Online: 1 Heute: 19 Gesamt: 170974
Episode 80
  Episode 80: Traurige Regenbögen
Green mochte diesen Raum und befand sich gerne in diesem: er war so festlich und einfach nur wunderschön, wenn das Licht durch die verglasten Wände hineinströmte und aussah wie flüssiges, buntes Wasser, denn das Licht brach sich in dem Glas und strahlte in den Farben des Regenbogens; nein, es strahlte in den Farben der Elemente. Das Sonnenlicht zollte den anwesenden Wächtern Tribut, die sich hier zu Feierlichkeiten versammelten – zu einer Festlichkeit wie der heutigen, bei der der Offizier der Zeit, Cebir – mit dem Green herzlich wenig zu tun hatte, für den sie aber dennoch lächeln musste – zum Anführer der Offiziere ernannt wurde. Green war nicht nach Feiern zumute, aber sie war mittlerweile ganz gut darin, so zu tun als ob; ein politisches Lächeln war gar nicht so schwer, wenn man es oft genug aufsetzte… und sie hatte sich auch schon daran gewöhnt, auf Wächter herunterzusehen, die vor ihr niederknieten, so wie die Offiziere es gerade taten, während Green ihre auswendig gelernten Worte sprach, die der Grund waren, warum sie keinen freien Tag gehabt hatte – Mary hatte ihr die Worte schier eingeprügelt.
Das Licht spiegelte sich auf der Haut der Anwesenden wider und der Schmuck, den sie trugen, blitzte und glänzte in dem bunten, strahlenden Sonnenlicht, welches den gesamten, großen rechteckigen Raum durchflutete und vom glatten Boden reflektiert wurde. Green stand zusammen mit ihren Elementarwächtern, die alle genau wie die Offiziere die Hand auf ihre Brust gelegt hatten, so wie es für solche Treueschwüre üblich war, auf einer gläsernen Anhöhe, die sie sich mit einer hellen Marmorstatue teilten, die sie alle überragte; ein lächelnder Light mit ausgebreiteten Schwingen und in die Höhe gehaltenem Schwert. Green durfte ihn nicht ansehen. So oder so durfte sie sich natürlich nicht zu der Statue herumdrehen, während Cebir hochtrabend seine Treue schwor – aber sie durfte sich auch nicht herumdrehen, weil das steinerne Gesicht Lights sie sofort an Silence erinnern und somit ihr Lächeln erschweren würde.
Silence war immer noch nicht wieder aufgetaucht… nicht daran denken, befahl Green sich. Sie musste sich darauf konzentrieren, was jetzt geschah. Solange sie keine Möglichkeit gefunden hatte, um Silence irgendwie zu helfen, konnte sie sowieso nichts für Silence tun und Kaira hatte recht: Green musste an ihr Elementarwächterteam denken. An ihre Pflichten diesem gegenüber – und das hier… war eine ihrer Pflichten. Passabel auszusehen; als Einheit aufzutreten… besonders in Anbetracht dessen, dass sie nicht alleine waren. Viele andere Wächter reihten sich an den Wänden; es waren sicherlich 50 an der Zahl und das, obwohl das Ganze doch nicht einmal eine Stunde dauern würde… aber Wächter mochten so etwas, dachte Green ironisch, immer noch lächelnd – und natürlich wollte die Familie von Cebir dabei sein, wenn ihm die Ehre zuteilwurde, Shitayas Platz einzunehmen. Die beiden schienen gut befreundet zu sein; bevor sie ihre Plätze eingenommen hatten, hatte Green gesehen, wie Cebir und Shitaya sich nicht nur die Hände gereicht hatten, sondern wie Shitaya seinen Kollegen auch freudestrahlend umarmt hatte. Auch jetzt strahlen Shitayas Augen, gleich links hinter Green, vor Stolz und Freude, genau wie die zwei älteren Schwestern Cebirs, die auf Green wirkten wie Kaira-Kopien, aber die trotz ihrer angespannten, ehrvollen Haltung doch nicht ganz zu unterdrücken vermochten, wie gerührt sie waren von diesem Augenblick.
„… ich schwöre dem Licht und meinem Element Ehre zu erweisen bis zu dem Tag, an dem ich fallen werde und über diesen hinaus; es soll keinen Moment geben, der nicht meinen Mitwächtern und dem Licht gewidmet ist“, sprach Cebir mit fester Stimme und gesenktem Kopf; anders als die anderen Offiziere kniete er jedoch nicht; er durfte stehen, er war immerhin die Hauptperson dieser Veranstaltung, wenn man von Green absah, die sich fragte, ob diese Worte festgeschrieben waren oder ob er sie selbst hatte bestimmen dürfen? Green jedenfalls hatte kein einziges Wort bestimmt; nicht einmal Kritik hatte sie ausüben dürfen – Marys Worte waren festgeschrieben und Gesetz.
„Ich danke Ihnen für diese Worte, in welche ich Vertrauen setze, dass Sie zur Wahrheit werden. Ich habe keinen Moment und werde auch keinen zukünftigen Moment an Ihrer Treue zweifeln. Ich danke dem Element der Zeit für die Hingabe und die Entschlossenheit, die unser Wächtertum schützt und ihm beim Gedeihen hilft…“ Was war Green froh, dass sie wenigstens das von dem japanischen Schulsystem mitgenommen hatte: Dinge auswendig lernen und sicher wiedergeben können.
„… und dass es so einen hervorragenden Wächter hervorgebracht hat.“ Gott, was laberte sie da eigentlich für einen Kram! Egal. Einfach nur lächeln – es gefiel den Angehörigen offensichtlich, denn Green hörte, wie irgendjemand schniefte, als Cebir den Kopf hob, um eine aus Silber geschmiedete Blumenkrone feierlich auf sein Haupt gesetzt zu bekommen, die Shitaya – als der ehemalige Anführer – Green gereicht hatte. Vor diesen Moment hatte Green mehr Angst gehabt, als vor den Worten; was war, wenn sie die Krone – die einfach nur abgenutzt aussah, aber wenigstens leuchteten die Perlen noch deutlich hervor – falsch auf seine violetten Haare setzte? Was war, wenn sie runterfiel oder sie ihn pikste? Aber nichts geschah. Sie lag da einfach, so wie es sich gehörte und sah gut aus – tatsächlich stand sie ihm auch… irgendwie.
