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Episode 82
  Episode 82: Die Geschichte des Forschers
Green saß immer noch vor Inceres. Einige Sekunden, nein, es waren schon Minuten, hatten sie schon geschwiegen. Inceres trank seinen Tee; Green nicht. Sie beobachtete ihn – und sie spürte, dass er das wusste, genauso wie er wusste, dass sein Schmetterling noch etwas Anderes mit ihm besprechen wollte – dass sie eben nicht nur gekommen war, um mit ihm über Light zu reden. Aber seitdem Inceres das indirekte Todesurteil über Youma verhängt hatte – es hatte jedenfalls ganz danach geklungen, obwohl er das nicht direkt gesagt hatte – spürte Green eine bedrohliche Aura um ihm herum. Wieder einmal wirkte er nicht wie ein Kind, sondern wie die mächtige Person, die er nun einmal ebenfalls war. Er wirkte einschüchternd, obwohl er nichts anderes tat, als mit geschlossenen Augen einen Schluck von seinem Tee zu nehmen. Aber Green hatte noch Shaginais Lächeln im Hinterkopf – und dieses gab ihr die nötige Kraft, um ihre Frage zu stellen, auch wenn sie sich schon vor dem Aussprechen angeklagt fühlte:
„Ich möchte geweiht werden…“ Inceres fiel ihr sofort ins Wort:
„Das möchtest du nicht. Das hat dir dein Großvater eingetrichtert.“
„Ich möchte es sehr wohl, Inceres“, erwiderte Green leicht verärgert:
„Und Großvater hat mir erzählt, dass du der einzige Grund bist, warum ich nicht schon längst geweiht worden bin.“ Der kleine Hikari vor Green stellte seine Tasse auf seinem blauen Unterteller ab und korrigierte sie mit ernster, aber ruhiger Stimme:
„Das ist nicht ganz richtig. Du bist nicht geweiht worden, weil du an deinem 17. Geburtstag - anstatt geweiht zu werden - hingerichtet werden solltest.“ Green entging seine Spitze nicht, obwohl er immer noch so ruhig sprach, aber sie bemühte sich, es sich nicht anmerken zu lassen:
„Mutter hat die Weihe durchgeführt, als sie 11 war. Ich sehe daher keinen Grund, warum ich es nicht tun sollte, wenn ich 19 bin.“ Inceres antwortete nicht – und reizte Green damit noch mehr. Glaubte er, dass Green das Thema einfach fallen lassen würde, nur weil er schwieg?!
„Warum willst du nicht, dass ich geweiht werde? Wäre es nicht ziemlich gut, wenn ich stärker werden würde?“
„Ein Hikari benötigt keine Stärke.“
„Du weißt, was ich meine – magische Stärke. Mehr Licht. Wie auch immer man das sagen soll! Mir egal! Du weißt genau, was ich meine, Inceres!“ Argh! Wut war sicherlich nicht der richtige Weg, um Inceres zu überzeugen, aber es machte sie nun einmal wütend. Warum war er so engstirnig? Was war so schlimm daran, wenn Green eine mächtigere Hikari werden wollte? Sie trat auf der Stelle in ihrem Training; ihr Licht war so verdammt mickrig… das konnte doch auch nicht in Inceres‘ Ermessen sein? Wenn Green nur auf 5% von dem Licht zugreifen könnte, welches sie in der Dämonenwelt entfesselt hatte… wie viel stärker wäre sie dann? War das nicht gut? Ihre Mutter war nicht nur wegen ihrem Charakter so eine gute Hikari gewesen; sondern wegen ihrem Licht. Weil sie so viele Dämonen mit nur einer Attacke hatte töten können und so viele Wächter heilen konnte… Green hatte es in Whites Spieluhr gesehen – und sie hatte sich selbst auf dem Schlachtfeld erlebt; wie lange sie brauchte, um nur eine einzige Person zu heilen. Sie konnte auch keinen einzigen Dämon mit nur einer Attacke auslöschen! Egal wie gut sie mittlerweile im Ausweichen und Kontern geworden war: jeder Dämon kostete Zeit und Mühe – wie viel einfacherer und effektiver könnte sie nicht sein, wenn sie mehr Licht hätte… Deren Licht war so entscheidend; so entscheidend für sie als Hikari.

… wie viele werden noch unter deinen Händen wegsterben, Green? Wann verlierst du den nächsten deiner Freunde?

Blue, dieses verdammte Arschloch, wie Green ihn fluchend in ihren Gedanken nannte, sollte verschwinden und weder mit seinen Worten, mit seiner Stimme, noch mit seinem verdammten Dämonengesicht vor ihrem inneren Auge auftauchen! Sie ließ sich nichts anmerken, während sie Inceres ihre Gedanken und Beweggründe für ihren Wunsch geweiht zu werden erklärte – er hörte ihr zu, ohne etwas zu sagen – aber so leicht verließ Blues Erscheinung sie nicht; so leicht ließen sich seine Worte nicht wegwischen, genau wie… Garys… Worte…
„Geht es dir nicht gut, Green?“ Green schüttelte etwas den Kopf, als Inceres diese Frage stellte, antwortete aber nicht.
„Du bist plötzlich so still geworden.“ Green wollte Inceres nichts von ihren Tagträumen erzählen; dieses Thema wollte sie allgemein so gar nicht mit ihm besprechen, weshalb sie alle Gedanken um Gary und Blue nun ein für alle Mal von sich wegschob.
