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Episode 83
  Episode 83: Mondfinsternis
„Green, bist du soweit?“
Nein, eigentlich war sie nicht so weit. Aber sie würde nie „so weit“ werden. Sie wäre nie bereit… für die Beisetzung ihres Bruders, die nun gekommen war, obwohl sich Green so sehr dagegen gesträubt hatte, jeden einzelnen Gedanken daran verdrängt hatte.
Gedankenverloren stand sie vor ihrem Spiegel und blickte ihrem in schwarz gekleidetem Spiegelbild entgegen: einem Kleid, welches ironischerweise von Grey selbst gemacht worden war. Er hatte wirklich für jede Gelegenheit etwas für sie angefertigt… und Green musste sagen, dass sie froh darüber war. Der Gedanke in etwas Anderem gekleidet zu sein als in seinen Kreationen… war einfach… nicht auszuhalten.
Aber Mary hatte ihr bereits gesagt, dass eine neue Schneiderin für sie gefunden worden war… nein, daran wollte Green nicht einmal denken. Ein schrecklicher Gedanke. Ein schrecklicher!
Obwohl das schwarze Kleid mit seinem schwarzen Schleier simpel und es wegen der Farbe kein typisches Kleid von ihrem Bruder war, sprach es so deutlich seine Sprache – und das sollte es auch! So sollte es sein!
Alles an seinen Kreationen war mit Liebe gemacht worden. Sogar ein trauriges Kleid, wie das, was sie nun trug, war schön; war mühselig und detailverliebt von seinen Fingern mit kleinen Stickereien am Ärmel versehen worden. Sogar dem Schleier sah man diese Liebe an, welchen Itzumi ihr gerade auf den Kopf setzte und ihre Haare damit verwob. Eigentlich wollte Green keinen Trauerschleier tragen, denn sie benötigte nichts, um ihre Tränen zu verbergen. Wenn sie weinte, dann weinte sie – und das sollten auch alle sehen dürfen. Es war ihr egal! Doch sie wollte nichts verschmähen, was Grey für ihr Outfit vorgesehen hatte, doch anstatt ihn vor ihr Gesicht fallen zu lassen, schob sie ihn nach hinten, so dass er mehr einem Brautschleier glich.
Wenn sie sich für ihre Umgebung interessieren würde, dann wäre ihr aufgefallen, dass Itzumi diese Tat gerade kommentieren wollte, doch sie unterließ es. Im Allgemeinen war Itzumi ziemlich zahm, seitdem sie auch Saiyons Tempelwächterin geworden war; besonders wenn er im Raum war so wie jetzt.
„Green?“, fragte ihr Verlobter nun noch einmal, nachdem Green das erste Mal nicht geantwortet hatte; dieses Mal in einem behutsameren Tonfall, auf welchen die Hikari nun reagierte:
„Ja, ich denke…“ Sie wollte sagen, dass sie fertig war, aber ihre Zunge konnte die Wörter nicht formen. Sie kamen einfach nicht richtig aus ihrem Mund und glichen eher einem Klagelaut. Green ärgerte sich darüber. Sie wollte stark sein… stark sein für ihren Bruder, aber… aber…
Green spürte Saiyons Arm um ihre Schulter, welcher sie sanft an seine ebenfalls in schwarz gekleidete Brust drückte und ihr daraufhin einen Kuss in die Haare hauchte. Er sagte nichts – und dafür war sie ihm dankbar. Saiyon war sehr gut darin zu wissen, in welchen Momenten er schweigen sollte und in welchen Momenten andere seine Worte benötigten. Tief seufzte Green und erlaubte ihren Schultern kurz klagend zu zittern, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Das sachte Klopfen der Tür schreckte das frisch verlobte Paar hoch, aber keiner der beiden musste sich natürlich zur Tür bewegen, denn Itzumi stand schon an dieser und öffnete sie.
„Die Hikari wünscht nicht…“
„Firey!“ Oh – oh doch, und wie sie es wünschte von Firey gestört zu werden. Firey war immer willkommen und sofort löste Green sich aus Saiyons Umarmung, stand auf und war schon in zwei Schritten bei ihrer Feuerwächterin, die in derselben Traueruniform gekleidet war wie am Vortag und nur gezwungen lächeln konnte angesichts dieses Tages. Doch Greens Lächeln war nicht gezwungen; sie freute sich darüber, Firey zu sehen und hatte auch keine sonderlich großen Gewissensbisse, als sie Saiyon und Itzumi hinausbeförderte, gar nicht darauf achtend, dass Saiyon eigentlich bleiben wollte – Itzumi reagierte gar nicht, sie war es immerhin gewohnt von Green aus dem Zimmer geworfen zu werden. Sie verkündete nur, dass sie gleich zurück sein würde, um ihre Arbeit an Green zu beenden.
„Ich möchte dir noch einmal persönlich und… ja, noch einmal mein Beileid aussprechen…“ Greens Lächeln wurde sofort steif, aber es rührte sie, als Firey sie in die Arme schloss, nachdem es ihr nicht genügt hatte, nur ihre Hände in ihre zu legen.
„Es… tut mir so leid, dass alles so kommen musste… Dass du so viel durchstehen musstest und immer noch musst…“ Fireys Umarmung tat gut und ihre Worte waren so heilsam und voller aufrichtiger Freundschaft; sie taten gut, auch wenn sie über etwas sprachen, was so schrecklich war. Green erwiderte Fireys Umarmung und eine Weile blieben sie stehen, mit dem Kopf auf der Schulter der jeweils anderen.
„Ich bin froh, dass du hier bist, Firey. Ich war zwar lange dagegen, dass du das Leben eines Wächters gewählt hast, aber ich bin…“ Green seufzte und löste sich von ihrer Freundin:
„… so froh, dass du es getan hast. Ohne dich wäre meine Welt sicherlich um einiges kälter.“ Green versuchte zu grinsen, aber die deutliche Blässe in ihrem Gesicht ließ das Grinsen wenig erfreut wirken.
„Du hast auch deinen Verlobten, ehm… ich meine Saiyon.“ Green sah sofort weg und löste sich auch von ihr, wie um Abstand zu ihr zu halten.
„Er wird dich doch auch wärmen? Er ist doch…“ Firey suchte nach den richtigen Worten:
„…also - gut zu dir?“
„Ja, das schon.“ Aber Green mochte es dennoch nicht, in diesem verdammten Bett mit ihm zu schlafen. Die letzte Nacht war genauso schlimm wie die Nacht davor gewesen; da sie aber nicht mit Augenringen an Greys Beisetzung teilnehmen wollte, hatte sie Medikamente genommen, um dafür zu sorgen, dass sie schlief.
„Aber… naja, es liegt wohl an mir, dass mir in seiner Nähe nicht so warm ist.“ Wieder versuchte Green Firey ein Grinsen zuzuwerfen, aber alleine ihre in sich verschlossene Körperhaltung mit den Armen über der schwarz dekorierten Brust sprach ein deutliches Zeichen. Firey spürte Unruhe in sich; sie hatte dieses Gespräch schon die ganze Zeit führen wollen und nun war die geeignete Gelegenheit, aber… es war ein wenig unangebracht, es an dem Tag von Greys Beisetzung zu tun, oder nicht…?
„Musst du denn schon heiraten…? Das musst du doch eigentlich noch nicht, oder?“
„Ich glaube, ich werde keinen Besseren finden, egal ob ich jetzt heirate oder später.“ Green blickte aus dem Fenster zu ihrer Rechten; es stand offen und die hellen, violetten Vorhänge des Fensters spielten leicht im kalten Wind. Es regnete nicht, aber der Himmel war etwas gräulich und der Wind kalt wie eine frische Herbstbrise. So konnte einem auch wirklich nicht warm werden…
„Grey fand, dass er der richtige für mich sei. Er war von Saiyons Gefühlen für mich überzeugt und ich… nunja ich bin es auch.“ Firey sollte wirklich lieber den Mund halten; nicht heute, nicht hier – aber sie konnte nicht:
„Aber nur weil Grey ihn mochte, bedeutet das doch nicht, dass du ihn auch…“ Green brachte sie mit einem Kopfschütteln zum Schweigen:
„Ich habe ihn auch gewählt.“
„Aber du liebst ihn nicht! Ich sehe es dir doch an. Ich habe es auch gerade eben gesehen; du sahst überhaupt nicht glücklich aus, als er dich umarmt hat!“ Das war leider wahr. Es machte Green nicht glücklich, wenn er sie umarmte – es wärmte sie auch nicht so sehr wie es gerade Fireys Umarmung getan hatte. Es war etwas beklemmend, aber Green vertraute darauf, dass sich das ändern würde… Sie war davon überzeugt, dass sie froh darüber sein konnte, dass Saiyon ihr Verlobter war und nicht jemand anderes. Jedes andere frischverlobte Paar hätte das Treffen mit Blue wohl voneinander entfernt, doch Saiyon nahm keinen Abstand zu ihr. Er hatte einfach gewartet, bis sie mit ihm sprach. Seit ihrem nächtlichen Pfannkuchenessen war Blues Name nicht mehr auf den Tisch gekommen – und kein Blick hatte angedeutet, dass Saiyon noch darüber nachdachte oder irgendwelche Fragen unterdrückt wurden.
„Nein, ich liebe ihn nicht. Aber ich mag ihn… und das muss wohl in dieser Welt genügen.“ Firey war mit dieser Antwort nicht zufrieden und Green wusste, dass sie selbst das vor einigen Wochen auch nicht gewesen wäre – aber anders als die frühere Green, die das niemals akzeptiert hätte, fügte Firey sich.
„Ich hoffe, dass „mögen“ bei dir nicht genügen muss, Firey“, flüsterte Green ihr zu, als diese gerade das Zimmer wieder verlassen wollte – notgedrungen, denn Itzumi kam wieder mit ihren festen Schritten herein gesaust, um sie an die Uhrzeit zu erinnern.
„Ich fasse es ja nicht“, hörte Green Silence sagen, von der Green bis jetzt gar nicht bemerkt hatte, dass sie da war.
„Wird unsere Hikari-sama etwa ein wenig erwachsener?“ Green lächelte ein wenig, als sie sich von Itzumi ihr Schuhwerk anziehen ließ – aber das Lächeln galt natürlich Silence und nicht den schwarzen Lackschuhen.
„Wer weiß. Ich hoffe nicht zu sehr.“