Green lächelte sich selbst Mut zu und schloss wie die anderen Wächter die Augen, als ein Chor irgendwelche ach so heiligen Worte in Edoú sang und der gläserne Saal in sanftes, lilanes Licht getaucht wurde, passend zu dem Element des Trägers. Firey hatte fast vergessen die Augen zu schließen, so fasziniert war sie von diesem schönen Farbenspiel und dem sanften Gesang des Chores; aber als sogar Azuma ihr zuvorkam, beeilte sie sich dasselbe zu tun.
Green war die erste, die die Augen wieder öffnete – aber sie war nicht die Einzige, die die Augen nicht geschlossen hatte; am anderen Ende des Raumes, an die Tür gelehnt, stand oder eher schwebte Silence, die den Klängen ihrer Muttersprache zuhörte und Greens verdatterten Blick mit dunklen Augen erwiderte… aber kurz die Hand zum Gruß hob.
Am liebsten wäre Green auf sie zu gerannt, als hätte sie Silence eine Woche nicht mehr gesehen – aber stattdessen schenkte sie ihrer Freundin das erste, ehrliche Lächeln des Tages… oder der letzten Tage.
Es war so gut, sie zu sehen.


Drei Stunden später machte Green sich nun eher Sorgen um ihre eigene Kopfbedeckung als um Cebirs – der die Krone noch den gesamten Tag tragen würde, damit die Wächter, die es womöglich nicht gehört hatten, ihn, der doch eigentlich nur trainieren wollte, beglückwünschen konnten – denn sie trug einen jener spitz zulaufenden Hüte, die sie früher nur in Märchenbüchern gesehen hatte; jene, die mittelalterliche Prinzessinnen trugen, mit einem langen glänzenden Schleier, der sich sachte im Wind wog, nun, da sie an die frische Luft gekommen war. Sie hatte diese eigenartige Kopfbedeckung, welche man wohl Hennin nannte, bereits zur feierlichen Ernennung getragen, aber dort hatte sie sich um andere Dinge Sorgen gemacht, als dass das Ding von ihrem Kopf rutschen würde. Passend zu dem hellblauen Hennin trug sie ein weißes knielanges Kleid mit blauen Kristallen versehen und veilchenblauen Rüschen, die ihre Schultern umrahmten; die Sonne strahlte hell und reflektierte sich in den goldenen Verzierungen ihres Kleides, welches festlich und vornehm aussah mit seiner nach hinten längeren Stoffpartie, aber mit seinen Manschetten doch auch deutliche Zeichen einer Uniform trug… es war eines von Greys letzten Kleidern gewesen. Sie hatte es nicht tragen wollen, weil sie den Hut albern gefunden hatte; nun trug sie alles genau so wie es sich gehörte, selbst den von Grey ausgesuchten Schmuck und die Schuhe mit den blauen Bändern, die sich an ihren Beinen emporschlängelten.
Sehr hübsch sah sie aus, hatte Saiyon ihr versichert, aber auch wenn Green gleich mit ihm zusammen zu Mittag essen würde, so nutzte sie nun den Moment, wo sie mit Silence alleine war – und ihr etwas neckendes Grinsen gefiel ihr auch alle Male lieber als Saiyons Kompliment. Es tat so gut, sie wieder „so“ zu sehen – so wie Silence eben war!
„Es ist schön, dich zu sehen“, rief Green freudig, während sie an Silence‘ Seite durch den Säulengang ging, der den heiligsten Kern des Tempels umrundete – jenen Saal, in dem Inceres die Karten legte und der verschlossen war, aber mit seinen wuchtigen Säulen und seinen aufwendig verzierten Buntfenstern auch von außen einen mächtigen Eindruck hinterließ. Aber Green dachte gar nicht an irgendwelche Heiligkeit oder historische Ereignisse: Sie verließ den schattigen Säulengang, um hinauszutreten in die Sonne, wo ein gepflasterter Pfad sie über die grünen, weiten Wiesen der Tempelinsel zu einem Pavillon bringen würde, wo sie gleich mit Saiyon essen würde.
„Meine Güte, Green, du tust so, als wäre ich wochenlang abwesend gewesen.“ Green grinste etwas ertappt:
„Es kam mir auch so vor. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“ Silence sah ihr Medium belustigt an:
„Was? Das brauchst du nicht.“
„Green!“ Green war überrascht, Saiyons Stimme zu hören, der ihren Namen so enthusiastisch rief – denn sie hatten sich eigentlich beim Pavillon verabredet, wo Itzumi wahrscheinlich schon gedeckt hatte – aber noch überrascht war sie, als sie sah, dass er es so eilig damit hatte, zu ihr zu gelangen, dass er kurzerhand in die Luft sprang, um zu ihr zu fliegen. Die Augen der Hikari weiteten sich verdattert, als Saiyon vor ihr, mitten in der Luft schwebend innehielt und sein freudiges Lächeln konnte sie vor lauter Verwunderung gar nicht erwidern; sie vergaß immer wieder, dass Windwächter ja fliegen konnten…
„Da hat es aber jemand sehr eilig gehabt, zu dir zu gelangen…“, hörte Green Silence neckend in ihrem Ohr:
„Jemand ist ganz eindeutig über beide Ohren in dich verschossen.“ Ja, das wusste Green auch; sie war ja nicht blind für das Strahlen in Saiyons grünen Augen, als er leicht wie eine Feder elegant vor ihr landete und Silence unterbrach, von der er ja nicht wissen konnte, dass sie gerade mit Green sprach und meinte, dass sie Glück hatte mit so einem Getreuen:
„Entschuldige meinen Übermut; da ich lange meine Magie nicht einsetzen konnte…“ Er lachte, um diese traurige Tatsache zu überspielen:
„… nutze ich nun fast jede Minute, um es zu tun.“
„Dafür musst du dich nicht entschuldigen.“ Argh, Green ärgerte sich über sich selbst: Sie klang gar nicht nach sich! Sie sollte lieber wieder versuchen zu lächeln und sich darauf beschränken… ah, was dachte sie da…
„Green, das ist kein Kampf – das ist dein Verlobter.“ Silence, die natürlich ihre Gedanken las, warf ihr nun ein eher mitleidiges Grinsen zu, als Green Saiyons Arm annahm, den er ihr so feierlich reichte, obwohl sie nur zum gemeinsamen Mittagessen gingen. Sie wollte nicht daran denken, aber sie musste es dennoch: hier auf diesem Feld, unter derselben Sonne, beim selben Wetter – gut, es war damals wärmer gewesen – hatten sich Kanori und White das erste Mal getroffen. In dem Pavillon, wo Saiyon und Green nun an einer großen gedeckten Tafel Platz nahmen, hatten sie das erste Mal miteinander gesprochen. Wie lange war das nicht alles schon her… seitdem Green in die Spieluhr ihrer Mutter „gefallen“ war…
„Bedrückt dich etwas?“ Green, die nur zögerlich von der großzügig gedeckten Tafel aß, schreckte auf, als hätte sie Saiyons Anwesenheit vergessen – sie bemerkte daher auch nicht, dass es ihren Verlobten etwas Überwindung gekostet hatte, diese Frage zu stellen. Sie wunderte sich nur darüber, warum er sie so intensiv musterte, spürte wieder den Drang seinen Augen auszuweichen, doch sie hielt stand, konzentrierte sich auf das reich mit Früchten versehende Essen und tat so, als wären die mit Zucker garnierten Weintrauben besonders schmackhaft – aber der Frage entging sie so natürlich nicht.
