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Episode 79
  Episode 79: Pfannkuchen mit Zucker
Wieder standen sie dort.
Er und sie.
Ein Dämon und eine Hikari.
Dort, verlassen und alleine auf dem endlosen Friedhof mit den namenlosen Grabsteinen. Auch bei diesem Besuch war Green gekleidet in einem schwarzen, verschlissenen Kleid, als hätten die vielen Beerdigungen, an denen sie bereits hatte teilnehmen müssen, ihr Kleid verschleißen lassen: sogar ihr Regenschirm sah mitgenommen aus mit seinen klaffenden Löchern.
Wieder befanden sie sich vor dem einzigen Grab, dessen Inschrift lesbar und nicht verwaschen war; dem Grab Greys. Allerdings starrte Green dieses Mal nicht den Schriftzug an, der Greys Tod beklagte. Sie hatte ihre flache Hand zu ihrem Gesicht erhoben, wobei ihr Blick ganz und gar einem goldenen Ring an ihrem Ringfinger galt. Sie sagte nichts; sah Blue neben sich nicht an, doch es wirkte so, als wolle sie ihm ihren Ring zeigen.
Doch er reagierte nicht darauf. Was sollte er dazu auch sagen?
Green bemerkte dies und offensichtlich war sie sehr erpicht darauf, eine Reaktion zu erhalten, denn sie schob ihre Hand auffällig in sein Blickfeld; anstatt ihrer Aufforderung nachzugehen, blickte Blue die Besitzerin der feingliedrigen Hand an, welche seinen Blick allerdings nicht erwiderte, denn sie sah weiterhin nur den Ring an.
„Ein… hübscher Ring“, flüsterte Blue nach einer Weile mit unterdrückten Schmerzen, in der Hoffnung sie wären nicht umsonst und Green würde nun endlich reagieren, ihn erlösen und die Hand senken und den Ring verstecken. Doch sie sagte nichts; hielt ihm nur weiter den Ring entgegen.
„Der Offizier… hat dir einen passenden Ring ausgesucht. Ich hätte dir… einen ähnlichen geschenkt, wenn es möglich gewesen wäre.“ Wieder reagierte Green nicht; etwas Anderes geschah aber stattdessen. Von irgendwoher erklang wieder das Lachen, welches Blue ebenfalls schon einmal an diesem Ort gehört hatte. Die undefinierbare Stimme lachte ihn spottend und voller Boshaftigkeit aus... und die Schmerzen, die Blue schon die ganze Zeit gespürt hatte, wurden größer zusammen mit einer ungewissen Angst. Doch anstatt sich wie beim ersten Mal an Green zu klammern, blickte er sich nun nervös auf dem gigantischen Friedhof um, um dem Quell seiner Angst ins Gesicht zu blicken, doch… es war niemand da.
Sie waren alleine. Alleine mit abertausenden von Gräbern.
„Green… hörst du das auch?“ Offensichtlich konnte sie es nicht hören, denn ansonsten würde sie nicht weiterhin so ruhig ihren Verlobungsring anstarren: wenn sie es hören könnte, dann wäre sie genauso alarmiert wie er es war, denn es war unmöglich unbeeindruckt zu bleiben von diesem abscheulichen, näherkommenden Lachen.
„Green, wir sollten fliehen…“ Blue griff nach ihrer Hand, doch sie wich seinem Griff aus – um ihm wieder ihren Ring vor die Augen zu halten.
„Ja, Green, er ist wirklich hübsch, aber verstehst du nicht…“

Nein, verstehst du nicht? Du willst nicht allein sein. Sie will nicht allein sein.
Ihr beide solltet hierbleiben.
Hier könnt ihr zusammenbleiben.
Für immer.



Ein heftiges Zucken seines Bruders riss Silver aus dem Schlaf empor. Verwirrt sah er sich um, sah auf seinen Bruder herab, doch die Hoffnung, die kurz in seinen Augen aufgeflackert war, dass das Zucken womöglich daher rührte, dass er im Begriff war aufzuwachen… verschwand, als er sah, wie… Blue einfach nur genauso aussah wie die ganze Zeit schon. Alles war… unverändert. Oder war er noch blasser geworden…?
„Ihr solltet versuchen noch ein wenig zu schlafen.“ Silver hörte Ruis besorgte Stimme, aber sie erreichte ihn kaum: sein Kopfschütteln war eher schwach und von Automatik geführt.
„Dann… tut vielleicht etwas anderes, Silver-sama.“ Er hatte gar nicht bemerkt, wie sie sich plötzlich neben ihm fallen gelassen hatte – aber da war Rui auf einmal. Saß neben ihm, ganz plötzlich waren da ihre großen besorgten Augen.
„Ihr müsst euch ablenken.“ Sie hatte womöglich recht – aber die Hand, die sie ihm auf die Schulter legte, schob er dennoch weg. Diese Art von Ablenkung wollte er jetzt garantiert nicht. Aber so schnell gab Rui nicht auf; womöglich schöpfte sie Kraft daraus, dass Silver ihre Hand immer noch festhielt:
„Es tut Euch nicht gut, hier immer nur zu sitzen und zu warten.“ Das wusste er selbst. Aber was sollte er denn sonst tun?!
„Ihr seid bald genauso blass wie Euer sterbender Bruder!“ Er ließ ihre Hand gehen, wollte sie wegschieben, von dem Wort „sterbend“ irritiert und getroffen, aber Rui packte sie und hielt sie fest:
„Ich bitte Euch…“ Aber Silver wollte nicht. Er wollte jetzt gar nichts. Er wollte mit niemandem reden, von niemandem getröstet werden und von niemandem wollte er so angesehen werden.
„Ich geh mir die Beine vertreten.“ Schweren Herzens und gar nicht auf Rui achtend verließ Silver die Bettstätte seines bewusstlosen Bruders. Ohne weiteres konnte er ihn jedoch nicht verlassen. Er blieb stehen, sah über die Schulter, als erhoffte er, dass Blue ihn aufhalten würde – aber da waren nur Ruis besorgte Augen, die Silver nicht sehen wollte.
„Achte auf ihn.“ Rui wollte etwas sagen, aber ehe sie es tun konnte, verließ Silver die Kammer und kaum, dass er die Tür hinter sich zugezogen hatte, versuchte er auch sofort seine besorgten Gefühle zu unterdrücken: das heraufbeschworene Grinsen sah allerdings alles andere als überzeugend aus, er spürte es selbst. Seine Gesichtsmuskeln fühlten sich steif an.
