbedingt nach Henel wollte – dass du zu ihm gekommen bist. Firey, ich muss zugeben...“ In genau diesem Moment, drehte er sich zu ihr herum, denn Firey war wieder aus dem Badezimmer gekommen und sah ihn ein wenig reuevoll an, was Yuuki nicht von seinen Worten abbrachte:
„... dass so eine Tat so gar nicht zu dir passt. Was hast du dir denn nur dabei gedacht? Wir hatten doch in der Geschichte des letzten Elementarkrieges durchgenommen, wie gefährlich dieser Karou-Dämon für Feuerwächter ist. Und du wolltest dich alleine nach Henel wagen? Weshalb?“ Seine Qualitäten als Wächter mochten zweifelhaft sein… doch seine Qualitäten als Freund waren es gewiss nicht, dachte Firey, die zu gerne offen mit ihm sprechen würde. Sie wollte sich mit ihm hinsetzen und ihm alles - alles - erzählen und wenn sie ehrlich war, würde es ihr auch verdammt guttun, umarmt zu werden. Sie vertraute Yuuki und das machte das Ganze noch schlimmer, denn sie konnte es nicht. Sie konnte nicht so egoistisch sein… Green hatte auch niemanden mehr, von dem sie umarmt werden konnte. Ob Saiyon es tat? Konnte er das überhaupt?
„Hast du es für unsere Hikari getan?“ Oh Gott, Yuuki war wirklich gut… aber Firey hatte es ja nicht nur für Green getan, da hatte Nocturn ganz recht gehabt… Machte sie das nun zu einem schlechten Menschen, dass sie sich darüber freute, wenigstens Gewissheit zu haben? Zu einem wahnsinnigen Menschen? Die Wunden an ihrem Hals, an ihrem Bauch kannten die Antwort…
„Nicht nur…“ Mehr sagte Firey dazu nicht und die beiden Wächter sahen in die braunen Augen des jeweils anderen, bis Yuuki schlussendlich nachgab. Seufzend beklagte er:
„Du wirst es mir nicht sagen, oder?“ Bedrückt, weil es ihr leidtat, senkte sie den Kopf und sah erst überrascht auf, als sie seine Hand auf ihrer Schulter spürte.
„Schon gut“, begann er mit einem sanften Lächeln:
„Du musst es mir nicht sagen, wenn du nicht kannst. Wir haben alle unsere Geheimnisse.“ Er schwieg kurz, schien über seine eigenen Worte nachzudenken, ehe er fortfuhr:
„Pass nur bitte auf, dass deine nicht zu gefährlich für dich und dein Leben werden. Und wisse, dass ich dir zuhören werde, wenn du es möchtest.“ Obwohl er seine Worte ernst und aufrichtig meinte, spürte er, dass eine Stimme in ihm sehr erleichtert darüber war, dass Firey es für sich behielt und ihn nicht da hineinzog – und auch er stellte sich die Frage, ob er ein guter Wächter war… anders als Firey wusste er die Antwort allerdings sofort und sie war alles andere als positiv. Wenn er an die letzte Nacht dachte… an die Schlacht, dann…
Yuuki schüttelte den Kopf und versuchte normal zu lächeln, während er sie noch einmal beschwor, auf sich aufzupassen.
„Und jetzt lass uns zum Friedhof gehen, wie du es wünschtest, damit wir deinen Wächtervorfahren einen Besuch abstatten können. Oder hast du es dir anders überlegt und willst die Waffe doch nicht wieder hergeben? Auf ihr steht nun immerhin dein Name und du kannst sie offensichtlich auch beherrschen… nein? Okay, gut, dann lass uns aber Azuma abholen. Wenn er erfährt, dass ich alleine mit dir irgendwo hingehe, wird er mich noch in einem Felsgrab beerdigen. Weißt du noch das Mal, wo wir zwei alleine in London waren? Graus, der Trainingskampf danach… Obwohl Azuma sich sicherlich darüber beschweren wird, dass er seinen freien Tag auf einem Friedhof verbringen soll. Aber mal sehen, wie frei der Tag wirklich sein wird; die Dämonen nehmen darauf immerhin keine Rücksicht, wer weiß also, ob heute nicht noch ein Angriff folgt…“


Nachdem Firey ihre Haare getrocknet hatte, brachen sie auch sofort zu dem Zimmer Azumas auf – wo sie ihn tief schlafend vorfanden; den Mund weit geöffnet, mit entblößter Brust quer über dem Bett liegend, den Kopf von der Bettkante herabhängend. Während Yuuki ratlos den Kopf schüttelte, zeigte Firey sich verwundert… Azuma hatte keine schwarzen Male am Hals. Aber Karou hatte ihn doch mit derselben Hand gepackt wie sie… er hatte ihn ebenfalls gewürgt, während er ihn an den toten Baum gedrückt hatte, aber… da war absolut nichts von zu sehen. Oder irrte sie sich in der Hand? Hatte Karou die rechte benutzt und nicht die linke?
