Online: 1 Heute: 16 Gesamt: 170924
Episode 78
  Episode 78: Im Palast der Eiskönigin
Nocturn machte seine Ankündigung wahr: Er braute sich erst einmal einen Kaffee, ehe er sich Youma zur Brust nahm. Dieser wartete aber gewiss nicht einfach ruhig im Bett darauf, dass das nächste Verhör beginnen würde – mit den Gedanken bei Silence stand er aus dem Bett auf, sobald Nocturn endlich von seiner Brust heruntergesprungen war. Er sollte sich für die Fragen wappnen, mit denen sein Partner ihn konfrontieren würde, aber alles, woran er denken konnte, war Silence… Nocturn hatte ihn nicht verstanden, weil er in deren Muttersprache gesprochen hatte, aber Silence hatte es natürlich getan. Sie wusste es nun… es war ihre eigene Schuld, dass sie es auf diese Art erfahren hatte, aber dennoch – so hatte es nicht geschehen dürfen. Eigentlich hatte es gar nicht geschehen dürfen… aber wenn… dann doch nicht so… Was dachte sie jetzt? Wo war sie? Youma wollte zu ihr, aber er wusste nicht, wo er nach ihr suchen sollte.
Oder war sie… so stark und so… hart und kalt geworden, dass ihr das, was sie gehört hatte… gar nichts ausmachte?
Nein! Youma musste im Jetzt bleiben; im Jetzt, hier, drohte ihm Gefahr – und mit diesem Gedanken und der Entschlossenheit, dass Nocturn nichts über ihn erfahren durfte, was er nicht selbst und freiwillig preisgab, wollte Youma sich wegteleportieren; aber als könnte Nocturn seine Gedanken lesen, wurde sein Handgelenk genau in dem Moment, als Youma sich hatte teleportieren wollen, von dem Flötenspieler gepackt, der plötzlich wieder neben ihm stand – eine Tasse duftenden Kaffee in der anderen Hand:
„Ah, nicht doch – sei kein Spielverderber, ja?“ Er schien… freundlich klingen zu wollen, aber hinter seiner verspielten Stimme lag Gefahr und Youma entwich auch seine Gesichtsfarbe, als er Nocturns heimtückisches Grinsen sah, ehe der Yami in die Stube gezerrt wurde. Er versuchte sich loszureißen, aber Nocturns Finger hielten ihn in einem Klammergriff gefangen – und Youma spürte das Piksen seiner Fingernägel an seiner Hauptschlagader. Ob Youma sich selbst bewusstlos schlagen sollte, um diesem Verhör zu entgehen?
Also!“ Plötzlich klang Nocturns Stimme wieder quirlig.
„Ich werde dich jetzt loslassen, aber du wirst mir nicht entfliehen – du trägst deinen Ingnix nicht, ich werde dich also finden können… Bist du bereit für deine Fragen?“ Leider hatte Nocturn recht: Youmas Ingnix lag in seinem Schlafzimmer, auf dem Nachtschrank. Aber konnte Nocturn ihn wirklich überall finden…? Youma überlegte, ob er es darauf ankommen lassen sollte, als Nocturn seine Finger langsam von ihm löste, wählte aber es nicht zu tun. Nocturn setzte sich derweil auf einen der vier Drehstühle an der Theke, die die Küche von der Stube trennte und grinste spitzbübisch, das linke, dürre Bein unter das andere dürre Bein geklemmt, gemütlich, aber auch aufgeregt an seinem Kaffee nippend.
„Das bringt dich in eine ganz schön prekäre Lage, huh?“ Das tat es leider – Youma spürte auch die Gänsehaut – oder war es schon Angstschweiß? – auf der Haut. Silence hatte ihm da wirklich kein Gefallen getan. Aber es war eine Sache, Silence Rede und Antwort zu stehen; Nocturn war eine ganz andere. Youma wollte ihm nichts von sich erzählen; er wusste schon genug – und Youma hatte erst vor kurzem erfahren, was er mit dem Wissen über ihn anstellte. Er plauderte es aus und machte ein Schauspiel daraus! Und Youma sah in seinen fies leuchtenden Augen, dass er es ein weiteres Mal tun würde… aber es gab nichts… was er tun konnte, um das zu verhindern…
„Ich könnte dir tausend Fragen stellen… so viele Mysterien aufdecken…“ Youma fiel dem Flötenspieler wütend ins Wort:
„Vielleicht beginnst du dann mal anstatt herumzuspielen.“ Nocturn lachte:
„Da will wohl jemand unbedingt von sich selbst reden!“ Nein, wollte er nicht und Nocturn wusste das. Youma wollte gewiss nicht von sich selbst reden; er hüllte sich nicht ohne Grund in Schweigen und redete auch nicht ohne Grund so wenig wie möglich, damit ihm auch ja nichts herausrutschte… wie lange wirkte diese Technik von Silence nur?! Wenn Nocturn ihn noch länger schweigend angrinste – offensichtlich um ihn auf die Folter zu spannen – dann war die Wirkung der Technik verflogen… wenn sie denn irgendwann aufhörte. Moment – sie… sie hörte doch irgendwann auf…?
„Also gut! Kommen wir zur ersten Frage…“ Youma machte sich auf alles gefasst; er verkrampfte sich, machte sich dafür bereit, gegenanzukämpfen…
„Was ist deine Lieblingsfarbe!?“ Nocturn grinste weiterhin, nicht darauf achtend, dass Youma ihn perplex anblinzelte. Das… war seine erste Frage? War das sein Ernst?! Aber die Technik Silences gab Nocturn ganz automatisch eine Antwort, auch wenn Youma eigentlich zu verwirrt war, um zu antworten:
„… Gold.“ Nocturn schnaubte spottend:
„Das habe ich mir irgendwie gedacht. Wie passend zu einem verwöhnten Kronprinzen!“
„Nicht wie das Gold aus dem Schmuckstücke gefertigt sind, sondern das Gold, das die Sonne schmiedet, wenn es die Spitzen des Korns berührt!“ Youma war zornig, als er ihm diese Antwort gab – aber kaum, dass die Worte über seine Lippen gekommen waren, beruhigte er sich schon wieder und ärgerte sich über sich und die Technik. Das hätte er nicht sagen dürfen… und es gefiel ihm gar nicht, dass Nocturn ihn aufmerksam musterte. Wie sollte er es deuten, dass er aufgehört hatte zu grinsen? Wie ein gutes oder schlechtes Zeichen?
