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Episode 84
  Episode 84: Meister und Untergebener II
1982 – Hikari Regime Hikari Akarui Tenshi Shinsetsu White

Die letzte Phase des siebten Elementarkrieges war eigentlich als konsequentes Ausrotten der Dämonen geplant gewesen. Dank Whites enormer Lichtmagie, mit welcher sie Unmengen an Dämonen mit einem Schlag vernichten konnte, wäre das möglich gewesen. Der Plan hatte gelautet, dass Seigi die einzelnen Fürsten ausmerzen sollte, damit diese White und ihren Elementarwächtern nicht in die Quere kamen, während diese Schritt für Schritt ein Gebiet nach dem anderen säubern konnten.
Ein für alle Mal sollte es beendet werden.
Ewig hatte das Wächtertum auf eine Hikari gewartet, die mit solchen Lichtressourcen ausgerüstet war wie White und nun hofften alle auf ein endgültiges Ende des Schreckens des Krieges.
Das Ende wurde jedoch hinausgezögert, als White schwanger wurde. Sobald die Hikari über ihre Schwangerschaft Bescheid wussten, wurde White komplett vom Schlachtfeld ferngehalten und die gesamte, so gut organisierte Operation der kompletten Ausrottung der Dämonen wurde um neun Monate verschoben, denn man wollte es nicht riskieren, die effektivste Waffe zu verlieren und den kommenden Lichterben natürlich ebenfalls nicht - der vielleicht obendrein genauso stark sein würde wie die Mutter – oder stärker…? Die Hoffnungen waren hoch und nicht unbegründet: Shaginai war ein äußerst talentierter Hikari, im Leben so wie im Tod, seine Tochter hatte ihn in punkto Lichtmagie noch übertroffen – von ihren Kindern erwartete man dasselbe.
Beflügelt von der Abwesenheit Whites entfachte der Kampfelan der Dämonen in diesen neun Monaten - allerdings jubelten nur die Horden; den Hohen war klar, was Whites Auszeit bedeutete, auch wenn sie keine Gewissheit besaßen – und das, was die Hikari erhofften, fürchteten sie: noch so jemand wie White? Zwar besaßen sie keine Kenntnis über die geplante Operation gegen sie – bis auf Ri-Il womöglich – aber vielen war klar, dass die vergangenen Jahre, in denen sie White auf dem Schlachtfeld kennengelernt hatten, nichts weiter waren als ein Testlauf – und egal wie viele Wächter sie und ihre Horden in diesen neun Monaten der intensiven Kriegsführung töteten, so lauerte die wahre Gefahr hinter abgeschotteten Mauern.
Und dann kehrte White nach genau neun Monaten zurück. Der erste Schritt der Operation war ein Erfolg; der Fürst fiel und mit ihm sein Gebiet; ausgemerzt vom Licht. Die Hikari hatten sich und ihre Wächter auf alles vorbereitet; alle Eventualitäten einberechnet, Pläne für alternative Strategien in der Hinterhand, um einen erfolgreichen Ablauf garantieren zu können; das zweite Gebiet sollte genauso schnell fallen und die Zahl der getöteten Dämonen kletterte aufwärts - ebenso die Zahl jener Dämonen, die sich in die Menschenwelt flüchteten.
Was die schlauen Köpfe der Hikari nicht im Hinterkopf hatten, war die Möglichkeit, dass es einen Dämon geben sollte, der es mit White und ihrem Elementarwächterteam aufnehmen konnte; bis zu diesem Zeitpunkt hatte es niemanden gegeben, der einen Kampf gegen ihr Licht überlebt hatte – Fürsten vermieden eine direkte Konfrontation mit ihr. Diejenigen, die sich auf einen Kampf eingelassen hatten, waren tot; White und ihr perfekt abgestimmtes Elementarwächter-Team hatten während ihrer Regime-Zeit acht Fürsten getötet, nun neun.
Es kam daher als eine enorm große Überraschung für sowohl die Hikari als auch die Dämonen, als plötzlich aus dem Nichts ein Dämon auftauchte, der förmlich nach einer Konfrontation mit ihr lechzte.
White hatte Nocturns Existenz gegenüber ihrer Familie nicht verschwiegen; sie hatte ausdrücklich vor dem Mörder Kanoris gewarnt, aber nachdem kein Spion, Hizashi oder irgendjemand anderes irgendetwas über diesen fragwürdigen Dämon herausfinden konnte, wurden die Warnungen Stück für Stück zur Seite geschoben; neun Monate hatte Nocturn sich genauso stillschweigend verhalten wie sein Gegenstück und Hizashi war sowieso der festen Überzeugung, dass White sich einige Dinge eingebildet hatte, was diesen merkwürdigen Dämon anging. Es gab keinen Dämon ohne Aura – und Hizashi ließ deutlich werden, dass er sich weigerte, auf die Eindrücke einer Wächterin zu vertrauen, deren Trauer und Schock offensichtlich ihre Wahrnehmung vernebelt hatte; alle Fakten sprachen gegen sie, wie er sagte – natürlich mit einem strahlenden Lächeln, aber dennoch konsequent ablehnend.