„Ich denke über das Elementarwächterteam nach“, begann Green nach kurzem Zögern und entschied sich, ihm – und Silence, die hinter Saiyon an der Säule des Pavillons lehnte und zuhörte – von dem Treffen mit Kaira zu erzählen. Silence zeigte sich nicht sonderlich überrascht und stimmte den Worten Kairas zu – leider auch was ihre Kritik Greens anging – Saiyon dagegen verblieb kurz ruhig und äußerte sich nicht, hatte auch aufgehört zu essen, einen sehr ernsten Eindruck machend, bis er Green antwortete:
„Die Elementarwächter sind für uns alle sehr wichtig, da sie das direkteste Bindeglied mit unserem Element darstellen.“ Das wusste Green; warum erzählte er ihr das?
„Elementarwächter hören die Stimmen der Elemente am deutlichsten.“ Green war kurz davor ihn zu unterbrechen, weil es sie irritierte, etwas zu hören, was sie natürlich wusste, aber sie schwieg und ließ Saiyon weiterreden, der auf das weite, grüne Feld hinaussah, wo der Wind sachte das saftige Gras und die weißen Blüten ins Schwanken brachte.
„Man erzählt sich, dass die talentiertesten Elementarwächter die Gottheiten selbst sprechen und sehen könnten.“ Das hatte Green zwar noch nicht gehört, aber dieses Gespräch wurde ihr dennoch zu einer immer größeren Irritation. Sie wusste das? Natürlich wusste sie das…
„Ich sage das nicht, um dich zu belehren.“ Saiyon schien Greens gerunzelte Stirn bemerkt zu haben: ihm huschte ein sachtes Lächeln übers Gesicht, ehe er sich abwandte und fortfuhr:
„Aber wenn ich dich über das Elementarwächterteam sprechen höre, dann sprichst du von ihnen wie über eine Streitmacht – mit deren Mitgliedern du natürlich befreundet bist, das merkt man besonders bei Pink und Firey. Aber sie sind mehr als das: dass mein Bruder und ich zu Elementarwächtern ernannt wurden, ist für uns nicht nur eine militärische Ehre, sondern auch eine heilige Ehre.“ Er wandte sich Green wieder zu, die nun aufmerksamer lauschte als zuvor, genau wie Silence, die über den direkten Tonfall Saiyons überrascht war – sie hätte ihn eigentlich zu schüchtern und zu verliebt eingeschätzt, um Green so direkt auf ihre Fehler hinzuweisen:
„Da ich erst seit wenigen Tagen Elementarwächter des Windes bin, habe ich immer noch den Sichtwinkel eines normalen Wächters; ein Sichtwinkel, der meine Worte formt – und ich sage dir, dass die Elementarwächter wichtiger sind als du glaubst. Sie sind nicht nur wichtig auf dem Schlachtfeld. Nicht nur da müssen sie funktionieren. Ich…“ Er zögerte, aber er fand seinen Mut wieder:
„… weiß, dass du noch nicht lange ein Teil unserer Welt bist und ich mache dir keinen Vorwurf, dass du einige Dinge weißt, sie aber nicht fühlst. Aber andere tun es. Du hast auch Unterstützer, aber auch Gegner… einige haben das Gefühl, du würdest unsere Kultur und Werte mit Füßen treten.“ Green antwortete nicht, denn leider… wusste sie auch das.
„So lange war Kaze-sama unser einziger Elementarwächter…“ Es tat weh, als Saiyon so ehrfürchtig von Grey sprach, aber Green bemühte sich, es sich nicht anmerken zu lassen.
