Online: 2 Heute: 15 Gesamt: 172373
Episode 81
  Episode 81: Die mächtigste Seele
Shaginai hatte gelächelt. Das Feuer, dass er in Greens Augen gesehen hatte, hatte ihn gefallen. Ihn interessierten die Lichtflüsse am Himmel weniger; was für ihn wirklich wichtig war, war ob Greens Charakter diesem Licht würdig war.
Aber vielleicht war sie ja auf dem richtigen Weg.
Er bestand nicht auf das Training, sondern begleitete sie ins Jenseits, ohne ihren Entschluss groß zu kommentieren – er wünschte ihr auch nicht viel Erfolg, gab ihr keine Worte auf den Weg, als sie sich von ihm verabschiedete und hinter der nächsten Wand verschwand, um zu Inceres zu gelangen. Ihr Großvater und sie tauschen einen kurzen Blick aus. Das musste genügen.
Genau wie immer, wenn Green mit Inceres sprechen wollte, wurde sie von ihm „abgeholt“ – er schien immer zu spüren, wenn sie das Jenseits betrat und dorthin kam, um ihn zu sehen. Dieses Mal schien er jedoch nicht zu ahnen, weshalb sie zu ihm gekommen war, denn sein Gesicht strahlte freudig und überrascht, als er vor ihr auftauchte und die Welt um sie herum die Formen verlor, sie ganz alleine in einem weißen Nichts hängen blieben, wo es nur sie beide gab und niemand anderes, der sie hören konnte.
„Green! Mein Schmetterling, du kommst mich besuchen, in so einer turbulenten Zeit? Dass du dir dennoch die Zeit nimmst um mir eine Freude zu bereiten… ja, ich freue mich!“ Seine kleinen Finger hielten Greens gut fest, damit sie in diesem weißen Niemandsland nicht verloren gehen konnte, während er sie heiter anstrahlte und Green fast das schlechte Gewissen niederstreckte – sie war immerhin nicht gerade hier um ihn eine Freude zu machen.
Inceres lachte hell auf, wie es nur Kinder können und schon landeten die beiden blauäugigen Hikari mit beschwingter Leichtigkeit auf den Boden in Inceres‘ Kirchenbibliothek, in der auch heute das bunte Licht durch die Fenster fiel und die vielen Büchertürme sich in die Höhe erstreckten, als würden sie die Deckenverstrebung erklimmen wollen um durch das Dach auszubrechen. Wie kam Inceres nur an die obersten Bücher dieser Kolosse heran? Da musste man ja bergsteigen… und er selbst sah darin, mit seiner langen weißen Robe wirklich aus wie ein kleiner Bücherengel.
„Also, Green.“ Inceres ging vor und führte sie durch das Labyrinth an kostbar aussehenden Büchern und abgeschlissenen Heften – seine Groschenromane? – sich nun aber im Gehen herum wendend, als müsste er nicht befürchten, gegen irgendeinen Turm zu stoßen, kein einziges Buch zu fallen zu bringen – was er auch tatsächlich nicht tat.
„Mit was kann ich dir dienen?“ Er lachte wieder, als er Greens verwunderten Blick sah:
„Nun, mir ist bewusst, dass du einen Grund haben musst, um mich zu besuchen – und ich diene dir gerne.“
„Hast du mir nicht schon genug „gedient“?“, fragte Green mit einem leicht entschuldigenden Grinsen, welches wiederum Inceres Verwunderung hervorrief.
„Ich meine in der letzten Schlacht… die Hikari sprechen vom Beistand des Lichts und so… andere von Besessenheit, aber…“ Inceres begann nun auch zu Lächeln, sagte aber nichts.
„Das warst du, oder?“ Sie ging auf ihn zu und berührte seine Finger, ihn sachte anlächelnd:
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dich gespürt habe.“ Seine Finger waren warm, als er ihre umschloss und gemeinsam standen sie kurz da, lächelten sich wissend an, Händchen haltend.
„Ich finde…“, begann er dann wieder, Greens Finger fester drückend, dann seine Hand wegziehend:
„Das „Beistand des Lichts“ ganz gut klingt.“
„Mit deiner Geheimniskrämerei machst du die Hikari ganz wuschig – anders gesagt, du treibst sie in den Wahnsinn, Inceres.“ Green sollte wahrscheinlich tadelnd klingen – aber sie klang eher ein wenig belustigt und auch Inceres lachte:
„Meine Lieblingsbeschäftigung hihi!“ Gut, offensichtlich würde sie wohl nicht mehr aus ihm herausbekommen, aber eigentlich brauchte sie auch nicht mehr hören – sie war sich ziemlich sicher, dass ihr eigenartiger Magieschub ihm zuzuschreiben war. Vielleicht sollte sie ihm sagen, dass er ihr nicht auf diese Weiße helfen sollte; dass sie auf eigenen Beinen stehen konnte, aber… es war doch irgendwie ein niedlicher Gedanke, dass er sie unterstützte… oder nicht? Ah, Shaginai würde sie ausschimpfen, aber ihr Großvater las ja zum Glück nicht ihre Gedanken.
„Also, Green – warum bist du hier?“, fragte Inceres noch einmal, nachdem Ecui und Acui sich vor Green verneigt hatten und Inceres ihr einen Platz in die weichen Kissen anbot, die eine kuschelte Sitzecke bildeten, wie eine Oase in der Mitte von Büchern. Es war ein schöner Ort; mit den bunten Fenstern und den herunter hängenden Kristallen und den vielen Büchern, die in dem bunten Schein zu leuchten schienen hatte er etwas magisches… aber es war ja auch magisch. All das hier war immerhin von Inceres erschaffen worden; sie befanden sich in einer Welt die seine Seele geschaffen hatte. Green durfte gar nicht darüber nachdenken, ansonsten fühlte sie tatsächlich noch Ehrfurcht in ihr aufkommen, gegenüber dem Kind, dass sich ihr gegenüber hinsetzte und einen ganz harmlosen Eindruck machte, die Hände ganz artig in den Schoss zusammengelegt... mit den schweren, schwarzen Metallketten an den blau angelaufenen Fußgelenken. Ecui und Acui standen wie zwei Säulen hinter Inceres, als müssten sie ihn bewachen – das Gesicht verzogen sie wie immer nicht und wirkten tatsächlich… ziemlich tot.
„Solltest du die Antwort auf die Frage nicht kennen? Du hältst mich doch eigentlich rund um die Uhr im Auge, oder? Weißt alles…“ Eigentlich war Green dieser Gedanke nie unangenehm gewesen und das war er auch jetzt nicht, aber dennoch war ihr Lächeln etwas steif geworden.