Es war ein großer Trauerzug zu Ehren Greys geplant; eine übliche Prozedur, hatte Silence Green erklärt, nachdem die Yami natürlich sofort bemerkt hatte, dass es ihrem Medium nicht gefiel, dass der gläserne Sarg Greys durch die Gegend getragen wurde. Die Hikari hatte es unkommentiert gelassen, als Shaginai ihr vom Ablauf der Trauerfeier erzählt hatte, doch ihr war deutlich anzusehen gewesen, dass sie eigentlich strikt dagegen war. Genau wie sie auch dagegen war, dass Grey auf Sanctu Ele’saces bestattet werden sollte anstatt im Tempel – ein Einwand, den Shaginai beiseite geschlagen hatte mit den nüchternen Worten, dass Grey nun einmal kein Hikari sei und somit natürlich nicht im Tempel bestattet werden würde. Wenigstens wurde sein Körper nicht zusammen mit den anderen toten Wächtern zu… Lichtfunken. Das war zwar nicht so schlimm gewesen, wie sie es sich vorgestellt hatte, aber sie war dennoch froh darüber, dass Grey als ein legendärer Wächter galt und sein Körper nicht… nun… verschwand, egal wie schön die Funken leuchteten. Er hatte sich diesen Status zum Glück durch seinen „eisernen Eifer“, „allem trotzender Freundlichkeit“ und „herzlichster Güte“ verdient gemacht, wie es so schön in einer der Reden hieß, die heute verkündet werden würden: außerdem, das hatte Green erst in den letzten Tagen erfahren, hatte Grey als Elementarwächter des Windes und „Ersatz“ Regime-Führer viele Missionen in der Menschenwelt geleitet im Kampf gegen die Halbdämonen, die zu Zeiten des Siegels die Menschen bedroht hatten – er hatte wohl bereits in sehr jungem Alter vielen Menschen das Leben gerettet…
Green hatte gelächelt, als Shitaya ihr das mit strahlenden Augen erzählt hatte – er war selbst oft dabei gewesen – aber eigentlich hatte sie gar nicht das Gefühl der Freude gespürt, sondern eher… das der Traurigkeit. So viele Seiten kannte sie gar nicht von ihrem Bruder… und nun… nun war er tot. Ohne dass Green diese Seiten kennengelernt hatte; ohne, dass sie sich bei ihm bedanken und entschuldigen konnte.
Die Trauerfeier würde auf Sanctu Ele’saces stattfinden und so wie es Tradition war, würde der Trauerzug vom Sanctuarian über die Straße des Windes bis hin zum Friedhof gehen. Die Wächter würden vom Rande der Straße den Zug begleiten und Grey so den letzten Tribut zollen. Es war dabei Greens Aufgabe, den Trauerzug anzuführen und – wie Shaginai bei jeder Gelegenheit betonte, „Stärke und Würde“ zu zeigen und das ohne „sinnlos“ zu weinen. Sie sollte allen beweisen, dass sie als Hikari über der Trauer stand; das war ganz besonders wichtig, wenn es sich um ihr nahes Familienmitglied handelte.
Jedes Mal, wenn er ihr dies eingebläut hatte, hatte Green mit Schweigen geantwortet: doch eine Sache hatte sie nicht unkommentiert gelassen. Es war Brauch, dass die männlichen Mitglieder der Elementarwächter und der Offiziere den Sarg trugen, während die weiblichen Mitglieder neben dem Glassarg gingen. Green hatte diese Tradition nicht nur kommentiert; sie war laut, sehr laut, geworden.
Der Ablauf des Trauerzuges war am Ende einer Kriegssitzung im Jenseits besprochen worden; fast wie eine Nebensache, die eigentlich überhaupt keinen Belang hatte – alleine das hatte Green irritiert. Doch wie alles, was Greys Beisetzung anging, hatte sie sich vorerst ruhig verhalten; was hätte sie auch dazu beitragen sollen? Sie und Grey hatten nie über Beisetzungen gesprochen; sie hatten auch niemals über seine oder ihre gesprochen. Sie wusste also nicht, wie Grey es am liebsten gehabt hätte… dadurch, dass sie nach menschlichen Ansichten erzogen worden war, mochte sie die Art, wie die Wächter ihre Mitwächter bestatteten, nicht so ganz, aber sie konnte sich auch nicht anmaßen, Grey eine menschliche Beerdigung aufzuzwingen; so eine wie Kanori bekommen hatte. Aber White hatte gewusst, dass Kanori sie bevorzugt hatte. Green hatte keine Ahnung… Doch als Mary witzelnd meinte, dass es zum Glück genug männliche Wächter unter den Offizieren gab, die Greys Sarg würden tragen können, erwachte Green aus ihrer Starre.
Die Offiziere waren ihr so gesehen vollkommen egal, denn Grey hatte sicherlich zu ihnen ein gutes Verhältnis gehabt, wie er es nun einmal zu allen gehabt hatte, aber anders sah es mit den Elementarwächtern aus:
„Azuma wird nicht den Sarg meines Bruders tragen! Er ist ein Arschloch!“
Augenblicklich war es still geworden in der gigantischen Halle und die vielen weißen Augen lagen nun auf Green, die tobend emporgesprungen war.
„Green-san, tragen Sie bitte ihre persönlichen Dispute nicht in der Öffentlichkeit aus“, erwiderte Hizashi sachlich mit einem Lächeln und schien damit das Thema bereits als beendet anzusehen, doch da kannte er Green noch nicht gut genug:
„Es geht hier nicht um mich! Grey mag Azuma auch nicht!“
Mochte, Green-san, mochte. Leben Sie nicht in der Vergangenheit.“ Aber Hizashis Stimme wurde wieder von Green niedergeschmettert.
„Das ist mir vollkommen EGAL! Azuma wird seinen Sarg nicht tragen! Lieber trage ich ihn selbst!“ Green war so aufgebracht, dass sie nicht bemerkt hatte, wie White sich von ihrem Platz erhoben hatte und nun auf ihre Tochter zusteuerte, um sie zu beruhigen. Tröstend erhob sie ihre Hände und schien diese auf Greens bebende Schultern legen zu wollen, doch diese schlug die liebenden Hände ihrer Mutter wütend weg:
„Er hat Grey beleidigt, Mutter! Er hat ihn immer nur beleidigt! Willst du denn, dass so ein Arschloch den Sarg deines Sohnes trägt?!“
„Yogosu!“, donnerte nun Shaginais Stimme zu ihr herüber, ehe White ihre Meinung dazu äußern konnte:
„Mäßige deinen Tonfall. Es steht überhaupt nicht zur Debatte, dass eine Tradition gebrochen wird, nur weil du etwas dagegen hast.“
„Ihr widert mich an mit euren ganzen verdammten Traditionen!“ Und ohne der Reaktion ihrer Familie Beachtung zu schenken, polterte Green die Treppenstufen herunter, steuerte auf die große Flügeltür zu, öffnete diese – doch ging nicht hindurch, ohne den Hikari noch ihr letztes Wort entgegenzuschleudern:
„Und Azuma wird Greys Sarg nicht tragen, habt ihr mich verstanden?!“ Mit diesem erbosten Schrei schlug sie die Tür hinter sich mit einem gewaltigen Knall ins Schloss und hinterließ viele himmelnde Augenpaare.