Da Firey gedankenverloren und auch mit leichter Blässe mit den Fingern ihre schwarze Wunde betastete, machte Yuuki sich daran, seinen Teamkollegen zu wecken, was sich als schwerer herausstellte als angenommen: Azuma reagierte weder auf seinen Namen, noch darauf, dass man ihn rüttelte.
„Das müssen die Nachwirkungen dieser Aufpusch-Medikamente sein“, konstatierte der Illusionswächter nachdenklich:
„Ein normaler Wächter schläft doch nicht so fest!“ Auch wenn Azumas Schlaf vielleicht nicht dem eines normalen Wächters entsprach, so war er auf jeden Fall eindeutig ein Wächter, wenn es um seine Waffe ging, wie Firey schnell herausfand, als sie sich nach dem goldenen Ring, befestigt an einem Lederband, welches an seinem Kopf herunterbaumelte, ausstreckte. Umgehend schlug Azuma die Augen auf und hätte sich vielleicht auch verteidigt, hätte er Firey nicht sofort erkannt.
Seine Angriffslust verpuffte und stattdessen lächelte er über Kopf hängend breit:
God morgen, Fireyskat! Was für eine angenehme…“ Er hatte wohl geglaubt, dass Firey alleine gekommen war, um ihn liebenswürdigerweise zu wecken, denn sein Grinsen verpuffte enttäuscht, als er Yuuki neben ihr stehen sah und leicht eingeknickt richtete er sich mit zerzausten Haaren im Bett auf.
„…Überraschung.“ Mit diesem Wort beendete er mürrisch seinen Satz, während er sich seine braunen Haare aus dem Gesicht wischte.
„Ist irgendetwas los? Werden wir etwa angegriffen?“ Yuuki runzelte die Stirn, als er bemerkte, wie erwartungsvoll Azumas Stimme bei der letzten Frage klang – waren sie nicht definitiv genug angegriffen worden?
„Nein“, begann Yuuki und fischte die Uniform des Erdwächters vom Boden auf, welche er seinem Freund zuwarf, ohne auf den etwas finsteren Blick seines Teamkollegen zu achten:
„Firey hat vor, den Serenitias-Friedhof zu besuchen; wenn du mitmöchtest, solltest du dich also anziehen, ansonsten ist es nämlich bald zu spät. Ich habe nicht unbedingt Lust, dort in der Abenddämmerung zu sein, obwohl es nicht gerade unheimlich ist. Eher… bedrückend. Naja, ihr werdet schon sehen.“
„Ich möchte den Bogen Hireys an sein Grab bringen“, ergänzte Firey und machte dabei einen Wink auf den Bogen, welchen sie sich geschultert hatte:
„Aber wenn du deinen freien Tag lieber anders verbringen möchtest, ist das auch okay. Yuuki und ich können auch alleine gehen.“ Sie hatte diese Worte ohne jegliche Hintergedanken ausgesprochen und gänzlich ehrlich gemeint, dennoch zeigten sie umgehend Wirkung, als wären sie eine Drohung: sofort begann er mit dem Umziehen. Dabei ließ er sich nicht von Fireys Anwesenheit stören, welche sich errötet herumdrehte, als Azuma gerade seine Hose ausziehen wollte, seine Teamkollegin nun verwundert anblinzelnd, als könne er nicht verstehen, was so schlimm daran war, dass er sich vor ihr umzog. Diese Chance nutzte Yuuki, um eine Frage zu stellen, die Firey offensichtlich gänzlich vergessen hatte:
„Du hast uns noch gar keine Details deiner Anhörung erzählt. Du wolltest uns mehr erzählen, meintest du gestern Abend bei der Truppenaufstellung, erinnerst du dich?“ Azuma, der gerade Firey noch grinsend angeschaut hatte, sah nun wieder zu Yuuki, der weiterredete:
„Ich habe zwar versucht, etwas heraus zu bekommen, aber es ist mir nicht gelungen. Zum Tode verurteilt wurdest du aber ja offensichtlich nicht, ansonsten würdest du hier nicht so ruhig schlafen können – und das hättest du sicherlich auch gestern Abend erwähnt, auch wenn wir nicht groß die Möglichkeit hatten, miteinander zu reden. Und die Kampfgenehmigung wurde dir offensichtlich auch nicht entzogen…“ Da Yuuki seine Frage selbstverständlich wieder einmal überaus ausgeschmückt hatte, hatte sich Azuma bereits umgezogen; bis auf seine Stiefel, welche er sich nun anzog, dabei auf dem Schemel vor seinem Himmelbett sitzend.