„Du bist ein Naturliebhaber?“
„Ja… ich ziehe sie auf jeden Fall den Städten vor.“ Nocturn musterte ihn noch ein paar Sekunden, dann fuhr er fort:
„Ich gebe dir mal einen Tipp: die „weiße Kehle“ zwingt dich zwar zu einer Antwort, die der Wahrheit entspricht, nicht aber zu einer ausführlichen Antwort. Es hätte genügt, mit einem „Ja“ zu antworten. Du bist auch nur dazu gezwungen, auf direkte Fragen zu antworten. Wenn du also nicht möchtest, dass deinem Mund zu viele Wahrheiten entfliehen, solltest du darauf achten, wann du ihn aufmachst.“ Youma, der die Arme verschränkt hatte und an der Rückseite des Sofas lehnte, fixierte ihn argwöhnisch. Warum erzählte er ihm das…?
„Ja, ich kenne mich gut damit aus“, fuhr Nocturn fort:
„Wie eigentlich jeder Dämon oder jeder Wächter, der sich mit Informationsbeschaffung beschäftigt. Ich habe sie selbst nicht oft eingesetzt, aber ich beherrsche auch diese verbotene Kunst – du offensichtlich nicht, wenn ich von deinem Gesicht her urteile. Sie ist eine Technik, die von jenen angewandt wird, die schnell an Informationen ran wollen und sich nicht damit plagen wollen, dem Opfer die Informationen auf andere Art herauszulocken.“
„Oder die schlichtweg Informationen haben wollen, von denen sie sicher sein können, dass sie wahr sind.“ Nocturn fand wieder zu seinem Grinsen zurück:
„Ja… und nein.“ Er stellte sein Bein wieder auf dem Boden ab; die nun leer getrunkene Tasse stellte er auf die Theke:
„Wenn du davon überzeugt wärest, dass der Himmel grün wäre, dann würdest du mir unter Einfluss dieser Technik genau das sagen. Die Worte, die aus deinem Mund kommen, sind keine allgemein gültige Wahrheit; sie entsprechen der Wahrheit, von der du selbst überzeugt bist. Etwas, was man im Hinterkopf haben sollte, wenn man die Technik einsetzt. So – und jetzt sollten wir los.“ Nocturn rutschte vom Stuhl herunter, wobei er Youmas entgeisterten Blick komplett ignorierte.
„“Los“? Moment – das ist alles?! Mehr willst du nicht von mir wissen?! Du bist mit meiner Lieblingsfarbe zufrieden?!“ Youma war außer sich vor Entgeisterung. Nocturn war das Gegenteil: Er zeigte sich ganz ruhig und in seinem Gesicht war auch nur eine leichte Verwunderung zu erkennen, als er sich herumdrehte.
„Aber ja. Ich gehöre nämlich zu jenen Dämonen, die diese Technik ziemlich einfallslos finden. Unkreativ! Langweilig!“ Er zog jeden Laut dieser beiden Worte in die Länge:
„Wenn ich etwas aus dir herausquetschen wollen würde, Kronprinzchen…“ Da war es wieder; das Leuchten in Nocturns Augen, das Youma deutlich machte, dass er mit einer sehr gefährlichen Person unter einem Dach lebte:
„… dann würde ich dich ganz klassisch foltern.“


Wenn es etwas gab, worin sich die meisten Dämonen einig waren, dann war es eine gemeinsame Abneigung gegen die Kälte. In den meisten Gebieten der Dämonenwelt war es im Vergleich zu den Inseln der Wächter überdurchschnittlich warm, weshalb die meisten Dämonen sich an die Hitze gewöhnt hatten – es gab nur wenige Teile der Dämonenwelt, wo die Temperatur unter 30°C war, weshalb viele niedrigere Temperaturen als sehr unangenehm empfanden.
Aus diesem Grund war das Gebiet Lacrimosas auch vor ihrem Erscheinen nie ein Gebiet an sich gewesen; vor hundert Jahren noch hatte es als Niemandsland gegolten, denn niemand wollte sich in dieser Schnee- und Eiswüste länger aufhalten als nötig; auch die darum liegenden Gebiete gehörten zu den weniger dichtbevölkerten Landstrichen der Dämonenwelt. Jene Dämoninnen, die sich Lacrimosas Schwestern nannten, hatten sich an den Temperaturumschwung gewöhnen müssen, der überaus schlagartig eintraf, sobald man sich der Grenze näherte. Allerdings nicht so schlagartig wie die Temperatur Lycram traf, der sich, anders als Azzazello, geweigert hatte, einen Mantel überzuziehen und nun genau wie sein einzig von der ersten Schlacht übrig gebliebener Kommandeur mit den Zähnen klapperte. Deren Zähne hatten vom ersten Moment an angefangen zu klappen, als die drei sich wie verabredet direkt in den Eispalast von Lacrimosa teleportiert hatten. Da Lycram das Verhalten seiner Zähne nervig fand und nicht zeigen wollte, dass er auch nur das kleinste bisschen fror, zwang er sein Gebiss dazu ruhig zu bleiben, indem er seine Zähne zusammenbiss und dabei einen noch unfreundlicheren Eindruck als sonst machte – und natürlich wurde doch ein eifersüchtiger Blick zu Azzazello geworfen, dessen Mantel sehr warm aussah. Azzazello fror auch in der Tat nicht: sein Fellmantel hatte sich schon in Moskau bewährt gemacht und beschützte ihn auch jetzt vor Kälte – außerdem hatte seine Rime ihn vorher für ihn aufgewärmt.
„Warum hätten wir uns nicht auch woanders treffen können!?“, fluchte Lycram ein Zittern unterdrückend:
„Hier friert man sich den Arsch ab!“ Trotzdem hatte die Kälte Lycram ein früheres Mal nicht davon abgehalten, Lacrimosa einen „Besuch“ abzustatten, wie Azzazello durch den Kopf schoss, aber er erwähnte es nicht, denn Lycram war nicht ohne Grund ganz schlecht auf dieses eine Treffen zu sprechen.
„Du hättest dich einfach wärmer anziehen müssen, mein Lieber“, unterbrach eine melodisch klingende Frauenstimme Lycrams bibberndes Fluchen; eine Stimme, die Lacrimosa gehörte, die die drei Besucher bereits erwartet hatte und nun flankiert von Cilan und Klarriette vor ihnen stand und mit ihrem neu aus der Wächterwelt ergaunerten Schmuck prachtvoll glänzte, welcher natürlich perfekt zu ihrem violetten Kleid mit dem weiten Pelzkragen passte.