„Ich weiß nicht alles“, antwortete Inceres mit einem verhaltenen Lächeln.
„Aber vieles.“ Und dann, weil Inceres genau wusste, was Green mit diesen Worten meinte und warum ihr Lächeln steif geworden war, antwortete er ganz direkt:
„Ich habe mich bereits für das Leid entschuldigt, dass ich habe kommen gesehen, aber nicht habe verhindern können. Es schmerzt mich immer noch, Green…“ Mit aufrichtig leidenden und mitfühlenden Augen sah er Green an:
„… dass dieses Leid dir nicht erspart geblieben ist und immer noch in dir haust. Ich weiß nicht, ob du dieses Leid beschwichtigen kannst, indem du Blue tötest, aber ich hoffe es für dich.“ Green wusste nicht, was sie darauf antworten sollte – sie war wegen vielen Dingen hier, aber ganz gewiss nicht um über Silver und Blue zu sprechen... oder ihrer geplanten Rache.
„Leid scheint zu dem Leben eines Hikari dazu zu gehörigen.“ Inceres überraschte die Antwort; er hob ein wenig verblüfft die Augenbrauen, ehe er ihr aber zustimmte:
„Es scheint den Trägern unseres Elements jedenfalls schwer zu sein, ein Leben ohne dieses zu führen. Aber einige haben auch ein passables Leben geführt.“
„Sind die denn ins Jenseits gekommen?“ Greens Antwort war flacksig und auch Inceres schloss sich ihrem Lächeln an, auch wenn seines etwas zurückhaltender war – im Grunde sprachen sie immerhin über ein ernstes Thema.
„Leid erweckt starke Gefühle und unser Element ist von Gefühlen geleitet. Da eine starke Verbindung mit dem Element des Lichts einer der Kriterien ist um ins Jenseits zu kommen, ist es in der Tat oftmals der Fall, dass viele jener Hikari, die ins Jenseits gelangen, in ihrem Leben viel Leid erleben mussten.“
„Das Jenseits ist also unter anderem eine Galerie des Leids!“
„Das… finde ich nun ein wenig makaber.“
„Wer wohl das größte Leid erlebt hat…?“ Die junge Hikari lächelte immer noch etwas verschmitzt, während es Inceres immer schwerer fiel zu Lächeln – er musste sich mittlerweile dazu zwingen.
„Wir wollen jetzt nicht einen Konkurrenzkampf daraus machen, welcher Hikari das grausamste Leben gelebt hat, mein Schmetterling. Das wollen wir nicht. Ich fände das… in Anbetracht dessen, dass ich die Karten lege, sehr unpassend.”
„Ich würde auf meine Mutter setzen”, fiel Green Inceres ins Wort, der ihr wiederum prompt ins Wort fiel, sich nun von Greens Enthusiasmus mitreißen lassend:
„Nein, es wäre Shaginai. Er hat ein Leben ohne Liebe gelebt.” Greens Lächeln verblasste, während Inceres‘ Blick dunkel wurde, genau wie sein Gesicht:
„… genau wie ich.“ Ecui und Acui warfen sich einen Blick zu, blieben aber ansonsten gänzlich regungslos.
„Also ich glaube da hast du dich verguckt“, antwortete Green und fuhr aus:
„Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass du da irrst. Er hat seine Frau sehr geliebt, Violet ebenfalls, Mutter… sicherlich irgendwie auch und…” Inceres sah sie mit seinen dunklen Augen wieder an, durchbohrte sie ohne ihre Worte aufhalten zu können, als bemerke sie die Tiefe seiner Augen nicht:
„… ich hab ihn auch lieb. Aber sag ihn das nicht.” Inceres’ Gesicht verdunkelte sich weiter, wurde düster und grimmig, ähnelte nun in keinsterweise dem Gesicht eines Kindes:
„Ach. Du hast jemanden “lieb” der dich hinrichten wollte.“ Eben noch hatte Green fröhlich gelacht und eigentlich hatte sie die schnippische, etwas neckende Frage auf der Zunge, ob Inceres eifersüchtig war – aber sein düsterer Gesichtsausdruck verschlang alle Heiterkeit.
„Ich habe dich auch lieb“, antwortete Green stattdessen mit Ernsthaftigkeit:
„Und du hast mich in Messers Schneide laufen gelassen.“ Inceres‘ Blick lockerte kurz auf; er sah flüchtig zu den Büchern links von ihm, wich ihren Augen und ihren Worten offensichtlich aus. Der fast-Allwissende schien keine Antwort darauf zu kennen.
„Aber ich habe dich lieb“, wiederholte Green und fand auch zu ihrem Lächeln zurück:
„Du musst also nicht glauben, dass du keine Liebe kennst – Ecui und Acui haben dich doch auch lieb und du sie.“ Green lächelte ihn aufmunternd an und eine Weile blickte er einfach nur in ihre Augen, beobachtete ihr Lächeln schweigend, denn die beiden Tempelwächter äußerten sich nicht dazu; sagten auch nichts, als Inceres etwas beschämt errötete, als wäre er in einem Gedanken ertappt, den er eigentlich nicht eingestehen wollte – oder auf jeden Fall nicht ausgesprochen gehörte.
„In all dem Leid, was wir erlebt haben, haben wir auch immer etwas gehabt was uns aufrecht gehalten hat. Vielleicht ist es das, was einen guten Hikari ausmacht.“ Inceres beobachtete weiterhin Greens Lächeln, dass nun aber auch ein wenig traurig geworden war – ob sie an ihren Bruder dachte?
„Aber du hast Recht: ich bin nicht einfach nur hier um mit dir über die Hikari zu sprechen. Obwohl es da, so bin ich mir gewiss, sicherlich viele Geschichten gibt…“ Sie schlug die Augen nieder, öffnete sie aber, ehe sie fortfuhr:
„Ich bin hier, weil ich mit dir über einen ganz bestimmten Hikari sprechen möchte; nämlich über Light.“
Green von Light sprechen zu hören und mit diesem Thema zu Inceres zu kommen, schien den kleinen Hikari wirklich zu überraschen – er sah ganz verblüfft aus, als Green seinen Namen erwähnte.
„Ich soll dir etwas über Light erzählen? Aber, mein lieber Schmetterling, warum interessierst du dich für Light?“ Zum Glück war Green auf diese Frage vorbereitet und konnte Inceres sofort eine Antwort geben, ohne sich über eine Lüge Gedanken zu machen; scheinbar ahnte Inceres nicht, dass sie hier war wegen Silence und das sollte auch so bleiben.