„Die haben mir eine verdammt lange Standpauke gehalten, diese unheimlichen Geister! Ich war erst zwei Stunden später raus und damit haben sie nicht nur ihre Zeit verschwendet, sondern auch meine, denn ich kann mich nicht mal an ein einziges Wort erinnern – das ging da rein und wieder raus. Ich weiß, wie ich auf Durchzug stelle, haha!“
„U-Unheimliche… Geister?“, wiederholte Yuuki, der zwar nicht der frommste Wächter aller Zeiten war, aber den Hikari dennoch den allgemein geltenden Respekt gegenüber zollte, auch wenn er nicht gewillt war, für sie in den Tod zu gehen. Firey allerdings, welche sich nun, da Azuma bekleidet war, wieder herum gewandt hatte, musste dem Erdwächter zustimmen: besonders wohl war ihr bei den Hikari ebenfalls nicht… Sie würde sie wahrscheinlich keine „unheimlichen Geister“ nennen, aber sie verstand schon, wie er auf diesen Gedanken kam. Vielleicht rührte ihre eigene Skepsis daher, dass die Hikari versucht hatten, Green hinzurichten… oder daran, dass sie tot waren. Tot und dennoch herumwandelnd und redend.
„Aber wurdest du nicht dennoch bestraft?“, fragte die Feuerwächterin, um wieder zum eigentlichen Thema zurückzukehren. Azuma zuckte gleichgültig mit den Schultern und antwortete:
„Ich wurde überaus ausgiebig darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich das nicht noch einmal tun dürfte und dass es dann „schwerwiegende Konsequenzen“ mit sich ziehen würde… aber neee, ich wurde nicht bestraft. Ich stehe unter Beobachtung hieß es.“ So sehr Firey darüber erleichtert war, dass Azuma sich nicht vor einer Strafe fürchten musste, fand ihr Sinn für Gerechtigkeit es alles andere als angebracht. Immerhin hatte der Erdwächter mit seiner Attacke einen Wächter getötet… Ihr Bauch tat weh, wenn sie daran dachte, aber sie schwieg. Yuuki dagegen wunderte sich nicht darüber; wie Tinami ebenfalls, hatte er nicht damit gerechnet, dass Azuma, als einziger Erdwächter, zum Tode verurteilt werden würde – jedenfalls nicht bevor eine Frau geschwängert hatte und sie einen Tsuchi zur Welt brachte.
„Gut!“, begann Azuma und schlug entschlossen die Hände zusammen:
„Dann sollten wir vielleicht mal aufbrechen.“ Er war bereits zur Tür gegangen, als er bemerkte, dass Firey ihm nicht folgte. Skeptisch, mit den Armen über Kreuz, blickte sie ihn an wie eine strenge Mutter ein ungezogenes Kind ansah und sofort schien Azuma kleiner zu werden.
„So willst du zu einem Friedhof?“ Ein wenig errötet sah Azuma an sich selbst herab und er und Yuuki bemerkten gleichzeitig, was Firey gemeint hatte: seine Uniform war alles andere als frisch gewaschen. Sie war schmutzig und mit Blutspritzern versehen, die bereits eingetrocknet waren. Azuma wollte gerade lachend aufsehen und wahrscheinlich sagen, dass es nicht so schlimm sei, doch als er Fireys tadelnden Blick sah, verstummte er sofort und die Feuerwächterin musste nicht einmal etwas sagen – er beugte sich schon so.
„Gut, gut, ich zieh ja schon…“ Firey zeigte auf Azumas Schuluniform, die an der Tür des Schranks hing und unterbrach den nun verwirrt aussehenden Azuma, der nicht zu verstehen schien, warum er denn seine Schuluniform anziehen sollte – aber Firey erklärte es ihm mit einer leichten Spur des Stolzes in der Stimme:
„Bei den Wächtern ist es Tradition und Pflicht, bei dem Besuch auf einem Friedhof eine Uniform zu tragen.“ Sie sah zu Yuuki, der ihr anerkennend zunickte, dann wieder zu Azuma, der die beiden mit einem finsteren Gesicht ansah – und Yuuki war sich ziemlich sicher, dass er nicht nur so finster aussah, weil er seine Schuluniform nicht tragen wollte… ihre Blicke trafen sich auch kurz, aber eigenartigerweise sagte der Erdwächter nichts, obwohl Yuuki sich vorstellen konnte, dass er ihm eine ganze Menge zu sagen hatte….