„Ouu, wie ich sehe, bist du verletzt! Sollte ein so tapferer Kriegsveteran wie du nicht lieber in seinem eigenen Gebiet bleiben?“ Lacrimosa deutete spöttisch auf Lycrams linken Arm und wie im Takt begannen ihre beiden Schwestern feixend schadenfroh zu grinsen – Klariette fand offenbar sogar, dass das doch die perfekte Gelegenheit war, um Lycrams Gebiet anzugreifen; woraus sie auch keinen Hehl machte.
„Ihr könnt es ja gerne versuchen, Cousinchen“, antwortete Lycram mit einem breiten Grinsen:
„Ich vernichte euch auch noch, wenn ich gar keinen Arm habe!“
„Ich bin nicht deine Cousine!“, schrie Klariette mit solch einer Stimmgewalt, dass jeglicher Zweifel an einer Verwandtschaft mit Lycram eigentlich sofort nichtig war und einer tiefen Stimme, die im Kontrast stand zu ihrem mädchenhaften Äußeren.
„Was sie auch tatsächlich nicht ist“, warf Azzazello erklärend ein, in der Hoffnung, dass das die Gemüter kühlen würde – eigentlich hoffte er nur darauf, Lycrams Gemüt zu kühlen:
„Klariette-san ist eine unserer Nichten…“
„Scheiß drauf – wen interessiert‘s! Wenn sie eine Tracht Prügel haben will, dann bekommt sie sie auch!“ Azzazello wusste schon, warum er unbedingt mitkommen wollte! Das war gar keine Frage des Wollens; er hatte mitgemusst! Egal ob Lycram ein Arm fehlte oder nicht, man konnte ihn einfach nirgendwo hinlassen, ohne dass er nicht einen Kampf vom Zaun brach – und dieses Gebiet hier war ein Pulverfass. Jede Frau hier wollte Lycram an die Gurgel!
„Wir sollten uns darauf besinnen, warum wir heute hier sind – und sowieso lieber zusammenarbeiten anstatt zu kämpfen. Die Wächter sind unsere Feinde, ich sage es immer wieder…“ Azzazello wandte sich von Lycram ab und sah ernst zu Lacrimosa, die sich das Schauspiel belustigt angesehen hatte, nun aber ernst wurde, als sie Azzazellos Blick traf:
„Sie wissen es sicherlich ebenfalls schon…“
„Die Lichtflüsse auf dem Himmel über Ri-Ils Gebiet, ja. Ich weiß davon. Aber solange sie bei euch im Westen bleiben, ist das euer Problem, nicht meins.“ Azzazello sah sie verstört an, aber Klariette und Cilan nickten vehement.
„Das könnte für uns alle ein Problem werden…“, versuchte Azzazello noch einmal nachzubohren, aber Lacrimosa blieb hart:
„Die Wächter haben sich noch nie hierhin verirrt. Die Witterung…“ Lacrimosa sah hinaus aus den ovalen Fenstern, wo ein Schneesturm tobte und es unmöglich machte, hinauszusehen:
„Niemand außer uns mag den Schnee.“ Sie drehte sich wieder herum und warf Lycram ein feixendes Grinsen zu:
„Nicht wahr, Lycram? Brauchst du vielleicht einen Tee, um dich aufzuwärmen? Wir wollen doch nicht, dass du auch noch eine Erkältung bekommst…“
„Fick dich einfach!“
„Vielleicht solltest du dich lieber selbst ficken!“, konterte Lacrimosa ebenso brüsk wie Lycram und deutete mit den Augen auf den mitgebrachten Kommandeur, der sich eher im Hintergrund hielt – sicherheitshalber.
„Ganz offensichtlich kannst du dich nämlich immer noch nicht an Abmachungen halten!“
„Tja, damit wirst du dich abfinden müssen...“ Lacrimosa fiel ihm boshaft kichernd ins Wort:
„Was, hast du etwa schon in der ersten Schlacht zwei Kommandeure verloren? Sagt, Schwestern, wann haben wir zuletzt unsere Kommandeure sterben gesehen? Warte – ich glaube noch nie!“ Und alle drei stimmten im Einklang ein Lachen an, dass dem übrig gebliebenen Kommandeur Angst und Bange wurde, während Azzazello Lycram noch einmal daran erinnern musste, dass er wegen seiner Arme eine ganz schlechte Ausgangsposition hatte. Schnell wurden die drei Frauen allerdings wieder ernst und begannen etwas hinter vorgehaltender Hand zu diskutieren; überaus geschwind wurden sie sich einig und Lacrimosa teilte den drei Männern ihr gegenüber mit, dass sie dem Handel trotzdem zustimmen würde. Offensichtlich hatten sie einen Mangel an Erbgut, dachte Azzazello und hatte doch ein wenig Mitleid mit dem nun von Cilan und Klarriette abgeführten Kommandeur, der diesen eisigen Palast so schnell nicht verlassen würde…


„Ich hoffe, ich brauche dich nicht an unsere Abmachung zu erinnern, Nocturn.“ Ungeduldig immer wieder zur Tür sehend warf Youma nun allerdings einen Blick zu seinem Partner, der sich in dem von der eher missvergnügt aussehenden Cilan angebotenen metallenen Korbsessel niedergelassen hatte und eher gelangweilt wirkte. Für Youmas Bedenken hatte er auch nichts anderes übrig als mit den Augen zu himmeln. Youma verstand seine Langweile nicht, genauso wenig wie seine Gelassenheit. Ihm war zwar auch ein Sitzplatz angeboten worden, aber er blieb lieber stehen; sie waren immerhin nicht in ihrer eigenen Stube und auch wenn Lacrimosa deutlich irgendwelche Allianzen andeutete, so wollte Youma lieber auf der sicheren Seite bleiben, denn er verstand ihr Verhalten genauso wenig wie Cilan es tat. Warum reichte eine männerverabscheuende Frau ihnen die Hand – nun schon zum zweiten Mal? Wieder hatte sie sie angerufen und dieses Mal war ihre Hilfe weitaus subtiler gewesen; sie hatte die beiden zum „Eisessen“ eingeladen. Aber da Youma und Nocturn dank den Gedankenlesefähigkeiten des Letzteren wussten, dass Lycram und Azzazello an diesem Tag ebenfalls ein Treffen mit Lacrimosa haben würden – und das zufälligerweise zum gleichen Zeitpunkt – war klar, dass Lacrimosa ihnen entweder eine Falle stellen wollte, oder ihnen wieder unter die Arme greifen würde, indem sie den beiden die gleichen Informationen zukommen ließ wie Lycram und seinem Bruder. Aber wenn sie wollte, dass sie ebenfalls an diese Informationen gelangten, warum hatte sie sie dann nicht zu einem anderen Zeitpunkt eingeladen?