Und sowieso. Wenn jener Dämon denn so stark war, wie White behauptete, warum war er dann kein Mitglied der Hohen? Oder sonst irgendwie politisch aktiv? Warum hörte man in keinem Kampf von ihm? Warum hatte noch nie jemand etwas von ihm gehört?
Nocturns Existenz wurde zwar anerkannt, allerdings „nur“ als ein Dämon, der in der Lage war, einen Elementarwächter zu töten – das hatten auch andere vor ihm geschafft, die es aber trotzdem nicht mit White hatten aufnehmen können. Es gäbe keinen Grund zu Besorgnis, hatte Hizashi mit seinem sonnigen Lächeln gesagt und White daraufhin noch Mut zugesprochen; dass sie doch nicht so an ihren Fähigkeiten zweifeln sollte, nur weil ihre Sinne ihr einen Streich gespielt hatten, das passiere doch jedem mal.
Hizashi war der erste Hikari, welcher sich schockiert von dem Bildschirm abwandte, der so deutlich zeigte, dass die Hikari – er – sich verrechnet hatten. Es war nicht sein Gewissen, das ihn plagte, sondern der geknickte Stolz eines Forschers, welcher absolut der Überzeugung gewesen war, er wüsste alles, was es über die Dämonen zu wissen gab. Es gab keinen Dämon ohne Aura. Es gab keinen!
Es wurde keine Niederlage für die Wächter; aber es fühlte sich nach einer an. Sieben Jahre hatten sie alle White ihre Hoffnungen und Erwartungen aufgebürdet, in dem Glauben, dass sie der von Hikari-kami-sama geschickte Messias war, welcher sie endlich von den Dämonen befreien würde – und dann tauchte dieser unbekannte Dämon förmlich aus dem Nichts auf und war ihrem Messias ebenbürtig! Die Hikari waren für einige Minuten so schockiert, vorneherein Shaginai, dass sie nichts anderes tun konnten, außer die Daten anzustarren, die der Computer ihnen spöttisch nach dem ersten Kampf zeigte. White und Nocturn waren sich nicht nur ebenbürtig, sondern ihre Daten glichen einander erschreckend; so erschreckend, dass Hizashi sich weigerte, dem ersten Datenentwurf Glauben zu schenken – und White sagte nichts bei ihrer ersten Ratssitzung nach dem öffentlichen Kampf gegen Nocturn. Das, was der Computer ihr sagte, bestätigte nur, was sie beim Kampf gegen ihn gefühlt hatte; als würde sie gegen ihr dunkles Spiegelbild kämpfen… so hatte Nocturn es selbst genannt.
Doch nicht nur im Wächtertum hatte Nocturns Auftauchen für Unruhe gesorgt – die effektive Mundpropaganda machte Nocturn schnell zu mehr, als was er eigentlich war. Plötzlich war er angeblich mindestens zwei Meter dreißig – obwohl er eigentlich recht klein war – und man behauptete, dass allein seine Aura sie zum Zittern gebracht hatte – obwohl er keine besaß. Die Berichte, die am ehesten der Wahrheit entsprachen, waren die derer, die zu den Überlebenden des Gebiets zählten, die Nocturn ohne es zu wollen durch sein plötzliches Auftauchen vor White gerettet hatte.
Einer dieser Überlebenden, der das Massaker von Gebiet 3 überlebt hatte, war Black.
Es war Zufall; absolut nichts anderes als Zufall, dass Nocturn genau in dem Moment auftauchte, als White gerade die restlichen namenlosen Dämonen hatte ausradieren wollen und dass Black sich in seiner unmittelbaren Nähe befand, als Nocturn auftauchte. Dieser, im Gegensatz zu Black, kleine und nach nichts aussehende Dämon forderte White mit erhobenem Kopf und mit offensichtlicher Freude heraus – und nahm es auch noch ohne erkennbare Anstrengung mit ihr auf; mit ihr, die alle Dämonen fürchteten, die in so wenigen Tagen so viele ausgerottet hatte.
Es war das erste Mal in seinem Leben, dass Black so etwas wie Begeisterung in sich verspürte und schnell war für ihn der Entschluss gefasst, dass er sich nicht irgendeiner benachbarten Horde anschließen würde.