„Ich möchte stärker werden und dazu brauche ich eine bessere Verbindung mit dem Licht. Ich hab mir gedacht, wenn ich einen unserer Götter besser verstehen kann, fällt mir die Verbindung zu ihm vielleicht einfacherer.“ Inceres sah sie immer noch mit weit aufgesperrten Augen an, was Green langsam skeptisch machte. Früher, ehe Inceres in Erscheinung getreten war um Green zurückzuholen, war Inceres selbst ein Tabu-Thema gewesen – und eigentlich war er das in gewisser Maßen immer noch unter den Hikari… und die Wächter wussten gar nichts von seiner Existenz; kein Kunstwerk huldigte Inceres, obwohl er der mächtigste Hikari war, der Erschaffer des Jenseits. Immer noch nicht und das würde sicherlich auch so bleiben. Light war aber doch nicht auch ein Tabu-Thema? Man fand ihn immerhin überall; ja sogar in der alltäglichen Sprache. Warum wunderte sich Inceres so sehr, dass Green über ihn sprechen wollte? Einfach weil… Green im Regelfall nicht sonderlich großes Interesse an der Geschichte der Wächter hatte? War es das? Aber er schien wirklich sehr… bestürzt über das Thema zu sein.
„Ich…. kann dir nicht viel über Light erzählen… Er war doch schon ermordet worden, ehe ich erschaffen wurde.“ Sie hatte Inceres ganz offensichtlich mit dem Thema verunsichert. Er sprach etwas verwirrt; lehnte sich zurück, fand aber in seinen Kissen keine Ruhe – aber dass Ecui und Acui Inceres nun beide ansahen, bemerkten weder der kleine Hikari, noch die große, die über etwas stutzte: geschaffen? Geschaffen?!
„“Geschaffen“? Wurdest du nicht… geboren?“
„Nein, ich… wurde geschaffen, genau wie meine Geschwister. Wir wurden alle geschaffen. Mutter war festgeschlossen in dem Körper eines Kindes; sie hätte keine Kinder zeugen können, denke ich… meine Geschwister haben es nie erfahren, denke ich, aber ich wusste es… weil ich vieles weiß, zu viel… was nichts daran ändert, dass meine Mutter meine Mutter ist, aber… oh, das hätte ich dir gar nicht erzählen dürfen.“

Wirklich, er hätte es ihr nicht erzählen dürfen.
Diese Bilder, die ihm Wissen gegeben hatten – Inceres schloss die Augen – waren nicht einmal die seinen. Es waren die seiner Mutter, auf die er Acht geben musste, weil er sie eigentlich gar nicht hatte erhalten dürfen. Doch gefangen im Limbo zwischen Leben und Tod, noch lange bevor seine Seele genug Kraft gesammelt hatte, um sich manifestieren zu können, hatte er die Dinge, die er nicht hatte sehen dürfen und die stattfanden, kurz nachdem er von seinem Körper befreit worden war, dennoch gesehen.

Seine Mutter. Weiße Gestalt, auftürmend über rotes und schwarzes Geröll, unter schwarzen Himmel. Zum achten Mal gestorben. Hinter ihr die weißen, verstorbenen Gestalten ihrer Kinder. Inceres‘ Geschwister; leidende, zerstörte Glöckchen. Alle Hikari tot bis auf eine, die sich hinter Hikaru auf die Knie geworfen hatte um die anzubeten. Eimea. Damals kannte er ihren Namen noch nicht, aber er würde ihn bald kennen lernen. Tränen brannten auf ihrem Gesicht; das Feuer des ersten Elementarkrieges hatte die Erde zerstört, fegte um sie herum – aber Hikaru stand immer noch. Seine Mutter stand immer noch wie die Göttin die sie war und kämpfte die erste Schlacht gegen den Dämonenherrscher, den Inceres nur von dieser flüchtigen, aber so eingeprägten Erinnerung kannte; mächtig und gefährlich, mit Augen voller Abscheu und Kraft. Er löste in Inceres den Drang aus nach seiner Mutter zu schreien um sie vor ihm zu beschützen; er war mehr ein Monster als ein Dämon. Seine äußerliche Form schien seine Macht nicht standhalten zu können; mit glühenden, hassenden Augen und rotleuchtender Kontur und wildem Haar.

Der Kampf der alles beendet und alles begonnen hatte.

„Das Licht wird immer siegen…immer wieder auferstehen… immer wieder erstrahlen.“


„Light…“, begann Inceres leise zu sprechen; die Augen wieder geöffnet, doch vor seinen Augen tanzten immer noch die Flammen, stach der Hass der Dämonenaugen des Dämonenkönigs.
„… war mein Onkel, egal ob ich geschaffen wurde oder nicht. Ich betrachte ihn als einen solchen; als ein Teil meiner Familie. So ist es mir von meiner Mutter beigebracht worden. Sie hat mir viel von ihm erzählt… eigentlich sprach sie nur viel, wenn sie von ihm berichten konnte. Sie lehrte mir Light als eine Gottheit zu sehen; auf derselben Stufe wie unser aller Mutter, dem Licht. Ich kenne seine Persönlichkeit nicht; aber seine Macht und seine Schwingen scheine ich so gut zu kennen, als hätte ich seine Federn selbst berührt. Sie waren wunderschön, hat mir Mutter immer wieder erzählt. Strahlendestes Weiß, hellstes, klarstes Blau…“ Ecui und Acui reichten den beiden Hikari Tee; ein klarer, süßer Früchtetee, dessen Süße, gefüllt in verschnörkelten Teetassen, aber irgendwie im Kontrast stand zu dem ernsten Tonfall Inceres‘, der sich von seinen Tempelwächtern nicht stören ließ, ebenso wenig wie Green, die an seinen Lippen hing:
„Man sagt…“, fuhr Inceres nachdenklich und leise sprechend fort, den Blick Richtung Decke gerichtet:
„… dass Light die mächtigste Seele aller Hikari besaß. Die größte Heilkraft, das hellste und stärkste Licht. Ich habe mal die schöne Formulierung gelesen, dass er die Sonne selbst sei und mit seinem Schwert die Nacht zum Tag machen könnte… Ich glaube das war nicht nur reine Rhetorik. Mutter erzählte mir, dass unser aller Mutter nicht nur ihre Schwingen an ihn gab, sondern auch ihr Licht selbst. Mutter hat es nicht so offen gesagt, aber ich glaube er war mächtiger als sie, obwohl bereits die Macht meiner Mutter grenzenlos war.“ Inceres senkte den Kopf wieder und sah Green intensiv an:
„Ich glaube von allen Hikari, die jemals existiert haben, war er der mächtigste… und der reinste. Mit seiner Magie könnte man Henel und alle seine Einwohner mit einem Schlag auslöschen.“ Green nahm einen Schluck von ihrem Tee und konnte sich einen ironischen Kommentar nicht verkneifen:
„Zu schade, dass er Dämonensympathisant war, huh.“ Inceres sah sie nachdenklich an – ob er überlegte zu sagen, dass ihre Sympathie für Dämonen zum Verhängnis geworden war, genau wie in Lights Falle? Nein, so bittere Gedanken schlummerten nicht hinter seinem Kindergesicht…
„Aber mit seinem Tod ist er doch Teil des Elements „Licht“ geworden, oder?“ Inceres verharrte in seiner Bewegung, aber Green bemerkte es nicht.