„Ja, weil ich auf eine Antwort von dir warte.“ Inceres sah sie ruhig an, die Tasse in seinem Schoß, mit den kleinen Fingern umschließend. Er seufzte ein wenig, aber es war nicht das Seufzen, welches Green hören wollte:
„Meine Antwort wird sich nicht ändern, mein Schmetterling. Dein Großvater hat Recht: ich bin gegen deine Weihe und werde es auch weiterhin sein. Ich verstehe deine Beweggründe, aber sie ändern meine Meinung nicht. Du wirst deine Ziele auf eine andere Art erreichen können, dessen bin ich mir sicher.“
„Möchtest du mir deine Beweggründe nicht erzählen, Inceres?“, fragte Green angespannt, leicht irritiert und verärgert, aber doch noch ruhig.
„Nein, das möchte ich nicht.“
„Warum nicht?“ Inceres blaue Augen sahen sie durchdringlich an:
„Weil ich das nicht muss. Ich verbiete es dir – ich verbiete es dir als Herrscher über das Jenseits und deswegen wird deine Weihe auch nicht stattfinden.“


„Genau so lautete Inceres-no-dannas Wortlaut, Yogosu?“
„Genau so.“ Natürlich war Green sofort nach dem Gespräch mit Inceres zu Shaginai gerannt; schnurstracks in sein Büro im Jenseits. Dort wollte er aber nicht mit ihr sprechen und sie waren ins Diesseits gegangen, weshalb sie sich jetzt in Shaginais ehemaligem und Greens jetzigen Gemach befanden. Green saß auf dem Kanapee unter den Gemälden der drei Lichtgötter – die sie leider immer noch nicht abgehängt hatte – wo sie ein Eis löffelte; nach dem Gespräch mit Inceres brauchte sie etwas Süßes! … außerdem hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, Shaginai damit zu ärgern, dass sie etwas essen konnte und er nicht. Manchmal bestellte sie sich sogar extra etwas zu Essen, wovon sie mittlerweile wusste, dass er es zu Lebzeiten besonders gerne gemocht hatte; Zartbitterschokolade unter anderem. Auch jetzt, obwohl sie so ein ernstes Thema besprachen, war ihrem wachsamen Auge natürlich nicht entgangen, dass ihr Großvater ihrer Schokoladensoße einen beneidenden Blick zugeworfen hatte. Wirklich, dass sie erfahren hatte, dass Shaginai zu Lebzeiten ein kleines Schleckermaul gewesen war – er nannte es Feinschmecker, pah – war die beste Information, die sie je erhalten hatte!
„“Herrscher des Jenseits“…“, wiederholte Shaginai und wandte sich ab von Green und ihrem bombastischen Eis mit Sahne und Früchten und der verführerischen Schokoladensoße.
„… das ist eine interessante Wortwahl.“
„Wieso? Er ist es ja nun einmal.“ Ohne Zweifel war er das; dennoch war die Wortwahl irritierend. Ein Seufzen Greens unterbrach Shaginais Gedanken und er sah sie wieder an, die mit dem langen, goldenen Löffel zwischen ihren Fingern spielte, indem sie ihn hoch und runterkippte. Sie sah nachdenklich aus, aber Shaginai konnte sich nicht vorstellen, dass Green über dasselbe nachdachte wie er – oder dass sie überhaupt über Inceres‘ Wortwahl pikiert war. Das war sie sicherlich nicht. Über solche Kleinigkeiten stolperte sie gar nicht; sie maß Kleinigkeiten keine Bedeutung bei, verstand nicht, dass auch diese Großes in Bewegung setzen konnten oder andeuteten, dass Großes bereits in Bewegung war. Es mangelte ihr an Erfahrung – und an Feingefühl. Vielleicht würde sie es auch nie erhalten, egal wie viel Erfahrung sie erlangen würde; wenn sie denn die Gelegenheit erhalten würde, Erfahrung zu sammeln. Im Augenblick konnte man dem Licht und allen anderen Elementen dankbar sein, wenn sie eine Schlacht überlebte!
„Es tut mir leid, Großvater“, sagte Green wieder mit einem Seufzen. Shaginai hob die Augenbraue und forderte sie damit auf, weiterzusprechen:
„Ich hätte dir gerne eine bessere Antwort gegeben. Aber Inceres war unnachgiebig; egal wie sehr ich nachgeharkt habe. Er hat mir nicht einmal erklärt, warum ich nicht geweiht werden darf. Dabei will ich es.“ Greens Blick verdunkelte sich vor Entschlossenheit, ganz egal ob Silence sie bereits davor gewarnt hatte und auch gesagt hatte, dass Inceres vielleicht einen guten Grund hatte, um gegen die Weihe zu sein:
„Ich will es wirklich unbedingt.“
„Vielleicht musst du dich nur gut genug in Gefahr bringen; dann wird er wohl einsehen, dass du die Weihe vollziehen musst, um überhaupt zu überleben.“ Green verschluckte sich an ihrem Eis:
„G-Großvater! Willst du mich etwa doch noch tot sehen?!“, rief Green erschrocken, die das Glas mit dem Eis fast von sich geworfen hätte. Aber Shaginai blieb unbeeindruckt:
„Nein, denn du würdest dann wohl ins Jenseits kommen. Eigentlich gibt es ja Voraussetzungen, die es verhindern würden, dass jemand wie du ins Jenseits gelangt, doch ich denke, die wird Inceres-no-danna für dich aushebeln.“ Green war nun so schockiert und getroffen, dass sie kein Wort herausbekam – und zu spät reagierte, um zu verhindern, dass Shaginai ihre Kirsche klaute, die sie sich extra für ganz zuletzt aufbewahrt hatte.
„Hey! Großvater! Du kannst sie sowieso nicht essen!“
Irrtum, Yogosu. Ich kann sie essen – ich kann sie nicht schmecken.“ Green war aufgesprungen, um sie sich zurückzuholen; aber da wanderte die begehrte rote Frucht schon in Shaginais Mund, ganz egal wie empört Green aussah.