Obwohl er merkte, dass es ihm nicht sonderlich gelang seine Gefühle zu unterdrücken, bestieg er raschen Schrittes die sich nach oben windende Treppe und ließ das warme Stahlgelände dieser auch schnell hinter sich. Er hatte vor, zu Ri-Il zu gehen und ihn einfach um irgendeine Ablenkung zu bitten; vielleicht wurde ja irgendwo gekämpft – sie waren doch im Krieg, mein Gott – oder ein Kurierauftrag. Irgendetwas. Sich nützlich machen. Ablenken, irgendwie.
Als er jedoch an der doppelten Schiebetür ankam, die ihn zu Ri-Ils Büro führen würde, wurde ihm schnell bewusst, dass er wohl noch warten musste, denn sein Lehrmeister schien gerade in einem Gespräch zu sein. Er hörte gedämpfte Worte und spürte neben Ri-Ils enormer Aura noch eine weitere, weitaus schwächere Aura, die er als Mekares erkannte. Und noch etwas Anderes erkannte er bereits, ehe er die Tür gänzlich erreicht hatte: die Tür war eigenartigerweise nicht komplett verschlossen. Wenn er näher heranging, würde man ihn natürlich bemerken, immerhin würde sein Schatten sich an der Tür bemerkbar machen... und Ri-Il müsste ihn doch eigentlich auch schon gespürt haben…? Aber das Gespräch wurde fortgesetzt und wenn Silver sich konzentrierte und die Ohren spitzte, konnte er auch mehr als nur Murmeln vernehmen. Natürlich war er sich bewusst, dass Lauschen nicht gerade etwas war, was Ri-Il duldete, aber im Moment schob er diesen Gedanken zurück, denn er hörte, dass Blues Name auffällig oft fiel.
Obwohl Ri-Il Mekare mit seiner typischen, ruhigen Höflichkeit zum „Tee eingeladen“ hatte, wusste sie, dass er mit ihr über Blue sprechen wollte – genauer über den Verbrauch von Anti-Licht. Sie, die stundenlang mit Silver an Blues Bett verbracht hatte und seine Verzweiflung so hautnah erlebte und miterlebte, war jedoch nicht in der Stimmung, sich auf Ri-Ils Höflichkeit einzulassen: Sie war gereizt und es war auch ihre Schuld, dass die Tür nicht gänzlich geschlossen war, denn sie hatte sie so ruckartig zugestoßen, dass sie Mekare unbemerkt wieder aufgesprungen war.
Ehe jedoch jemand etwas gegen die geöffnete Tür hatte tun können, hatte Mekare schon zum Angriff ausgeholt:
„Sag mir nicht, dass wir kein Anti-Licht mehr haben!“ Ri-Il antwortete nicht, aber Mekare wusste, dass es nicht daran lag, dass er zu sehr mit dem Tee beschäftigt war, den er gerade in einer geübten, eleganten Manier einschenkte. Eigentlich nahm sie es immer als ein Kompliment, wenn er sie zum Teetrinken einlud – sie war nämlich die einzige aus seinem Ensemble, der diese Ehre zu Teil war – aber heute nahm sie die Tasse nicht einmal an, die er ihr reichte. Sie hatte auch keine Lust, sich zu Ri-Il zu setzen, der sich in einer kleinen Sitzecke mit Sitzkissen niedergelassen hatte – aber sie tat es nach kurzem Schweigen dennoch, obwohl sie die Sitzkissen, die Teekanne und auch die mit Pelikanen verzierten Tassen am liebsten durch das Zimmer geworfen hätte.
„Ich kenn dich doch. Du musst einen Vorrat haben, Ri-Il!“ Mit Strenge in der Stimme antwortete Ri-Il nun auch und Mekare fiel auf, dass er seinen eigenen Tee ebenfalls nicht trank:
„Mekare-chan, wir sind im Krieg. Ich muss dich nicht aufklären: du bist wohlinformiert und weißt, was bei der letzten Schlacht geschehen ist. Sollte das Licht der jetzigen Hikari sich als größer herausstellen als angenommen, ist das eine Gefahr, die nicht mit Leichtsinn behandelt werden kann. Momentan besteht das Risiko, dass wir mehr Anti-Licht brauchen als uns zur Verfügung steht.“ Zu Mekares Wut gesellte sich nun auch Angst; es war nicht die Angst vor Ri-Ils Augen, die sich kurz geöffnet hatten und sie durchdringend und ernst ansahen, sondern die Angst vor dem… Licht. Sie hatte es nicht oft zu spüren bekommen, aber… einmal hatte gereicht.
„Ich dachte, das Hikarikind wäre ungefährlich?“ Mekares Stimme kam ihr taub vor und das war sie womöglich auch: Darius selbst hatte ihr von der Schlacht und dem „Licht am Himmel“ erzählt. Er hatte beunruhigt geklungen, hatte aber keine Anzeichen darauf gemacht, dass es eine ernstzunehmende, große Gefahr für sie alle darstellen würde – aber Ri-Ils schien anders davon zu denken.
„Im Moment sieht es so aus, als wäre das eine Fehleinschätzung gewesen. Daher muss mit dem Anti-Licht genügsam und klug umgegangen werden. Wir können nicht das gesamte Anti-Licht an Blue verwenden… Besonders dann nicht, wenn die Chancen auf eine komplette Genesung nicht hochstehen.“ Mekare spürte, wie ihre Augen eigentlich weinen wollten: Tränen der Verzweiflung wollten sie weinen, aber sie unterdrückte sie.
„Wir reden hier von Blue, Ri-Il! Von Blue! Nicht von irgendeinem Idioten aus der Horde!“
„Mekare-chan, beruhige di-“
„Nein! Ich will und werde mich nicht beruhigen!“ Mit diesen Worten sprang sie auf und einen Moment glaubte Ri-Il fast, dass die wütende Dämonin sich auf ihn stürzen würde, doch sie kam gerade soweit über den niedrigen Tisch zu springen und Teeschalen zum Herunterfallen zu bringen. Ihre Finger krallten sich in das blanke Material von Ri-Ils Anzug, ihr Kopf senkte sich aber und die Trauer wurde größer als die Wut; während der Tee in Ri-Ils eigener Tasse, die er noch in der Hand hielt, hin und her schwabbte, begannen Mekares Schultern zu zittern und etwas verwundert, bemerkte Ri-Il wie sie ihre Stirn gegen seine Brust drückte, halb auf Ri-Ils Schoss sitzend.