Das war Youma alles zu suspekt – und die Technik seiner Schwester wirkte immer noch, was die Situation noch weiter verschärfte. Laut Nocturn würde die Wirkung nach mehreren Stunden nachlassen; wann genau, das konnte er nicht sagen, das käme auf die Macht des Anwenders drauf an – keine Antwort die Youma besonders gefiel, auch wenn es ihm schwerfiel, Silences Macht einzuschätzen. Zwar trug er einen Mantel und sein hoher Kragen sowie sein Schal verbargen seine Kehle, aber er war dennoch dazu verdammt, nur die Wahrheit zu sprechen… unter den Umständen hätte er eigentlich nicht mitkommen dürfen, aber Nocturn hatte sich geweigert, alleine zu gehen – er sei doch nicht sein Laufbursche. Dabei war er doch mit Lacrimosa befreundet, soweit Youma das einschätzen konnte?
„Ich habe es in Paris gesagt und ich sage es noch einmal – ich halte mich nicht an irgendwelche Abmachungen mit irgendwelchen verwöhnten Kronprinzen. Ich bin nur hier wegen dem guten Eis und weil ich sehen möchte, wie du dich blamierst!“ Offensichtlich teilte Nocturn Youmas Skepsis nicht.
„Du wirst kein Eis bekommen, du unseriöser Idiot!“, entfuhr es dem Sensenmann, sich von der Eissäule abwendend, an die er sich gerade mit dem Ellenbogen gelehnt hatte:
„Das war doch nur ein Vorwand, um unser Erscheinen hier subtil zu forcieren; hast du das denn nicht begriffen?!“
„Das heißt aber ja nicht, dass ich nicht trotzdem mein Eis bekommen kann. Die Frauen hier sind wirklich sehr gut darin, Eis herzustellen - ich hoffe, Feullé hat das gelernt. Es ist eine wahre Delikatesse, die man nicht verschmähen sollte!“ Youma hörte ihm nur mit halbem Ohr zu und seufzte angestrengt:
„Mach doch, was du willst...“
Das tue ich sowieso!“ Jetzt war es Youma, der mit den Augen himmelte und er musste ein unzufriedenes Grummeln unterdrücken, als er sah, wie Nocturn seine Worte mit einem spielerischen Zeigefinger betonte.
„Es wäre trotzdem sehr nett, wenn du dich zurückhalten würdest. Wir erklären hier noch niemandem den Krieg.“ Nocturn gähnte demonstrativ und begann mit seinen Fingernägeln zu spielen:
„Also ich bin nicht derjenige, den jeder umbringen möchte. Also – doch, aber man will eher dich umbringen als mich.“ Dass Nocturn mit dieser Aussage recht hatte, bemerkte Youma sofort, als Lycram ihn sah, sobald Lacrimosa zusammen mit ihm und seinem Bruder die kleine rechteckige Halle betrat. Beide waren sichtlich überrascht, Youma und Nocturn dort zu sehen, aber der Schock wurde schnell aus Lycrams Gesicht gefegt, als die Wut übernahm.
„Was machen diese beiden Armleuchter denn hier?!“
„Ich habe sie eingeladen“, antwortete Lacrimosa schnippisch, sich offensichtlich sehr über die verschiedenen Reaktionen freuend.
„Haben die auch für dieses beschissene Treffen bezahlt?!“
„Also, Lycilei-“
Wag es nicht, du Schlampe---“ Aber sie wagte es natürlich und ahmte Ri-Ils Tonfall sogar recht gut nach:
„-lein, ich wüsste nicht, was dich das angeht!“
„Lycram, Lycram, bitte, bitte... denk an die Informationen... deinen Arm!“ Die Informationen schienen Lycram vollkommen egal zu sein und auch die beruhigende Hand Azzazellos auf seiner halbwegs gesunden Schulter, zeigte nicht die gewünschte Wirkung, denn seine Fingerspitzen leuchteten bereits auf.
Da Youma wirklich nicht auf einen Kampf, sondern nur auf die Informationen und eine Erklärung für Lacrimosas Unterstützung aus war, setzte er ein steifes Lächeln auf und versuchte sich in Diplomatie, während Nocturn sich weiterhin in Desinteresse übte. Aber wenigstens war er aufgestanden.
„Aber, aber, wir sind doch nicht auf dem Schlachtfeld...“
„Und da kannst du verflucht glücklich drüber sein, du Mischwerk!“ Das Lächeln war sofort weg:
„Ich was?! Wie haben Sie mich…“
„Lycram, bitte!“ Youma entschied sich so zu tun, als hätte er doch überhaupt gar nichts gehört und fuhr fort, ignorierte auch Lycrams wütende Augen, als er sich zu ihnen stellte und sich nun Lacrimosa widmete – und sogar Lycram bemerkte, dass sie plötzlich mädchenhafter wirkte als normal, sobald sie und Youma Augenkontakt hatten.
Ich jedenfalls bin sehr dankbar für Ihre freundliche Einladung, Lacrimosa-san.“ Er lächelte auf eine charmante Art und sie erlaubte ihm, ihre Hand nehmen zu dürfen, die er in geübter Höflichkeit zu seinen Lippen führte und sich dafür so einige argwöhnische Blicke einheimste, die noch argwöhnischer wurden, als Lacrimosa sich darüber nicht verärgert, sondern überaus entzückt zeigte. Sie grinste ein erfreutes Schulmädchengrinsen, denn sie interpretierte diese in Youmas Augen reine Höflichkeitsfloskel anders, da diese Art von Höflichkeit in der Dämonenwelt eher ungewöhnlich war, weshalb Azzazello und Lycram sich auch über Youmas komisches Verhalten wunderten. Während Azzazello sich sagte, dass er sich das unbedingt für Rime merken musste, glaubte Lycram, dass Youma gerade versuchte, in Lacrimosas Bett zu kommen. Youma verstand das Aufsehen nicht; er wunderte sich über Lacrimosas Reaktion, wie er sich auch über Nocturns Blick wunderte, der ihm wohl irgendetwas sagen wollte, aber er verstand nicht, worauf er hinauswollte.
Kulturunterschiede.


Nachdem Nocturn tatsächlich noch sein Eis erhielt, kamen sie endlich zu dem Teil, auf den zumindest Youma und Azzazello die ganze Zeit gewartet hatten; Lycram hatte den eigentlichen Grund ihres Besuches wegen seines Jähzorns fast vergessen und fluchte immer noch in Gedanken, während Lacrimosa Youma – und eigentlich auch Nocturn, aber ihn interessierte es nicht – erklärte, was der Grund für diese Aufnahme war.