„Was für eine Verschwendung“, urteilte Shaginai – der sein Urteil allerdings wohl wieder zurücknehmen musste, denn als er Greens beleidigtes Gesicht ansah, empfand er die Verschwendung doch nicht als ganz so groß.
„Das war absolut nicht nett von dir, Großvater!“
„Und du kannst nicht ordentlich essen.“ Er zeigte auf ihre Wange, wo etwas Erdbeereis verteilt war.
„Du hast keine Tischmanieren, Yogosu – über welche Qualitäten verfügst du eigentlich? Jedenfalls keine, die einen Eintritt in das Jenseits legitimieren würden.“ Green wollte gerade antworten, als Shaginai ihr das Eis von der Wange wischte und sie zu einem betretenen, leicht erröteten Schweigen brachte.
„Auf so etwas muss eine Hikari auch achten“, fuhr Shaginai mit strenger, aber ungewöhnlich stiller Stimme fort:
„Ich dachte, das hat Grey dir noch beigebracht.“
„Das hat er auch…“, antwortete Green ebenfalls mit stiller Stimme, zu Shaginai empor sehend, dessen Fingerspitzen sie immer noch in ihrem Gesicht spüren konnte.
„Ich habe eine Qualität als Hikari, Großvater.“ Sie sah ihm fest in die Augen:
„Ich bin entschlossen – und das werde ich dir und Inceres beweisen.“


Nocturn und Youma waren in den frühen Morgenstunden in die Dämonenwelt aufgebrochen und kehrten jetzt, nach elf Stunden, in der Abenddämmerung Paris‘ erst wieder zurück – aber wenigstens hatte die Wirkung von Silence Technik nachgelassen. Nocturn hatte sie in die Nähe seines Apartments teleportiert; auf eine kleine Aussichtsplattform, gelegen zwischen blätterlosen Bäumen, einigen Bahnschienen und der Straße, die zum Eiffelturm führte und die wie zu jeder Tageszeit gut belebt war. Für die Touristen war diese kleine Aussichtsplattform allerdings gänzlich uninteressant, da sie sich zu weit abseits vom Eiffelturm befand und auch nicht sonderlich gut gepflegt war; die Botanik links und rechts herum war sich selbst überlassen worden und die Bänke, die eigentlich grün waren, rosteten vor sich hin, weshalb es nicht das erste Mal war, dass sie die Plattform als Teleportationspunkt genutzt hatten; der Eingang zu dem Hochhaus, in welchem das Apartment Nocturns zu finden war, lag gleich gegenüber auf der anderen Seite der Straße. Man könnte sich natürlich auch einfach direkt in das Apartment hinein teleportieren, aber Nocturn mochte das nicht, war der Meinung, dass es unhöflich war und sich daher nicht gehörte. Auch genau vor die Haustür war keine Option, fand er jedenfalls, denn man wusste doch nie, ob Nachbarn gerade aus der Tür kamen – als ob Youma sich dafür interessieren würde, was Menschen dachten. Sowieso hatte er den Verdacht, dass Nocturn einfach gerne durch die Eingangshalle ging und die Dame an der Rezeption begrüßte, um Youma dumm dastehen zu lassen, wenn er natürlich mal wieder kein Wort verstand; und offensichtlich sprachen sie öfter von und über ihn, während er dabei war.
Eine kühle Brise wehte von der Seine herüber; es war kalt in Paris, aber lange nicht so kalt wie bei Lacrimosa, weshalb Youma sich auch sofort seines dicken Mantels entledigte – dieses Mal passte es ihm ganz gut, dass sie nicht direkt zurückkehrten; die Luft tat gut und half dabei die Gedanken zu ordnen, während er dem leicht summenden Nocturn die Treppenstufen nach unten folgte.
Ein Fürstenpaar, bestehend aus zwei Geschwistern, die gegen den Strom schwammen... sich sogar sehr direkt gegen Lerou und damit auch gegen die anderen Mitglieder der Hohen gewandt hatten... sogar versucht hatten, den jetzigen König zu töten, wenn auch auf dilettantische Weise... und Karou, der ihnen dabei half... Das Fürstenpaar, Natal und Noflieke, wenn sich Youma richtig erinnerte, ging bei seinen Bestrebungen wahrlich sehr provokativ vor.
Aber was war ihr Bestreben? Lacrimosa hatte ihnen nicht die Aufnahme von ihrem Gespräch mit Lerou gezeigt, aber sie hatte Youma erzählt, dass Natal seinem König ins Gesicht gesagt hatte, dass sie nicht am Krieg gegen die Wächter teilnehmen würden. So viel wie Lacrimosa aus dem König herausbekommen hatte, hatte er scheinbar nicht verstanden, dass Natal eigentlich sehr direkt gesagt hatte „Ich werde Eure Befehle nicht befolgen“; er hatte Natal vor Lacrimosa einen Feigling genannt und sein Gespräch mit ihm als „komisch“ empfunden. Er konnte sich leider nicht einmal mehr an alles erinnern.