„Ich will nicht… ich will nicht, dass Blue stirbt, Ri-Il. Bitte, bitte nicht…!“
„Mekare-chan…“, begann Ri-Il nun in einem beruhigenden Tonfall, den geplanten Angriff überhaupt nicht kommentierend, als hätte er gar nicht stattgefunden – obwohl er wusste, dass ihre Verzweiflung für einen Augenblick wahrlich größer gewesen war als ihr Respekt vor Ri-Il. Sie hatte die beiden Jungs wirklich sehr gern… aber sie war eine intelligente Frau, die wusste, dass Ri-Il recht hatte.
„Es ist auch nicht in meinem Interesse, dass er stirbt. Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist er nicht länger tragbar.“
„Ich weiß… ich weiß…“ Natürlich hatte sie gewusst, dass es nicht ewig so weitergehen konnte; dass es nicht logisch vertretbar war, alle Anti-Licht-Ressourcen in Blue hineinzustecken, unwissend, ob er überhaupt wieder aufwachen würde – und wenn er aufwachen würde, in welchem Zustand würde er denn sein…? Mekare war kein Experte auf dem Gebiet der Medizin, aber auch ihr war klar, dass das Licht der Hikari ganz offensichtlich Blues Gehirn beschädigt hatte.
„Ri-Il, ich tue alles. Wirklich alles… ich schlafe mit jedem, wenn es sein muss.“ Die Entschlossenheit strahlte in Mekares schwarzen Augen wider, als sie dies mit feierlicher Stimme formulierte. Doch obwohl sie es ernst meinte, wusste sie auch, dass es nicht umsetzbar sein würde, denn sie war nun einmal… ein Wertgegenstand, dessen Wert nicht fallen durfte. Wenn sie an jeden verkauft werden würde, würde sie ihrem Wert nicht mehr entsprechen und Ri-Il könnte sie nicht mehr für einen guten Preis verkaufen. Sie wusste es. Sie verstand das System; sie hatte es schneller durchschaut als alle vor ihr, weshalb Ri-Il auch nicht antwortete. Er schwieg einfach; ließ sie bei sich sitzen, den Kopf gegen seine Brust gedrückt, beide leise atmend.
„Zwei Tage“, hörten sowohl Mekare als auch Silver, der mit angehaltenem Atem vor der Tür stand und glaubte, er wäre unbemerkt, ihren Fürsten sagen:
„Ich gebe Blue zwei Tage. Wenn er dann nicht wieder aufwacht und in einem stabilen Zustand ist, dann wird er sich selbst überlassen.“

Green war nie ein sonderlich großer Freund davon, wenn Silence nicht bei ihr war – oder sie nicht wusste, wo sie sich gerade aufhielt, aber noch nie war ihr Seufzen so tief gewesen wie jetzt. Silence wollte alleine sein; das verstand Green, aber es wäre dennoch sehr schön, wenn sie in der Lage wäre, ihrer Freundin zu helfen. Genau wie am vorigen Abend fühlte sie sich machtlos, aber der Wunsch ihr zu helfen war nur stärker geworden und verdrängte die Geschehnisse der gestrigen Nacht. Mittwoch – oder der Tag der Mitte, wie ihn die Wächter so hochtrabend nannten – war zwar eigentlich der Tag, an dem sie sich erholten, aber die Dämonen waren da anderer Meinung gewesen. Ein ziemlich chaotischer Angriff auf Menschen – einer von mehreren… und Green hatte Hizashi fragen gehört, ob die Dämonen in den letzten 17 Jahren denn komplett verlernt hätten, sich unauffällig zu verhalten. Für Green hatte es jedenfalls keinen Schlaf gegeben, als aus einer kleinen, etwas zu magischen Schlägerei plötzlich ein Schlachtfeld wurde, wo über 60 Wächter gerufen werden mussten, um einen Dämon zu töten.
Von diesem Kampf ging es dann – ohne Schlaf, aber mit Tabletten – in den nächsten Kampf: die allmorgendliche Versammlung der Elementarwächter. Versammlung Nr. 2 ohne Grey… dabei war die am Vortag schon schlimm genug gewesen; jene, bei der Green Saiyon und Shitaya als ihre neuen Teamkollegen vorgestellt hatte. Die erste Besprechung war die Schlimmste gewesen, die Green jemals erlebt hatte… von wegen, das würde sie „leicht hinkriegen“, so wie Silence es gesagt hatte! Kaum, dass Green die Nachricht verkündet hatte, dass die Brüder von nun an ihre Mitelementarwächter seien, hatte sich Ilang von ihrem Platz erhoben und den Raum ohne ein weiteres Wort verlassen. So viel zum Thema „hinkriegen“. Auch heute war Ilang nicht zur Versammlung erschienen. Green verstand ja warum: Sie mochte es auch nicht, Saiyon auf Greys Platz sitzen zu sehen, aber wenn Green verstand, dass der Platz des Elementarwächters des Windes nun einmal ausgefüllt sein musste, dann musste Ilang das doch eigentlich erst recht! Green mochte es wirklich nicht – aber was blieb ihnen denn anderes übrig?
Doch obwohl Green auf dem Weg zu Ilang war, um mit ihr zu sprechen, galt ihr Seufzen dennoch Silence – sie hatte ihren Blick einfach noch nie so gesehen…
„Was hast du vor?“ Green hielt sofort inne, als sie überraschenderweise Kairas Stimme hörte – sie kam gerade aus dem virtuellen Trainingsraum und sie schien zu ahnen, was Green hier tat; Ilangs Gemach war keine zehn Schritte mehr entfernt. Ihr Blick war unfreundlich wie immer, aber seitdem Green mit Shaginai trainierte, schrecken Kairas bohrende Augen sie weniger ab.
„Zu Ilang.“ Green wollte weitergehen, doch Kaira hielt sie auf:
„Lass sie.“
„Aber…“
Lass sie“, wiederholte Kaira in einem bissigen Tonfall ein weiteres Mal, aber Green ließ sich nicht einschüchtern:
„Ich verstehe ja, dass Ilang Zeit für sich braucht, aber für den Zusammenhalt des Elementarwächterteams…“
„Hast du genug andere Baustellen, wo du anpacken kannst“, fiel Kaira ihr ins Wort, etwas mit dem Kopf ruckend, als irritierte sie irgendetwas – wahrscheinlich Green, die sie verwundert ansah. Kaira mochte es nicht, wenn jemand Zeit damit vergeudete „verwundert“ zu sein, weshalb sie auch nicht zuließ, dass Green fragte, was sie denn meinte.