Green hatte tatsächlich darüber nachgedacht, ob sie Azuma zu einer gefährlichen Mission schicken konnte, wo er sich hoffentlich die Beine brach; zwar nur für einen kurzen Moment, aber sie hatte es getan; ja, so wenig mochte sie Azuma! Zur Hölle mit „Balance des Elementarwächterteams“; zur Höller mit aller Heiligkeit!
Doch egal wie wütend sie darüber war und egal, wie sehr sie sich gegen den Gedanken sträubte, an dem Tag, an welchen der Trauerzug abgehalten werden sollte, konnte sie nichts dagegen tun, dass Azuma anwesend war. Eine brodelnde Wut darüber durchströmte immer noch ihren Körper und übertönte eine bereits aufkommende Benommenheit, als sie, die Elementarwächter und die Offiziere, sich in der verlassenen Eingangshalle des Sanctuarians befanden; zusammen mit dem Glassarg ihres Bruders, an welchem Ilang so nah wie möglich stand, während Green lieber Abstand hielt und gar nicht hinsehen wollte, es aber dennoch nicht unterdrücken konnte. Der Glassarg, der auf einem niedrigen Podest stand, war… hübsch… mit Gravuren, die Windspiele zeigten, versehen worden und goldenen Kanten… Als Green Greys gläserne Ruhestätte das letzte Mal gesehen hatte, da war er bereits in Blumen gebettet worden und hatte das Gewand getragen, was er auch nun trug; ein langes, wallendes, weißes Gewand mit einer Schleife, die aus mehreren Bändern bestand, die alle in verschiedenen Blautönen gehalten waren.
Green wandte sich abrupt ab; sie wollte nicht hinsehen! Sie hielt den Anblick nicht aus! Sie konnte nur das Profil ihres Bruders sehen, aber das genügte bereits, um ihre Benommenheit zu zerreißen und sie so sehr zu bewegen, dass sie nicht glaubte, auch nur einen Schritt machen zu können. Wie hielt Ilang es nur aus, ihn die ganze Zeit anzusehen, während sie ständig aufgewühlt an der blumigen Dekorierung des Sarges herumzupfte? Sie stand da und starrte ihn an... als wolle sie selbst mit ihm zu Grabe getragen werden. Sie reagierte nicht einmal auf die Versuche Daichis, mit ihr zu sprechen; auch auf seine Hand, die er ihr auf die Schulter legte, reagierte sie nicht, völlig erstarrt.
Es waren noch gut 15 Minuten bis zum Trauerzug; 15 Minuten, in denen weder die Elementarwächter noch die Offiziere miteinander sprachen. Erst als die gigantischen Zeiger einer alten Uhr über dem Eingang des Sanctuarians sich ratternd bewegten, trat der einzige Wächter vor, der nicht zu den beiden Teams gehörte, als hätte er nur darauf gewartet, dass die Uhr sich endlich bewegen würde.
Die Hikari wusste, dass sie sich an den Namen des hohen, ebenfalls in schwarz gekleideten Naturwächters erinnern sollte, denn sie hatte nun schon öfter mit ihm gesprochen… doch sein Name so wie seine Persönlichkeit waren ihr vollkommen egal. In ihren Gedanken war er nichts anderes als der Bestatter. Eine verdammte Krähe war er; gänzlich unsympathisch aussehend, mit strengem Gesicht und schier eingerosteten Gesichtszügen, gemalt auf bleicher, ungesund wirkender Haut. Keiner hatte ihn einen Bestatter genannt; aber in Greens Augen war er das, denn er kümmerte sich um den reibungslosen Ablauf der Beisetzungen der Wächter, ohne dabei auch nur den kleinsten Funken Mitgefühl aufzubringen.
Obwohl seine Worte besonders für Green wichtig sein sollten, da sie immerhin den Trauerzug anführen sollte, hörte sie seine mechanischen Worte nicht. Die langsamen Worte waberten über sie hinweg wie ein leichter Regenschauer, welcher kaum genug Kraft besaß, um die Kleidung zu nässen. Auch die warme Hand auf ihrer Schulter, der starke Arm um ihren Rücken herum, die beide versuchten ihr Halt zu geben, spürte Green nicht. Trotz dieser liebenden Geste ihres Verlobten hatte sie das Gefühl, alleine zu sein; alleine in dieser großen Halle. Alleine… doch zusammen mit dem gläsernen Sarg ihres Bruders, zu dem sie wieder hinübersah und plötzlich gar nicht mehr darauf achtete, dass die männlichen Mitglieder der beiden Fraktionen sich dazu bereitmachten, den Sarg hochzuheben.