Wo auch immer Nocturn, der Black, ohne es beabsichtigt zu haben, das Leben gerettet hatte, ihn hinführen würde, er würde ihm blind folgen.
Genau wie viele anderen Dämonen nahm auch Black an, dass man schnell etwas von Nocturn hören würde; die Hohen hatten sich die Horden und die Gebiete der verstorbenen Fürsten zwar einverleibt, aber es war ein offenes Geheimnis, dass einige von ihnen Schwierigkeiten hatten, sie unter Kontrolle zu halten. Es war nicht ohne Grund, dass Ri-Il sich in dieser Auflösungsperiode zurückhielt und sich keine der führerlosen Horden aneignete: Was brachte eine große Horde, wenn man sie nicht zusammenhalten konnte? Und welch Nutzen hatte ein riesiges Gebiet, wenn man die Grenzen nicht mehr sehen konnte? Es war die einzige Periode, in der Lycrams Gebiet größer war als Ri-Ils; bis er es drei Jahre später nicht mehr halten konnte.
Nocturn tauchte jedoch nicht auf, um die politische Unruhe und die mit jeder Schlacht gegen White wachsende Sympathie des Volkes für sich zu nutzen. Er tauchte nur dann auf, wenn White auch dort war und ließ die Fürsten schnell dumm dastehen. Sie fragten garantiert nicht nach seiner Hilfe; aber von außen sah es so aus, als wären sie auf seine Hilfe angewiesen und so trieb er die Hohen zur Weißglut, die nicht wussten, wen sie nun mehr hassen sollten; White oder Nocturn?!
Drei Wochen nach dem ersten Auftauchen Nocturns und der damit verbundenen Rettung vor dem Tod, erhielt Black endlich die Chance, mit ihm zu sprechen. Er passte ihn ab, nachdem Nocturn wieder nur wegen einem Kampf gegen White in der Dämonenwelt aufgetaucht war. Zehn Mal hatte er sich alles durch den Kopf gehen gelassen; er würde ihm sagen, dass er ihn gerettet hatte und dass sein Leben von nun an ihm gehörte…
„Du störst. Du verjagst meine Inspiration.“ Nocturn sah es nicht einmal für nötig, sich herum zu drehen, weshalb Black nur seinen Rücken sah, aber dennoch ohne Weiteres erahnen konnte, dass der Dämon vor ihm genervt war; worauf er selbst allerdings nicht achtete, denn Nocturn hatte ihn aus seinem Konzept geworfen und verwirrt:
„Inspira…tion?“ Nocturn schüttelte mit dem Kopf; nicht erschöpft, sondern eher angewidert und antwortete:
„Ja. Aber das Wort ist dir wohl fremd.“ Und verschwand ohne ein weiteres Wort.
Diese direkte Abfuhr schreckte Black allerdings nicht ab; sie festigte eher seinen Entschluss – und ein halbes Jahr später war das Glück auf seiner Seite, denn er traf Nocturn nicht alleine an, sondern mit Feullé. Sein Glück allerdings nicht bemerkend, weil das kleine Mädchen sich versteckt hatte und daher nur als eigenartige Aura zu spüren war, ließ sich Black nicht von seinem eigentlichen Vorhaben abbringen und sagte:
„Inspiration ist eine Eingebung… ein unerwarteter Einfall oder ein Ausgangspunkt künstlerischer Kreativität.“ Diese ziemlich starren Worte brachten Nocturn tatsächlich dazu, stehen zu bleiben, welcher eigentlich gewählt hatte, Black komplett zu ignorieren und einfach auf Feullés Versteck zugesteuert war, um sie abzuholen.
„Gut auswendig gelernt“, beurteilte er dann skeptisch und da Nocturn nicht sonderlich begeistert klang, befürchtete Black bereits, dass er sich wie bei deren ersten Treffen einfach davon teleportieren würde – doch er blieb stehen, als Black weitersprach:
Ihr seid es, der mich inspiriert!“ Es geschah kurz nichts; doch dann wandte Nocturn sich mit einem aufmerksamen Blick herum und musterte Black genau, welcher nichts sagte, als befürchtete er, er würde Nocturn mit irgendwelchen Worten in seiner Musterung stören. Es verstrichen mehrere Sekunden, ehe Nocturn den Kopf schieflegte; eine Bewegung, die er noch oft von ihm sehen würde.