„Du siehst, mein Lieber, wir waren alle ziemlich verwirrt über die komische Kriegserklärung unserer Majestät und uns beschäftigte die Frage, wie er ganz im Alleingang auf die Idee kam, einen Krieg anzukündigen, obwohl es keinerlei Anzeichen darauf gab, dass der Bannkreis bröckelte.“ Azzazello nickte zustimmend und Lycram nutzte die kurze Atempause Lacrimosas aus, um ihr ins Wort zu fallen:
„Du hast ja wohl nicht vor, uns das noch einmal zu zeigen?! Das einmal gesehen zu haben reicht völlig!“ Lacrimosa erwiderte sein giftiges Funkeln:
„Ich weiß, ich weiß. Ich erinnere mich gut daran, dass du versucht hast, mich auszutricksen, indem du deinen Teil der Abmachung nicht eingehalten hast.“
„Wozu hätte ich das auch tun sollen, du hast ja nichts Spannendes herausgefunden; es war nicht Ri-Il, also war das Ganze ja reine Zeitverschwendung, dafür bezahle ich nicht...“
„Lycram, dreht sich denn alles in deinem Leben nur um Ri-Il?“ Lycram war offensichtlich in Streitlaune; er öffnete den Mund weit auf und verlor dann, kaum dass Lacrimosa diesen Konterangriff gestartet hatte, den Faden – doch nur eine Millisekunde lang.
„Mein Erzfeind ist auch nicht irgendjemand, sondern Ri-Il. Bei jemandem wie Ri-Il muss man ständig aktiv sein; immer eine List erwarten, immer auf einen Angriff gefeit sein, ansonsten kann man auch gleich einpacken! Das Gebiet von diesem Feigling Akai war noch nicht einmal kalt und dieser Hurensohn hat es sich unter die gierigen Finger gerissen und einverleibt, als wäre es schon immer sein Gebiet gewesen!“
„Da hat wohl jemand nicht ordentlich aufgepasst, ansonsten hätte das dein Gebiet sein können, Lyci…“
„Ich habe gekämpft, Schlampe, Wächter getötet, was man von dir ja nicht gerade behaupten kann. Wie ich gehört habe…“ Lacrimosas Grinsen verschwand – dafür flammte Lycrams umso mehr auf:
„… hast du dich ziemlich schnell aus dem Staub gemacht. Ich war bis zum Ende da.“ Youma mischte sich nicht ein, aber im Gegensatz zu Nocturn – der nicht den Anschein machte, als interessiere ihn irgendetwas anderes außer seiner Schale Eis – hörte er jedem gesprochenen Wort sehr aufmerksam zu, auch wenn er dieses ständige Kräftemessen nicht gänzlich nachvollziehen konnte. Alles in diesen Gesprächen schien darum zu handeln, wer stärker war… war das wirklich das einzige, worüber die Dämonen nachdachten? Das einzig wichtige in deren Leben? Nur für Azzazello schien das nicht wichtig zu sein und auch wenn Youma Lycrams Temperament sehr unkontrollierbar und unermesslich vorkam, so schien es für den Bruder möglich zu sein, es ein wenig im Zaum zu halten. Er schien vernünftig zu sein… wenn auch um einiges schwächer als sein hitziger Bruder.
Draußen tobte weiterhin der Schneesturm – in welchen Lacrimosa Lycram drohte hinaus zuwerfen, wenn er nicht langsam ruhig war – und die blauen Flammen flackerten ein wenig auf von dem Wind, der seinen Weg doch durch kleine Ritze zu finden vermochte; Youma sah sein eigenes Spiegelbild in dem spiegelnden Boden von dem Blau der Flammen erhellt und spürte, wie er in Melancholie und dunkle Gedanken hinabsank, wieder an Silence denken musste… der einzigen Person, mit der er etwas gemein hatte… nicht mit denen, die hier waren; nein, gewiss nicht mit denen.
Youmas Gedanken wurden unterbrochen, als Lacrimosa mit einer kleinen Fernbedienung die Videoaufnahme startete, um die das gesamte Treffen handelte und ein großes Bild erschien auf der Wand gegenüber von ihnen, als befänden sie sich in einem Kino – allerdings ohne Leinwand und Lacrimosa war auch die einzige, die sich zu Nocturn setzte; die anderen blieben stehen. Youma etwas über die Technik verwundert, aber nichts sagend, Azzazello gespannt, Lycram mürrisch – und Nocturn aß weiter sein Eis.
Das Video setzte für Azzazello und Lycram an einem komischen Punkt an, denn als sie die Videoaufnahme gesehen hatten, war Lacrimosa bereits mitten im Gespräch mit Lerou gewesen – das Video begann allerdings, als Lacrimosa gerade das Schloss des Königs betrat; allein, ohne Klariette und Cilan als ihre ständigen Begleiter. Lycram wollte sich schon beschweren, warum sie das Video denn an so einem frühen Punkt beginnen ließ, wenn das wichtige doch das Gespräch mit Lerou war, aber er schwieg, sich daran erinnernd, dass Lacrimosa bei dem Festmahl gemeint hatte, dass sie noch etwas anderes Interessantes herausgefunden hatte.
Mit festen, klappernden Schritten durchquerte Lacrimosa den düsteren Eingangsbereich, flog empor und gelangte schon in den mit rotem Teppich ausgelegten Innenbereich des dritten Zirkels. Zielstrebig ging sie weiter, als sie plötzlich stehen blieb; weshalb sie dies tat, hatte keiner der Anwesenden sehen können und Lacrimosa gab ihnen keine Erklärung. Plötzlich wandte sie sich nach links, weg von dem Verbindungsschacht und flog weiter, denn ihre Absätze hätten zu viel Krach verursacht. Sie… folgte jemandem, aber weder die beiden Brüder noch Youma und Nocturn erkannten, um wen es sich handelte. Es war ein männlicher Dämon von geringer Statur; kleiner als die meisten Dämonen, wie Youma meinen würde; von der Größe her könnte es ein Halbdämon sein, denn seine Statur glich der eines Menschen… er wirkte nervös. Immer wieder sah er sich ausgiebig herum… machte einen großen Bogen um andere Dämonen. Aber trotz aller Vorsicht bemerkte er Lacrimosa nicht, die jedes Mal bevor er den Kopf drehte, es regelrecht zu wittern schien und sich zu verbergen wusste. Offensichtlich war das nicht das erste Mal, dass sie jemanden hinterherschlich.