Wieder pikierte die Krähe sich über dasselbe Problem, das er schon bei den Vorbereitungen festgestellt hatte – die weiblichen Wächterinnen machten eine ungerade Zahl aus! Kein anderer interessierte sich für die daraus folgende Asymmetrie; das, was die Elementarwächter an der Zahl bedrückte war die Tatsache, dass sie gerade wäre, wäre Tinami noch ein Mitglied der Elementarwächter… Doch sie war es nicht länger. Und obwohl sie Grey besser gekannt hatte als sicherlich einige der Offiziere, war sie kein Teil des Trauerzuges. Wie alle anderen würde sie am Rand der Straße stehen müssen.
Kaira, Azura, Ilang, Firey, Pink und Green ließen es alle unkommentiert, doch während der Bestatter sich über die für ihn schreckliche Aufstellung pikierte und sich froh darüber zeigte, dass die Offiziere wenigstens noch keine neuen Mitglieder hatten, was dann womöglich für noch mehr Unregelmäßigkeiten gesorgt hätte, war das bedrückte Schweigen der weiblichen Elementarwächter auf eine traurige Art und Weise einstimmig.
„… sind sich nun alle im Klaren darüber, was sie unbedingt vermeiden sollen und was ihre Position ist?“ Einige nickten, andere versicherten mit Worten, dass sie es verstanden hätten; andere schwiegen sich aus wie Green. „Dann nehmen Sie Ihre Positionen ein.“ Aber da, als sie alle seiner Aufforderung folgten, bemerkte Green etwas, als sie, im Versuch nicht den Sarg anzusehen, ihren Blick über die Anwesenden schweifen ließ.
„Ryô. Wo ist eigentlich Ryô?“ Der Bestatter wandte sich mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck an seine Hikari. Da er ein Perfektionist war, hatte er sich natürlich mehr als ausgiebig über seinen Toten informiert und wusste daher natürlich, von wem Green sprach, weshalb er ihr mit sachlicher Stimme eine Antwort auf diese Frage gab:
„Ein Tempelwächter nimmt an keinem Trauerzug teil. Auf Geheiß von White-sama, gelobt sei Ihr Name, wurde jedoch vermerkt, dass jener Tempelwächter an der späteren, privaten Beisetzung teilnehmen wird.“ Green dachte nicht lange darüber nach; eigentlich dachte sie überhaupt nicht darüber nach: Sie befreite sich aus Saiyons halber Umarmung, bemerkte nicht, wie dieser sich nach seiner Verlobten ausstreckte und hatte schon die große Eingangstür hinter sich gelassen, ohne sich dafür zu interessieren, dass sie damit den ach so perfekten Zeitplan des Bestatters zerstörte, der seiner Hikari verzweifelt hinterherrief, aber nicht verhindern konnte, dass sie hinausstürmte und die Tür hinter ihr zufiel.
Ryô! Oh Gott! Green spürte die brennenden, ersten Tränchen in ihrem Auge, während sie die Treppe herunterrannte, die sie zur Hauptinsel von Sanctu Ele’Saces bringen würde – wie hatte sie das übersehen können! Sie hatte alles, was mit Greys Beisetzung zu tun hatte, so gut es ging verdrängen wollen und gar nicht bemerkt, dass nie von Ryô die Rede gewesen war – sie war einfach davon ausgegangen, dass er natürlich dabei war!
Green schüttelte den Kopf, schüttelte ihre Tränen weg und achtete gar nicht auf die Wächter, die am Straßenrand standen und sie verwirrt ansahen, denn sie hatten natürlich etwas Anderes erwartet.
Es waren viele. Sehr viele. Deutlich demonstrierte diese Menge die Anteilnahme und die Sympathie der in schwarz gekleideten Wächter Grey gegenüber; die Wächter, die am nahesten am Rand der Straße standen, hielten alle, ausnahmslos, weiße Blumen in ihren Händen und wäre Green stehen geblieben, um sich die trauernde Menge genauer anzusehen, wäre ihr aufgefallen, dass sogar einige Wächter in der zweiten und dritten Reihe mit Blumen gekommen waren.
Green versuchte, mit keinem Blickkontakt aufzunehmen. Schnellen Schrittes wirbelte sie herum, hielt nach Ryô Ausschau, doch… sie konnte ihn nirgends sehen. Ryô musste einfach beim Trauerzug dabei sein; er musste. Niemand anderes gehörte mehr dorthin als er – und deshalb wusste Green, dass sie sich nicht beirren lassen durfte, denn sie musste ihn finden. Sie musste ihn zu Grey bringen! Dort gehört er hin! An seine Seite!
„Hikari-sama!“ Für einen kurzen Augenblick spürte Green, wie sie sofort in Abwehrposition ging, als wäre diese Betitelung eine Drohung oder ein Hindernis, welches sie von ihrem Ziel abzubringen versuchte. Doch als sie sich herum wandte, sah sie, dass es alles andere war: es war Tinami.
Es war ungewohnt, ihre… ehemalige… Klimawächterin in schwarz zu sehen; doch es war noch ungewohnter „Hikari-sama“ aus ihrem Munde zu hören und nicht ihren gewohnten Spitznamen. Versteinert blieb Green mitten auf der Straße stehen und als wäre es komplett ihre eigene Schuld, dass Tinami hier und nicht oben bei den anderen Elementarwächtern war, überspülte sie auf einmal das schlechte Gewissen und die Trauer darüber. Tinami machte ihr jedoch keine Vorwürfe. Sie dachte nicht einmal daran, als sie sich aus der Menge löste und mit einem großen weißen Blumenstrauß auf ihre Hikari zuging.
„Ihr sucht Ryô?“ Obwohl Tinami sie anlächelte, war Greens Blick bestürzt und es sah für einen Augenblick danach aus, als würde sie jetzt schon zu weinen anfangen, als Tinami sie so förmlich ansprach.
„Tinami, du… aber du kannst mich doch…“ Traurig schüttelte die ehemalige Elementarwächterin des Klimas ihren eisblauen Haarschopf und fuhr mit dem eigentlichen Gesprächsthema fort:
„Er ist bereits am Friedhof; ich habe ihn dort gesehen. Beeilt Euch!“ Einen Augenblick lang sahen die beiden sich an; Green weiterhin schockiert von der ungewohnten Förmlichkeit Tinamis, der ersten Wächterin, welche Green gegenüber freundlich gewesen war; die erste, die auch jede Förmlichkeit fallen gelassen hatte… und die sie jetzt immer noch so stark und voller Vertrauen anlächelte, obwohl Green ihre Position nicht gerettet hatte…
Green rang sich ein Nicken ab und wandte sich auch schon herum, entfernte sich bereits; Tinami wandte sich ebenfalls ab und wollte wieder ihren Platz einnehmen, da rannte Green noch einmal zu ihr zurück und packte ihre Hand:
„Bitte, Tinami, bitte: komm zu uns zurück! Wir brauchen dich!“ Verwundert, doch auch gerührt, erwiderte Tinami Greens inständigen Blick und obwohl so viele Fakten dagegen sprachen antwortete sie:
„Ich werde… mein Bestes geben.“