„Es muss doch möglich sein mit ihm zu „sprechen“ in dem wir der Stimme des Elements lauschen oder?“ Hoffentlich war das nun religiös, beziehungsweise kulturell korrekt ausgedrückt – Green war da immer noch ein wenig unsicher.
„Das weiß ich nicht. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich mit ihm Kontakt aufnehmen könnte…“ Aber vielleicht könnte man das bei der Weihe, schoss es Green durch den Kopf – vielleicht machte die Weihe es möglich… sollte sie nicht irgendeine verdammte Verbindung mit dem Licht herstellen!? Argh! Dieses ganze Thema war schrecklich verwirrend!
„Ich wollte es allerdings. Light hat mich… immer fasziniert. Als es möglich war, habe ich sein Tagebuch gelesen und mich über die Person, beziehungsweiße die Natürlichkeit der Person, die ich darin kennengelernt habe, gewundert. Er erschien mir gar nicht so göttlich wie meine Mutter ihn dargestellt hat…“ Inceres schlug lächelnd die Augen nieder:
„Aber das freute mich. Ich habe das Tagebuch oft gelesen und mich an den kleinen Anekdoten gefreut und an der deutlichen Liebe, die er für die Dämonenzwillinge empfand.“ Das Lächeln verschwand und auch Greens Gesicht verdunkelte sich:
„Ich habe mich seitdem oft gefragt, wie Youma Light hatte töten können. Light erschien mir so… liebenswert. Meine Mutter hat darüber nie gesprochen, aber ich… ich empfand es als eine große Untat, dass Youma seinen Vater tötete. Man liebt und ehrt seine Eltern doch. Das ist unsere Pflicht als ihre Kinder.“ Inceres wusste also nichts von den Forschungen, die an den Zwillingen gemacht worden waren…? Green war nur ein wenig darüber verwundert; es war ein wohlbehütetes Geheimnis gewesen; mit dem selbst Hikaru nicht prahlte. Es war nur ein eigenartiges Gefühl vor Inceres zu sitzen und etwas zu wissen, was er nicht wusste. Aber so oder so war sie nicht seiner Meinung:
„Das sehe ich nicht so. Wenn mein unbekannter Vater plötzlich vor mir stehen würde, dann würde ich ihn doch auch nicht automatisch lieben, nur weil er mein Vater ist.“ Inceres trank einen Tee, der ihm von seinen Tempelwächtern angeboten worden war und antwortete nicht, was Green zum ersten Mal ein wenig irritierte.
„Ich denke man sollte kritisch bleiben, egal ob man nun mit jemanden verwandt ist oder nicht.“ Immer noch keine Antwort, aber Inceres machte auch ohne irgendwelche Worte zu benutzen deutlich, dass er anderer Meinung war – und dass er dieses Thema offensichtlich nicht mit ihr diskutieren wollte.
„Ich denke nur es gibt einen Grund weshalb er das getan hat.“ Okay, nun wollte Green nicht mehr preisgeben; eigentlich bereute sie schon, dass sie das überhaupt noch gesagt hatte. Aber Inceres nutzte die Chance auch nicht um weiter nach zu bohren:
„Es gibt keinen triftigen Grund um seinen Vater oder seine Mutter zu töten.“
„Er hat ja nun einmal auch… seine Schwester getötet.“ Sie wollte nicht Silence’ Name sagen. Das würde zu persönlich wirken.
„Auch dafür gibt es keinen triftigen Grund. Youma ist ein Dämon. Er hat gemordet, weil er ein Dämon ist.“ Was für eine einfache Erklärung… eine Erklärung, die alles ziemlich simpel machte, besonders für denjenigen, der eine Aufklärung benötigte. Eigentlich passte das gar nicht zu Inceres alle Dämonen über einen Kamm zu kehren – er hatte immerhin Dämonisch gelernt, las ihre Bücher und war… damals ja auch auf ihrer Seite gewesen – aber hier schien er auf sein Wort zu bestehen. Seine Worte waren hart und ließen keinen Widerspruch zu, aber Green, die ihn ununterbrochen ansah, sogar wenn sie von ihrem Tee trank, bemerkte, dass seine Augen nicht so hart waren, wie seine Worte – vielleicht weil sie dieselben Augen hatten… vielleicht erkannte sie es daher einfacher. Irgendein Gedanke bedrückte ihn – und es war nicht die Tragödie an sich.
„… Light hätte ihm nicht so viel Liebe schenken dürfen.“
„Ist es das, was Hikaru dir erzählt hat?“ Light war nicht unschuldig und verdammt nochmal Hikaru war es auch nicht – niemand war in dieser Tragödie unschuldig, bis auf Silence!
„Es ist das, was die Wahrheit ist.“ Diese Antwort machte Green ein wenig wütend, die es nicht mochte, dass den Hikari die Schuld genommen wurde, nur weil sie Hikari waren und weil Hikaru seine Mutter war. Wenn Inceres wüsste was damals eigentlich geschehen war… würde er sie dann auch noch verteidigen? War das „in Ordnung“ weil Silence und Youma ja sowieso nur Dämonen waren? Es waren Untaten geschehen; definitive Untaten, der Rasse ganz unabhängig, an Kindern, an Silence… und Inceres sollte nicht so tun, als wäre Hikarus Heiligenschein so strahlend wie Ligths Engelsflügel, die wahrscheinlich auch nicht gänzlich weiß waren!
„Youma hat noch Lights Glöckchen“, fuhr Inceres nun fort, während Green nach wie vor wütend vor sich hin brodelte und nicht bemerkte, dass sich Inceres‘ Stirn ernst wölbte:
„Er wird es zurückgeben müssen, sobald die Zeit reif ist.“
„Lights Glöckchen? Warum ist das so wichtig? Ist es nicht zerstört?“, antwortete Green widerwillig, während sie versuchte ihre Wut in ihrem Tee zu ertränken.