Aber was war das auf seinem Rücken? Youma konnte es nicht ganz erkennen, denn das Video wackelte zu sehr, aber es schien ihm, als würde der Dämon irgendetwas auf dem Rücken tragen; etwas Langes, etwas Unförmiges...
„Ist das etwa ein Gewehr? Seit wann tragen Dämonen denn Gewehre? Ist das neuerdings ein Trend?“, unterbrach Nocturn die etwas gespannte Stimmung nach wie vor sein Eis essend. Keiner antwortete ihm, aber Lycram und Azzazello verstanden sofort, warum das Video interessant war, denn keiner von ihnen hatte das merkwürdige Ereignis vergessen, als ein unbekannter Dämon versucht hatte, Lerou bei der Kriegseröffnung mit einem Gewehr zu ermorden. Was tat er im Schloss? Und dabei auch noch so offensichtlich die Tatwaffe zur Schau stellend? Dämonen benutzten immerhin keine Schusswaffen – das war ziemlich auffällig.
Der unbekannte Schütze schlüpfte unbemerkt in einen Seitengang, gefolgt von Lacrimosa, die er nach wie vor nicht bemerkte – und wurde erwartet. Offensichtlich nicht von einem Freund; denn das erste, was er tat, als sie sich in dem schmalen Gang, der in einer Sackgasse mündete und nur zwei schmale Türen besaß, gegenüberstanden, war das Zücken einer weiteren Waffe. Diese war um einiges kleiner und handlicher als die, die er auf dem Rücken trug und ohne Umschweife richtete er sie auf den anderen Dämon, welcher sich nach wie vor im Schatten befand und egal wie sehr Youma sich auch konzentrierte, er konnte dank des Videos nicht ausmachen, wer es war. Als der Dämon allerdings die Stimme erhob, wusste nicht nur Youma, wer es war:
„Warum denn so nervös?“
Karou?!“, entfuhr es Azzazello überrascht und eigentlich auch Youma, doch er konnte sich im letzten Moment noch zusammenreißen, an seine weiße Kehle denkend.
„Der Krüppelbruder von Lerou? Warum trifft er sich mit dem Attentäter, der auf seinen König geschossen hat?“ Eine Frage, die Youma sich ebenfalls stellte, aber Lacrimosa antwortete nicht; sie zeigte nur auf die Aufnahme, wo der unbekannte Dämon keine Anstalten machte, seine Waffe zu senken – und Karou trotz seines Rufs als „Krüppel“ keine Angst vor der erhobenen Waffe zeigte, indem er aus den Schatten heraustrat und so nun genau vor dem Lauf der Pistole stand, die auf seine Stirn gerichtet war.
„Ihr Vorhaben wird genauso scheitern, wie es bei Lerou gescheitert ist, also sparen Sie Ihre Munition.“
„Bei Lerou hatte ich auch nicht so eine gute Position wie jetzt.“ Die Stimme des unbekannten Dämons passte zu dem ersten Eindruck, den Youma von ihm hatte; sie klang jungenhaft, unerfahren. Aber deswegen nicht weniger entschlossen; im Gegenteil, er klang sehr entschlossen, aber nicht auf eine eingebildete Art, eher auf eine leidenschaftliche Art, eine „Alles oder nichts“-Art.
„Und noch keinen Stoßdämpfer. Gut, dass Sie sich einen besorgt haben“, antwortete Karou, die Pistole in Augenschein nehmend.
„Was wollen Sie von uns?“ Uns? Da war doch niemand außer den beiden und der sich gut versteckenden Lacrimosa. Von wem sprach er?
„Sind Sie derjenige von ihnen, der die Entscheidungen trifft?“, lautete die Gegenfrage Karous, während seine gelben Augen begutachteten, wie sein Gegenüber langsam die Pistole senkte.
„Nein, meine Schwester und ich entscheiden zusammen.“ Oh, wie dumm, das hätte er ihm doch nicht erzählen dürfen, schoss es Youma sofort durch den Kopf; entschlossen war er, aber Heimlichtuerei lag ihm offensichtlich weniger.
„Ha! Guck, Lycram, ich hab’s dir doch gesagt“, ertönte es links neben Youma von Lacrimosa und er sah, wie Lycram und sie wieder feurige Blick austauschten, die der Sensenmann wieder nicht nachvollziehen konnte.
„Und warum kommen Sie dann alleine?“, fuhr Karou fort und endlich reagierte der junge Dämon einigermaßen professionell:
„Die viel wichtigere Frage ist doch, warum Sie mit uns einen „Handel“ eingehen wollen, wenn Sie genau wissen, dass ich es war, der nicht nur auf den König der Dämonen, sondern auch auf ihren Bruder geschossen hat, mit der Absicht ihn zu töten.“ Nicht nur für den jungen Dämon kam Karous Tat überraschend, sondern auch für die Zuschauer: er packte plötzlich die Hand, die immer noch die Pistole hielt und riss sie wieder hoch, richtete sie abermals auf seine Stirn, sah ihm durchdringend in die Augen, im gleichen Moment, als sich der Schuss löste.
Kein Widerhall war zu hören; Karou stand aufrecht, die surrende, sich in seine fahle Stirn festdrehende Patrone nicht beachtend.
„Weil Sie auf diese Art niemanden umbringen, Sie dummer Junge.“ Ein dünnes Rinnsal Blut lief herunter, welchen Karou sich beiläufig ableckte, als der Blutstropfen seinen Mund passierte.
„Mein unterentwickelter Bruder hat zwar nicht begriffen, dass Sie es waren, der auf ihn geschossen hat, aber ich garantiere Ihnen, dass er sich merken wird, dass Sie ihm als Fürst keine Gehorsamkeit geschworen haben. Er wird Sie und Ihr Gebiet angreifen, wenn Sie seine Befehle nicht befolgen und Sie vernichtend schlagen. Und sollte er es vergessen, werde ich ihn schon daran erinnern.“ Dies schien den Jungen aus seiner Starre zu lösen:
„Er soll nur kommen – wir sind vorbereitet!“
„Ihr Wille ist wahrlich beeindruckend“, erwiderte Karou ironisch und mit hochgezogenen Augenbrauen, die Patrone zwischen seinen behandschuhten Fingern hin und her drehend:
„Aber dumm. Glauben Sie denn, dass Lerou und ich die einzigen Dämonen sind, bei denen eine solche Patrone keine Wirkung zeigt? Ich kann für Sie nur hoffen, dass Ihre Horde über traditionellere Methoden verfügt.“
„Ich werde mir von Ihnen nicht anhören, wie wir unser Gebiet zu führen haben!“
„Oh, natürlich gehen Sie lieber in den Tod für Ihre Überzeugung und sterben als Lerous Unterhaltung; das hätte ich wissen müssen. Er wird sich freuen.“ Der junge Fürst schwieg kurz und wenn er und Youma sich was Familienbande anging ein wenig ähnelten, dann konnte Youma sich vorstellen, woran der junge Dämon dachte: ob er der Ältere war? Trug er die Verantwortung für die Familie?