„Die Brüder müssen integriert werden. Überlass Shitaya das Reden; er ist der Anführer der Offiziere gewesen, er ist alle Male besser darin als du und ein würdigerer Nachfolger für Grey.“ Automatisch wollte Green etwas sagen, aber Kaira sprach einfach weiter:
„Ilang muss aufhören, sich von ihrer Sentimentalität blenden zu lassen. Wenn Pink nicht bald wieder zurückkommt, benötigen wir einen Schutzwächter als Ersatz. Firey hat bei ihrer letzten Schlacht keinen einzigen Dämon getroffen, geschweige denn ausgemerzt und von meinem Feigling von einem Halbbruder sprechen wir gar nicht erst. Darüber hinaus haben sich er und Azuma und Firey gestritten – ich weiß nicht, warum oder worüber. Es interessiert mich nicht, aber ich weiß, dass es so nicht weitergehen kann. Einige von uns sind fähige Einzelwächter, aber das Elementarwächterteam beruht auf einem Geist, der alle eint – wir sind im Moment nicht im Geringsten geeint.“ Green musste ihre Annahme, dass ihr Großvater beängstigender war als Kaira, vielleicht noch einmal überdenken: in puncto unverfrorene Direktheit glichen sie sich jedenfalls… und darin, dass sie Green jegliche Gegenargumente nahmen.
„Ich… werde mir Mühe geben, daran etwas zu ändern“, antwortete Green zerknirscht, aber Kaira war noch nicht fertig. Sie hatte Green unter vier Augen; niemand schlich um sie herum; der lange Gang mit den hohen Wölbungen und den Säulen, die die meterhohen Gemälde der Elementargottheiten einrahmten, war wie für sie geschaffen.
„Es gibt ein Sprichwort, das besagt, dass das Wächtertum nur so stark ist, wie sein Elementarwächterteam. Ein vereintes Elementarwächter-Team. Es zu einen ist die Aufgabe der Hikari – deine Aufgabe.“
„Ich weiß. Danke. Ich hab’s verstanden… Ich werde mir, wie gesagt, Mühe geben.“ Kaira unterbrach sie abermals – sie hatte ganz offensichtlich nicht vor, sich irgendwelche Floskeln anzuhören:
„Das genügt nicht! Es muss etwas geschehen…“ Was Kaira damit meinte, konnte sie nicht mehr erklären, denn eine kleine Gruppe schwatzender Wächter näherte sich – und ganz wie Green fand Kaira offensichtlich nicht, dass das ein Thema war, das man besprechen konnte, wenn andere mithörten und sie schien nicht warten zu wollen, bis sie gegangen waren, denn sie verabschiedete sich unnatürlich höflich und ging dann mit mächtigen Schritten davon.
Green sah ihr hinterher, nahm die Verbeugungen und Begrüßungen beiläufig auf… ebenso wie die Beglückwünschungen für ihre Verlobung mit Saiyon… ja ja...
Das war wieder so ein Moment, in welchem Green sich am liebsten heulend in eine Ecke verziehen würde; sie brauchte Grey. Sie brauchte ihn so dringend. Doch sie konnte nichts Anderes tun, als die Zähne zusammenzubeißen und sich zu sagen, dass sie durchhalten musste. Ihr Elementarwächterteam war nun eine der Baustellen, an der sie alleine arbeiten musste… zuerst zu Firey, um sie zu fragen, was das für ein Streit gewesen war – aber Firey war zusammen mit Yuuki und Azuma im Unterricht. Als sie ihre Freundin durch das Fenster des Klassenraums sah, warf sie ihr ein entschuldigendes Lächeln zu und das war es dann leider an Konversation zwischen ihnen. Green könnte zwar sicherlich ihre Position ausnutzen, um den Unterricht für beendet zu erklären, aber das kam ihr dann doch zu dreist vor – nur um zu fragen, ob sie sich wirklich gestritten hatten.
Sie ging daher wieder, weiter zu Pink – obwohl das auch wieder eine Baustelle war, an der sie nicht arbeiten konnte, denn dafür brauchte sie ihren Großvater, der heute nicht das Diesseits besuchen würde. Green konnte ihrer Cousine daher nur Gesellschaft leisten, die ihr eigenartig bedrückt vorkam und mal wieder über Albträume klagte…
Der Abend dieses ziemlich schlechten Tages schien ebenfalls schlecht enden zu wollen. Als Green ihr neues Gemach betrat, wollte sie am liebsten wieder kehrtmachen, denn Saiyon war da. Seitdem sie sich ein Gemach teilten, war sie ihm hervorragend aus dem Weg gegangen; auf Grund der Kämpfe und der Tatsache, dass Green am gestrigen Tag nicht sonderlich viel „frei“ gehabt hatte, hatte sie ihn gar nicht gesehen; sie waren auch nicht zusammen eingeschlafen. Sie waren sich nicht bewusst aus dem Weg gegangen, aber als Green die Tür öffnete – nachdem sie zuerst in ihr altes Gemach hatte gehen wollen – und sie Saiyon am Fenster in einem Buch vertieft sah, wurde ihr klar, dass sie über das Nicht-sehen gar nicht so traurig gewesen war. Denn jetzt kehrte sie zu einer anderen Baustelle zurück. Eine, die ihr Bauchschmerzen bereitete.
Und wieder war es Blues Schuld, dass sie Bauchschmerzen hatte…
Und das nur weil sie über ihn reden musste – oh, wie verfluchte sie sich selbst; wie schwach war sie eigentlich! Sie war doch nicht so erbärmlich, wie ihr Großvater sie immer nannte! Natürlich hatte Saiyon nach dem Kampf, wo Blue und er sich gesehen hatten, Fragen – sie hatte immerhin gesagt, dass… er… tot sei… was er ja auch war… die Person, die sie einst geliebt hatte, war es… Die Person, die ihr immer noch… Nein! Sie würde jetzt nicht anfangen zu weinen, sie würde es nicht.