„Auch in seinem zerstörten Zustand ist es noch sehr mächtig und wertvoll… und es gehört nicht um Youmas Hals.“ Um wessen Hals gehört es dann? Gut, es gehörte wirklich nicht Youma. Aber wem dann?
„Aber er wird es aushändigen.“ Warum klang das gerade wie eine Todesdrohung? Nun, es sollte Green nicht stören, wenn Youma den Löffel abgab, aber… war Inceres in der Position um Todesdrohungen zu verteilen? Er war zwar mächtig, aber… Green schielte zu seinen Ketten… festgeschnürt ans Jenseits.
„So sehen es die ungelegten Karten für ihn vor.“


Youma war sich irgendwelchen ungelegten Karten nicht bewusst – und auch nicht, dass man plante ihm eines der drei Glöckchen zu nehmen, die er unter seiner Uniform, nah an seinem Herzen trug. Er wusste nicht einmal etwas von Inceres‘ Existenz. Im Augenblick war er immer noch in Henel, in Lacrimosas Gebiet, wo der Informationstaustausch der Dämonen mit einem Kampf zwischen Klariette und Lycram geendet hatte, die sich nun in den Schneefeldern prügelten und sich natürlich nicht von Azzazellos Worte von „Familie“ und „fehlenden Arm“ abringen ließen. Youma stand auf einen der vielen Balkone von Lacrimosas Festung und sah missbilligend auf die Barberei herunter, für die er kein Verständnis hatte. Warum bekriegten sie sich? Warum war man so dumm und ließ sich überhaupt auf einen Kampf ein, wenn man nur einen Arm zu Verfügung hatte? Warum ließ man sich von Lycram provozieren? Warum hatte Lacrimosa nur belustigt zugesehen, anstatt ihre Dämonin zurückzupfeifen? Und… hatte Youma das richtig gehört… die beiden Kämpfenden waren verwandt? Aber vielleicht war „Verwandtschaft“ in der Dämonenwelt auch nicht so viel wert…
Youma seufzte und ließ seinen Blick über die große Festung Lacrimosas gleiten, die wahrlich eine Mischung aus einem Schloss und ein Bollwerk war. Der Haupttrackt, in dem er sich gerade befand und von dem er hinaussah auf den blau leuchtenden Kampf, besaß hohe Zinnen und Türme, gänzlich vom Wetter vereist, wie in den Boden gerammte Eiszapfen, mit hohen, schlanken Fenstern, in violetten Tönen gehalten und vor jedem Fenster einen Balkon, wie diesen, auf dem Youma nun stand. Aber zu dem Schloss gehörten, so wie Youma das von seiner Position aus sehen konnte, auch noch andere Gebäude – simpler gehaltene Bauten, rechteckige Kasten, ebenfalls mit vielen Fenstern und Balkone, ohne Türme, aber dafür genauso vereist wie das prunkvolle Schloss, welches, genau wie die anderen Bauten, an eine Gebirgskette angebaut worden war. Die anderen Bauten sahen aus, als hätte das Gebirge die Gebäude verschlungen… ob man in den Berg hinein gebaut hatte? Der eisige Wind erschwerte mit seinem Schnee Youmas Sicht, aber er meinte kleine Fenster in dem Berg ausmachen zu können. Nun, keine schlechte Idee – das war ein optimaler Schutz vor dem Wetter… und besaß Lacrimosa nicht auch die größte Horde? Irgendwo mussten sie ja wohnen und Youma konnte sich bei diesem starken Schneesturm nicht vorstellen, dass es in Lacrimosas Gebiet viele Dörfer gab.
Eindrucksvoll war es ja, aber… Youma entglitt ein Seufzen--- das aber sofort von einer Attacke unterbrochen wurde, der er nur knapp entgehen konnte. Weder Klariette noch Lycram achteten auf die fehlgeleitete Attacke und als Youma sich schockiert vorlehnte, als der Rauch der Strahlenattacke verschwunden war, sah er auch, dass auch andere zuvor darauf keine Rücksicht genommen hatten – die eigentlich recht ansehliche Außenwand des Schlosses hatte einige Einschlaglöcher…
Drinnen in dem groß ausgelegten Versammlungsraum, der von hohen Kristallsäulen gehalten wurde und so wirkte, als wäre er gänzlich aus Eis, wandte sich Lacrimosa nun Nocturn zu, der ein wenig darüber jammerte, dass ihm das Eisessen Zahnschmerzen gegeben hatte:
„Warst du das?“ Sie deutete mit dem Blick auf Youma, dem die beiden Dämonen durch die gläserne Wand dabei zusehen konnten, wie er seinen Schal zurecht rückte – und dabei kurz seine weiße Kehle zeigte.
„Ich dachte du fändest diese Technik langweilig.“ Nun da die Gäste sich eher Draußen unterhielten, hatte Lacrimosa sich neben Nocturn in die Korbsessel niedergelassen – anders als er, sah sie jedoch nicht sonderlich entspannt aus; eher, als wäre sie auf den Sprung.
„Meine Meinung dazu hat sich auch nicht geändert. Ich war es demnach auch nicht – der Herr Kronprinz hat ein paar mehr Feinde als nur mich.“ Lacrimosas Augen verengten sich skeptisch; darauf, dass Nocturn sich immer noch die Wange rieb, ging sie gar nicht ein.
„Ich dachte ihr wärt Partner?“ Der Flötenspieler blieb unbeeindruckt von diesem schneidenden Tonfall:
„Er hat sich bei mir eingenistet – das ist alles.“ Seine etwas beiläufigen Worte wurde von einem Schulternzucken begleitet.
„Du könntest ihn einfach rauswerfen.“
„Oh glaub mir, das habe ich; einfach um zu sehen, wie er reagiert. Sein genervtes Gesicht ist herrlich, sein schockiertes Gesicht eine Wohltat. Das einzige amüsante an ihm ist, ihn zu reizen!“ Nocturn lachte spitzbübisch; ein wenig gefährlich gar und Lacrimosa fragte sich, wer nun durch diese Gemeinschaft mehr bestraft war – Youma oder Nocturn. Aber wenigstens hatte ihre kleine Auseinandersetzung dafür gesorgt, dass sie mehr oder weniger im gleichen Raum sein konnten. Nocturns eigenwilliges Temperament – oder eher wahnsinniges Temperament – war schwer zu bändigen, selbst für sie, die ihn schon so lange kannte…
„Du glaubst, dass er mich „bändigen“ könnte? Was für ein interessanter Wortlaut… als wäre ich ein Tier.“ Nocturns eisige Stimme durchschnitt die kalte Luft und in seinem spitzen Lächeln, welches genauso spitz war wie die Finger, die er gegeneinander legte, lag keine Wärme, als er sich zu ihr wandte und mit seiner Wortwahl sehr deutlich machte, dass er ihre Gedanken gelesen hatte.