Und dann wurden die Zuschauer ein weiteres Mal überrascht, denn neben dem Dämon war plötzlich eine weitere Person aufgetaucht, die das Bild heftig zum Wackeln brachte, denn scheinbar hatte das plötzliche Dasein des dritten Dämons auch Lacrimosa überrascht: eine hochgewachsene Frau mit zotteligem, wirr aussehenden pinken Haar, die Arme vor Selbstbewusstsein strotzend in die Hüfte gestemmt.
„Wo kommt die denn plötzlich her? Seit wann kann man sich denn in das Schloss teleportieren?“, fragte Lycram in die Runde und als hätte Lacrimosa nur auf die Frage gewartet, pausierte sie das Video:
Das habe ich mich auch gefragt, Lycilein...“
„Wenn dieser Spitzname zur Gewohnheit wird, erkläre ich dir den Krieg! Hier, jetzt und sofort!“
„Tu es, tu es nur; meine Schwestern und mich juckt es schon die ganze Zeit unter den Fingern dir deinen ach so männlichen Arsch zu versohlen! Aber erst einmal achtest du jetzt mal auf die Schulter von unserem kleinen Meisterschützen.“ Alle fixierten seine Schulter, nachdem Lacrimosa das Video zurückgespult hatte und es langsam wieder abspielen ließ – und dann sahen sie, dass die Dämonin tatsächlich nicht aus dem Nichts auftauchte. Es war schwer zu erkennen, aber es sah ganz danach aus, als hätte sie als eine winzig kleine Version ihrer selbst auf der Schulter ihres Begleiters gesessen, von welcher sie nun heruntergesprungen war und sich Zentimeter für Zentimeter vergrößerte, bis sie einen Kopf höher war als ihr Begleiter, den Youma als ihren Bruder einschätze.
„Noflieke, was soll denn das! Ich habe alles unter Kontrolle...“ Jetzt nannte er auch noch ihren Namen – Youma tat das Zugucken weh!
„Ja, das sehe ich!“ Für einen kurzen Moment war sogar Karou über die plötzliche Anwesenheit von Noflieke schockiert aus, doch nun hoben sich seine Augenbrauen nicht aus Verwunderung, sondern aus genervtem Argwohn; ihr ruppiger Tonfall schien ihn zu nerven.
„Also mal Klartext gesprochen; was willst du eigentlich von uns?!“
„Noflieke, bitte...“
„Fresse, Natal!“
„Nun, wenn Sie wirklich gänzlich auf Patronen angewiesen sind, schlage ich Ihnen vor, dass sie andere benutzen.“
„Andere? Was für welche?“ Youma hörte deutlich heraus, dass ihre Neugierde geweckt war; sie waren sich scheinbar doch ihrem Problem bewusst, anstelle ihre Augen vor dem Offensichtlichen zu verschließen.
„Ich habe da schon so eine Idee“, erwiderte Karou, die Patrone wieder hin und her drehend, ehe er sie in seine feste Faust schloss, um sie daraufhin in einer Seitentasche verschwinden zu lassen.
„Und was wird uns das kosten?“ Die Zuschauer der Übertragung sahen daraufhin etwas Eigenartiges geschehen; Karous Gesicht bewegte sich und die Lippen, die eigentlich nie eine Regung zeigten, kräuselten sich zu einem Grinsen:
„Oh, sagen wir einfach, das ist meine Art, ihre Ambitionen zu unterstützen.“


„Ich wusste, dass ich dich hier finden würde.“ Silence sah nicht auf, als Green den nächtlichen Saal betrat, wo das Mondlicht die steinernen Gesichter der Götter in einem schwachen Licht badete; durch Silence, die auf einer niedrigen Steinbank nahe dem Eingang schwebend Platz genommen hatte, schien es wie in jeder Nacht hindurch. Eigentlich wollte Green sich sofort zu ihr setzen, aber irgendwie hatte sie den Eindruck, dass Silence nicht wollte, dass Green sich zu ihr setzte; sie hatte sogar das Gefühl, dass Silence es vorgezogen hätte, wenn Green sie gar nicht gefunden hätte. Sie war nicht hier, um gefunden zu werden; sie wollte alleine sein. Ihr Gesicht war dunkel und abwehrend, aber es war mehr als das – sie war niedergeschlagen, traurig… und wollte nicht, dass sie jemand so sah. Es war ein seltener Anblick, von dem sich die Hikari irgendwie nur schwer abwenden konnte, obwohl sie wusste, dass sie Silence lieber alleine lassen sollte.
„Soll ich lieber wieder gehen?“, fragte Green behutsam, obwohl das gar nicht das war, was sie eigentlich sagen oder fragen wollte – Silence war in letzter Zeit weiß Gott oft genug alleine gewesen… und langsam machte Green sich Sorgen, besonders wenn sie sie so sah. Silence und traurig aussehen? Irgendwie passte das einfach nicht… sie hatte zwar Gründe genug… dachte Green und sah zu Hikaru und Light… aber sie war doch so stark.
„Nein.“ Sofort, als wäre das auch eine Aufforderung gewesen, setzte Green sich zu Silence und fragte sie sofort, was geschehen war, als hätte Silences „nein“ ihr die Erlaubnis zu solch einer Frage gegeben – was scheinbar nicht der Fall war, denn Silence antwortete nicht. Sie saß nach vorne gelehnt mit leicht gesenktem Kopf und hing ihren Gedanken nach… und zum ersten Mal wünschte Green sich, dass sie Silences Gedanken lesen konnte und nicht umgekehrt. Aber Green konnte nun einmal keine Gedanken lesen und ein leichtes Seufzen entfloh ihr, während sie die Gesichter der großen Steinstatuen betrachtete, so wie sie es schon vor zwei Jahren getan hatte, als sie das erste Mal hier gewesen war. Obwohl sie seit mehr als einem Jahr im Tempel lebte, war sie nur selten hier gewesen… warum auch, der Saal war eine Sackgasse. Mit seinen Statuen und den großen Fenstern zwar eine hübsche Sackgasse, aber dennoch nur ein Raum, wo man die Statuen betrachten konnte… und wie… Grey ihr erzählt hatte, ein Raum wo man betete.