Saiyon legte das Buch beiseite, als sie sich widerstrebend zu ihm setzte; jedoch nicht ohne seine Seite mit einem Lesezeichen zu markieren, ehe er das Buch auf den Tisch legte. Ein philosophisches Buch, wie Green vom Titel her erahnen konnte, über den Sinn der Familie in Kriegszeiten.... oder so. Sie wusste, dass Saiyon sie ansah, doch den Titel des Buches fand Green gerade viel interessanter; auf jeden Fall ließ sie es so wirken.
„Green, wir müssen nicht darüber…“ Doch die Angesprochene unterbrach Saiyons Worte, nachdem er nun endlich das Schweigen unterbrochen hatte:
„Ich habe nicht gelogen.“ Sie spürte, dass Saiyon sie nun verblüfft ansah, doch nach wie vor lag ihr Blick auf dem Buch vor ihren Augen, ohne, dass sie irgendetwas sah:
„Als ich es dir damals sagte… damals auf der Baustelle von Espiritou del Aire, da habe ich dich nicht angelogen.“ Green spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog, ihre Augen starr wurden und sie es eigentlich nicht aussprechen wollte, es aber trotz der Schmerzen dennoch mit leiser, ungewollt brüchiger Stimme tat:
„Die Person… die ich liebe… ist tot.“ Saiyon antwortete erst nach einer ganzen Weile: einer viel zu langen Weile für Greens Geschmack:
„Aber du liebst ihn noch immer.“ Es war keine Frage, sondern eine simple Feststellung und Green war froh darüber, dass sie den Kopf gesenkt hielt und seinen Blick somit nicht sah. Doch auch ohne sein Gesicht zu sehen wusste sie, dass sie ihn verletzt hatte. Natürlich hatte sie das und es war dumm, von etwas anderem auszugehen. Er wusste zwar, auf was er sich bei der Verlobung mit Green eingelassen hatte, aber schmerzlich war es sicherlich dennoch… immerhin hoffte er darauf, dass Green seine aufrichtigen Gefühle irgendwann erwidern würde.
Warum hatte Green das Gefühl, dass das alles nur ein Witz war und sie darüber lachen sollte? Ein dummes, aberlustiges Schauspiel, eine Komödie… aber leider spielte sie darin eine Rolle, egal wie sehr sie sich dagegen sträubte.
Aus den Augenwinkeln bemerkte Green, wie Saiyon sich aufrichtete und sie dachte schon, dass er ohne ein weiteres Wort ins Bett gehen würde, aber da hatte sie ihn falsch eingeschätzt. Beherzt kniete er sich plötzlich vor ihr nieder, damit sie ihn unweigerlich ansehen musste und nun natürlich mit seinen verletzten Gefühlen konfrontiert wurde. Doch anstatt sich selbst zu bejammern, kümmerte er sich nur um Greens Schmerzen.
Zärtlich legte er seine Hand auf die seiner Verlobten und fragte sie ebenso einfühlsam:
„Green, lass mich dir doch helfen. Ich sehe dir doch an, dass dein gebrochenes Herz dich schmerzt.“ Niemand konnte ihr helfen, dachte Green mit einem plötzlichen Anflug von Ironie und Bitterkeit, die sie aber zu verdrängen versuchte.
„Danke… das ist lieb von dir, wirklich.“ Es war auch lieb von ihm, denn es schien wirklich so zu sein, dass er dabei keinerlei Hintergedanken hatte und dabei nur an sie dachte, doch sie wusste nicht, was sie ansonsten antworten sollte… Wie sollte man ihr schon helfen können?
Dass die Antwort ihn alles andere als zufriedenstellte, das konnte sie deutlich in seinen Augen sehen, die sie so sehr an Gary erinnerten – und auch wenn sie verletzt aussahen, ähnelten sie ihm, weshalb Green erleichtert war, dass Saiyon sich abrupt aufrichtete, mit der Verkündung, dass er ins Bett gehen würde… mit einem Anflug von Trauer. Einer Trauer, der Green nicht standhielt und weshalb sie, getrieben von ihrem schlechten Gewissen, plötzlich aufsprang und den Rücken ihres Verlobten umschlang.
Überrascht lief er rot an wie eine Tomate und als wisse er nicht, was eine Umarmung war, wusste er überhaupt nicht, was er tun oder wie er reagieren sollte. Er sah sich sogar panisch in deren geräumigen Gemach um, als könnte irgendetwas ihm sagen, wie er sich zu verhalten hatte. Doch natürlich gab ihm nichts eine Antwort und so stand er ein wenig hilflos da, als Green ihre Worte an ihn richtete:
„Es tut mir leid, dass ich eine so schwierige Verlobte bin… Ich… mach das nicht mit Absicht.“ Natürlich wollte Saiyon sofort verneinen, hatte auch bereits den Mund geöffnet, doch bekam keinen einzigen Ton heraus, weshalb er auch den Moment verpasste, Greens Hände zu nehmen… oder gar sie ebenfalls zu umarmen… aber da löste Green sich schon wieder von ihm, ihn ein weiteres Mal überrumpelnd:
„Wollen wir vielleicht was essen?“
„…E-Essen?“ Saiyon warf einen verwirrten Blick auf die Uhr und sagte dann:
„Aber es ist…“ Er räusperte sich, um seine Stimme unter Kontrolle zu bekommen:
„… bereits 22 Uhr; ich denke nicht, dass man uns in der Küche noch etwas zu essen machen wird. Obwohl… man wird… dir…“ Warum konnte er sich einfach nicht an das Duzen gewöhnen?
„…wahrscheinlich immer ein Abendbrot servieren. Aber ich finde, das gehört sich nicht, die Tempelwächter so spät noch zu stören. Sie haben ja schon genug Arbeit.“ Green schüttelte den Kopf:
„Du hast mich missverstanden. Ich habe nicht vor, die Tempelwächter zu fragen.“


Selbstverständlich waren selbst um diese Uhrzeit noch viele Tempelwächter in der Küche am Werkeln; wuschen ab oder bereiteten das Essen für den morgigen Tag vor, einige hoch konzentriert, als wäre das Abwaschen eine Kunst, andere munter am Schwatzen. Die neuesten Neuigkeiten des Tages mussten doch besprochen werden… aber alles verstummte, als Saiyon und Green mit überraschten Blicken begrüßt wurden.