Der verlorene Mond befand sich, genau wie Tinami es gesagt hatte, am Friedhof. An einem großen, kreisrunden Platz mit weißen Steinen und einem Springbrunnen in der Mitte, der freigehalten wurde, da hier die Hikari stehen würden, um auf Grey zu warten, damit sie ihn zur privaten Beisetzung im Friedhof begleiten konnten. Es waren begehrte Plätze, da man die Hikari, die erst bei Beginn des Trauerzugs ihre Positionen einnahmen, selten so nah sah, doch Ryô hatte sich nicht in die erste Reihe gestellt. Natürlich war er früh genug dort gewesen; er hätte sich einen der begehrten Plätze direkt am Eingang des Friedhofes sichern können… Ilang hatte ihn sogar extra früh von seinen Diensten entbunden, aber Ryô wünschte keinen anderen Platz. Er kannte die Tradition und spürte auch keine Enttäuschung oder Trauer darüber, dass er nicht am Sarg Greys sein durfte. Er hatte keine Sekunde daran gedacht, es zu sein. Er war dankbar dafür, dass White ihm ermöglicht hatte, bei der privaten Beisetzung anwesend zu sein; sehr dankbar sogar, denn auch das war keine Selbstverständlichkeit. Als sie es ihm mitgeteilt hatte, hatte er brennende Tränen in seinen Augen gespürt, hatte sie jedoch unterdrückt und stattdessen versucht, dankbar zu lächeln – ob es ihm geglückt war, wusste er nicht.
Aber Ryô hätte sich ganz nach vorne stellen können, in die erste Reihe, um so Grey so nah wie möglich zu sein, wenn sein Sarg vorbeigetragen werden würde, doch er hatte es nicht getan. Ryô wusste eigentlich nicht warum. Er hatte sich ganz automatisch ein wenig abseits gestellt; aber so, dass er sich dem Trauerzug schnell und unbemerkt anschließen konnte, wenn dieser durch die große Pforte den Friedhof betreten würde. Vielleicht war es… weil es keine Rolle spielte, wo er war; wie viele Wächter ihn von dem Sarg seines besten Freundes trennten.

Wenn der Sarg vorbei getragen wurde, würde Ryô keine Wächter zwischen sich und seinem toten Freund sehen. Wenn er vorbei getragen wurde, dann würde es nur ihn und seinen Tempelwächter geben.

Obwohl Ryô Ilang und auch dem ungeborenen Kind Greys versprochen hatte, an diesem Tag nicht den Freitod zu wählen, würde an diesem Tag dennoch etwas von ihm sterben. Egal wie sehr er es versprochen hatte, Ryô würde es nicht verhindern können. Er wusste nicht, was es war, das nun leise und von anderen unbemerkt in ihm starb. War es Freude? War es Glück? Die Zuversicht auf eine schöne Zukunft an der Seite von Grey?
Aber das war nicht schlimm.
Das war gar nicht schlimm.
Ohne seinen Herrn und Freund gab es das nicht. Das war einfach eine ganz logische Kettenreaktion.
Ohne Grey…

„Ryô! Oh Gott, Ryô, endlich!“
Überrascht sah der kleine Mond auf, denn er hatte nicht erwartet, dass jemand seinen Namen rufen würde. Der Trauerzug war doch noch gar nicht vorbeigekommen; das hätte er doch bemerkt. Diese Stimme… sie klang ein wenig wie…
Natürlich hatte die Stimme ihn an Greys erinnert. Sie waren immerhin Geschwister; ihre Stimmen klangen ähnlich, weshalb Ryô es auch mochte, wenn Green seinen Namen sagte; auch wenn es schmerzte. Aber er war überrascht, sie nun plötzlich vor sich stehen zu sehen; genau so überrascht wie die anderen Wächter, welche ihr Platz gemacht hatten, damit sie zu Ryô gelangen konnte.
Aufgewühlt, aber auch erleichtert stand Green schnellatmend vor ihm und sofort erkannte Ryô das von Grey geschneiderte Kleid und die Erinnerungen, die er natürlich mit dem Machen des Kleides verband, überspülten ihn und drohten ihn herunterzuziehen, doch er versuchte, an der Oberfläche zu bleiben.
„Wes…halb seid Ihr hier, Hikari-sama?“, fragte Ryô still und kaum hörbar.
„Warum glaubst du? Um dich zu holen natürlich! Hier hast du doch nichts verloren.“
„Doch, hier ist mein Platz…“
„Nein“, sprach sie bestimmt und legte ihre Hände auf seine Schultern:
„Dein Platz ist an der Seite Greys – und ich werde dich dorthin bringen.“ Sie wollte den komplett versteinerten Ryô gerade hinter sich herzerren, da bemerkte sie plötzlich etwas, was sie davon abbrachte, es zu tun – und es war nicht Ryôs erstarrter Blick.
„Deine Blumen. Sie sind… gar nicht weiß wie die der anderen; sie sind ja… blau.“ Ryô schien einen kurzen Augenblick über diese Feststellung verwirrt und sah auf die Blumen in seinen Armen hinab, als hätte er vergessen, welche Farbe sie hätten. Aber sie waren blau, ganz genau wie Green es gesagt hatte; ein ganz sanftes Blau, ähnlich seiner Tempelwächteruniform, die er hütete und beschützte, genau wie Green jedes Kleidungsstück von Grey in Ehren hielt.
„Alle glauben… dass Grey-samas Lieblingsfarbe weiß sei. Doch das stimmt nicht… es ist… himmelblau. Diese Blumen mag er besonders gerne, denn es sind die gleichen, welche White-sama an das Grab Kanori-samas legt… ich meine natürlich… er mochte sie…“ Als er aufblickte, sah er in ein lächelndes Gesicht; es war kein erfreutes Lächeln. Es war ein trauriges Lächeln, welches dennoch tapfer war, weil es versuchte, gegen die Traurigkeit anzukommen, um die Worte zu sagen, die dasselbe Lächeln auf sein Gesicht brachten:
„Aber, Ryô, das ist doch ganz klar, warum sie das denken. Niemand kennt Grey so gut wie du.“ Sie schluckte, erinnerte sich daran, was Hizashi ihr gesagt hatte und dass auch Ryô sich eben korrigiert hatte, aber sie konnte sich nicht dazu bringen, es… richtig zu sagen… so wie es nun einmal war – dass Grey… nicht mehr bei ihnen war. Sie konnte es nicht; aber sie konnte Ryôs Hand nehmen, der sie anlächelte, als würde er alles verstehen, jede Faser ihres Schmerzes.
„Lass uns zu ihm gehen, Ryô.“


Verwunderte, gar schockierte Blicke hatten auf ihnen gelegen, während Ryô und Green zusammen den Rückweg antraten; laufend. Nicht aus dem Grund, dass sie den verwirrten und teilweise abschätzigen Blicken schnellstmöglich entgehen wollten, sondern weil sie sich wortlos einig waren, dass sie die Trauerlichkeiten nicht weiter verzögern wollten. Green machte sich nichts aus der Reaktion der Wächter, zu sehr war sie solche Blicke bereits gewohnt, doch wie ging es Ryô, der den Strauß an Blumen fest an sich drückte? So viel Aufmerksamkeit war er nicht gewohnt; Aufsehen zu erregen ganz gewiss ebenfalls nicht – aber er sagte nichts, ließ sich auch nichts anmerken, sondern lief einfach zusammen mit Green zurück, woraufhin der Trauerzug endlich so beginnen konnte, wie er vorgesehen war.
Die Offiziere und auch einige der Elementarwächter stutzten über die Anwesenheit eines Tempelwächters – Ilang natürlich nicht, die allerdings nur ein wenig die Stirn runzelte, aber das Geschehen gänzlich unkommentiert ließ, auch als Green entschied, dass sie den Trauerzug zusammen mit Ryô führen würde.
„Das ist gänzlich unmöglich; das kommt überhaupt nicht--- Das werde ich Eure hochwohlgeborene Familie entscheiden lassen!“ Herr Krähe war gänzlich außer sich, aber Green wollte nichts davon hören:
„Ich gehöre rein zufällig zu dieser hochwohlgeborenen Familie, also kann ich das ja wohl auch entscheiden…“ Doch Ryô selbst mischte sich ein:
„Hikari-sama, ich danke Euch für Euren Einsatz, aber ich würde mich sehr freuen, wenn ich hinter dem Sarg Grey-samas gehen dürfte. Das…“ Sein Blick wurde ganz sanft vor Trauer, die aber tapfer zurückgehalten wurde:
„… empfinde ich am passendsten.“