Einen Feigling würde Youma Natal nicht nennen... aber sehr rücksichtslos, ohne jede Vorsicht und Verluste zu bedenken, als wäre ihm sein eigenes Leben – und das seiner Schwester – nichts wert. Seine Aura war sehr schwach gewesen, hatte Lacrimosa gesagt, und dass er auf menschliche Schusswaffen vertrauen musste, ließ ja auch darauf schließen, dass er sich nicht anders zu Wehr setzen konnte – und dann ging er einfach so zum König! – der zwar dumm, aber doch ziemlich stark war – und erklärte ihm indirekt den Krieg? Das forderte Mut, oder einfach nur Dummheit, immerhin war Lerou sehr stark… Wie groß das Gebiet der beiden Geschwister wohl war? Wie viele Dämonen hatten sich ihnen angeschlossen? Warum sollten sich Dämonen ihnen überhaupt anschließen? Wozu? Nefeteri hatte Youma erklärt, dass die Stärke und die Macht des Fürsten für die meisten Dämonen das Entscheidende waren, wenn sie sich einer Horde anschlossen – und der Ruf. Was hatte die Dämonen dieses Gebietes dazu gebracht, sich Natal und Noflieke anzuschließen, wenn sie über all dies nicht verfügten? Oder hatten sie Macht auf eine andere Art aufgebaut? Aber wären sie dann nicht eher auffällig geworden? Sie waren ja nicht einmal ihren Nachbarn aufgefallen…
Es war klar, warum Lacrimosa gewollt hatte, dass Youma und Nocturn von diesem Fürstenpaar in Kenntnis gesetzt wurden: sie war der Meinung, dass die beiden die perfekten Allianzpartner für ihn und Nocturn waren. Und ja, Youma war sich im Klaren, dass sie Partner in der Dämonenwelt benötigten, aber er war von den beiden nicht begeistert... und sowieso wirkten sie nicht wie welche, die mit anderen zusammenarbeiten konnten. Und... Youma warf einen Blick zu Nocturn, welcher gedankenverloren zum Eiffelturm sah und dabei immer wieder zur Uhr schaute, darauf wartend, dass das Licht des Turmes ansprang... wenn Youma realistisch dachte, wusste er, dass auch er und Nocturn noch nicht zusammenarbeiten konnten; sich auf andere einzulassen, wäre daher im Moment noch nicht sonderlich intelligent. Youma konnte sich einfach überhaupt nicht in Nocturn hineinversetzen; so gut wie jedes Gespräch nervte ihn, weshalb er sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie sie sich im Kampf unterstützen sollten… und vor dem angeblichen Training, welches Nocturn ihm versprochen hatte, grauste es ihm. Sie waren so unterschiedlich!
Warum konnten nicht alle so sein wie Silence?! Er hatte nie Schwierigkeiten gehabt, sie zu verstehen… jedenfalls… früher nicht.
Aber Youma sollte versuchen irgendwie zu verstehen, wie Nocturn dachte. Lacrimosa hatte ihn vor ihrer Abreise noch einmal zur Brust genommen und ihn beschworen, dass er Nocturn unter Kontrolle bringen sollte – wie er das tun sollte – die offensichtliche Frage, die er ihr auch gestellt hatte – hatte sie unbeantwortet gelassen. Er solle sich was einfallen lassen. Ha! Als ob das so einfach war. Sie redeten hier von jemandem, der wahnsinnig war! Vielleicht wären die beiden rabiaten Revolutionsgeschwister einfacher als Nocturn…
„Was ist deine Meinung zu dem, was wir eben gesehen haben, Nocturn?“, versuchte Youma es aber dennoch, nun mit einem höflichen, aber sehr aufgesetzt wirkenden Lächeln, das auch schnell in sich zusammenfiel, als Nocturn sich nicht einmal herumdrehte.
„Ist das ein Zähmungsversuch?“
„Ein… was?“
„Ein Zähmungsversuch. Lacrimosa hat dir doch aufgetragen…“ Nocturn tänzelte ein wenig über die breite Straße, während Youma eher angespannt über diese ging, denn er war immer etwas nervös, wenn er diese Straßen überquerte, denn er respektierte die Schnelligkeit der fahrenden Kasten zu sehr.
„… mich zu zähmen. Mich unter Kontrolle zu bringen. Stimmt doch?“ Es stimmte... natürlich stimmte das und wie schön war es nicht zu wissen, dass eine einzige freundliche Frage den Flötenspieler sofort auf den richtigen Gedanken gebracht hatte. Das Gespräch war Youma, nun wo er ertappt worden war, peinlich. Immerhin interessierte ihn Nocturns Meinung eigentlich gar nicht; er hatte ihn tatsächlich nur fragen wollen, weil Lacrimosa es so wollte.
Doch Youma kam auch nicht zum Antworten; stattdessen kam er zu einer Gegenfrage, als Nocturn nicht geradeaus zu dem Eingang des hässlichen Hochhauses ging, sondern nach rechts, die Straße herunter.
„Wo gehst du hin?“
„Einkaufen. Monoprix hat noch auf! Feullé darf um diese Uhrzeit nicht mehr einkaufen, also mache ich es. Wir haben keinen Kaffee – und keine Süßigkeiten mehr!“ Youma blieb stehen und überlegte, ob er ihm folgen, oder einfach nach oben gehen sollte, denn er mochte das „Einkaufen“ nicht sonderlich gerne; viel zu viele Menschen, viel zu viele Dinge, die Youma nicht verstand, viel zu viele Dinge, die verraten könnten, dass er nicht in diese Zeit gehörte… Dinge, die ihn regelrecht verstörten… Aber Nocturn schien zu erwarten, dass Youma mitkommen würde, denn er redete weiter, redete einfach vor sich hin – irgendetwas davon, dass das Einkaufen so mühselig geworden war, weil er immer in Euro umrechnen musste – und Youma folgte ihm dann auch widerwillig zu dem Supermarkt mit den leuchtenden roten Farben, der um die Ecke lag, mit seinem grellen Licht und der niedrigen Decke, wo die Lebensmittel in Plastik eingepackt waren und in komischen Dosen und selbst das „frische“ Essen nicht sonderlich frisch aussah; unecht im grellen Licht glänzte und auf Youma nicht einmal wie echtes Essen wirkte.