„Das ist lustig! Wie kommst du darauf?“ Doch wie immer ließ sich Lacrimosa nicht von ihn einschüchtern; das war der Trick. Ruhig bleiben und sich daran gewöhnen, dass er so unhöflich war und Gedanken las – Geheimnisse und Lügen konnte man dann genauso gut sein lassen. Aber anders als Ri-Il mochte sie dieserlei Dinge auch nicht. Sie bevorzugte Klartext.
„Du hast ihn zwar rausgeworfen, aber auch wieder reingelassen.“ Nocturn blinzelte verblüfft, aber nur kurz, dann grinste er wieder.
„Gutes Argument.“ Seine spitzen Finger pochten gegeneinander:
„Ja, ich finde ihn interessant. Jedenfalls interessant genug um ihn nicht zu töten. Ich hätte es tun können; er befehligt große Magie, aber ist zu schwach um sie nutzen zu können… Ja, ich finde ihn in der Tat interessant und deswegen lebt er noch und deswegen darf er auch in meinem Appartement sein.“ Kurz sah Nocturn zu Youma herüber, dann wieder zu Lacrimosa, die ihn abwartend und ruhig ansah, mit der Hand auf der Lehne seines Korbstuhls:
„Aber nicht aus denselben Gründen wie du.“ Es überraschte die Fürstin des Eises natürlich nicht, dass Nocturn wusste, warum sie ein Interesse an Youma hatte; ein Interesse, das nichts mit seinem attraktiven Äußeren zu tun hatte, obwohl das unbestreitbar war.
„Aus welchen Gründen dann?“
„Anders als du habe ich eine gewisse Vorliebe für Geheimnisse. Wenn man die Gedanken aller lesen kann, gibt es nicht mehr viele Geheimnisse – sie haben daher einen ganz besonderen Reiz, wenn sie denn mal auftauchen.“ Wieder ein flüchtiger Blick zu Youma:
„Und ich bin mir sicher, dass unser Kronprinz eine ganze Menge Geheimnisse hat.“
„Du kannst seine Gedanken nicht lesen?“
„Nein. Entweder ist sein Wille zu stark – was ich nicht glaube – oder etwas schützt ihn… irgendeine starke Magie, die mich davon abhält in seinen Kopf einzudringen.“
„Was ihn wiederum davor schützt von dir umgebracht zu werden“, konkludierte Lacrimosa mit zweifelnden Blick, den Nocturn lachend bejahte:
„Außerdem soll er ja mich umbringen! Alles geplant; die Details noch nicht, aber er ist es mir schuldig mich umzubringen. Ich muss ihn nur noch ausbilden.“ Lacrimosas Blick wurde noch zweifelnder:
„Du willst deinen Mörder ausbilden?!“
„Exakt! Das hat ja wohl Sti-“
„Du bist einfach nur wahnsinnig! Und ich dachte ein Freund würde dir gut tun.“
„Ein „Freund“!“ Nocturn lachte schallend:
„Freundschaft ist so uninspirierend! Nein, nein, dafür ist in meinem Drehbuch kein Platz.“ Der Flötenspieler lachte weiter; Lacrimosa rollte ganz ungehämmt mit den Augen. Er war wirklich nicht einfach.
„Deswegen willst du also die weiße Kehle nicht nutzen? Weil es dir den Spaß verderben würde?“ Nun lachte Nocturn nicht mehr; er begann stattdessen mit seinen Fingern zu spielen, wie er es so oft tat. Er verlängerte die Fingernägel und ließ sie dann wieder zurückfahren; piekste sich selbst, als müsste er testen, ob sie noch spitz genug waren. Manchmal spielte er auch irgendwelche Takte mit den Fingerspitzen, aber im Moment begnügte er sich mit seinen Fingernägeln.
„In der Tat. Man liest nicht das Ende eines Buches zuerst, sondern blättert Seite für Seite um… aber sei mein Gast. Frag ihn aus! Erfreue dich an seinem peinlich berührten Gesicht; es ist herrlich. Ärgere ihn schön!“ Mit einem Satz, oder eher dem Klang seiner eigenen Worte, schwang Nocturn sich empor, als müssten seine Worte seine Bewegungen unterstreichen:
„Aber tue mir den Gefallen und stelle nicht die wirklich interessanten Fragen.“
„Ich denke wir haben verschiedene Auffassungen davon, was interessant ist und was nicht, Nocturn-kun.“ Wie gerufen kam Youma auch just in diesem Moment durch die Tür, als Nocturn den Saal gerade verlassen wollte – etwas, was Youma ihn wohl gerne gleich getan hätte, denn Lacrimosa grinste ihn feixend, etwas bedrohlich an und war auch in einem Satz vor ihm angekommen. Sie hatte Nocturns „Erlaubnis“ nicht gebraucht; sie hatte so oder so vorgehabt Youma auszufragen.
„Youma, Schatz, erzähl doch mal…“ Youma schien sofort zu wissen, warum sie ausgerechnet jetzt ein Gespräch mit ihm wollte und warf sofort einen anklagenden, schockierten Blick zu Nocturn, der an der Tür stand und seine Anklage nur mit einem breiten Grinsen erwiderte, während Cilan den Raum betrat, gefolgt von Klariette – der Kampf gegen Lycram war offensichtlich vorbei. Sie hatte einige Kratzer davongetragen, aber sie war in einem Stück – Azzazello hatte schlimmere Schäden an beiden verhindern können.
„Wann hattest du denn dein erstes Mal!?“ Youma verstand die Frage nicht; aber er verstand genug um rot zu werden und noch alarmierter zu werden, als Lacrimosa Cilan und Klariette zu sich rief.
„Mein---was?!“ Aber Youmas Röte war für einen kurzen Moment unerheblich, denn als Lacrimosa sich aus ihrem Korbstuhl empor schwang gab es erst einmal wichtigeres – und zwar Klariette.