„Dafür hast du Lesen gelernt?“
„Ich kann Englisch und Japanisch sprechen, Nocturn-sama. Aber lesen kann ich nix.“ Bei dieser Bezeichnung hoben sich Nocturns Augenbrauen; allerdings nicht abschätzend, sondern eine Spur belustigt. Er warf daraufhin einen Seitenblick an Feullé, welche Black aus seiner Position nicht sehen konnte und antwortete dann:
„Dann solltest du eigentlich schnell Französisch lernen können… Aber ich warne dich. Ich achte sehr auf die Aussprache.“

Und so war das Bündnis geschaffen worden; ein Bündnis und eine Treue, die bis über den Tod hinausgehen sollte…


2008 – Hikari Regime Kurai Yogosu Hikari Green

Obwohl Feullé es selbst vorgeschlagen hatte, fühlte sie sich unwohl in ihrer Haut – und das hatte gewiss nichts damit zu tun, dass Nocturn ihren Körper kontrollierte, denn diese Prozedur war sie gewohnt. Sie war es sogar so sehr gewohnt, dass sie die Übernahme willkommen hieß und es als angenehm empfand.
Was sie nicht willkommen hieß, war der Ort, an welchem sie sich befand. Sie hatte gehofft, ihn nie wieder sehen zu müssen… sie hatte gehofft, dass sie das Gebiet Ri-Ils nie wieder würde betreten müssen.
„Ich habe dir gesagt, ma petite, dass du es nicht hättest übernehmen müssen. Du kannst immer noch umkehren und mich gehen lassen“, hörte sie die Stimme ihres Ziehvaters in ihrem Kopf, da er ihre Nervosität natürlich bemerkt hatte, wofür sie sich sofort schämte und am liebsten im Boden versinken wollte.
„N-Nein ich… ich schaffe das. Ich will mich… ich will mich auch nützlich machen…“ Die ganze Wahrheit war das nicht und das wusste Nocturn genauso gut wie Feullé. Sie wollte nicht, dass Nocturn Ri-Il einen Besuch abstattete, denn sie befürchtete, dass dieser Besuch eskalieren würde. Er war einfach zu wütend auf den Fürsten.
„Und ich habe allen Grund dazu.“
„A-Aber ich… ich musste nicht… für ihn… ar-arbei…ten…“ Feullé lief feuerrot an bei diesem Gedanken.
„Hättest du es tun müssen, wäre er schon tot. Das schwöre ich – niemand fässt dich an oder lässt zu, dass es geschieht.“ Das kleine Dämonenmädchen versuchte, ihre plötzliche Gefühlsreaktion zu unterdrücken, denn sie wollte nicht, dass Nocturn ihre Freude bemerkte; sie würde sich darüber freuen, wenn sie zurück in Paris wäre und er ihre Gedanken nicht mehr lesen würde.
Doch selbst wenn Nocturn es bemerkt hätte, so hätte er keine Gelegenheit gehabt, darauf zu reagieren, denn kaum, dass Feullé einen Schritt über die Landesgrenze gesetzt hatte, tauchte vor ihr auch schon ein Dämon auf, welcher das kleine Mädchen schrecklich erschrak, als wäre sie es nicht gewohnt, dass plötzlich vor ihrem Auge Dämonen auftauchen und verschwinden konnten.
„F-Feul-lé… le Noires!“, begann Feullé mit zitternder Stimme und legte dabei besonders Druck auf ihren Nachnamen, da Nocturn ihr beigebracht hatte, dass sie ihren Namen als Schild benutzen konnte; denn wenn man ihr etwas tun würde, wüsste man, dass man es mit dem anderen Träger dieses Namens zu tun bekommen würde.
In diesem Moment war ihre ängstliche Reaktion allerdings unnötig, weshalb Nocturn in einem Café in Paris auch nur belustigt lächelte, denn der eben aufgetauchte Dämon war Darius, welcher Feullé auch ohne ihre Vorstellung erkannt hatte und daher nur genervt antwortete, dass er wusste, wen er vor sich hatte.
„Ich habe den Auftrag, dich zu Ri-Il zu bringen“, stellte Darius mit entschlossener Stimme fest.
„Da ist jemand offensichtlich gut in Auren erspüren“, raunte Nocturn Feullé zu, während er sich Zucker in den Café au lait streute und sich selbst für die Idee lobte, Feullé keinen Ingnix tragen zu lassen. Es war einfach so gut wie unmöglich, Feullés Aura nicht zu bemerken.
Feullé nickte nur als Antwort und kaum drei Sekunden später befand sie sich auch schon in dem Arbeitszimmer von Ri-Il, aus welchem sie am liebsten schreiend wieder herausgerannt wäre; ein Impuls, den sie ganz tief in sich vergrub. Sie wollte Nocturn beweisen, dass sie kein kleines Kind mehr war; dass auch sie eine Hilfe sein konnte und dass er sich auf sie verlassen konnte. Sie hatte ihren Ziehvater daher darum gebeten, sie sein Anliegen vortragen zu lassen und dass er nur eingreifen sollte, wenn es Not tat. Sie konnte es schaffen und sie würde es!