„Momeeeent.“ Bei den Gedanken an den Supermarkt wäre Youma eigentlich schon schnurstracks durch die automatische Schiebetür gegangen, als Nocturn ihn am Kragen packte und ihn zurück zerrte, in den Schatten einer dunklen Seitengasse.
Auf Youmas unwirsche Frage, was sie dort taten, ging Nocturn nicht ein – stattdessen sorgte er, offenkundig nur durch einen Gedanken, dafür, dass er sich umzog, denn plötzlich stand Nocturn nicht länger in seiner Uniform vor Youma, sondern in einem schwarzen Mantel, mit einem leichten, roten Schal, der von der angewandten Magie noch ein wenig nach glitzerte.
„Man muss immer darauf achten, was Menschen von einem denken könnten“, erklärte Nocturn, seinen Schal richtend:
„Und Menschen denken sehr viel. Sie denken über alles nach – auch über die Kleidung. Unsere Unformen – besonders deine neue – sind sehr auffällig.“
Meine Uniform ist auffällig? Wer von uns beiden trägt denn ein langes, zerrissenes Cape?!“ Youmas genervter Tonfall brachte Nocturns heiteres Grinsen nicht zum Verschwinden, leider.
„Ich natürlich! Ich bin ja auch der Antagonist. Ich trage ein langes, zerrissenes Cape, wie es sich für meine Rolle gehört! Aber jetzt gerade…“ Nocturn grinste und berührte mit seinem spitzen Finger Youmas Brust, woraufhin sich auch seine Kleidung veränderte und neue Form annahm; Stück für Stück, Teilchen für Teilchen, die Farbe und die Form änderte.
„… spiele ich einfach nur die Rolle von „Nocturn le Noires“, der einen abendlichen Einkauf zu erledigen hat. Man muss immer die richtige Kleidung zu der richtigen Rolle tragen, Youma, merke dir das.“ Youma interessierte die Kleidung, die er nun trug, weniger – eine hellgraue Jacke, ohne Schal, mit denselben auffälligen, goldenen Knöpfen wie Nocturn – ihn interessierte viel mehr die Magie, die Nocturn da einfach so anwandte. Der Sensenmann betastete seine immer noch etwas nachleuchtende Kleidung, die sich sehr echt anfühlte; aber sobald er etwas an dem Kragen der Jacke nestelte, bemerkte er, dass darunter immer noch seine Uniform lag. Nocturn veränderte also nicht die Kleidung an sich, sondern legte nur eine Magieschicht darüber, um die alte Kleidung dahinter verschwinden zu lassen. In der Tat spürte Youma die Jacke auch nicht – er spürte immer noch seine neue Uniform an seiner Haut.
„Was ist das für eine eigentümliche Magie?“
„Praktisch, nicht wahr?“, lachte Nocturn und trat wieder hinaus in das gelbe Licht der Straßenlaternen, sich den Schal mit einer eleganten Bewegung über die Schulter werfend.
„Eine meiner Lieblingsfähigkeiten!“
„Aber was ist das für eine Magie? Welcher Natur entspringt sie?“ Nocturn blieb stehen und sah ihn mit verengten Augen – aber immer noch grinsend – an:
„“Welcher Natur entspringt sie“? So eine Frage kannst auch nur du stellen. Sie entspringt meiner Natur! Das ist die einzige Antwort, die du brauchst!“ Diese Antwort genügte Youma nicht – aber es war in der Tat eine Antwort, die zu Nocturn passte, welcher nun in den Laden hineinging, dicht gefolgt von Youma, der wieder einmal das Licht als sehr irritierend empfand; die vollgepackten Regale… es war sehr unangenehm hier zu sein – und die Lebensmittel sahen einfach unecht aus; nicht wie etwas, was man verzehren konnte, dachte Youma, als er prüfend einen grünen Apfel in die Hand nahm, der sich in seinen Händen gar nicht wie ein Apfel anfühlte. Was war das für eine eigenartige Schicht, die an dem Apfel haftete…? Wie konnte so etwas Simples wie ein Apfel sich anders anfühlen als die Äpfel, die er früher mit Silence gepflückt hatte?
Youma rieb mit dem Daumen über die grüne Oberfläche und konnte nicht anders als über die eigentümliche Schicht zu stutzen – aber nur so lange bis er bemerkte, dass Nocturn ihn von der Seite her ansah.
„Wenn du den Apfel unbedingt haben willst, dann pack ihn in den Einkaufskorb.“ Ungeduldig schob Nocturn den Korb, der an einem hohen, roten Wagen befestigt war, gegen Youmas Fuß, der ein wenig zurückging – denn tatsächlich tat es weh.
„Nein. Er erscheint mir nicht essbar.“ Nocturn verengte die Augen, sich etwas über das rote Gefährt lehnend:
„“Es erscheint mir nicht essbar““, äffte Nocturn nach:
„Ist es dem Kronprinzen nicht frisch genug?“ Youma wollte nicht antworten und den Apfel schon zurücklegen, als Nocturn ihn sich nahm:
„Du kannst ihn jetzt nicht zurücklegen, nun wo du ihn schon so lange in der Hand gehabt hattest?! Das gehört sich nicht.“ Nocturn meckerte weiter über seine nicht vorhandenen Manieren, aber Youma hörte nicht zu, während Nocturn mehrere verpackte Waren aus den gefüllten Regalen herausnahm und in den Korb hineinfallen ließ – bis er plötzlich das Thema wechselte, fast noch mitten im Satz:
„Ich denke, man darf Karou nicht unterschätzen.“ Youma, der gerade darüber gestutzt hatte, warum man bunte Gesichter auf eine Verpackung für Kekse packte, blieb etwas verwirrt stehen – wie kam Nocturn nun plötzlich wieder auf Karou? Youma hatte vor gut einer halben Stunde um seine Meinung gebeten – und Nocturn gab sie jetzt zur Kenntnis? Er hatte seine Tirade über Youmas mangelnde Höflichkeit kaum abgeschlossen… und kam nun zu Karou? Er war wirklich… eigenartig. Sollte Youma sich nun „freuen“, dass Nocturn zu dem Thema zurückgefunden hatte oder war das purer Zufall?