„Alle haben ihn geachtet und verehrt: Er war zu Zeiten mehr Regime-Führer als Elementarwächter des Windes… Was auch ein Problem war. Im Grunde hatten wir mehr als ein Jahrzehnt keine Elementarwächter, dabei sind sie, zusammen mit dir, die Pfeiler unserer Kultur und Gesellschaft. Die Hikari haben versucht, dieses Loch, das es in unsere Mitte gerissen hat, mit mehr Präsenz zu stopfen, aber so sehr wir euer Licht auch lieben und benötigen… unser Element steht uns näher. Die Elementarwächter sind zwar schon ein paar Mal zusammen aufgetreten und sind nun auch alle wieder „da“, aber das genügt nicht. Ja, es ist wichtig, dass du die Elementarwächter als Anführerin auf dem Schlachtfeld leiten kannst, aber lass mich dir…“ Er errötete ein wenig, trotz des ernsten Themas:
„…als dein Getreuer den Ratschlag geben, das meinem Bruder zu überlassen.“ Saiyon lächelte wieder, aber nun durchschaute Green ihn – diese Worte zu sagen, fiel ihm nicht leicht:
„Shitaya ist ein Genie. Als Anführer der Offiziere hat er sehr viel Erfahrung darin, Wächter zu einen und Unebenheiten auszuglätten – und sie in den Kampf zu führen. Er sieht… Möglichkeiten, wo andere Grenzen sehen. Lass ihn sprechen und lerne von seinen Worten und Taten: Er ist nicht umsonst unser bester Wächter.“ Oh, war das Eifersucht? Keine brennende, hassende Eifersucht, sondern eine wehmütige, traurige Eifersucht, die da in seiner Stimme und in seinen Augen zu sehen war? Deswegen war Saiyon also etwas zurückhaltender, wenn Shitaya anwesend war…?
„Ich schließe mich Kairas Meinung daher an; du solltest dich anderen Dingen widmen.“ Nun antwortete Green:
„Ich soll die Elementarwächter „heilig machen“?“ Wenn sie an Azuma dachte – und leider auch an Firey – glaubte sie nicht, dass ein solcher Versuch mit Erfolg gekrönt sein würde… und Pink war auch jenseits jeder Heiligkeit. Und Ilangs giftiger Blick ihr gegenüber auch.
„Wie soll ich das machen? Es ist ja nun nicht so, als würde Heiligkeit vom Himmel herunterfallen.“ Diesen Wortgebrauch kannte Saiyon ganz offensichtlich nicht, denn er blinzelte sie heftig verwirrt an, aber er schien sich nicht die Blöße geben zu wollen, sie zu fragen, was sie denn damit gemeint hatte. Er schüttelte die Verwirrung auch schnell von sich ab, sah nachdenklich aus, während er sich ein geschnittenes Apfelstück in den Mund führte.
„“Das Licht eint die Elemente mit seinen Schwingen des Glaubens“…“, murmelte Saiyon – ein Zitat? Er sah wieder auf und fuhr fort, ehe Green fragen konnte:
„Die Beisetzung der Gefallen heute Abend ist eine Gelegenheit, um den Elementarwächtern einen Eindruck von Würde zu verleihen… es sind viele gestorben. Es werden demnach viele Angehörige anwesend sein.“ Daran wollte Green gar nicht denken. An die Beisetzung. Eine der vielen Lektionen, die Green mit Mary hatte pauken müssen. Wie oft hatte sie die „heiligen Worte des Abschieds“ nicht schon sagen müssen? Mary war so ein Sklaventreiber… ihr Großvater auch, aber Mary war penetranter.
„Du meinst, ich soll dafür sorgen, dass die Elementarwächter und ich eine gute Figur abgeben?“
„Ja, aber das ist natürlich nur einer von vielen Schritten.“ Green konnte sich nicht helfen: sie konnte sich nicht vorstellen, dass, egal wie viele Schritte sie nehmen würde, Azuma irgendwie zu bekehren wäre.
„Du solltest bei dir selbst anfangen – du wirkst im Regelfall auch nicht sonderlich heilig“, kommentierte Silence neckend, während Saiyon nachdachte. Green bedankte sich bei Silence für diese unglaublich netten Worte und hoffte, dass ihre Gedanken die Ironie übertragen konnten. Aber Silence hatte recht. Sie und heilig. Sie war nicht heilig. Sie wollte es auch nicht sein. Das war nicht ihr Ziel. Aber konnte man… Heiligkeit vorspielen? Wenn man Heiligkeit anstrebte – und nicht auf „natürlichem Wege“ erlangte – war dann nicht schon alles verloren? Aber was Anderes tat Mary denn, wenn sie Green Worte in den Mund legte und ihr Kleider zum Anziehen gab, Schritte, die sie gehen musste – sie strebte auch an, Green heiliger wirken zu lassen als sie war. War das alles nur gut eingefädelte Propaganda?
Green sah zu Silence, die diesen Gedanken unkommentiert ließ – aber in ihrem Gesicht war ein düsteres Lächeln, welches Green nicht zu durchschauen vermochte.
„Die Weihe.“
Diese zwei Worte, die in der Sprache der Wächter eher wie ein Wort klangen, fegten alle anderen Gedanken aus Greens Kopf und sofort hatte der immer noch nachdenklich wirkende Saiyon Greens volle Aufmerksamkeit.
„Warum fand in dieser Generation noch keine Weihe statt?“


Weil Inceres es verboten hatte. Das war die simple Antwort. Green wusste nicht, warum er es verboten hatte, aber alleine dass er die Weihe mit einem Verbot verhängt hatte, ließ sie Ehrfurcht und zugegeben auch Furcht vor der Weihe empfinden. Eigentlich spornten Verbote sie eher an, als das Gegenteil… aber nicht Inceres‘ Verbote. Shaginai hatte ihr erzählt, dass Inceres jegliche Planung, was Greens heilige Zeremonie anbelangte, untersagt hatte, obwohl sie die Weihe schon längst hätte durchführen müssen… Er hatte keine Begründung gegeben. Ha, natürlich hatte er das nicht… Inceres‘ Worte waren so mächtig, er benötigte keine Begründungen.
„Hast du gar keine Vermutungen, Großvater?“, hatte Green Shaginai gefragt, als sie in einem abgelegenen Wald auf Min Intarsier das Ausweichen geübt hatten – es gab sehr viele ausgestorbene Wälder in Henel, aber im Feindesgebiet konnte man natürlich nicht trainieren – und ihr strenger Lehrmeister ihr gerade eine Verschnaufspause gönnte. Eigentlich hatte Green keine Antwort erwartet, denn eigentlich duldete Shaginai keine Gespräche während des Trainings, aber seine lange intensive Musterung ihrerseits und das in den Boden gerammte, geflügelte Schwert machten doch deutlich, dass er ihr antworten würde:
„Ich vermute, dass deine Augenfarbe die Ursache ist.“ Green runzelte die Stirn: ihre Augenfarbe?