„Klariette! Hast du…“ Die Brust der pinkhaarigen Dämonin schwellte sich vor Stolz und sie kam nicht drum herum das Wort zu ergreifen:
„Lycram ordentlich seinen Macho-Hintern versohlt!? Aber natürlich habe ich das!“ Lacrimosa grinste breit und anstatt direkt auf Klariette und Cilan zuzugehen, mache sie einen Umweg zu hohe, dunkle, in die Wand eingehauene Schränke, wo sie eine der vielen Türen mit dem Knie öffnete und einen großen Alkoholbestand offenbarte, wie Youma mit Staunen erblickte; meterhohe Schränke, über und über gefüllt mit Flaschen verschiedenster Größe und Farbe, mit hier schimmernder Flüssigkeit, da trübem Wasser – Lacrimosa schnappte sich eine hohe, längliche Flasche mit dunkelroter Flüssigkeit und warf sie Cilan zu. Drei große, aus Eis geformte Gläser wurden ebenfalls herbei geholt und mit einem großen „KLONK“ gegeneinander gehauen:
„Auf Lycrams getretenen Arsch und auf Klariette!“ Ihren männlichen Mitdämonen standen die drei Frauen was das Trinken anbelangte in nichts nach – in einem Zug wurden die vollen Krüge gelehrt.
„Ich musste doch deine Ehre verteidigen, Schwester Lacrimosa.“ Klariettes Wangen hatten sich ein wenig errötet; ob vom Alkohol oder von der Freude war schwer zu beurteilen.
„Ich würde dir ja gerne etwas anbieten…“ Lacrimosa drehte sich zu Youma herum, der das ganze perplex beobachtet hatte, anstatt die Flucht zu ergreifen.
„… aber du wirst auch ohne Alk flüssig genug reden, nehme ich an.“
„Oh!“, entfuhr es Klariette die es nun auch verstand:
„Er hat die weiße Kehle!?“
„In der Tat!“, kicherte Lacrimosa und auch Cilan begann zu grinsen – ein seltener Anblick bei der eigentlich doch so ernsten Dämonin.
„Ich wiederhole daher meine Frage: Wann war dein erstes Mal, Youma?“ Youma wich ein wenig zurück, als würde man ihm eine Waffe entgegenhalten.
„Ich… weiß nicht… was Sie…“
„Schwester Lacrimosa fragt Sie, Youma-san, wann Sie das erste Mal Sex hatten“, erklärte Cilan nüchtern, aber doch mit einem Grinsen.
„Ja, genau das frage ich – raus mit der Sprache, Youmalein, wir wollen alle Geheimnisse hören! Wann also war dein erstes Mal?“ Klariette kicherte weiterhin und füllte sich auch noch mehr von dem Wein ein, den sie Lacrimosa aus der Hand nahm, Youma wurde noch röter, konnte die Antwort – mit 12 – natürlich nicht unterdrücken, Nocturn, der immer noch in der Tür stand, grinste weiterhin. Lacrimosa hatte Recht: das war wirklich etwas, was für ihn so absolut gar nicht interessant war, weshalb er auch aus dem Raum schlüpfte, voller Schadenfreude ein wenig summend, während Youma ausgequetscht wurde.


Eine halbe Stunde später hatten die drei unermüdlichen Frauen Youma über seine sexuellen Vorlieben ausgequetscht und Kund getan, dass sie alle gerne mit ihm schlafen wollten – was er mit einem höflichen „nein danke“ erwidert hatte. Aber noch schien ihre Neugierde nicht gesättigt zu sein… was hatte Silence ihm nur angetan… und wie lange wirkte ihre Magie denn noch!? Das ganze war ihm so peinlich und sie wussten es und sie hatten ihren Spaß daran.
„Noch Fragen, Mädchen?“ Klariette kicherte, nicht weil sie angetrunken war obwohl sie die gesamte Flasche fast im Alleingang ausgetrunken hatte – sie war genauso trinkfest wie Lycram – sondern weil Youmas gequälter Gesichtsausdruck sie sehr unterhielt. Aber sie kam nicht auf noch eine Frage, weshalb Cilan nun vortrat.
„Ich hätte noch eine Frage – und zwar würde mich Ihre Meinung zu diesem Kleidungsstück interessieren…“ Youma sah sie skeptisch an, aber sein Blick lockerte auf, als Cilan – mit ernsten Blick und unterdrückter Aufregung – ihm ein schwarzes Bündel Kleidung überreichte.
„… aber natürlich erst, wenn Sie es anprobiert haben, Youma-san.“
„Das ist… für mich?“ Cilan trat zurück, kaum merklich nickend, von Klariette und Lacrimosa aufmerksam beobachtet.
„Ihre jetzige Kleidung erschien mir unpassend.“ Youma wurde ein wenig rot; er fand eigentlich nicht, dass seine lilane Uniform unpassend war…?
„Das stimmt; es ist ein ziemlich alter Fummel“, pflichtete Lacrimosa Cilan bei, sie aufmerksam musternd, eher neugierig als feixend grinsend, so wie Klariette, deren Blick Cilan auswich. Youma stand etwas ratlos da mit dem Bündel Kleidung und wusste nicht ganz, was er damit anfangen sollte. Das war… nett von ihr, aber…
„Nun zieh schon an!“ Youma fuhr zusammen bei Lacrimoas schroffen Tonfall und tat wie geheißen, als wäre es ein Befehl, obwohl Lacrimosa gegrinst hatte. Natürlich entkleidete er sich nicht vor den drei Frauen – die über diese „niedliche Schüchternheit“ ein wenig lachten – sondern verschwand hinter einen bourdouroten Wandschirm, die man links und rechts in den Ecken des Saals vorfand. Dennoch war es ihm etwas unangenehm sich zu entkleiden… und etwas anzuziehen, was ihm eine fremde Person gemacht hatte… aber schnell war er über die Geschmeidigkeit des schwarzen Stoffes positiv überrascht und von den goldenen Ornamenten an Kragen und Brust zugebenen begeistert. Diese Uniform hatte einen ähnlichen Schnitt wie seine eigentliche; seine schwarzen Stiefel passten gut dazu und der zickzack-Schnitt der über seine Brust verlief schien an die Prismen orientiert zu sein, die ihm von den Ohren herunter hingen. Die lilanen Handschuhe, die bereits oberhalb des Ellenbogens begannen passten ihm perfekt und störten ihn gar nicht in seiner Bewegungsfreiheit, obwohl er eigentlich zu vor nie Handschuhe getragen hatte – nein, nicht nur die Handschuhe passten perfekt. Es passte alles perfekt. Sie hatte sich wirklich Mühe gegeben und musste ein sehr gutes Augenmaß besitzen. Ah! Deswegen hatte sie ihn bei deren ersten Treffen so intensiv gemustert – sie hatte seine Maße genommen!
„Oh!“ Alle drei Frauen stand die überraschte Begeisterung ins Gesicht geschrieben, als Youma hervortrat und sich, gekleidet in Cilans Kreation, zeigte.