„Ich kann seine Gedanken nicht lesen. Alleine deswegen bin ich ihm skeptisch gegenüber.“ Noch eine Packung Kekse oder andere Süßigkeiten wanderten in den Korb, gerade als Youma mit ernster Miene zu ihm aufschloss:
„Du kannst seine Gedanken nicht lesen?“ Nocturn sah ihn nicht an, denn er ließ seinen Blick über die bunten Verpackungen schweifen:
„Nein. Oder anders gesagt: doch, aber sie ergeben keinen Sinn. Ich glaube, er hat etwas in seinem Kopf eingebaut, das seine Gedanken chiffriert.“
„Das bedeutet, dass Ri-Il sie auch nicht lesen kann.“ Sofort, als Ri-Ils Name genannt wurde, verdüsterte sich Nocturns Gesicht:
„Wahrscheinlich. Aber bei ihm weiß man es nie.“ Die Frage war nun, ob Karou seine Gedanken verschlüsselte, weil er Nocturn daran hindern wollte, sie zu lesen – oder Ri-Il. Obwohl… er wusste sicherlich nicht, dass der Fürst Gedankenlesen konnte, das war immerhin ein wohlbehütetes Geheimnis… also hatte er seine Gedanken verschlüsselt wegen Nocturn? Wenn er wegen Nocturn so eine Vorsichtsmaßnahme in sich selbst einbaute – warum hatte er sich dann so darum bemüht, dass Youma ihn wiederbelebte?
„Woher kennst du Karou eigentlich?“, fragte Youma; eine Frage, die er ihm eigentlich schon längst hätte stellen müssen. Aber… nunja, er ging lieber jedem Gespräch aus dem Weg.
„Huh?“ Nocturn drehte sich zu seinem Begleiter herum und sah ihn verwundert an:
„Wie kommst du darauf, dass ich ihn kenne?“
„Tust du nicht?“ Nocturn runzelte die Stirn und setzte seinen Einkauf fort, den Korb zu den Regalen schiebend, wo der Wein sich befand:
„Warum sollte ich mit so einer Person bekannt sein, die vor Langeweile nur so trieft? Nein, ich kenne ihn nicht. Seine Gegenwart ist mir unlieb. Nein, ich kenne ihn gewiss nicht!“ Gut, das war jetzt einmal zu viel gesagt, dass er ihn nicht kannte.
„Ich sage nur, dass man vorsichtig sein sollte. Er ist wahnsinnig…“ Nocturn sah über die Schulter zu Youma, mit kleinen, leicht zusammen gekniffenen Augen – und auch wenn Youma seine Lippen nicht sehen konnte, so sah man diesen stechenden Augen an, dass er lächelte:
„… und Wahnsinnigen sollte man nicht vertrauen.“
„Sagt jemand, der selbst wahnsinnig ist.“
„Sieh, ich spreche aus Erfahrung, hehe…“ Ein finsteres Kinderlachen begleitete Nocturns Griff nach einer Flasche, die aber schnell zurück auf das oberste Regal gestellt wurde, nachdem er die Flasche überprüft hatte – auch die nächste genügte seinen Ansprüchen nicht. Erst als er mehrere Weinflaschen untersucht hatte, fand er eine, die im gefiel und die er in den nun doch recht vollen Korb hinabgleiten ließ:
„Naja, was soll man von einem Supermarkt erwarten… keine Bestqualität jedenfalls.“ Aber Youma interessierte sich natürlich so gar nicht für den Wein:
„Was meinst du damit, dass er wahnsinnig sei? Er erschien mir nicht sonderlich wahnsinnig.“
„Für dich ist wohl erst jemand wahnsinnig, wenn er lachend mit sich selbst spricht, huh? Aber lass mich dir eine Geschichte erzählen, mon cher Dauphin.“ Wie… wie nannte er ihn da? Was bedeutete das? Aber Youma kam nicht zum Nachfragen; denn da begann Nocturn schon seine Erzählung mit einer ausschweifenden Handbewegung, wie ein theatralischer Geschichtenerzähler vor einem Lagerfeuer, mit der Ausnahme, dass sie zwischen den Regalen eines Supermarktes standen:
„In den Tiefen der Hölle gab es einst einen Forscher, der sich dank seiner Intelligenz und seiner hohen Hörner von den meisten anderen Dämonen unterschied: doch weder schmuckvolle Hörner noch seine Intelligenz halfen ihm gegen die Tyrannei des Höllenherrschers, der zwar großen Nutzen aus seinem Forscher zog, aber dennoch größeren Gefallen daran hatte, ihn zu demütigen und zu quälen, anstatt für seine Dienste dankbar zu sein. Er konnte sich nicht gegen seinen König wehren, aber wenigstens konnte er forschen, forschen, forschen und immer weiter forschen, immerhin ist er ja der Forscher, n’est que pas?