„Feullé-san, was für eine angenehme Überraschung!“, begann Ri-Il mit seinem üblichen schalkhaften Lächeln und stand sogar für sie auf, als wären sie alte Bekannte und sie keine Geisel, welche er einst gefangen gehalten hatte. Er reichte ihr allerdings nicht die Hand; er blieb einige Meter vor ihr stehen und Feullé war überaus dankbar, dass er seine Augen geschlossen hielt. Ansonsten wäre der Kloß in ihrem Hals unmöglich gewesen herunterzuschlucken.
„Was verschafft mir die Ehre?“, fuhr Ri-Il fort mit seinen Floskeln der gespielten Höflichkeit und schickte mit einer galanten Handbewegung Darius fort, der auch sofort rückwärts verschwand. Feullé hätte am liebsten nach etwas zu trinken gefragt, um etwas gegen ihren trockenen Hals zu tun, doch stattdessen nahm sie sich zusammen und begann für ihre Verhältnisse sogar recht sicher:
„Ich bin hier auf Geheiß meines... Vaters, um Black-sans ältesten Sohn zu sehen.“ Das Lächeln auf Ri-Ils Gesicht wurde ein wenig steif, doch er behielt es aufrecht, auch als Feullé noch eine weitere Sache hinzufügte:
„Mein Vater schickt ihm eine Einladung und ich bin hier, um ihn abzuholen.“
„So so. Nun, dein Vater weiß es vielleicht nicht, aber Blue befindet sich in einem Koma-ähnlichen Zustand und kann daher keine Einladung annehmen.“ Ob Ri-Il ahnte, dass Nocturn das wusste? Er wirkte nicht sonderlich überrascht, Feullé zu sehen; als hätte er schon darauf gewartet… aber obwohl eine leichte Drohung in der Luft lag, übernahm Nocturn die Kontrolle über seine Tochter nicht – das, was das Gespräch unterbrach, war das abrupte Aufziehen der Schiebetür und das Hereinstürmen Silvers.
„Sein Zustand hat sich verschlimmert!“, begann der hereingeschneite Rotschopf aufgeregt ohne zu beachten, dass Ri-Il Besuch hatte:
„Ich brauche ganz dringend mehr Anti-Licht! Bitte, Sensei!“ Das Gespräch von Mekare und Ri-Il noch im Hinterkopf habend, glaubte Silver für einen Moment, dass der Grund für Ri-Ils angespanntes Schweigen der war, dass ihm das Anti-Licht ausging, doch das konnte eigentlich nicht sein, denn die Frist… die Frist, die er… die er selbst gesetzt hatte, war noch nicht rum… oder doch?! Hatte Silver sich verrechnet? Er hatte das Gefühl für die Zeit verloren, es könnte… nein…
Es vergingen einige Sekunden, ehe Ri-Il auf das Hereinstürmen und die Bitte Silvers reagierte. Er richtete sich an Feullé und bat sie darum zu warten, welche ihm und Silver hinterher sah, als diese das Büro verließen.
„Soll ich hinterhergehen, Vater?“ Sie war ganz alleine in dem Büro Ri-Ils: man könnte meinen, sie führe Selbstgespräche – aber sie führte keine, auch wenn sie nicht sofort eine Antwort erhielt. In der Rue Pyramide, wo Nocturn gerade saß und einen Keks in seinen Café au lait tauchte, kam ein etwas kühlerer Wind auf, der die Geräusche der Straße zu dem Dämon herüber trug, der mit geschlossenen Augen dasaß und einen recht konzentrierten Eindruck machte – ehe er einen Entschluss fasste.
„Das hast du gut gemacht, Feullé.“ In der Dämonenwelt errötete Feullé und begann an ihrem Kleid zu nesteln – bis sie sich von ihrer Schamesröte befreite, denn sie konnte sich denken, was in den Worten ihres Vaters lag; was er als nächstes sagen wollte.
„Nein, Vater, bitte… e-egal was es ist, ich werde es ausführen…“ Nocturn biss herzhaft von seinem Keks…
„Ich schätze deine Sorge und deinen Einsatz, ma petite, aber du hast bereits genug getan.“ … und öffnete dann die Augen, die einen kurzen Augenblick in einem hellen roten Schein aufleuchteten.


Blue ging es tatsächlich schlechter; er lag absolut regungslos in seinem Bett und das obwohl er sich wenige Stunden zuvor noch hin und her gewälzt hatte, als hätte er einen schlimmen Albtraum. Jetzt rührte er sich nicht mehr – auf den ersten Blick sah es beinahe so aus, als wäre er dem Lichtintus erlegen und kurz davor sich aufzulösen, aber seine Brust hob sich noch… wenn auch nur sehr langsam.