Und so geschah es auch; genau so wurde dieser ziemlich ungewöhnliche Trauerzug abgehalten, der trotz der üblichen „Yogosu-Skandale“, wie Shaginai es später nannte, dennoch ein würdevoller Abschied von Grey wurde. Alle Wächter verneigten sich vor dem Trauerzug, nein, vor Grey, legten ihre Blumen auf den Boden, die später eingesammelt werden würden, um an Greys Sarg gelegt zu werden. Nun flatterten die einzelnen Blüten sanft im Wind, unter dem grauen Himmel, der an einigen Stellen tiefgrau geworden war und ein Unwetter ankündigte. Doch auch wenn der Regen wohl passend gewesen wäre: es blieb trocken, nur die weißen Blüten wehten um die in Schweigen Trauernden herum.
Auch die Hikari verneigten sich, als der Sarg am Eingang des Friedhofes angekommen war; sie neigten allerdings nur den Kopf, alle im gleichen Moment – White, Shaginai, Adir, Mary, Hizashi, Lili, ein paar Gesichter, die Green nur vom Sehen her kannte, Iluri… Ilumi… oder so…? Und sogar Reitzel war gekommen, der eine Position am weitesten weg von Hizashi eingenommen hatte. Keiner von ihnen zeigte ein anderes Gefühl außer würdevoller Anteilnahme, aber als sie alle den Kopf neigten, hörte Green deutlich, wie einige der umherstehenden Wächter aufweinten, als wäre das die Erlaubnis für sie gewesen, ihre Gefühle nun deutlich zeigen zu dürfen.
Es war ansonsten schrecklich ruhig; nur der Wind wehte stark, der aber dennoch keinen Effekt auf Silence hatte, die Green oben, auf einem der Türme des Friedhofs, sitzen sah. Sie nickte ihr leicht zu, wie um ihr zu sagen, dass sie es gut machte… während White auf Green zuging und ihr sanft die Stirn küsste. Sie sagte auch nichts, aber als Greens Whites Hände an ihrem Gesicht spürte, spürte sie auch die pochenden Tränen in sich hochkommen, als würde ihr erst jetzt bewusst werden, dass ihr toter Bruder sich hinter ihr befand. Aber sie wusste es… sie wusste es natürlich und die Tatsache, dass sie ihn niemals mehr lächeln sehen würde, drohte sie zu übermannen, sie zu zermalmen, hätte White nicht ihre Hand genommen und sie mit einem Blick, der ihr kurz dieselbe Trauer zeigte, aufgefangen.
Die große Pforte des Friedhofs wurde geöffnet und der Trauerzug von Dunkelheit umhüllt, die erleuchtet wurde von Kerzen, die ihren Weg ins Innere geleiteten, angeführt von den Hikari mit Shaginai an der Spitze, der sie mit langsamen, ebenmäßigen Schritten ins Innere des Friedhofs brachte, in die Halle, wo die legendären Windwächter ruhten und wo Greys Sarg abgestellt wurde auf einem von Licht umrahmten Podest, vor welchem die Hikari sich aufstellten, während die Elementarwächter und Offiziere hinter ihnen verblieben… und dahinter, versteckt und kaum erleuchtet von den vielen Kerzen, stand Ryô, dessen Blick immer noch auf Grey ruhte, dessen Profil er in stiller Trauer betrachtete, ohne sich von jemandem stören zu lassen.
Green wusste nicht… oder hatte vergessen, verdrängt… was jetzt geschehen würde. Seitdem sie die Dunkelheit betreten hatten, fühlte sie sich, als hätte die Trauer selbst sie verschlungen, die an ihr nagte und ihre Tränen forderte. Sie hielt stand, sie versuchte es, aber die Tränen brannten in ihren Augen, als Ilang mit sanften Schritten vortrat, die Hände erhob und blaue, weiße und helle, gelbe Rosen am Podest emporwuchsen, um das Podest gänzlich zu bedecken und dem gläsernen Sarg eine Umrahmung schenkten, die von Ilang selbst gestaltet worden war.
„Rosen…“, begann Ilang die erste Rede mit sehr stiller Stimme, die aber dennoch jeder hörte, als würden nicht nur die Hikari nicht mehr atmen, sondern auch die anderen Wächter:
„… sind ein Zeichen der Liebe.“ Ihre Stimme war sanft und bewegt, als würde sie mit Grey selbst reden.
„Ich habe sie dir in genau diesen Farben geschenkt, als du mich das erste Mal ausgeführt hast. Die sanften Farben habe ich gewählt, weil sie mich an dein Lächeln und an deine Seele erinnert haben; die Rose musste es sein, weil ich wusste, dass ich dich liebte und dir meine Gefühle zeigen wollte. Meine Gefühle für dich, mein geliebter Grey, werden immer bestehen, immer in Blüte stehen, egal wie viel Zeit auch vergehen mag. Ich wäre so gerne deine Braut geworden; aber in meinem Herzen bin ich ewig mit dir verbunden.“ Mary, links hinter Green, konnte sich bei diesen bewegten Worten nicht zurückhalten und weinte ein wenig auf:
„Ruhe in Frieden, mein geliebter Gemahl.“ Sie drehte sich herum, als noch eine einzelne, rote Rose erblühte und warf Green einen Blick zu, den die Hikari allerdings nicht sah, denn sie wischte sich in genau diesem Moment die Tränen aus den Augen. Aber als Shaginai vortrat, hob sie den Kopf und als wisse sie, dass sie nicht mehr lange standhalten konnte, drückte sie Whites Hand fester, die ihren Griff erwiderte und ihr über den Handrücken strich.
„Grey war ein Elementarwächter des Windes, der sich den Titel eines legendären Wächters mehr als so manch anderer verdient gemacht hat.“ Shaginai sprach mit fester, deutlicher Stimme – aber auch der große, feste, stolze Shaginai schien von Trauer bewegt zu sein bei dem Anblick seines verstorbenen Enkels, der in dem Glassarg vor ihm ruhte.
„Mit unermüdlichem Eifer und Willenskraft hat er das Wächtertum nach dem Ende des siebten Elementarkrieges zur Blüte zurückgeführt. Schon im jungen Alter war er ein Vorbild für junge Wächter, aber auch für die ältere Generation war er ein Hoffnungsträger. Dass gerade mit seinem Mord der achte Elementarkrieg eingeläutet wird ist eine Boshaftigkeit des Schicksals, doch es ist auch passend, da er den Frieden und den Einklang des Wächtertums in jeder wachen Sekunde seines Lebens behütet hat. Er hat viele Leben gerettet; machte keinen Unterschied zwischen den Rängen, den Elementen oder den Rassen, rettete Wächter wie auch Menschen. Er war ein vorbildlicher Wächter, der das Talent und die Herzensgüte von seiner Mutter geerbt hat…“ White sah auf, sah zu ihrem Vater – aber Green nicht. Green konnte nicht mehr. Shaginais Worte waren zu viel.
Grey! Sie wollte seinen Namen schreien! Sie wollte ihn weinend schreien, so wie sie es in der Leichenhalle getan hatte! Sie wollte zu Boden gehen, wollte wieder an seinem Sarg weinen, wieder ihr Gesicht an die gläserne Oberfläche drücken! Oh Grey! Er war immer so gut zu ihr gewesen, vom ersten Moment an, als sie sich am Teleportationspunkt des Tempels gesehen hatten, hatte er sie geliebt und ihr, die so zickig und so gemein zu ihm gewesen war, nur Liebe entgegengebracht! Er hatte sie in den Arm genommen, hatte sich stets um sie bemüht… das Leben im Tempel, als sie sich eingesperrt gefühlt hatte, war viel erträglicher gewesen, weil er da gewesen war, um ihr mit seinem Lächeln beizustehen. Sie hatten gelacht, sie hatten sich gestritten… und viel zu selten hatte Green ihm gesagt, dass sie ihn gernhatte. Viel zu selten hatte sie eingelenkt, viel zu oft auf ihrer Meinung beharrt, hatte ihn viel zu oft mit ihrer Sturheit verletzt!
Wie war das Leben im Tempel überhaupt möglich ohne ihn – wie war ihr Leben möglich ohne ihn! Sie wusste es nicht, sie wusste nicht einmal, wie sie die eine Woche ohne ihn überstanden hatte. Sie wollte wieder mit ihm auf irgendwelche Trainingstouren nach Russland gehen, wollte dieses Mal begeistert sein und ihn loben, wenn er ihr seine Windmagie vorzeigte; sie wollte wieder seinen warmen Wind in ihrem Gesicht spüren, wenn er sie vor Kälte und Nässe behütete. Sie wollte ihm sagen, wie froh sie darüber war, mit ihm zusammen zu sein; dass es kein notwendiges Übel war – dass es sie glücklich machte! Sie wollte mit ihm wieder Städte erkunden und zusammen mit ihm Spaß haben… und wenn er sie belehrte, dann wollte sie dieses Mal zuhören und sich für seine Lektion bedanken.