Green spürte Wehmut und Trauer in sich aufkommen, als der Name ihres Bruders in ihr hochkam und sie hoffte, dass Silence endlich reden würde, ansonsten wäre es sie, die weinen würde…
„Ich habe Youma einen Besuch abgestattet.“ Hatte Silence Greens Gedanken gelesen oder war das Zufall, dass sie nun die Stille brach? Egal was der Grund war: Green war dankbar dafür… nicht nur, dass sie sie von ihren eigenen Gefühlen befreite, sondern auch dafür, dass Silence nun endlich mit ihr sprach. Es gefiel ihr nicht, dass sie Geheimnisse hatten.
„Youma? Warum hast du ihn alleine…“ Silence fiel ihr ins Wort:
„Ich musste ihn ein wenig ausquetschen.“ Green wollte gerne eine Antwort darauf haben, warum sie das alleine getan hatte, aber vielleicht war das etwas indiskret. Sie konnte nicht erwarten immer dabei zu sein; es ging immerhin um ihren Zwilling und… um ihren früheren Verlobten.
„Und? Was hast du aus ihm herausbekommen?“ Silence antwortete nicht, aber sie hob den Kopf – und am liebsten hätte Green Silence umarmt, so groß war die Trauer für einen Moment, die in ihrem Gesicht geschrieben stand, als sie Light ansah.
„Dinge, die ich lieber nicht erfahren hätte…“ Das… das sagte Silence? Sie, die sie immer für ihre Naivität gescholten hatte? Die ihr immer sagte, dass sie nicht blind durch die Weltgeschichte laufen sollte und dass ihre früheren Fehler ihr eine Lehre sein sollten? Green wollte gerade nachhaken, als ihr auffiel, dass neben Silence etwas auf dem Boden lag und sie plötzlich etwas… Schweres zu verstehen begann: neben ihr lag der erste Band der Dämonen- Enzyklopädie. Sie hatte also etwas Neues über die Versuche herausgefunden, die an Youma und Silence durchgeführt worden waren …? Etwas Anderes konnte es eigentlich nicht sein; warum sonst sollte Silence freiwillig dieses Werk lesen, das auf den Forschungsergebnissen beruhte, die aus jenen Versuchen gezogen worden waren?
„Youma ist nie sonderlich explizit gewesen, was seine Enthüllungen über die Versuche angeht“, begann Silence, die, nachdem sie Greens Blick bemerkt hatte, nun auch zu dem dicken Buch mit dem roten Leder sah:
„Er wollte mich wahrscheinlich… schonen, der Idiot.“
„Verständlich, oder…?“, antwortete Green in einem aufmuntern wollenden Tonfall, aber Silence wollte sich nicht aufmuntern lassen:
„Nein, dumm. Er hätte es mir erzählen müssen; ich habe ein Recht darauf es zu wissen, auch wenn ich es nicht…“ Green begann sich wirklich immer mehr Sorgen zu machen; Silence unterbrach sich selbst, sah für einen Augenblick richtig verzweifelt aus, ehe sie sich wieder fing:
„Youma hat eine Akte gefunden, in der geschrieben stand, dass wir bei diesen Versuchen gestorben sind. Mehrmals.“ Greens Augen weiteten sich in verwirrter Bestürzung, aber sie holte nur Luft, antworten tat sie nicht.
„Light hat uns also wiederbelebt. Er hat uns sterben lassen… und wiederbelebt.“ Silences Stimme knickte über; sie schüttelte den Kopf und in ihrem Gesicht stand der Ausdruck der Trauer und Verzweiflung – aber Tränen fielen keine, als hätte sie keine mehr.
„Wie konnte er nur dabei sein, während wir starben… wie konnte er das nur zulassen… Wie konnte er diese verdammte Forschung zulassen, wenn sie so gefährlich war, dass wir dabei sogar gestorben sind!“
„Ich weiß es nicht!“, antwortete Green, die spürte, dass die Verzweiflung ihrer Freundin ansteckend war:
„Aber hast du nicht selbst gesagt, dass du ihm vertrauen willst…“ Silence wirbelte aufgebracht zu Green herum:
Vertrauen!? Wie soll ich ihm jetzt noch vertrauen können, wenn ich weiß, dass Light uns hat sterben lassen!“
„Er hat euch nicht sterben gelassen; er hat euch wiederbelebt…“
„Ich finde nicht, dass das einen Unterschied macht!“ Green schüttelte den Kopf, heillos verwirrt und getroffen – sie wusste nicht, was sie sagen sollte, sie fühlte sich machtlos… sie wollte Silence packen, sie irgendwie beruhigen, aber das ging nicht… sie konnte Silence ja nicht einmal berühren…
„Youma könnte gelogen haben…“ Silence fiel ihr ins Wort:
„Nein… nein, das könnte er nicht. Er ist kein Lügner… der Schmerz, den ich jetzt empfinde war derselbe, den er empfunden hat, als ich ihn dazu gezwungen habe, zu sprechen.“
„Aber…“
„Es ist schon gut, Green.“ Green fand nicht, dass es „schon gut“ war… es war schrecklich und sie wollte etwas sagen, ob dies auszudrücken; irgendetwas tun oder sagen, um Silence zu helfen, aber sie wusste einfach nicht was. Sie wollte sich zu Youma aufmachen und ihn durchschütteln, um irgendetwas zu erfahren, was sie irgendwie weiterbrachte – weil, was wusste sie eigentlich von dem Ganzen! Nichts! Sie wusste nicht, was genau das für Versuche waren; sie wusste auch gar nicht genug von Light, um seine Beweggründe oder Gedanken beurteilen zu können… sie wollte Silence sagen, dass alles gut war… oder gut werden würde… und dass sie Light vertrauen musste… aber wer war sie, sich dieses Recht rausnehmen zu können? Ausgerechnet sie…?
Silence wollte das Gespräch und diese leidige Szene beenden; sie wollte nicht traurig sein, sie wollte nicht verzweifelt sein… und sie wollte es niemanden spüren lassen, ganz besonders Green nicht…
Silence sah verblüfft auf, als sie etwas später, als es eigentlich geschah, bemerkte, dass Green ihre Hand nahm. Nein, sie nahm sie natürlich nicht, denn das war nicht möglich – aber sie legte ihre Hand dorthin, wo Silences unsichtbare Hand lag und ließ sie dort trotz der Eiseskälte von Silences Körper liegen.
Silence wollte etwas sagen, wollte ihre Hand wegziehen… aber sie war zu gerührt, um beides tun zu können – und so schwiegen sie im Mondlicht.