„Du bist nicht die einzige Hikari, die keine weißen Augen besitzt; es kann vorkommen, dass Hikari, die wie Seigi Menschenblut in den Adern haben, mit der falschen Augenfarbe geboren werden. Die Dunkelheit deiner Augen ist jedoch einzigartig und deiner Unreinheit zuzuschreiben.“ Green grinste, als wären Shaginais scharfe Worte ein Kompliment – aber ihr Großvater brachte das Grinsen schnell zum Verschwinden.
„Oder vielleicht auch simpel deiner Unfähigkeit, Yogosu. Unfähigkeit und Unreinheit scheinen gut Hand in Hand zu gehen.“ Er ließ seinen Blick über die Bäume um sie herum gleiten, die alle Schrammen von Greens Stab trugen – und die Green eigentlich nicht hätte treffen dürfen.
„Du wärst in drei Sekunden tot.“
Oder aber die Dämonen um mich herum wären tot. Wenn ich meine Waffe also mit Lichtmagie aufgeladen hätte.“
„Ich wage, auf die Dämonen zu wetten.“ Shaginai wollte eben dazu ansetzen, Green nahezulegen, dass Dämonen in der Regel um einiges besser darin seien sich der Umgebung anzupassen als Wächter, als Green ihn unterbrach – denn sie wollte beim Thema bleiben:
„Was hat die Weihe mit meiner Augenfarbe zu tun?“
„Sie verändert sich. Sie werden weiß werden.“ Wieder wollte Shaginai dazu ansetzen, das Training fortzusetzen, aber Green unterbrach ihn ein weiteres Mal:
„Wie das?“ Shaginais Mund und Gesicht verzogen sich grimmig und auch leicht wütend – aus Ungeduld oder weil er das Thema nicht mochte?
„Schwei-ge-ge-lüb-de, Yogosu. Du hast mittlerweile verstanden, was das Wort bedeutet, nehme ich an?“ Die Kombination aus Shaginais strenger Stimme und seinen stählernen Augen sagte Green, dass sie an diesem Punkt nicht weiterkommen würde – ihr Großvater meinte das Wort tatsächlich genauso wie er es sagte… und wenn sich jemand an die Regeln hielt, dann doch ihr Großvater… obwohl. Nicht immer. Nicht in Pinks Falle – und auch in diesem, in Greens Fall, glaubte seine Enkelin zu spüren, dass Shaginai auf ihrer Seite war und nicht auf Inceres‘. Ihr Großvater wollte eigentlich sehr wohl, dass sie die Weihe durchführte – er konnte ihr nur nicht helfen, weil Inceres dazwischenstand… und weil irgendein Hokuspokus die Weihe verschleierte.
Sie würde also Greens Augenfarbe ändern… Green mochte ihre Augenfarbe, aber sie kam dennoch nicht drum herum sich zu fragen, ob das wirklich der einzige Grund war, weshalb Inceres gegen die Weihe war. Wie kam Shaginai eigentlich darauf, dass es damit etwas zu tun hätte?
Sie hatte ihn nicht gefragt; das Thema war beendet gewesen und das Training ging weiter – seitdem hatten sie nicht mehr über die Weihe gesprochen und auch Green hatte sie von sich weggeschoben, weil sie Unwohlsein in ihr weckte. Aber das Schweigegelübde schien keine Ausrede Shaginais zu sein; auch Saiyon hatte nur sehr verhalten über das Thema gesprochen; sich auch für seine Frage entschuldigt… es eine „heilige Zeremonie“ genannt, aber doch erwähnt, dass viele Wächter sich wunderten, warum die Weihe noch nicht abgehalten worden war.
Aber nun stand eine andere heilige Zeremonie auf dem Programm – die Beisetzung der mehr als 800 toten Wächter. Green hatte diesen Tag, diesem Moment, gefürchtet und ihn den gesamten Tag so gut es ging verdrängt. Auch jetzt versuchte sie wohl noch zu verdrängen, wo sie war und was im Begriff war zu geschehen. Ihr Gesicht war ganz starr; ihre Augen bewegten sich nicht, ihre Lippen waren zusammengepresst. Der Himmel über ihr war in einem trüben Violett gemalt worden; die Wolken waberten grau um die gut 2300 Wächter herum, die zu dieser Trauerzeremonie erschienen waren. Wieder war Green in eine Kreation Greys gekleidet; ein dunkelgraues, langes, aber doch eher simples Kleid, mit einem langen, eleganten Schleier, der hinter ihr im Wind wehte. Ihr Haar war von Itzumi hochgesteckt worden und konnte vom Wind nicht erfasst werden, ebenso wenig wie ihr Kleid, welches zu schwer war und sich nur sachte bewegte, als Green mit schnell pochendem Herzen die weißen Treppen herunterging. Nicht zu schnell. Eine Stufe mit jedem Atemzug, wie Mary es ihr eingetrichtert hatte. Eigentlich hätte Green Mary und ihrer Propaganda gerne einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber sie tat es nicht, hielt sich ganz genau an das, was ihr aufgetragen worden war – nicht, weil sie Saiyons Worte im Kopf hatte, dass sie Heiligkeit anstreben sollte, sondern weil… sie es einfach hinter sich haben wollte. Es sollte einfach vorüber sein. Die Hikari wusste, dass sie diese Rolle noch oft würde spielen müssen, aber… vielleicht würde sie sich ja irgendwann an diesen Anblick gewöhnen, der ihr jetzt die Kehle zusammenschnürte.