„Es steht dir wirklich ausgezeichnet!“, rief Lacrimosa begeistert und klopfte Cilan herzlich auf den Rücken:
„Du hast dich mal wieder selbst übertroffen, Cilan!“ Sie zwinkerte ihr zu und dann sah sie zurück zu Youma:
„Endlich siehst du nicht mehr aus wie ein streunender Vagabund!“
„Ich sah… wie aus?!“
„Wie ein Vagabund!“, bestätigte Klariette ehe sie unbemerkt auch das Glas von Cilan leerte, die sich für ihr Getränk allerdings herzlich wenig interessierte:
„Es gefällt Ihnen also?“ Sie sprach sehr ernst, sehr gefasst, als wären sie inmitten einer Kriegsbesprechung, aber ihre Augen leuchteten vor Freude:
„Ich hoffe die Handschuhe stören nicht. Da Sie im Kampf eine Sense schwingen, hielt ich Handschuhe für angebracht, damit Sie Ihre zarten Hände nicht verletzen…“ Cilan wurde nun doch rot und auch Youma wurde es wieder unangenehm.
„Danke. Ja, es gefällt mir.“ Die Röte – und auch nicht Klariettes Grinsen – hielt Cilan jedoch nicht vom Weiterreden ab:
„Sie werden Sie also tragen?“
„Ja, ich denke das werde ich.“ Nun sah sie aber doch weg – Röte zu zeigen war eine Sache, aber ihre offensichtlich Freude wollte sie nun doch nicht so deutlich offenbaren. Sie hüstelte, dankte für Youmas Meinung und ging dann mit festen, aber hastigen Schritten aus dem Saal, gefolgt von Klariette, die „alles hören wollte“. Lacrimosa sah ihren Kommandeuren lächelnd hinterher, aber folgte ihnen nicht – sagte auch nichts. Erst als die Tür zugefallen war und gänzliche Ruhe eingekehrt war, wandte sie sich an Youma… der ein ernstes, entschlossenes Leuchten in ihren Augen sah.
„Es steht dir wirklich gut. Kleider machen Leute… ah, wo habe ich das nochmal gehört… ah, ich glaube von Nocturn-kun.“ Sie ging einen Schritt auf ihn zu, ihn von oben bis unten musternd; ihn, der ihren ernsten Blick erwiderte, nicht aber ihr gelassenes Lächeln. Sie wollte etwas von ihm… aber was? Noch eine Frage? Noch ein peinliches Thema besprechen?
„Ich muss Nocturn-kun Recht geben; Kleider sind sehr entscheidend. Du siehst um einiges ernstzunehmender aus als vorher – jetzt siehst du aus, als hättest du eine Mission, die du auch auszuführen gedenkst. Was das wohl für eine Mission ist? Ich habe eine leichte Ahnung…“ Youmas ernstes Gesicht spiegelte sich in dem gläsernen Boden, ebenso wie Lacrimosas ruhiges Lächeln, eingerahmt von den hohen Eissäulen, die sie umgaben und dem kalten, blauen Licht der Fenster. Nur hier war der Himmel nicht rot; zu stark war der Schnee um die Röte hindurch zu lassen.
„Wenn Sie es mir erlauben würden, habe ich nun eine Frage an Sie, Lacrimosa-san.“ Die Fürstin gab ihm mit einem Nicken die Erlaubnis fortzufahren.
„Warum unterstützen Sie meine Ambitionen?“
„Ich mag Lerou nicht sonderlich als König, Youmalein. Er ist um einiges besser als sein Vorgänger, aber perfekt nicht.“
„Lerou ist aber ein einfältiger König – Sie sind als Fürstin in einer guten Position um Einfluss und Macht auszuüben.“ Lacrimosa schlug ihre langen Augenlieder hernieder und lächelte schelmisch:
„Das stimmt, aber es gibt noch viele Gebiete über die ich keine Macht habe… unter anderen über Lerenien-Sei.“ Diese Antwort überraschte Youma:
„Sie wollen Lerenien-Sei?“
„Nein, ich will nicht die Stadt.“ Lacrimosa öffnete die Augen – ihr Lächeln war verschwunden.
„Du hast es gesehen, oder, Youma? Das Leid der Kinder? Lerenien-Sei ist der Schmelztiegel des Leids… der Anblick dieser Kinder macht mich krank und ich kann zu wenige retten – und ich kann in deinen Augen sehen, dass du dasselbe denkst. Dir mangelt es an sehr vielen Qualitäten, die ein starker Dämon benötigt, aber du hast etwas, was viele anderen Dämonen fehlt: du bist nicht blind für Leid, du hast Anstand… und Mitgefühl.“ Youma antwortete nicht, aber sein Blick schien ihr genug Antwort zu sein:
„Leiden stählt, aber einiges Leiden ist auch einfach unnötig. Lerenien-Sei muss gesäubert werden und dieser widerlichen Tradition ein Ende gesetzt werden. Lerenien-Sei gehört aber dem König. Ich schätze mich selbst als seine sehr starke Dämonin ein, aber nicht stärker als Lerou. Außerdem weiß ich – im Gegensatz zu vielen anderen Idioten – dass man mehr benötigt um Dämonenkönig zu werden und zu bleiben, als dem König den Kopf abzuschlagen. Um König zu bleiben benötigt man mehr als Kraft und Macht… aber das weißt du, oder?“
„Ja, dessen bin ich mir bewusst.“ Lacrimosa fand wieder zu ihrem Lächeln zurück:
„Also, Youma, beantworte mir eine letzte Frage…“
Nocturn, einige Zimmer und Korridore entfernt und mit einem weiteren Eis ausgerüstet, horchte grinsend auf, als er diese Frage in Lacrimosas Gedanken hörte und Youmas ernstes, entschlossene Gesicht durch ihre Augen sah.
„Was ist dein Ziel?“ Oh, er machte wirklich einen theatralischen Eindruck, der Herr Kronprinz, eingerahmt von den hellen Fenstern, die seine Konturen zu erstrahlen schienen und in diesem neuen Gewandt, dass doch irgendwie zu seinen Worten zu passen schien – und mit klarer Stimme formte er die Worte, die Nocturn zu einem Lachen brachten:

„Mein Ziel ist es der nächste Herrscher über diese Welt zu werden.“

„Wirklich, interessant ist er.“ Nocturn lachte weiter, während er sich von der Wand abfederte und lachte noch einmal finster auf, als er mit wehenden Umhang den Gang herunterging:
„Dann wollen wir doch mal sehen wo du uns hinführen wirst, Partner!“