Als besagter König dann endlich verschwand, waren alle glücklich, die unter ihm zu leiden hatten – doch die Erleichterung des besagten Forschers war unermesslich. Man munkelte gar, dass der arme Forscher selbst dafür gesorgt hatte, dass der boshafte König seinen Kopf verlor. Wie es jedoch geschah, weiß man nicht... Die Legenden über seinen Tod ranken wie Unkraut um ihn und seinen Namen; von manch einem wird sein Tod sogar angezweifelt und immer noch, obwohl es so viele Jahre her ist, fühlen sie sich von ihm verfolgt und leben in Angst und großer Ehrfurcht, vor dem Geist des Königs, der doch eigentlich seinen Kopf schon verloren hat. Andere glauben, er sei einfach im Kampf gefallen, so wie es immer der Fall ist – doch wie konnte der stärkste Dämon, den die Hölle jemals gesehen hat, durch die Hand eines schwachsinnigen Idioten fallen…? Oder ist er bloß geschwächt und wartet nur darauf, die Krone, die ihm von Geburt an zusteht, wieder zu ergreifen? Doch die meisten glauben und hoffen, dass er tot ist – durch die Hand des Forschers, der auch sein Leibarzt gewesen ist? Über die Jahre hinweg vergiftet vielleicht…? Vielleicht hat er seinem König ja sogar selbst den Todesstoß gegeben? Wer weiß; nicht einmal der Allwissende der Welt – Ri-Il – kennt die Antwort, obwohl er danach gesucht hat.
Aber wie auch immer der Forscher die Hölle von der Tyrannei des Königs befreit hat – er erhielt keinen Dank, obwohl ihm ja die Krone als Dank zugestanden hätte. Die Krone riss sich stattdessen der König des Schwachsinns unter den Nagel und platzierte sie auf seinem Kopf, woraufhin die Demütigung des Forschers einfach von vorne anfing… oh und die Wächter meinten es auch nicht gut mit dem Armen, der von einer Pechsträhne verfolgt zu sein schien, obwohl die Welt, jeder Dämon und auch die Wächter ihm doch dankbar sein sollten! Aber statt dem Forscher, der wohl eigentlich ein Held war, Dankbarkeit entgegenzubringen, riss ihm ein Feuerwächter den rechten Arm ab. Der neue König fand das sehr lustig und fand es noch lustiger, ihm, der sich doch sowieso nicht mehr wehren konnte, seine Hörner abzureißen. Vom Kopf, mit bloßer Körperkraft; er packte ihn mit beiden Händen, genau so, und riss sie ab. Wenn die Demütigung und die Folter des boshaften Königs dem Forscher nicht schon seinen Verstand geraubt hatten – dann spätestens das, denn, so weit wie man sich so erzählt, wurde auch sein Gehirn bei dieser Schönheitsoperation beschädigt.
Nun, hier endet die Geschichte des Forschers, der sich von dem Punkt an nur noch im Schatten aufhält und nicht mehr auffällt. Aber wer von der Kreativität gesegnet worden ist und Empathie besitzt – wie ich – der kann sich vielleicht ausmalen, wie die Geschichte des Forschers weitergeht, der sich bereits an allen Feuerwächtern gerächt hat, weil deren Feuer ihm seinen Arm genommen hat… der Wunsch nach Rache, nach Vergeltung und Wiedergutmachung für alles, was er durchgestanden hat – und vielleicht das Streben nach Anerkennung. Steht ihm nicht eigentlich die Krone zu? Wenn die Geschichte wahr ist, gehört ihm dann nicht die Krone, weil er den letzten Dämonenkönig getötet hat? Aber nein, die Geschichte lief anders: die Fürsten haben die Macht an sich gerissen, erleichtert aufatmend, nachdem der boshafte König verschwunden war – und der Forscher wurde wieder in den Keller des Schlosses zurückgeworfen.
Ich denke, es wäre durchaus ein passendes Ende für diese Geschichte, wenn jener Forscher alle Fürsten auslöscht, um am Ende die Krone des Dämonenherrschers endlich auf seinen Kopf zu setzen. Das würde die Geschichte jedenfalls gut abrunden.“ Während Nocturn die Geschichte des „armen Forschers“ – den er doch gleich Karou hatte nennen können, warum diese ach so kunstvolle Verschnörkelung? – erzählt hatte, hatte er noch Kaffee, noch mehr Kekse, Schokolade und Bonbons in den Korb geladen, hatte mit seiner kleinen, blauen Karte bezahlt und nun waren sie auch schon fast wieder bei dem Hochhaus angekommen, als seine Erzählung endlich ein Ende fand und Youma die Gelegenheit bekam, etwas dazu zu sagen:
„Du glaubst, das ist Karous Ziel? Ist das nicht etwas größenwahnsinnig für einen Dämon, der nicht sonderlich mächtig ist? Seine Aura würde ich nicht als bedrohlich einstufen.“
„Aura ist nicht alles – schau mich an. Ich habe gar keine Aura! Davon auszugehen, dass ich deswegen sehr schwach sein muss, war schon so manchen Dämons Todesurteil. Nein, ich bin mir dessen ganz sicher. Ist es denn überhaupt größenwahnsinnig? Vielleicht, aber Megalomanie ist eine Form des Wahnsinns – und was hat Karou denn zu verlieren? Nichts sage ich dir. Ich denke nicht, dass ihm sein Leben viel wert ist, aber das kann auch eine Fehleinschätzung von mir sein.“
„Aber zu glauben, dass man Henel ohne die Fürsten regieren kann…“ Nocturn fiel dem nachdenklichen Dämon ins Wort, seine Einkaufstüte ein wenig nach vorne schwingend:
„… ist gar nicht so neu. Im Prinzip hat Lerous Vorgänger das auch getan und lange Erfolg gehabt. Das ist das Gute an der Dämonenwelt: es gibt keine Regeln. Jeder definiert seine Regierung neu. Im Moment regiert Karou auch ein wenig mit durch den Einfluss, den er auf seinen Zwilling ausübt, aber das wird ihm nicht genug sein – nicht nach der Demütigung, die ihm widerfahren ist: von beiden Königen. Ich meine, ist dir Lycrams Reaktion aufgefallen? Wie er Karou genannt hat, als er ihn gesehen hat?“ Natürlich war Youma die aufgefallen, aber er wunderte sich darüber, dass es Nocturn bemerkt hatte – er hatte doch… gar nicht so gewirkt, als würde er zuhören?