Sie war den toten Wächtern nun so nah, wie kein anderer Wächter es war. Die Angehörigen standen am Rand des gigantischen Beckens; einige hielten sich aneinander fest, umarmten und trösteten sich – andere hielten würdevoll die Hände über ihrem Herzen, wie die tollen Soldaten, die sie waren. Dieselbe Position hatten die Elementarwächter eingenommen, die hinter Green aufgereiht standen, auf einer etwas höher gelegenen Plattform. Sie waren alle in ihre Uniform gekleidet, trugen aber weiße Umhänge darüber, die geschlossen wurden von großen, runden Broschen in ihrer jeweiligen Elementfarbe. Green konnte sich nicht herumdrehen und sah so nicht die Gesichter ihrer Mitstreiter, die alle ein eher ernstes Gesicht machten. Azuma warf Yuuki einen Blick zu, der deutlich seine Abscheu gegen dieses Zeremoniell zeigte, aber Yuuki ignorierte es; Firey sah genauso starr aus wie Green, die nun auf die Toten herabblickte. Weiter konnte sie nicht gehen: sie war an der letzten und tiefsten Plattform angelangt… sie war bei den Toten angelangt, die in ihrer großen Masse unter ihr aufgereiht waren. Es war ein ruhiger, trauriger, aber auch grauenvoller Anblick. Eine große Masse schlafend wirkender Wächter, in deren erstarrten Gesichtern man jedoch den Tod erkannte, nebeneinanderliegend, mit ihren Waffen auf ihrer Brust, genau wie in der Leichenhalle. Wie froh war Green nicht, dass Grey nicht hier war, dachte sie, schluckte und öffnete den Mund, um die Zeremonie in Gang zu setzen.
Mit ruhiger, gefasster und deutlicher Stimme sprach Green die Worte, die sie gelernt hatte, selbst aber gar nicht verstehen konnte, da es Worte in der heiligen Ursprache der Wächter waren. Sie hatte sie auswendig gelernt; die schönen Laute, die wie ein Gesang klangen und die nun Gehör fanden – nicht von den Wächtern um sie herum, sondern von der Flüssigkeit, die aus den steinernen Krügen der Wächtergötter zu fließen begann, die rechts und links von Green in die Wand gehauen waren. Es klang wie Wasser, floss auch genauso schnell wie Wasser, war aber eine silbrig glänzende Flüssigkeit, die die toten Wächter und ihre treuen Waffen binnen weniger Minuten bedeckte, während Green weitersprach, deutlicher und… gekonnter als so manch anderer Hikari vor ihr, denn sie hatte die Worte nicht nur mit Mary geübt – sondern vor allem mit Silence. Worte, die von Dankbarkeit und Anteilname zeugten und auch wenn keiner der Anwesenden sie verstehen konnte, so erklangen diese heiligen, halb gesungenen Worte nicht nur in ihren Ohren, sondern in ihren Herzen.
Green spürte, wie die Flüssigkeit ihre nackten Füße berührte und umschloss und vernahm kurz eine starke, widerwillige Abscheu gegen das, was geschah, konnte sich aber dennoch dazu bringen, die Arme auszustrecken, womit das fließende Silber versiegte. Sie atmete drei Mal aus – so wie es ihr beigebracht worden war – und fuhr dann in einer Sprache fort, die sie alle verstehen konnten:
„Kehret nun, treue Mitstreiter, geliebte Freunde, zu eurem Ursprung zurück. Begleitet vom Glockenklang, vom Licht geführt, zurück zu der Stimme eures Elements, auf dass die Götter euch umarmen, loben und trösten.“ Green schluckte. Das durfte sie eigentlich nicht, aber sie konnte es nicht unterdrücken – ihre Stimme klang auch ein wenig brüchiger, als wäre Edoú ihr geläufiger als die Sprache der Wächter.
„Euer Dienst ist hiermit abgeschlossen; wir werden an eurer statt weiterkämpfen, um das Licht…“ Green schloss die Augen, versuchte die kalte Flüssigkeit an ihren Füßen zu ignorieren:
„… über die Welt zu bringen.“ Wieder ein Wort in Edoú – ein langes Wort, das Green aber in einem Zug aussprechen musste, obwohl es so viele Silben hatte, nur so klang es schön und richtig, hatte Silence ihr gesagt… Das Wort, welches „Erlösung“ bedeutete und nun die Toten von ihren Körpern befreite.
Einige Wächter stöhnten auf; einige weinten auch, andere versuchten es zu unterdrücken, genau wie Firey, die sich vor diesem Moment wie Green gefürchtet hatte – aber… es war gar nicht so makaber wie sie befürchtet hatte. Es war… gar nicht makaber, nicht abscheulich, nicht schrecklich und grauenhaft – es war schön. Leuchtende Lichter stiegen aus der Flüssigkeit empor; Lichter in vielen verschiedenen Farben – die Farben der Elemente, die in Firey den Eindruck erweckten, als würde ein großer Regenbogen in Auflösung gehen. Die Lichter stiegen empor, heraus aus dem Becken, flogen um sie herum, als würden sie sich von ihren Angehörigen verabschieden, ehe sie in den in viele Farben getauchten Himmel emporflogen, um zu verschwinden.
Auch Green, die den Kopf in den Nacken gelegt hatte, war überrascht über diesen Anblick, über den man sie gar nicht informiert hatte; jedenfalls nicht im Detail. Es war wirklich ein schöner Anblick, auch wenn er Green mit Melancholie füllte; vielleicht war es auch das Weinen der Wächter, das dieses bunte Lichtschauspiel begleitete und welches auch nicht davon unterbrochen wurde, als goldene, kleine Kugeln, einige größer, andere kleiner, in die Hände einige der Wächter flogen. Firey wusste nicht, was das war – Green schon. Es waren die Waffen der Verstorbenen, die wieder in ihren Ursprungszustand zurückgekehrt waren, damit sie neu geschmiedet in die Hände eines anderen Wächters gegeben werden konnten.
„Es ist eine sehr mitreißende Zeremonie, nicht wahr? Mitreißend traurig. Heilig auf ihre Art.“ Green senkte den Blick wieder und sah, genau wie am Vormittag, Silence. Sie saß am Rand des Beckens, den Kopf auf ihr Knie gestützt, ein melancholisches Lächeln auf dem Gesicht, Green nur kurz ansehend, dann wieder herunter zu dem bunten Glitzermeer.