Es gab drei Friedhöfe im Reich der Wächter.
Der eine, nur für die Leichen der Hikari vorgesehene Friedhof, befand sich auf einer kleinen Insel, die mit dem Tempel verbunden war, während der andere sich auf Sanctu Ele’saces befand. Ihr Ziel war allerdings ein anderes, nämlich ein Friedhof, der auf einer Insel lag, die weder Firey noch Azuma jemals besucht hatten. Serenitias war der Name dieser Friedhofsinsel; eine Insel, auf der niemand wohnte, denn hier… ruhten die Toten.
Serenitias war eine Insel, die noch relativ neu war, erzählte Yuuki den beiden Elementarwächtern, wovon eine aufmerksam zuhörte, während der andere mehr oder weniger im Stehen schlief. Die Insel war nach dem Anschlag auf Espiritou del Aire geschaffen worden, da damals so viele gestorben waren, dass man mit den Leichen überfordert gewesen war. Zu Zeiten des Regimes von Shaginai war diese Friedhofsinsel geschaffen und eingeweiht worden, nachdem die ewig Ruhenden auf Sanctu Ele’Saces und Serenitias verteilt worden waren, mit der Option Serenitias ausbauen zu können, falls der Bedarf vorhanden war. Im Moment bestand Serenitias aus sechs kleinen Inseln mit weißen, hellen Türmen, die sich um die sechste, mittlere Insel reihten, die einzige, die nur aus einem flachen Land zu bestehen schien. Alle Inseln waren mit Brücken verbunden, die Firey, Yuuki und Azuma zu der Insel mit dem höchsten Turm gebracht hatten, vor welchem Firey den Kopf in den Nacken legte, um weit oben über ihr eine stets brennende Flamme auszumachen, die sich vom klaren Blau des Himmels abhob.

„In ewiger Entschlossenheit brennend, keinen Tod, keine Träne, kein Leid vergebens zu lassen.“

Firey sah die Schriftzeichen an, die diese Worte bildeten und spürte eine unbekannte Wehmut in ihr aufkommen – und ein Bild zweier Augen, die ihre getroffen hatten. Eine unbekannte Dämonin, die sie nicht getötet hatte, obwohl ihre Waffe es gewollt hatte, obwohl jeder Wächter es wollte, obwohl es ihre Pflicht war, das zu tun, was auch... Azuma getan hatte, um sie zu retten. Er hatte gehandelt wie ein Wächter. Er hatte die Dämonin mit seiner Waffe getötet, Firey gerettet, keine Sekunde an irgendwelche Augen verschwendet…
„Serenitias wird die Insel der Stille genannt“, erklärte Yuuki bedächtig und weckte Firey aus ihren Gedanken, welche er scheinbar bemerkt hatte, denn er lächelte ihr kurz aufmunternd zu, während Azuma neben ihr gähnte, gänzlich unbeeindruckt von diesem wahrlich sehr stillen Ort oder von Yuukis Erklärungen – er gähnte auch noch, als sie alle drei dem Tor vor ihnen die Handrücken entgegenhielten. Es war wirklich sehr ruhig: selbst als die Tür sich öffnete, war kaum ein Laut zu hören.
Auch als sie das Innere des Turmes betraten, schlug ihnen Stille entgegen, die die runde, aus braunem Stein gehauene Halle erfüllte und in Firey nicht sonderlich großes Behagen auslöste, obwohl durch das weitentfernte Deckenfenster großzügig Licht hineinflutete, welches dunkle Schatten auf eine riesige Statue vor ihnen warf, welche ebenfalls aus braunem Stein gehauen war und einen stolz aussehenden Engel darstellte, der zwar traurig aussah, aber gleichzeitig auch über dem Schmerz, den er fühlte, zu stehen schien. Da Firey auch in der Geschichte der Wächter unterrichtet worden war, wusste sie, dass es sich bei dem Engel um Hikaru handelte, die Erschafferin der heiligen Regeln und Hüterin der Ordnung, wie Ignes ihnen erklärt hatte.
Die Vorhalle schien Azuma aufzuwecken, denn er pfiff anerkennend, nachdem er sich in der doch sehr hübsch dekorierten Halle umsah und konstatierte:
„Das nenne ich doch mal eine Grabstätte! Hier ruht man doch gerne!“ Yuuki konnte seine Begeisterung nicht teilen:
„Nicht jeder Wächter fristet seinen Tod hier. Um hier oder auf Sanctu Ele’saces seinen Platz zu bekommen muss du mehr haben als nur den ersten Rang. Man muss außergewöhnliche Taten vorweisen können… man muss ein legendärer Wächter zu Lebzeiten gewesen sein.“ Azuma winkte überheblich mit der Hand ab, während er die paar Stufen nahm, die mit dem Wappen der Feuerwächter gekennzeichnet waren und nach Osten führten.