„Er war überrascht, ihn zu sehen und hat ihn einen Krüppel genannt.“ Nocturn nickte und fuhr fort, während sie auf passierende Autos warteten, ehe sie über die Straße gingen; hinter ihnen heulte eine Sirene, einige Touristen gingen an ihnen vorbei, ohne über die eigenartige Sprache zu stutzen, die sie benutzten:
„Genauer gesagt hat er ihn „Lerous Krüppelbruder“ genannt. Versuche, dich in Karou hineinzuversetzen: wenn du über Jahrzehnte hinweg wie ein Tier behandelt und missbraucht gewesen wärst, wäre dir das genug? Hm, ich glaube kaum. Aber es kann auch eine Fehleinschätzung von mir sein, ha! Wer weiß das schon. Ich kenne ihn wie gesagt nicht!“ Youmas Augen verengten sich:
„Dafür weißt du aber sehr viel von ihm.“
„Ha, das stimmt.“ Nocturn tippte den Code für die Tür ein, denn um diese Uhrzeit war die Rezeption bereits verlassen, die sich ihnen nun öffnete, als die gläsernen Schiebetüren sich beiseiteschoben.
„Ich weiß das meiste noch aus meinem vorigen Leben. Alle Wesen, die keine Gefühle zeigen, sind mir suspekt… Ich habe daher ein wenig über Karou in Erfahrung gebracht. Auch für White, weißt du? Nachdem ein Feuerwächter nach dem anderen dahingerafft wurde, war sie so besorgt, da habe ich ihr ein paar Informationen beschafft.“
„Du hast… White, dem Feind, Informationen… Urgh, warum überrascht mich das jetzt nicht?! Du warst ihr Spion?!“
„Du klingst aber überrascht! Natürlich war ich das! Und ich war sehr gut darin!“, lachte Nocturn und drückte den Knopf für deren Etage am Fahrstuhl.
„Nein, ich bin verärgert. Ich klinge verärgert. Überrascht bin ich nicht. Urgh, was bist du nur für ein Dämon!“ Nocturn lachte laut und neckend, Youma himmelte mit den Augen; wirklich, was waren sie beide für Dämonen. Zwei Dämonen, die eine Partnerschaft eingehen mussten, von der Youma mal wieder überzeugt war, dass sie nie funktionieren würde.
Niemals… niemals!
Ganz egal wie viele Geschichten er ihm erzählen würde – die in der Tat brauchbar waren – niemals würde das funktionieren.


Aber die Menge an Informationen und neuem Wissen, was Youma über Karou erhalten hatte, war überraschend nützlich – offensichtlich war Nocturn doch brauchbarer als bereits von ihm befürchtet. Noch ehe Youma ins Bett ging, trug er all die neuen Informationen über Karou in seine Notizbücher ein – und auch das, was er heute über Ri-Il erfahren hatte. Es war nicht viel, aber jede kleine Information über Ri-Il konnte irgendwann wichtig sein und vielleicht war die Information, dass Ri-Il scheinbar erpicht darauf gewesen war, zu versuchen herauszufinden, wie der letzte Dämonenkönig gestorben war und wie Karou damit in Zusammenhang stand, gar nicht so klein und unwichtig wie man annehmen sollte…
Doch der Tag war lang gewesen und Youma schlief umrahmt und umarmt von seinen Schatten ein, die sich wie ein beschützender Schleier um ihn – und den grünen Apfel, den Nocturn ihm noch zugeworfen hatte – legte.
Weit entfernt in der Dämonenwelt war auch Silver an Blues Bett eingeschlafen. Er hatte verzweifelt versucht sich wachzuhalten, weil er jedes kleine, noch so kleine Zeichen einer Regung Blues als ein Zeichen der Hoffnung hatte deuten wollen, doch Blue war mittlerweile ganz ruhig geworden. Er schien kaum noch zu atmen, als bereitete er sich schon darauf vor, dass die Frist, die Ri-Il ihm aufgegeben hatte, auslief.
Sie lief auch bald aus; nur noch ein Tag. Wenn Blue bis dahin nicht aufgewacht war, dann würde er sich selbst und dem Licht überlassen werden.
Ri-Il stand an der Tür der kleinen Kammer, in der sich nun nur Silver und Blue befanden und regte sich nicht, als wäre er ein Schatten, der zu dem kleinen Zimmer gehörte, welches die Brüder schon solange ihr eigen nannten. Seine Augen waren geschlossen und doch schien er die beiden Brüder anzusehen; den etwas wimmernden, aber schlafenden Silver und den gänzlich grauen Blue, dessen Hand der Rotschopf fest drückte, während er in seinem Albtraum festzustecken schien.
Der Fürst, dem man nachsagte, dass für ihn nichts unmöglich war, dem man auch schon etwaige Wunder angedichtet hatte, trat näher. Er legte die Hand auf Silvers Kopf, ohne ihn anzusehen, denn sein Blick lag nun wie hypnotisiert auf Blue; aber dennoch schien er genau zu spüren, wann Silver sich beruhigte, denn er zog die Hand erst von seinem Kopf weg, als Silver aufhörte zu wimmern. Dann öffnete Ri-Il ein wenig seine Augen, deren Gelb in der rötlichen Dunkelheit hervorleuchtete und berührte mit dem kleinen Finger Blues Stirn.


Blue hatte nur noch einen Tag, um aufzuwachen; wir ironisch, dass dieser Tag mit der Beisetzung Greys zusammenfiel.