„Ich habe den Trauerzeremonien immer gerne beigewohnt“, fuhr Silence fort:
„Vielleicht, weil ich selbst gestorben bin ohne jegliche Form der Beisetzung.“ Green öffnete den Mund, als würde sie Silence ansprechen wollen, übermannt vom Mitgefühl, dem Silence jedoch einen Stopper vorsetzte, mit einem leichten Grinsen:
„Hör auf. Ich brauche kein Mitleid. Vergangenes sollte vergangen sein…“ Sie sah auf, sah durch das Lichtermeer zu Green herüber, mit ihrem starken Lächeln, welches die Hikari immer so bewunderte:
„Du kannst ohnehin nichts tun.“


Konnte Green wirklich nichts tun? Sie weigerte sich, das zu akzeptieren. Silence meinte neckend, sie sollte sich um ihre eigenen Probleme kümmern – offensichtlich sprach sie von der Weihe – aber Green hatte das Gefühl, dass beide Probleme sie zu derselben Person führen würden: Inceres. Green konnte nicht einfach zu Youma gehen und irgendwelche Antworten von ihm fordern, die er ihr erstens wohlmöglich nicht geben würde und vielleicht auch gar nicht konnte, weil er auf ihre Fragen keine Antwort wusste – und eigentlich war sie auch immer noch der Meinung, dass seine Sicht der Dinge unerheblich war. Sie wollte, nein, sie forderte, eine Antwort von Light – und sie war eine Hikari, verdammt nochmal! Sie teilten dasselbe Element; sie standen doch alle miteinander in Verbindung; die Stimme des Elements und all dieser wunderbare Kram. Light, als einer der ersten Hikari, musste doch zur Urstimme gehören… es musste doch möglich sein, mit ihm zu sprechen? Darum ging es doch, wenn man Magie einsetzte. Das hatte sie vom ersten Tag an gehört: spreche mit dem Element, höre die Stimme des Elements.
Vielleicht redete sie sich etwas ein; aber sie wollte es versuchen – Inceres war mehr oder weniger mit Light verwandt. Vielleicht konnte er eine Brücke bauen oder… vielleicht wusste er auch etwas? Green wollte ihm nicht zu viel erzählen, denn das war ein Teil von Silence‘ Leben, eines ihrer Geheimnisse… und war Green nicht so oder so eine Geheimnisträgerin Silence‘? Ihrer Existenz, ihres Lebens, ihres Leids? Ob sie nun Geheimnisträgerin war oder nicht; sie war ihre Freundin. Und als solche würde sie wenigstens versuchen ihr zu helfen.
„Du bist aber überpünktlich heute, Yogosu.“ Shaginai hatte Green zum Training verdonnert – ja, gleich nach der Trauerzeremonie, denn diese war natürlich kein Grund, um nicht zu trainieren – und stand auch bereits mit gezückter Waffe in der Trainingshalle des Tempels wie eine steinerne Heldenstatue, die sich nun zu Green herumdrehte, aber leicht die Stirn runzelte, als er den felsenfesten Gesichtsausdruck in Greens Augen sah.
„Ich weiß, dass wir heute eigentlich noch trainieren wollten, Großvater, aber…“ Sie blickte in die Stahlaugen Shaginai mit der Würde einer Kriegerin:
„… ich muss ins Jenseits und mit Inceres sprechen.“


Die goldenen Kugeln, die die Angehörigen der verstorbenen Wächter erhalten hatten, nannte man auch die Seele einer Waffe. Sie waren wertvolles Rohmaterial, wichtig um eine starke Waffe schmieden zu können, die den Besitzer im Kampf unterstützte. Es war der Kern der meisten Waffen; jener, die perfekt auf den Besitzer zugeschnitten waren. Man sagte, dass sie mit der eigenen Seele verbunden waren. Da sie einen hohen persönlichen Wert für einen jeden Wächter hatten, wurden sie nicht nur für neue Waffen benutzt, sondern auch in der Familie weitergegeben oder im eigenen Familienschrein aufbewahrt als Erinnerung an den Verstorbenen. Die Kugeln waren immer golden, schimmerten manchmal ein wenig bronzefarben und waren warm, wenn man sie berührte – die Oberfläche war ein wenig rau, als wäre der Kern mit Narben übersäht. Ein Ring, etwas dunkler als der Rest, umschloss die Kugeln, versiegelte ihre Kraft und konnten nur von jenen Kikou geöffnet werden, die eine Waffenlizenz hatten – in ihren Händen wurde das kostbare Material formbar wie Lehm.
In ihrem dunklen Zimmer saß Tinami alleine mit einer solchen Kugel, die sie hin und her drehte zwischen ihren Händen. Sie leuchtete ein wenig, war warm und schien nur darauf zu lauern, von ihr entsiegelt zu werden – aber Tinami sah sie nur an. Sie hatte ja auch keine Waffenlizenz mehr, um mehr mit der Kugel machen zu können als sie mit leicht getrübten Augen anzusehen. Ihr entglitt ein Seufzen – und wie als Antwort auf dieses Seufzen öffnete sich die Tür zu ihrem Zimmer mit einem Ruck, schloss sich wieder und schon stand Kaira in ihrem Zimmer.
„Grüß dich, Ai-chan – wo hast du denn Azu-chan gelassen?“, fragte Tinami, die natürlich sofort den Kopf gehoben und ihren Rücken gestrafft hatte, damit ihre Position nicht allzu niedergeschlagen wirkte. Kaira musterte sie eingehend, dann schüttelte sie kurz den Kopf, ehe sie auf die Klimawächterin zuging.
„Azura ist nach der Beisetzung mit Pelagius spazieren gegangen.“
„Die beiden verstehen sich wirklich gut – sie waren gestern auch zusammen schwimmen.“
„Ist das Flirten unter Mizus…“
„Haha, vielleicht.“ Kairas Stimme klang etwas grimmig; Tinami versuchte, heiter zu klingen. Sie hatte nichts gegen Pelagius. Wenn er ihrer Schwester guttat, dann war ihr ein solcher Bund recht – und die Albträume Azuras hatten nachgelassen, seitdem sie mit Pelagius schwimmen ging, wie sie es selbst sagte.