„Ich werde schon noch legendär, keine Sorge! Ich werde sowas von hier beerdigt, mein Platz ist mir schon so gut wie sicher!“ Gerade als Yuuki ihn darauf hinweisen wollte, dass die menschliche Bezeichnung „beerdigt“ wohl bei Wächtern, die in Glassärgen für alle Ewigkeiten lagen, nicht ganz richtig war, unterbrach ihn Firey bei diesem Vorhaben:
„Vielleicht solltest du so nicht über deinen eigenen Tod reden, Azuma – ich glaube, das bringt Unglück.“ Azuma lachte ein weiteres Mal, gelassen über die lange Brücke schlendernd, aber immer mal wieder, genau wie Firey an den Seiten heruntersehend – immerhin gingen sie auf einer Brücke, die zwei fliegende Inseln miteinander verband. Unter ihnen und um sie herum war nichts anderes als ein Wolkenmeer und die fern schwebenden Inseln, wo die anderen toten Wächter ruhten.
„Was passiert denn mit uns anderen Wächtern?“ Ein flüchtiges Lächeln huschte über Yuukis Gesicht, ehe er antwortete und sich seinen Zuckerwattezopf aus dem Gesicht wischte, der gerade vom Wind erfasst wurde:
„Ich denke, das würde gegen deine menschlichen Ansichten verstoßen, Firey.“ Die Feuerwächterin wollte gerade antworten, doch da kamen sie schon in den Turm der Feuerwächter. Auch hier versetzte die Dekoration der Ruhestätte Azuma in Staunen; ein großes, brennendes Feuer begrüßte sie in der Mitte des runden Raumes, in dessen flammender Mitte eine grobgehauene Steinstatue stand, umschlungen vom Feuer, aber unzerstört von diesem – Hii, der Gott des Feuers.
„Kannst du das auch?“ Azuma warf Firey ein Grinsen zu – sie fand den Witz aber nicht sonderlich unterhaltsam und ging einfach weiter, Yuuki eine Wendeltreppe hinunter folgend, wo weder das Licht der Sonne hingelangte, noch das Licht der Flamme – hier leuchteten die Treppenstufen selbst in einem matten, rötlichen Licht, aus dem die Stufen gemacht worden zu sein schienen. Jeder Schritt nach unten machte Firey nervöser, weshalb sie den Bogen an sich klammerte. Sie mochte die normalen Friedhöfe, die sie aus Japan oder London kannte schon nicht, aber sie konnte sich nicht vorstellen, wie es war, einen toten Körper direkt vor sich liegen zu sehen – vor allen Dingen einen, der dort bereits mehrere Jahrzehnte lag, vollkommen unverändert von der Zeit. In ihrer Verwandtschaft war zum Glück noch nie jemand gestorben, weshalb sie nicht wusste, wie eine Leiche aussah – und es eigentlich auch nicht erfahren wollte, auch wenn sie wusste, dass dieser Gedanke naiv war.
Nach gefühlten 500 Stufen kamen sie abermals in einer runden Halle an, in deren Mitte ein großes Feuer brannte, welches die Halle nicht nur erhellte, sondern auch erwärmte. Firey fühlte sich sofort wohler, während Azuma sich über die Hitze beschwerte. Anders als die Eingangshalle befand sich hier jedoch keine große Statue; stattdessen wurde sie von tausenden Namen geziert, welche nicht nur in der Wand, sondern auch in der runden Decke eingeritzt worden waren – wahrscheinlich von all den Feuerwächtern, die hier lagen.
Auch hier waren mehrere Gänge zu sehen. Diese waren mit Jahreszahlen versehen, weshalb die drei Wächter natürlich den aktuellsten Gang nahmen und wieder von einer bedrückenden, schummrigen Dunkelheit umgeben wurden; dieses Mal allerdings ging es nur geradeaus, bis sie in einen langen Raum kamen, in dem tatsächlich nur ein Sarg stand, obwohl er für weitaus mehr ausgelegt war. Der große Raum wirkte kahl und leer, obwohl auch hier im Schein einer Fackel die auffälligen Dekorationen hervortraten – und es hing auch ein großes Gemälde über dem einen, einsamen Sarg… Hireys.