„Blue braucht ganz dringend Hilfe…“, flüsterte Silver und versuchte, die nahende Angst aus seiner Stimme zu verbannen – mit zweifelhaftem Erfolg. Wieder schwieg Ri-Il kurz, bis er seinen Schüler darum bat, ihn alleine zu lassen.
Fast erschrocken über diese Worte wirbelte Silver herum und starrte ihn fassungslos an, den Kopf verneinend hin und her bewegend, doch Ri-Il reagierte nicht auf seine Verzweiflung.
„Die Frist… ist noch nicht abgelaufen. Er hat noch einen Tag! Er hat doch noch einen Tag – oder?!“
„Silver-kun, ich werde dich nicht noch einmal bitten“, antwortete Ri-Il gefasst, ohne darauf einzugehen, dass Silver das Gespräch zwischen ihm und Mekare belauscht hatte. Silver gelang es nicht zu antworten, denn in diesem Moment mischte sich ein weiterer Teilnehmer in dieses Gespräch ein:
„Was hast du vor, Ri-Il?“ Das kleine Mädchen, welches Silver eben nur aus den Augenwinkeln heraus wahrgenommen hatte, lehnte an der geöffneten Schiebetür; eine selbstüberzeugte Pose, die so gar nicht zu dem zerbrechlichen Mädchen passen wollte und Silver verwirrte, doch Ri-Il war klar, dass er nun nicht mehr mit Feullé sprach - sondern mit Nocturn.
„Mit Anti-Licht haltet ihr ihn nur am Leben, aber sein Bewusstsein werdet ihr deswegen nicht zurückbringen können; das weißt du. Warum also hast du es bis jetzt nicht gewagt, in sein Unterbewusstsein einzudringen, um ihn zu „wecken“? Wolltest du dem, was in dem Unterbewusstsein des Halbdämons schlummert, nicht entgegentreten? Oder bist du vorgedrungen? Hast du es bereits versucht…? Hat er dich abgelehnt? Denn das Unterbewusstsein vergisst nie… egal wie viele Verbotene Techniken man einsetzt, um es zu beerdigen. Aber das weißt du sicherlich besser als ich.“
„Wovon redet dieses Mädchen? Wer ist das überhaupt?“ Silver verstand das eben Gesagte nicht: Ri-Il allerdings nur allzu gut und überrascht bemerkte Silver, wie sein Meister seine Augen öffnete und langsam über seine Schulter blickte und mit einem gezielten Satz das selbstzufriedene Lächeln auf Feullés Puppengesicht zum Erstarren brachte:
„Silver-kun, du hast die falsche Frage gestellt. Die richtige Frage lautet: Was ist es eigentlich?“ Blanker Hass erwiderte Ri-Ils abschätzende Augen, die zufrieden die Veränderung in den großen Augen Feullés beobachteten, die Nocturns Gefühle offenbarten und das kleine Gesichtchen verzerrten:
„Welcher Rasse gehörst du an? Weißt du es eigentlich selbst? Kennst du diejenigen, von denen du abstammst, überhaupt?“ Der Beweis, dass Ri-Il mit seinen wohlüberlegten Worten ins Schwarze getroffen hatte, folgte sofort; jedoch für ihn nicht sichtbar, da es Nocturns eigene Hand war, die die kleine Tasse mit dem heißen Kaffee mit solcher Inbrunst auf den Tisch schmetterte, dass sie zersprang und somit einige verwirrte Pariser den wütenden Nocturn überrascht ansahen, welcher zu aufgebracht war, um sich sofort wieder zu beruhigen. Wie er ihn hasste! Wie er ihn verabscheute! Am liebsten wollte er Ri-Il an die Gurgel springen; um deutlich zu beweisen, dass dieserlei Fragen nicht gestellt gehörten – sie gehörten sich nicht! Sie gehören sich nicht! – doch er konnte es nicht mit Feullés Körper tun. Es folgte daher keine Antwort. Nur eine stumme Morddrohung, übermittelt mit den großen Augen eines Kindes. Ri-Il bewegte sich ebenfalls nicht; derjenige, der sich bewegte, war Silver, der von einem zum anderen sah und dem Gespräch absolut nicht folgen konnte. Was ging hier eigentlich vor sich?
„Und, Ri-Il?“, begann Nocturn dann wieder, versucht gelassen klingend, während er in Paris versuchte so zu tun, als wäre es ein Unfall, was der angerannte Kellner nicht so ganz zu glauben schien.