Sie wollte mit ihm reden!
Sie wollte seine Stimme hören!
Sie wollte ihn lächeln sehen!
Sie wollte, dass er lebte!


Green begann zu weinen; große Tränen kullerten aus ihren Augen. Ihr Körper bebte, ihre Stimme wurde von der Trauer eingenommen; sie hickste auf, begann leise zu schreien, während sie, ohne es bewusst zu realisieren, von ihrer Mutter in den Arm genommen wurde, die mit ihr zu weinen anfing.
Nach Shaginai hielt Adir eine Rede, dann noch Saiyon und Shitaya… aber Green hörte es nicht. Sie wollte es nicht mehr hören. Sie wollte Greys Stimme hören. Sie sah den Sarg an und bildete sich ein, dass der tote Grey aufstehen und mit ihr reden würde.
Die Offiziere waren die ersten, die sich verneigten und gingen; alle mit der Hand über der Brust, in Schweigen vor dem gläsernen Sarg ihre letzte Aufwartung machend. Dann gingen die Elementarwächter, bis auf Pink, die Greens Hand nahm und sich neben sie an den Sarg stellte – Firey legte auch ihre Hand kurz auf Greens Schulter, ehe am Schluss nur noch White, Green und Pink übrigblieben, nachdem auch Ilang tonlos gegangen war.
„Komm, Green…“ Green ließ sich von White umarmen und wegführen… und freute sich ein wenig darüber, dass Shaginai am Eingang des Friedhofs auf sie wartete. Nein, sie freute sich sogar sehr. Er sagte nicht einmal etwas; kritisierte sie nicht, sondern ging einfach neben ihr, alleine… nur sie, eine trauernde Familie, zurück zum Teleportationspunkt, der sie zum Tempel bringen würde.

Aber Ryô war zurückgegangen. Während andere sich den Pflichten und Traditionen widmeten, die zu einer Trauerfeier gehörten, kümmerte er sich heute um keine einzige Plicht, um keine einzige Tradition. Er legte seinen Strauß vor dem Sarg ab, setzte sich vor die Ruhestätte, wo sein Freund, seine geliebte Welt lag… und begann, den Kopf in seine Knie vergraben, zu weinen.


Im Tempel wurde zu Ehren Greys auch noch im kleineren Kreis andächtig gemeinsam sein Andenken zelebriert, bei dem noch weitere Reden gehalten wurden. Kaira hielt noch eine, die zwar sehr kurz war, die aber in kurzer, bündiger Form deutlich machte, dass sie großen Respekt vor Grey gehabt hatte. Shaginai schien – auf seine Art – von ihr begeistert zu sein; so trauerte man in Würde und sie sei das perfekte Beispiel einer guten Wächterin.
Das war nicht gerade die Äußerung, die Green heute hören wollte, aber ihr Großvater bemerkte es nicht, auch nicht obwohl sowohl White als auch Adir ihm einen schneidenden Blick zugeworfen hatten, nachdem Green sich entschuldigte und den Festsaal verließ, der in hellem Grau und in Himmelblau gehalten war.
„Vater, ich denke, das wäre nicht nötig gewesen“, raunte White ihm leise zu, was Adir überraschte – er hatte eigentlich gedacht, dass sie es heute bei Blicken belassen würden. Aber White und Shaginai waren auf sehr schlechtem Boden im Moment. Shaginai sah sie auch nicht an, als er antwortete:
„Ich weiß nicht, wovon du redest, meine Tochter.“ Adir verdrehte unbemerkt die Augen; seitdem sie ihren heftigen Disput gehabt hatten, hatte sich die Stimmung zwischen ihnen wirklich verhärtet. Shaginai hatte zwar gemeint, dass er White für ihren Gefühlsausbruch „verzeihen“ würde, aber das hatte White wiederum nicht allzu gut aufgenommen…
„Ich denke, ich werde nach ihr sehen. Entschuldigt mich…“ White wollte aufstehen, aber Shaginai packte ihre Hand:
„Nein, das kannst du nicht machen, ohne allzu großes Aufsehen zu erregen…“ Shaginai und White verstummten beide, als sie sahen, dass jemand anderes Green hinterherging, welcher gar nichts von dem Gespräch der erhabenen Drei mitbekommen hatte – Saiyon.
Die drei sahen ihm etwas nachdenklich hinterher, aber White setzte sich wieder.