Schon von weitem erkannte Firey sein Gesicht, als hätte sie ihn schon tausend Male gesehen, als wäre er ein Familienmitglied – sie erkannte ihn und seinen Bogen, mit dem er in einer feierlichen Pose dargestellt worden war. Es war derselbe Bogen, den Firey auf dem Rücken trug, wie sie erkannte, als die drei vorsichtig vortraten, um keinen allzu lauten Widerhall an den Wänden zu geben: Es war schon unheimlich genug, wie nun auch Azuma zugeben musste, auch wenn er es nicht sagte.
Eine ganze Weile betrachtete Firey das große Gemälde über dem Sarg, das Kampfgetümmel hinter und um ihren Elementvorfahren herum, über dem er zu stehen schien… während Yuuki und Azuma bereits den Blick gesenkt hatten, um die Leiche anzusehen.
„Warum… sind wir nochmal hier?“, fragte Azuma plötzlich und Firey erwiderte kleinlaut:
„Um den Bogen Hireys zurückzubringen. Deshalb.“
„Aber… er hat schon einen, Firey“, war es Yuuki, der ihr antwortete und endlich senkte auch Firey den Kopf, jedoch erst nachdem sie tief durchgeatmet hatte.
Es war wahrlich ein grausames Bild, welches Firey die Kehle zuschnürte. Der eigentliche Sarg war ein wenig breiter als sie es sich vorgestellt hatte, denn… Hirey lag dort nicht alleine, wie Firey gerührt, aber auch traurig feststellte: Er hielt ein kleines Kind im Arm, nicht älter als 10 – seinen Sohn?
Die beiden Körper lagen in einem Meer aus weißen und roten Anthurien, welche ihre roten Haare umringten und die liebende Umarmung von Vater und Sohn für alle Ewigkeit umrahmten. In der anderen Hand jedoch hielt Hirey, beschützend über seiner Brust, genau wie Yuuki und Azuma es bereits angemerkt hatten, einen Bogen – einen anderen, als den, den Firey auf dem Rücken trug, aber ebenfalls einen ohne Bogenstrang.
„Behalt ihn doch einfach. Er ist sowieso sowas von tot… und braucht ihn garantiert nicht mehr“, raunte Azuma ihnen zu, als glaube er, das war Fireys momentanes Problem. Dennoch löste sie den Bogen von seiner Befestigung und hielt ihn vor sich, als erwarte sie, dass eine unsichtbare Hand den Bogen ergreifen und zu sich nehmen würde. Als sie diese Geste jedoch ausführte, bemerkte Yuuki etwas:
„Der Bogen gehört sowieso schon dir: Schaut euch mal die Gravur unter der rechten Flamme an.“ Sofort drehte Firey den Bogen überrascht und alle drei starrten das an, was unter der rechten Flamme geschrieben war:
„K.Y.H.G.!“, riefen Firey und Azuma gleichzeitig perplex – die eine noch überraschter als der andere, denn sie war sich absolut sicher, dass, als sie noch in der Dämonenwelt war, dort die Initialen Whites eingekerbt gewesen waren. Bedeutete das… sie senkte den Bogen nachdenklich und sah nun direkt in das tote, doch schlafend wirkende Gesicht Hireys… war das vielleicht seine Stimme gewesen, die ihr die Kraft gegeben hatte, den Bogenstrang zu formen? Hatte er ihr… seinen Bogen geschenkt?
Obwohl Firey selbstverständlich keine Gewissheit hatte und diese auch nie erhalten würde, rührte der Gedanke sie… und es war irgendwie ein sehr angenehmes Gefühl, endlich mit ihren wächterischen Wurzeln in Verbindung zu stehen.
Doch gerade als sie etwas sagen wollte, sich bedanken wollte, bemerkte sie etwas und sofort richtete sie sich auf.
„Was ist los?“, fragte Azuma, doch auch Yuuki zeigte sich auf einmal besorgt, als er Fireys Blick sah und bemerkte, dass die Hand seiner Kollegin sofort zu ihrer Kehle gewandert war. Firey antwortete jedoch nicht – das tat sie erst nach einigen verstrichenen Sekunden:
„Ich… möchte kurz alleine sein. Könnt ihr in der Halle warten?“ Beide warfen sich einen besorgten, aber auch skeptischen Blick zu, da sie sich nicht vorstellen konnten, was so erstrebenswert daran war, alleine in einer Grabkammer zu sein. Sie beugten sich allerdings Fireys Wunsch und verließen die Kammer.