„Willst du es selbst versuchen oder überlässt du es mir? Ich weiß auf jeden Fall, dass ich den Jungen wieder aufwecken kann – wie hoch ist die Chance bei dir? Er ist für dich doch ohnehin nicht mehr tragbar.“
„Redet ihr etwa von Blue?“, fragte Silver nun offensichtlich skeptisch. Er hatte zwar keine Ahnung, wer das eigenartige Mädchen war, doch die Situation gefiel ihm nicht – und als hätte Ri-Il ihn erst jetzt bemerkt, drehte er sich zu ihm herum. Nur für einen kurzen Augenblick jedoch, ehe er sich wieder an Nocturns Botin richtete:
„Warum bist du nur an einem der beiden interessiert?“ Ein Schulterzucken war die Antwort, was Ri-Il wohl so viel sagen sollte wie dass ihn Nocturns Beweggründe nichts angingen. Ohne auf Silver zu achten, welchem scheinbar langsam dämmerte, was dabei war zu geschehen, sagte Ri-Il plötzlich genau das, was Nocturn hatte hören wollen:
„Wenn du die Macht besitzt ihn zu wecken, dann ist er aus meinem Dienst entbunden.“ Nocturn lächelte zufrieden; aber Silver nicht. Er stürzte vor:
„Das kann nicht Euer Ernst sein, Sensei!? Nach allem, was wir-“ Weiter kam Silver schon nicht mehr, denn er war gezwungen, sich selbst zu unterbrechen, da er Ri-Ils flacher Hand ausweichen wollte – er hatte offensichtlich vorgehabt, ihn bewusstlos zu schlagen. Entgeistert starrte Silver seinen Lehrer an, nachdem er wieder mit beiden Füßen auf dem Boden stand. Ri-Il lächelte ihn kurz an; ein Lächeln, welches Silver nicht verstand, welches nicht spöttisch war, sondern stolz; es war Silver immerhin gelungen, dem schnellsten Dämon auszuweichen. Ein zweites Mal gelang es ihm jedoch nicht und auch Nocturn hatte nicht mitbekommen wie Ri-Il sich bewegt hatte, sondern sah nur, wie Silver plötzlich bewusstlos in Ri-Ils Arme sackte.
„Gut erzogen“, urteilte Nocturn, an Ri-Il vorbeigehend und auf Blue zusteuernd, welcher sich keinen Zentimeter bewegt hatte und von all dem nichts mitbekommen hatte.
„Dann werde ich mich mal Blue annehmen und ihn aufwecken.“


Bis zu diesem Zeitpunkt war Youma alleine in der Wohnung Nocturns gewesen; die ungewöhnliche, doch begrüßende Ruhe genießend, welche jedoch allzu schnell vorüber war, als die Wohnungstür plötzlich aufging und Feullé und Nocturn hereinkamen. Youma hielt es nicht für nötig, von seinem Buch aufzusehen und die Frage, wo sie gewesen waren, klang überaus desinteressiert. Da er mit dem Rücken zur Küche und damit der Wohnungstür saß, ahnte er nicht, dass angesichts der Situation ein wenig mehr Interesse angebracht gewesen wäre; dass eine weitere Person in seiner, wie er sie selbst bereits in Gedanken nannte, Basis aufgetaucht war.
„Wir haben einen Dämon rekrutiert“, antwortete Nocturn beiläufig und richtete sich auch sofort an Feullé, ohne darauf zu achten, dass Youma den Kopf hob.
„Mach alles bereit, um seine Wunden zu versorgen.“
„A-Aber wir haben kein… Anti-Licht.“
„Das brauchen wir auch nicht. Wir brauchen nur meine Magie – hop, hop, ma petite. Viel Zeit haben wir dennoch nicht.“ Youma, der glaubte, er würde sich verhören, klappte sein Buch mit Inbrunst zusammen und sah aufgeregt über die Schulter hinweg – und kam nicht drum herum über Blue zu stutzen, der wie ein Sack Kartoffeln über Nocturns mageren Schultern hing.
„Wer ist denn das?“
„Unser neues Teammitglied“, verkündete Nocturn einerseits triumphierend, andererseits aber auch feststellend.
„Der sieht mir nicht danach aus, als könnte der uns irgendwie behilflich sein.“ Argwöhnisch verengten sich nun Youmas Augen, dabei den Bewusstlosen und Nocturn gleichzeitig fixierend; ein Blick, den Nocturn gekonnt und mit guter Laune ignorierte – er war auch nicht sonderlich alarmiert, als Youma sich nun wütend aufrichtete.