„Soll mir recht sein“, sagte nun auch Kaira, die Arme über der Brust verschränkt, als wäre sie ein Elternteil Azuras:
„Pelagius ist zwar zu sehr mit seinem Äußeren beschäftigt, aber ein fähiger Wächter. Eine ganz passable Partie.“ Tinami sah weg… und sie wusste, dass sie es nicht tat wegen Azura, also zwang sie sich wieder dazu, Kaira anzugrinsen:
„Und? Was müsste deine „ganz passable Partie“ machen, um dein Herz zu erobern? Dich zu einer Uhrenausstellung mitnehmen?“ Es sollte witzig sein. Es sollte einfach nur witzig sein. Ein ganz normales, unverfängliches Gespräch. Aber keine der beiden lachte.
„Ein guter Wächter sein.“ Sie ging auf Tinami zu und das Grinsen der Klimawächterin verschwand, obwohl Kaira erst zu sprechen begann, als sie vor ihr stand:
„Apropos: wo warst du? Warum warst du nicht anwesend bei der Beisetzung?“
„Ich bin keine Elementarwächterin mehr“, antwortete Tinami tonlos.
„Du hättest dennoch anwesend sein müssen, um Verantwortung zu übernehmen.“ Tinami zuckte kaum merklich zusammen:
„Glaubst du, ich weiß nicht, dass die Wächter wegen mir tot sind? Natürlich weiß ich das… genau deswegen bin ich nicht da gewesen. Die Angehörigen…“ Tinamis Finger krallten sich in den Waffenkern:
„… haben ein Recht darauf, in Einklang und Ruhe zu trauern. Ich hätte gestört.“ Tinami schluckte und fuhr mit einer etwas weniger zittrigen Stimme fort:
„Ich habe die Übertragung der Beisetzung gesehen. Auf dem Platz der Eintracht. Ee-chan hat es sehr gut gemacht.“
„Ja, besser als erwartet. Ihr Edoú klang fast fließend.“
„Sie wird eine immer bessere Hikari. Ich wette, ihre Familie bereut schon, dass sie sie nicht von Anfang an eingegliedert haben.“
„Sie hat noch einen weiten Weg vor sich.“ Natürlich konnte Kaira sich nicht einfach so irgendwelchen lobenden Worten anschließen, natürlich nicht – das würde ja auch nicht zu ihr passen… und weil sie Kaira war, redete sie natürlich nicht um den heißen Brei herum und nannte die Dinge erneut, so wie sie waren: wenn ihr System nicht gescheitert wäre, wären nicht so viele Wächter gestorben.
„Was ist das für ein Waffenkern, den du da in der Hand hast?“ Sie waren eigenartig - die Gefühle, die in Tinami um die Obermacht kämpften. Einerseits würde sie Kaira am liebsten dazu auffordern, sich zu ihr aufs Bett zu setzen und sie vielleicht sogar darum bitten, dass sie doch bitte ihren Arm um sie legen möge – aber auf der anderen Seite wollte sie, dass sie ging. Alleine sein… als hätte sie Kairas Beisammensein, egal wie hart ihre Worte waren, nicht verdi… nein, nicht so negativ denken.
„Es ist der meines Vaters. Ich habe mir mal überlegt, mir selbst eine daraus zu schmieden, aber den Gedanken verworfen. Ich habe nie eine Waffe gebraucht.“ Tinami zuckte mit den Schultern, während sie auf das goldene Material hinabsah.
„Hast du sie jetzt wieder herausgeholt, weil du morgen dein erstes Training mit Shitaya hast?“
„Ich wollte sie mir nur ansehen, ein wenig sentimental sein. Ich habe keine Lizenz mehr; sie ist demnach nur noch eine Kugel, kein Rohmaterial, das ich benutzen kann.“
„Aber du hast dir Gedanken gemacht über deine eigene Waffe.“ Tinami zuckte noch einmal mit den Schultern, begleitet von einem Seufzen, aber Kaira ignorierte ihr Seufzen, von einem Gedanken plötzlich beseelt.
„Und so wie ich dich kenne, hast du auch schon Skizzen für eine Waffe auf deinem Chaos von einem Schreibtisch.“
„Ja, aber das sind nur Gedankenspiele…“
„Einen Moment.“ Kaira hatte eben noch auf den Schreibtisch gesehen – jetzt zeigte sie wieder einmal, dass ein „Moment“ bei Zeitwächtern wirklich nur ein Moment war, denn plötzlich, ohne dass Tinami wusste, wie ihr geschah, stand Shitaya plötzlich neben Kaira. Nicht mehr in seiner Uniform gekleidet, sondern schon zur Nacht umgezogen, in einem hellblauen Pyjama und Morgenmantel, offensichtlich etwas verwirrt.
„In Lights Namen, ich werde mich nie an diese vermaledeiten Zeitsprünge von euch Tokis gewöhnen! Und Sie warnen mich genauso wenig vor, wie Cebir es immer tut!“ Auch Tinami, die nun vom Bett aufgestanden war, sah Shitaya ein wenig verwirrt an, aber sie verstand schon, warum er da war, noch ehe Kaira eine Erklärung lieferte:
„Shitaya hat eine Waffenlizenz.“
„Wie ich aber bereits sagte sind meine Waffen nicht die besten…“
„Du sollst ja auch keine machen – du sollst den Kern entsiegeln und es Asuka machen lassen. Keiner macht bessere Waffen als Asuka.“ Besagte Asuka wurde ein wenig rot – und zu der Röte gesellte sich ein Lächeln, als Kaira fortfuhr:
„Und Asuka wird die Nacht durchmachen, sich selbst eine Waffe schmieden und dann morgen mit dieser trainieren.“
„Diese Waffe wäre illegal“, bemerkte Shitaya, aber davon wollte Kaira nichts hören, die ihm bereits die Kugel in die Hand gab:
„Wenn ich eins von unserer Hikari gelernt habe, dann das einige Regeln ab und zu gebogen werden müssen.“ Sie sah zu Tinami, sah ihr dankbares Lächeln – und dann wieder zu Shitaya:
„Also fang an.“