Die Feuerwächterin wartete, bis sie ihre beiden Kollegen nicht mehr sehen konnte und beugte sich dann über den Sarg und mit dem Gesicht so nah ans Glas, dass ihr Atem die Scheibe beschlug, starrte Firey die Kehle Hireys an. Es war dunkel, sie konnte es aus diesem Winkel nicht gut sehen und einige Rüschen bedeckten seine Kehle, doch… Firey war sich sicher:
Hirey hatte genau die gleichen Male am Hals, wie sie es nun hatte.


Wie versprochen warteten Azuma und Yuuki in der Halle auf sie und obwohl Firey deutlich sehen konnte, dass sie beide Firey am liebsten fragen würden, was zur Hölle sie dort alleine getan hatte, taten sie es nicht und so gingen sie in Schweigen zurück, welches erst gebrochen wurde, als sie wieder in der Eingangshalle waren, denn dort waren sie nun nicht alleine. Ein großes mit doppelten Türen versehenes Portal war geöffnet worden, wodurch einige Tempelwächter rein- und rausgingen – offensichtlich dabei etwas vorzubereiten. Sie verbeugten sich standesgemäß vor den drei Elementarwächtern, doch beachteten sie nicht weiter; zu sehr waren sie mit ihrer Arbeit beschäftigt.
„Was machen die denn da?“, fragte Azuma, als sie den Weg zurück antraten und auf die mittlere Hauptinsel blickten, wo rund 20 Tempelwächter und einige andere Wächter zu arbeiten schienen.
„Sie bereiten wohl die wöchentliche Trauerzeremonie vor. Die ist, soweit ich weiß, aber erst übermorgen, doch es muss sicherlich einiges vorbereitet werden – das kann ich mir jedenfalls vorstellen… es sind immerhin ein paar mehr gestorben.“
„Trauerzeremonie?“ Automatisch musste Firey an Grey denken, immerhin war er noch nicht zu Grabe getragen worden… Ob er auch hier bestattet werden würde? Er war doch sicherlich… einer jener legendären Wächter, denen eine solche Grabstätte gebührte. Es war so eigenartig, das zu denken; vor nicht einmal einer Woche hatte sie noch mit ihm über Green gesprochen…
„Die allgemeine Trauerzeremonie“, begann Yuuki, ebenfalls zur mittleren Insel blickend.
„Sie findet zu Kriegszeiten meistens wöchentlich statt und ist die… Beisetzung der Wächter, die eben nicht legendär sind. Wir, als Elementarwächter, müssen da ebenfalls anwesend sein.“
„Oh, dann können wir es uns ja gleich mal angucken, wenn wir sowieso hier sind“, konstatierte Azuma und kaum, dass sie wieder in dem Hauptturm angekommen waren, ging er auch hinaus an die frische Luft: ein Weg, dem Yuuki und Firey weniger entschlossen folgten.
Azuma war vorgegangen, weshalb er dem Gespräch der beiden nicht zuhörte, während sie langsam über die breite Brücke gingen:
„Ich muss sagen, interessieren tut es mich auch“, begann Firey:
„Ich habe mich schon mal gefragt, wo die toten Wächter beerdigt werden, immerhin haben wir nicht so viel Platz.“ Einen Moment schwieg Yuuki, denn er wusste nicht genau, was er dazu sagen sollte. Er antwortete erst, als sie die Brücke hinter sich ließen und mit beiden Füßen bereits auf dem Boden der anderen Insel waren, die nun, da sie sich auf eben dieser befanden, gar nicht mehr so klein erschien wie zuvor: es war doch eine recht große, runde Insel, die Firey jedoch verwunderte, denn der Großteil der Insel wurde von einem riesigen Becken eingenommen, dass einem leeren… Schwimmbad ähnlich sah.
Azuma legte den Kopf schief und konnte sich das Kommentar, ob sie erst einmal alle eine Runde mit den Verstorbenen schwimmen sollten, nicht verkneifen. Firey war auch verwundert über das was sie sah, doch sie kommentierte es nicht – irgendwie hatte sie ein übles Gefühl bei der Sache. Dieses riesige Becken machte sie unruhig. Waren es die eingravierten Fresken der trauernden Wächtergottheiten, die in den Rand des fast acht Meter tiefen Beckens eingraviert waren? Oder die dunklen Kugeln, welche eben diese Eingravierungen in den Händen hielten?
Von dem Punkt aus, wo sie nun standen, führten Treppenstufen hinab zum Grund des Beckens, welcher gerade von den Tempelwächtern fein säuberlich saubergemacht wurde; kein Zentimeter wurde dabei ausgelassen, sogar die einzelnen Haarsträhnen der Steingottheiten wurden saubergemacht. Was war das nur für ein merkwürdiger Ort? Firey konnte sich keinen Reim daraus machen, genauso wenig wie Azuma, der nicht von dem Gedanken abkommen konnte, dass es sich bei dem Becken um ein Schwimmbad handeln musste.