„Noch nicht. Ich päppele ihn schon wieder auf. Dann sehen wir mal, ob er brauchbar ist.“
„“Dann sehen wir mal“?! Sag mal, wie kommst du dazu, einfach irgendwelche Dämonen zu Teammitgliedern zu ernennen?!“
„Also genauer gesagt ist das ein Halbdämon.“
„Das ist ja noch schöner! Als ob er…“ Nocturn fiel dem übereifrigen Halbwächter ins Wort:
„Und du hast ihn auch schon gesehen! Er saß beim Bankett gegenüber von uns.“ Einen Moment lang brachte dieser Einwand Youma tatsächlich zum Schweigen, da er offensichtlich in seinen Erinnerungen suchen musste und dann auch schnell eine Information fand, die das ganze Dilemma nur noch schlimmer für ihn machte:
„Warte. Der…Schüler von Ri-Il.“
„Ja, genau der ist das.“
„Von Ri-Il. Der Dämon, der Gedanken lesen kann, der unser Feind ist… und du holst seinen Schüler hierher… Du holst seinen Schüler hierher?!“ Während Youma Nocturn anstarrte, als würde er sich fragen, ob dieser überhaupt ein Gehirn besaß, grinste dieser ihn nur breit an. Feullé sah ein wenig nervös von einem zum anderen, denn es war unschwer zu erkennen, dass Youma mit jedem weiteren Wort wütender wurde und vorsichtshalber tapste sie mit unsicheren Schritten näher in Richtung ihres Vaters.
„Dir ist hoffentlich durchaus bewusst, dass wir diesen Halbdämon nie wieder in die Nähe von Ri-Il lassen können, nicht wahr?! Das ist dir klar, oder Nocturn, du denkst auch mal ein wenig nach, oder?! In deinem Gehirn befindet sich noch ein FUNKEN Klarsinn?!“ Als würde Nocturn es förmlich darauf anlegen, alles noch schlimmer zu machen, tat er grinsend so, als hätte er Youmas Worte nicht gehört und wandte sich an Feullé:
„Alles bereit für die Operation, ma petite?“ Doch diese antwortete ihm nicht; sie traute sich nicht irgendetwas zu sagen und starrte ihren Vater nur ungläubig an, aus den Augenwinkeln den fast überkochenden Youma beängstigend anblickend. Doch dieser sagte sich, dass er ruhig bleiben sollte, musste – tief durchatmen, tief durchatmen. Einige Leute dachten einfach nicht rational.
„Erklärst du mir bitte, wie du auf diese Idee kommst? Wenn du unbedingt Dämonen rekrutieren willst, warum es dann ausgerechnet er sein musste?“, zischte Youma, versuchend ruhig zu bleiben, was ihm nicht gänzlich gelang; sein Unterton war weiterhin bedrohlich.
„Nein, nein, es durfte nicht irgendein Dämon sein, denn das hier ist der Sohn meines früheren... ehm…“ Nocturn schien nicht zu wissen, wie er Black nennen sollte und warf daher einen Blick an Feullé, welche kleinlaut wisperte:
„Black-san… w-war Nocturn-samas U-Untergebener und… hat gut auf mich Acht gegeben.“ Wenn es möglich war, dass Youmas Augenbrauen noch höher gingen, dann taten sie es in diesem Moment.
„Und das ist der Grund, weshalb du seinen Sohn aufliest und in unsere Basis nimmst?“
„“Basis“?“, wiederholte Nocturn nun plötzlich argwöhnisch und lehnte sich mit zusammen gekniffenen Augen vor, das Wort leise fauchend wiederholend.
„Das hier ist nicht deine Basis, sondern mein Appartement. Ich kann hier jeden einladen, den ich will. Wenn dir das nicht passt, dann kannst du gehen, Kronprinz.“ Einen Augenblick lang funkelten die beiden Dämonen sich finster an, ehe Nocturn sich abwandte, im Wissen, dass Youma es sowieso nicht tun würde – und als er ihm den Rücken zukehrte, gab er Youmas Nerven gekonnt den Rest:
„Wahrscheinlich befürchtet der ach so große Planer, dass jemand ausplaudern könnte, wo seine ach so geheime Basis sich befindet. Aber keine Sorge, das wird nicht passieren.“ Breit grinsend sah Nocturn Youma über die Schulter hinweg an und fuhr fort:
„Ich habe vor 18 Jahren bereits den Fürsten erzählt, wo ich wohne. Ich hatte ihnen gesagt, dass sie gerne mal zum Kaffeetrinken kommen könnten, aber irgendwie schienen sie die Einladung nicht so zu mögen.“
„Ich hasse dich.“ War das einzige, was Youma dazu fassungslos sagte, ehe er sich am liebsten seinen eigenen Kopf – oder den Nocturns – an die Scheibe der Fenster schlagen wollte.