Draußen herrschte ein stürmisches Unwetter, dennoch war Saiyon nicht überrascht, dass er die erste Tür, die nach draußen führte, offenstehen sah. Er zögerte nicht lange und erschuf mit seiner Windmagie einen bläulich schimmernden Regenschirm, der ihm allerdings nicht allzu viel nützte: es war so stürmisch, dass die Regentropfen in einem wilden Tanz herumgewirbelt wurden und so schnell ihren Weg unter den Regenschirm fanden. Aber der Windwächter ließ sich davon nicht stören, während er über einen Steinweg hinaus auf die Wiesen ging und dabei auf der sonst so schönen, nun düsteren, Tempelanlage Ausschau nach Green hielt.
Er fand sie nach einigen Minuten auch; an einem Ort, der ihn sofort alarmierte, denn man hatte ihn und natürlich auch alle anderen Wächterkinder von Kindesbein an gelehrt, dass man sich nicht am Rand der Inseln aufhalten durfte. Aber Green saß am Rand der Insel, die Beine herunter baumelnd lassen, den Kopf erhoben. Obwohl Saiyon sofort alarmiert gewesen war, überraschte es ihn wenig, Green dort zu sehen; dort am Rande des Abgrunds. Irgendwie passte dieses Bild zu ihr; die am Abgrund wandelnde Hikari, der Gefahr eines Absturzes trotzend.
Seine Verlobte schien weder ihn noch den Regen zu bemerken, welcher schon längst ihre schwarzen Kleider durchweicht hatte. Mit erhobenem Kopf sah sie in den tosenden Himmel über ihr, als würde sie ihn erforschen wollen, bis Saiyon den Regenschirm vor ihre Sicht schob und sie sich sofort überrascht zu ihm herum wandte.
Die Überraschung verschwand jedoch schnell, als sie ihren Verlobten erkannte und lächelnd meinte sie, dass es für einen Regenschirm wohl bereits zu spät war, während sie ihm bedeutete, sich hinzusetzen. Obwohl Saiyon dank seiner Windmagie fliegen konnte, war ihm nicht gerade wohl dabei, am Rand der Tempelanlage zu sitzen und die Beine in den wirbelnden Abgrund hinab hängen zu lassen – doch er tat Green natürlich den Gefallen.
Eine Weile sagte keiner von ihnen was. Beide lauschten sie mit unterschiedlich hörenden Ohren dem pfeilschnellen Wind, welcher ihre Haare zum Tanzen aufforderte, und blickten in das aufgewühlte Wirrwarr der Grautöne vor ihnen, unter ihnen und über ihnen – bis Greens Stimme sich dem Tosen einreihte:
„Meine Mutter glaubt daran, dass Kanori, also Greys Vater… nach seinem Tod zum Wind geworden ist und sie so weiterhin begleitet. Du als Kaze… glaubst du auch daran?“ Saiyon wandte seinen Blick vom Himmel ab und sah zu Green, welche seinen Blick allerdings nicht erwiderte, ihn vielleicht nicht einmal bemerkte, denn sie hatte wieder den Kopf erhoben und schien mit ihren königsblauen Augen den Himmel durchbohren zu wollen.
„Das ist keine Frage des Glaubens“, antwortete Saiyon nach einer Weile leise, aber bestimmt:
„Nach unserem Tod kehren wir alle zu unseren Elementen zurück und werden ein Teil davon. In unserer Lebenszeit leihen wir sie nur… es ist ganz natürlich, dass wir sie wieder zurückgeben, wenn wir sterben.“ Green antwortete darauf nicht. Was sollte sie auch darauf antworten? Für Saiyon war es kein Glaube; für ihn war es Fakt. Aber das war es nicht für Green. Schon früher, als sie noch geglaubt hatte, dass sie ein Mensch sei, hatte sie nie an einen Himmel geglaubt oder einem Ort, wo man hingelangte, wenn man starb. Für sie war immer Fakt gewesen, dass nach dem Tod… einfach nichts mehr kam und jede These an ein Leben oder eine Existenz danach nichts als Wunschdenken war; Wunschdenken von Wesen, die den Schrecken des Gedankens, dass nach dem Tod einfach nichts mehr da war, nicht aushielten… Wunschdenken, ausgelöst von Angst vor dem Ungewissen. Wunschdenken, weil man nicht glauben wollte, dass die Geliebten einfach weg sind.
Diese Meinung hatte sich nicht verändert. Ja, die Hikari existierten ewig weiter selbst nach dem Tod, aber das war allein Inceres‘ Verdienst. Aber Inceres sorgte mit seiner enormen Macht nicht für ein Jenseits, wo auch die anderen Wächter existieren konnten nach dem Tod. Sie starben einfach; genau wie die vielen Hikari, denen Inceres ein Leben nach dem Tod verweigerte. Auch Green war einfach gestorben; damals als ihr Großvater ihr Glöckchen zerstört hatte. Green konnte sich kaum an den Moment erinnern: er war verschwommen, verklärt und endete im Nichts. Einfach im Nichts. Im endlosen schwarzen Nichts. Oder im weißen. Sie wusste es nicht.
Green empfand es als einen schönen Gedanken, dass die Wächter der Überzeugung waren, sie würden in ihren Elementen weiterleben, aber daran glauben tat sie nicht. Wenn sie ihre Mutter darüber sprechen hörte oder sah, wie wohl sie sich fühlte, wenn sie den Wind in den Haaren, im Gesicht spürte, dann machte es Green froh. Es musste ein beruhigender Gedanke sein, wenn man so fest daran glauben und sich sicher sein konnte. Aber Green konnte es nicht. Wenn sie in den Himmel hinaufsah und den aufgewühlten Wind spürte, war es einfach nur ein Unwetter. Es war nicht Grey.
„Vielleicht versucht dein Bruder, dir etwas mitzuteilen.“ Nun endlich sah Green zu Saiyon, welcher es absolut ernst meinte, weshalb sie es nicht übers Herz brachte, ihm zu sagen, dass sie den Gedanken ja schön fand, aber nicht an ihn glauben konnte.
„Dann ist er aber scheinbar ziemlich aufgebracht.“
„Ja. Oder verzweifelt.“

Natürlich würde er das sein; denn Grey würde ihre Rachepläne niemals gutheißen. Er würde nicht wollen, dass sie sich für ihn in Gefahr begab; Green brauchte kein Unwetter, um das zu wissen.

Denn er lebte nicht im Wind weiter. Er lebte in ihren Erinnerungen – und dort war er lebendig.

Der rote Himmel der Hölle war ein wunderschönes Kunstwerk. Die Röte des Himmels bestand aus so vielen Nuancen; die Wolken schienen Schatten zu sein, die sich nur langsam über das Rot hinwegbewegten, sich aber in einem so schönen Kontrast davon abhoben. Der Himmel war wie Blut… wie all das Blut, das in dieser Hölle bereits vergossen worden war… und die Wolken waren wie Asche auf die roten Leinwand gesprenkelt.
Es war ein faszinierender Anblick, der die Inspiration desjenigen nährte, der auf einer Klippe saß, das eine Bein über das andere geschlagen und mit verträumtem Blick in den Himmel hinaufsah. Seine Augen leuchteten rot, als passten sie sich der Farbe des Himmels an, die auch zu leuchten schien; seine schwarze Kleidung hob sich jedoch vom roten Firmament ab, genau wie die Wolken es taten.
Ganz ruhig saß er da. Nur sein Umhang flackerte ein wenig in der Luft, genau wie seine schwarzen Locken es taten; aber obwohl er eine starke, innere Erregung in sich spürte, blieb er sitzen, regte sich kaum, lauschte der Stille, dem Klang des sachten, trockenen Windes.

Aber als er sich in Bewegung setzte, zeigte sein Lächeln seine düstere Vorfreude, die er kaum hatte zurückhalten können – es war Zeit, endlich! Der Flötenspieler lachte in sich hinein und schwang sich elegant empor.

Die Zeit, sein Versprechen an Blue einzulösen, war gekommen!