Genau wie Saiyon, der nun wieder seine Uniform trug, konnten auch die Tempelwächter sich nicht erklären, was die Hikari und ihr Getreuer in der Küche zu suchen hatten. Saiyon hatte noch nie einen Fuß in die Küche des Tempels gesetzt und wirkte mit seinem hilflosen Blick sehr deplatziert. Green dagegen blühte förmlich auf, wie er schnell bemerkte, als sie sich an den erstbesten Tempelwächter richtete – der zusammenzuckte – und nicht bei ihm ein Abendbrot bestellte, sondern fröhlich fragte, ob sie nicht eine Pfanne leihen dürfte.
„Und eine Herdplatte wäre natürlich auch nicht schlecht!“ Voller Tatendrang sah Green sich um, die Blicke der aus den Wolken gefallenen Tempelwächter ignorierend und urteilte grinsend, dass das bei der Größe der Küche wohl kaum ein Problem darstellen würde.
„Wir sind auch gleich wieder weg!“, entschuldigte sie sich verschmitzt grinsend und kaum, dass der Tempelwächter ihr eine Pfanne gab, packte sie Saiyons Hand – der sofort rot wurde – und bugsierte ihn durch die Theken, Öfen, Herdplatten und die von oben herabhängenden Utensilien, um an einer der hintersten Herdplatten anzukommen, an der gerade nicht gearbeitet wurde. Dort platzierte sie ihre Pfanne und besah sich den Herd, um sich damit vertraut zu machen, während die anderen, rund 15 Tempelwächter, so taten, als wäre ihre Arbeit wieder interessant – aber die Blicke, die sie sich über die Töpfe und Bleche hinweg zuwarfen, sprachen von ihrer Neugierde und ihrer Bestürzung. Was machte eine Hikari in der Küche?! Warum wollte sie selbst Essen zubereiten?! Itzumi hatte recht! Diese Hikari war komisch!
„Gut! Der scheint trotz seiner magischen Anzeige ja gar nicht so anders zu sein als die, die ich kenne. Jetzt brauche ich Zutaten!“
„Zu…taten? Green, du kannst doch nicht… nicht als Hikari…“ Saiyon räusperte sich und beugte sich zu Green herunter.
„Die Tempelwächter könnten das als Beleidigung auffassen.“ Green achtete jedoch nicht auf Saiyons Einwurf, sondern streckte sich über den Herd, um sich an einen Tempelwächter zu richten, welcher ihnen gegenüber arbeitete und sie genauso verwirrt beäugt hatte, nun aber so tat, als hätte er die ganze Zeit nichts Anderes getan, als fleißig seine Gurken in kleine Scheiben zu schneiden.
„Wo finde ich denn den Kühlschrank?“
„Green…“
„Hikari-sama!“, bellte plötzlich eine Stimme hinter den beiden deplatzierten Wächtern, welche herumwirbelten und somit vor einer Tempelwächterin mittleren Alters standen. Eine Tempelwächterin, mit der Itzumi sicherlich fabelhaft zurechtkam, schoss es Green sofort durch den Kopf, denn die beiden besaßen denselben strengen Blick, gepaart mit den üblichen Attributen eines Tempelwächters: goldene Haare und braune Augen. Ihre goldenen Haare sahen jedoch bereits ein wenig verschlissen aus, welche zu einer perfekten Kugel gebunden waren und aus welcher nicht einmal die kleinste Haarsträhne entfliehen konnte. Wenn sie überrascht war, die Hikari bei sich in der Küche zu sehen, dann zeigten ihre kleinen Augen das nicht.
„Wenn Ihr eine Abendmahlzeit wünscht, dann werden wir es euch bringen, Hikari-sama!“, ertönte abermals ihre schroffe Stimme, welche Ähnlichkeit hatte mit der von Kaira: als wäre sie beständig dafür bereit, in den Kampf zu ziehen und dem Tod ohne Angst in die Augen zu blicken: nur, dass ihr Kampf in der Küche ausgefochten wurde, denn sie war ohne Zweifel die Küchenchefin – eine Küchenchefin, deren Stimme offensichtlich zum Schreien gemacht worden war.
Neben sich spürte Green förmlich wie Saiyon kleiner wurde, doch Green ließ sich von dem Tonfall nicht abschrecken; sie war heute oft genug angeschrien worden:
„Ich danke für das Angebot, aber es ist unnötig: Ich kann selber kochen! Aber keine Sorge, ich werde euch nicht lange stören, ich will nur ein paar Pfannkuchen machen, dann bin ich wieder weg.“
„Pfannkuchen?!“ Es war deutlich, dass dies nicht nur die Chefin überraschte, sondern auch die anderen Tempelwächter; welche natürlich gelauscht hatten. Pfannkuchen! Was wollte die Hikari denn mit so einer ordinären Speise!
Es war offensichtlich, dass sie diesen Wunsch wohl noch nicht oft gehört hatten; erst recht nicht von einer Hikari. Zweifelnd blickte die Chefin die Regimeführerin an, bis Green spontan ihren Arm um Saiyon schlang und gespielt fröhlich verkündete:
„Ich will doch meinen zukünftigen Ehemann auch selbst mal verwöhnen!“ Hätte Green in diesem Moment auf Saiyon geachtet, wäre ihr aufgefallen, dass dieser nicht nur noch röter geworden war – als wäre es etwas komplett Neues für ihn, dass sie zukünftige Eheleute waren – sondern auch, dass diese Worte etwas in ihm bewegten. Säil und Shitaya kochten oft zusammen, obwohl sie ja nun einmal eine Tempelwächterin hatten… sie verwöhnten sich gegenseitig, hatten sie immer lachend gesagt und Saiyon schrecklich außenstehend fühlen lassen, als könne er deren Freude nicht verstehen. Jetzt verstand er sie – und am liebsten hätte er Green umarmt, aber diese bekam nun endlich die Zutaten, die sie benötigte.
Nicht nur Saiyon zeigte sich verblüfft über Greens Kochkünste. Für die Tempelwächter war es natürlich nichts Besonderes, jemanden Pfannkuchen machen zu sehen; selbst wenn dieser es besonders behändig tat – was sie überraschte war eher, dass die Person, die nun energisch die Zutaten zusammen mischte, ihre Hikari war. Eine Hikari in ihrer Küche.