„Das ist kein „Schwimmbad“…“, erklärte Yuuki nun endlich und wählte seine Worte dabei bewusst:
„… das ist das Krematorium.“ Firey sah ihn sofort entsetzt an, während Azuma darüber lachen musste:
„Ein Krematorium!? Das ist ganz sicherlich kein Krematorium, denn in einem Krematorium werden Leichen verbrannt und nicht ertränkt – bringt ja auch recht wenig Leichen zu ertränken, sie sind ja schon tot!“ Yuuki blieb ruhig angesichts Azumas Unverfrorenheit und erwiderte:
„Es wird kein Wasser in das Becken gefüllt, falls du das annimmst, Azuma. Die Leichen der gefallenen Wächter werden auf den Grund des Beckens gelegt, ihre Hände miteinander verbunden, die Waffe auf ihre Brust gelegt und dann wird eine heilige Flüssigkeit hineingefüllt, welche vorher von unserer Hikari-sama gesegnet werden muss. Die Flüssigkeit zersetzt unseren toten Körper restlos: auch die Knochen und das Gebiss. Der Prozess, welchem wir schweigend beiwohnen werden, dauert nicht einmal 10 Minuten, dann ist von den Körpern der Toten nichts mehr übrig.“
„Das ist ja abartig!“, schrie Azuma sofort angewidert. Auch Firey konnte nicht gerade behaupten, dass diese Vorstellung ihr sonderlich zusagte: weder diesem Prozess zuzusehen, noch selbst… so zu enden. Doch Azuma kam nicht dazu seinen Ekel auszudrücken, denn zum ersten Mal sah Firey Yuuki wütend:
„Findest du es weniger abartig, in der Erde zu verfaulen und von Insekten gefressen zu werden?!“ Azuma schwieg kurz, doch er war keine Person, die sich anschreien ließ, auch nicht, wenn das Argument gut war. Er wollte Yuuki gerade erwidern, dass es auch andere Beerdigungsmöglichkeiten gab, da fuhr der Illusionswächter schon fort:
„Weißt du, Azuma, du kannst auf unseren Werten so viel du willst herumtreten und das Wächertum hat viele deiner Geringschätzungen sicherlich verdient, aber eines haben wir den Menschen auf jeden Fall voraus – und das ist unser Zusammenhalt. Wir leben zusammen, wir kämpfen zusammen und wir sterben zusammen! Wir sind nie alleine – auch nicht, wenn wir sterben. Ihr mögt es abartig finden, dass wir dem Kremationsprozess beiwohnen, aber es ist unsere Art von unseren gefallenen Mitwächtern Abschied zu nehmen – und das ist nicht abartig!“ Nervös blickte Firey vom einen zum anderen: überrumpelt von der plötzlichen Streitsituation, die sie so gar nicht kannte. Azuma provozierte so wirklich jeden, der ihm über den Weg lief, aber bis jetzt waren seine Beleidigungen spurlos an Yuuki vorbeigegangen; er war nie darauf eingegangen. Sie hatten sich in diesem vergangenen Jahr so gut verstanden – warum stritten sie sich jetzt plötzlich?
„Das muss ich mir doch nicht von jemandem anhören, der nichts anderes ist als ein jämmerlicher Feigling und niemals an einem Kampf teilgenommen hat! Wo warst du denn, als deine Mitwächter dich gebraucht haben? Als der Tempel angegriffen wurde? Du hast dich doch verdrückt und uns im Stich gelassen! Du hast sogar Firey den Rücken zugekehrt! Wo warst DU, als FIREY dich gebraucht hat!?“
Das hatte gesessen: das sahen sie beide, der eine mit hämischem Triumpf, die andere bestürzt – Yuuki antwortete nicht, was Azuma noch mehr erfreute:
„Genau, dem hast du nämlich nichts entgegenzusetzen, denn es ist nun einmal unleugbar.“ Die Tempelwächter um sie herum hatten den Streit mitbekommen und hatten ihre Arbeit niedergelegt, um ihre Neugierde nach neuem Lästermaterial zu stillen, doch der Streit schien beendet zu sein. Beide Elementarwächter starrten sich einen Moment lang an – dann senkte Yuuki den Kopf, was Azuma zu erzürnen schien. Zornig wandte er sich ab und ging stampfend, aber als Sieger, die Brücke zurück. Jedoch nicht ohne ihm ein letztes, abfälliges Wort entgegenzuschleudern:
„Feigling!“