Für Green war die ganze Prozedur natürlich nichts Besonderes: im Gegenteil. Sie brannte sogar den ersten Pfannkuchen an, weil auch sie seit einem Jahr in Genuss des Luxus von Tempelwächtern gekommen war. Doch sobald sie den Dreh wieder raushatte, kamen doch ein paar goldene Pfannkuchen dabei heraus; genau so, wie sie sie früher immer für Pink gemacht hatte. Wenn sie ihr erzählen würde, dass sie Pfannkuchen gemacht hatte, dann würde sie sicherlich traurig werden, dachte Green und nahm sich vor, einen oder zwei abzuzweigen, um sie Pink zu bringen – das würde sie sicherlich auf andere Gedanken bringen!
Doch erst einmal Saiyon. Sie nahm nun den Zucker, übergab Saiyon die gemachten Pfannkuchen auf einem Teller, stülpte einen Glasdeckel obendrauf und verließ die Küche wieder, als wäre sie überhaupt nicht da gewesen – denn natürlich hatte sie hinter sich aufgeräumt.
„Hast du so… etwas öfter gemacht?“, fragte Saiyon sofort, als sie die Küche hinter sich gelassen hatten und hinaustraten in einen langen Gang, in welchem eigentlich nur Tempelwächter unterwegs waren – aber zu dieser späten Stunde war er verlassen und der Gang, der weitaus niedriger war als die Gänge in den oberen Stockwerken mit den hohen Wölbungen – lag in einem bläulichen Licht vor ihnen. Die vielen Türen, die zu Waschräumen und Vorratskammern führten, waren auch die einzige „Dekoration“ des Ganges; auch der Marmor des Bodens sah weniger wertvoll aus. Green lachte, ehe sie antwortete:
„Also hier im Tempel noch nie. Aber früher, als ich noch in Tokio gelebt habe, habe ich es oft gemacht – und vieles mehr. Ich bin eine ganz passable Köchin.“ Sie hatte sich von ihm weggedreht, weshalb er ihren Blick nicht sehen konnte, als sie dies sagte und ihr Tonfall war auch normal gewesen, dennoch veränderte sich Saiyons Blick sofort, wurde ernster. Green sprach selten, sehr selten, von Tokio. Sie sprach sehr selten von irgendetwas, was in der Vergangenheit lag, als wären all diese Dinge überhaupt nicht gewesen. Dinge, über die Saiyon nur einen leisen Hauch Ahnung besaß, denn er weigerte sich, Gerüchten Glauben zu schenken. Aber er wusste, dass dort der Schlüssel zu dem Verschwinden von Greens strahlendem Lächeln lag; dort irgendwo in Tokio… und konnte von Saiyon nicht gefunden werden…
„Wollen wir vielleicht einfach hier essen? Ich glaube, die Pfannkuchen werden kalt, wenn wir sie durch den Tempel schleppen.“ Diese Worte überraschen Saiyon und rissen ihn aus seinen Gedanken heraus. Lange war er allerdings nicht in ihnen versunken gewesen, denn sie befanden sich immer noch auf dem Gang, der zur Küche führte. Das dunkle Blau des Nachthimmels leuchtete ihnen entgegen von den torbögengeformten Fenstern, auf welche Green nun auch zusteuerte, obwohl Saiyon seine Zustimmung überhaupt nicht gegeben hatte.
Unkompliziert kniete sich die Hikari auf dem Boden nieder, stellte den Zucker ab und lehnte sich an den Torbogen, während Saiyon kurz davor war, darauf hinzuweisen, dass sie sich mitten auf dem Gang befanden und dass dies wohl kaum der geeignete Ort war, um zu essen – bis er es eigentlich doch recht romantisch fand und sich entschloss, nicht genauer darüber nachzudenken: das Blau war so schön sanft und der Mond schien hell, erleuchtete die Wolken, die an dem Fenstern vorbeischwammen… Es war ja auch schon spät abends. Sie würden schon nicht gesehen werden.
Also stellte Saiyon den Teller zum Zucker und setzte sich ihr gegenüber in den anderen Teil des Fensterbogens. Es war nicht gerade bequem, aber das sanfte Strahlen des Mondes, welches auf Greens Haut zu reflektieren schien und ihr Gesicht somit erhellte, ließ ihn sämtliche Unbequemheit vergessen.
Er war sich bewusst, dass er sie mal wieder verblüfft anstarrte; als hätte er wieder eine neue Seite an seinem Lieblingsgemälde gefunden, welche er nun erforschen wollte, doch Green schien es nicht zu bemerken, genauso wenig wie Saiyons Verlangen, sie plötzlich küssen zu wollen.
„Lass mich raten; du hast noch nie Pfannkuchen gegessen, oder?“ Sie hatte tatsächlich keine Ahnung, weshalb Saiyon ein wenig beschämt zusammenzuckte und wieder versuchte, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Pfannkuchen.
„Nein, Pfannkuchen habe ich bis jetzt noch nie gegessen.“
„Du bringst mir Dinge über die Wächter bei, dann lass mich dir jetzt was Menschliches beibringen.“ Erstaunt sah Saiyon dabei zu, wie Green Zucker auf den obersten Pfannkuchen streute und ihn mit einem Messer verteilte – um den Pfannkuchen daraufhin zusammen zu rollen.
„Man rollt sie?“, fragte ihr Verlobter neugierig und sein Blick wurde noch verblüffter, als Green den Pfannkuchen mit den bloßen Fingern hochhob:
„Genau! Damit man sie mit den Fingern essen kann.“
„Man isst sie mit den Fingern!?“ Das verstieß komplett gegen Saiyons gute Erziehung, da es bei den Wächtern außer Keksen gar nichts gab, was man mit den Fingern aß – auch kein Brot. Mit den Fingern essen galt als Dämonen-Manier. Eine der ersten Lektionen, die Grey Green erteilt hatte… und sofort wurde Green wieder traurig, doch sie ließ es sich nicht anmerken, versuchte es runterzuschlucken mit dem Zucker.
„Ja, genau so!“, sagte Green daher und hob den zusammengerollten Pfannkuchen nun hoch und biss herzhaft hinein:
„Hmmm! Genau wie früher!“ Es war offensichtlich, dass Saiyon so seine Zweifel daran hatte, doch er wollte den Moment natürlich nicht zerstören und ahmte Green nach; mit dem Unterschied, dass er zu viel Zucker auf seinen Pfannkuchen schüttete, was Green zum Lachen brachte:
„Soll ich dir helfen?“
„Nein, nein, das… geht.“ Es sah ein wenig unbeholfen aus, aber das Rollen von Pfannkuchen war natürlich keine Kunst, weshalb auch Saiyon schnell einen Bissen nahm; seine Wangen bedeckt mit einem roten Schimmer.
„Der kann doch nur zu süß sein!“ Natürlich war er das, doch Saiyon versicherte ihr dennoch, dass es ihm schmecken würde – was es auch tat.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du auch kochen kannst.“
„Tja, siehst du, ich hatte keinen Tempelwächter in Tokio. Dann muss man selbst ran.“ Schon das zweite Mal, dass sie Tokio erwähnte – ob er es wagen sollte?
Green war gerade dabei, ihren zweiten Pfannkuchen zu machen, während Saiyon darüber nachdachte, wie er ein solches Gespräch anfangen konnte – als sie es plötzlich selbst tat, doch anders als er es dachte:
„Blue hat Grey umgebracht.“ Ihre Finger, ihre Stimme, alles schien verharrt zu sein: die Finger, auf die Saiyon starrte und die voller Zucker waren. Er sah auf und sah in einen Blick, der felsenfest war… respekteinflößend, ein wenig beängstigend fast, war dieses liebliche Gesicht, das zur Hälfte im Schatten lag – die andere Hälfte erhellt von dem Licht des Mondes.
„Und ich habe vor, dass nicht ungesühnt zu lassen. Ich werde ihn töten.“ Saiyon vergaß sein eben abgebissenes Stück Pfannkuchen weiter zu kauen, als er Greens Augen sah; ein eiserner Blick, der diese Worte nicht gesagt hatte, um eine Moralpredigt zu hören, denn natürlich wusste auch Saiyon, dass Rache verboten war und dass es eigentlich seine Aufgabe war als ihr Verlobter, sie von diesen Gedanken abzubringen.
Doch er tat es nicht.
„Glaubst du nicht, dass er nicht bereits tot sein könnte? Du hast ihn mit deinem Licht ins Gesicht getroffen.“ Saiyon sprach ebenso ernst wie Green; das einzige, was dort, am Fenster, „süß“ war, war der Zucker der Pfannkuchen.
„Das bedeutet in der Regel das Aus für Dämonen.“ Green schwieg kurz; ihr Gesicht zeigte keine Regung… wirkte jedoch angestrengt.
„Meine Lichtmagie ist nicht sonderlich stark.“
„Das war sie aber in diesem Kampf. In diesem Kampf warst du die Sonne.“ Wie poetisch und schön das klang… Green huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, das aber bitter war – und auch schnell verschwand, während sie nun aus dem Fenster sah.
„Nein. Er ist nicht tot. Ich kann das spüren.“ Saiyon schwieg, als hätten ihm diese Worte befohlen zu schweigen; das Schweigen, das er nutzte, um Green zu mustern… und wobei ihm die leichten… wehmütigen Züge in ihrem Gesicht nicht unbemerkt blieben.
„Es gibt nichts außer Hass… und ja, ich gebe es zu, verbitterte Trauer, die mich mit diesem Dämon verbindet.“ Immer noch war Saiyon nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen oder sich von ihrem Blick abzuwenden; erst viel später würde ihm die Tragweite und die wahre Bedeutung ihrer Worte bewusst werden; und erst da würde er erleichtert sein, denn das waren trotz aller Härte genau die Worte gewesen, die sein Herz hören wollte.
„Aber ich kann verstehen, wenn du mir nicht glaubst…“ Da schnellte plötzlich seine Hand hervor, welche genauso vom Zucker beklebt war wie die Hand, die er berauscht ergriffen hatte.
„Ich glaube dir, Green!“ Saiyon musste nicht mehr sagen; die Aufrichtigkeit in seinen Augen erweichte die Härte in den Augen seiner Verlobten und ein schwaches Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht. Sie wollte sich schon bei ihm bedanken, da unterbrach er sie allerdings:
„Und wenn du meine Hilfe brauchst, dann werde ich da sein.“ Greens Lächeln wurde eine Spur breiter, sowie selbstbewusster, als sie nun ihre zweite Hand auf seine legte und mit einem gewissen Leuchten in den Augen antwortete:
„Ich danke dir. Aber dies ist ein Kampf, den ich alleine ausfechten muss.“


Dies war die erste Nacht gewesen, die Saiyon und Green im gleichen Bett verbracht hatten, beide sichtlich dadurch beruhigt, dass sie sich einig geworden waren, dass sie sich erst einmal besser kennen lernen wollten, ehe sie jenen entscheidenden Schritt gehen würden, vor dem sie beide nervös waren. Es war eine Idee Greens gewesen und sie hatte bereits befürchtet, dass Saiyon sich gekränkt fühlen würde, dass sie ihm ihren Körper verweigerte, doch das tat er nicht. Als sie ihm sagte, dass sie ihn, Saiyon, ihren Verlobten, erst einmal richtig kennen lernen wollte, da strahlte er wie eine aufgehende Sonne und erklärte ihr überschwänglich, dass er ganz ihrer Meinung wäre.
Doch obwohl Green es erleichterte, diesen Druck nicht mehr auf ihren Schultern liegen zu haben, war sie nicht einfach eingeschlafen. Sie hatte schon mit vielen in einem Bett geschlafen: seinerzeit mit Kari, sogar mal mit Sho und Firey, und Pink war auch schon ein paar Mal unter ihre Bettdecke gekrochen. Aber mit einem Mann in einem Bett zu schlafen war etwas ganz Anderes…. Zuerst hatten sie Rücken an Rücken gelegen, bis Saiyon schüchtern gefragt hatte, ob er sie im Arm halten dürfte – was sie einfach nicht ablehnen konnte, obwohl sie sich dagegen gesträubt hatte.
So lagen sie nun schon seit Stunden, denn Saiyon war mit ihr im Arm eingeschlafen. Er fühlte sich so anders an… obwohl man nicht gerade behaupten konnte, dass Saiyon besonders stämmig oder muskulös war, so war seine Brust, welche sie sich langsam heben und senken spüren konnte an ihrem Rücken, so viel breiter als die einer Frau. Es ging eine gewisse Sicherheit von ihm aus, wie er sie fest, aber nicht zu fest, umschlungen hielt… und trotzdem fühlte Green sich unwohl.
Sie lag da, lauschte seinem schweren Atem, atmete seinen fremdartigen Geruch ein und verfluchte die Tatsache, dass der Spiegel dort immer noch hing.
Denn er zeigte der Hikari ihr schlechtes Gewissen.