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Episode 85
  Episode 85: Sterben um zu leben
Als Silver aufwachte, war Blue weg.
Das war das erste, was er realisierte, als er die Augen aufschlug; das erste, um das seine Gedanken kreisten. Er fragte sich nicht, warum er auf dem Boden lag; er fragte sich nicht, was passiert war – er fragte sich nur wo Blue war. In seiner Erinnerung gab es keinen Nocturn in Gestalt von Feullé; in diesem Moment, in dem die Panik in ihm entflammte, erinnerte er sich nicht einmal mehr daran, dass er mit seinem Lehrmeister in diesem Zimmer gewesen war. Alles, was ihn beschäftigte, war die Leere dieser Kammer; dass Blue nicht da war; Blue, der doch die ganze Zeit am Rande des Todes gestanden und in dessen Abgrund geblickt hatte... eigentlich mit einem Bein schon in diesem stand---- er war nun nicht mehr da, er lag nicht mehr in seinem Bett, wo er die letzte Woche gelegen hatte… und während Silver sich langsam und zitternd aufrichtete, mit weit aufgerissenen Augen, drängte sich ihm eine Frage auf, gegen die er versuchte anzukämpfen – aber er versagte:
War Blue tot?!
Von dem Moment an, als Silver und Blue, gerade erst eine Woche in der Dämonenwelt, gelernt hatten, dass Dämonen sich auflösten, dass nichts, absolut gar nichts von ihnen übrigblieb sobald sie starben, da hatte es Silver einen immensen Schrecken eingejagt. Er wusste nicht, ob es auch Blue verstört hatte; ob er auch Albträume davon hatte; Albträume, in denen Silver verzweifelt nach Blue suchte, immer weiter, nie aufhörend, weil er so lange suchen würde, bis er ihn gefunden hatte – aber er konnte seinen großen Bruder gar nicht mehr finden, denn er war tot. Silver würde es nie erfahren, denn Blues Körper war ja einfach verschwunden. Wenn er alleine mit Ri-Il trainierte, dann würde Silver nicht sehen können, was mit ihm geschah – er war zwar immer so vorsichtig und Silver hatte nie geglaubt, dass Ri-Il sie umbringen würde, aber was wenn Blue mal einer Attacke nicht auswich? Er war doch so langsam! Was wenn er starb, wenn Silver nicht hinguckte; wenn er zu Funken wurde, ohne dass Silver dabei war – dann war er weg! Er war weg! Einfach weg! Wie oft hatte Silver das nicht geträumt! Hatte Blue auch Angst davor? Plagte es ihn auch so? Er hatte ihn immer in den Arm genommen und ihn bei sich schlafen lassen, wenn Silver von seinem Hochbett heruntergeflogen, halb gefallen war – er hatte nie gesagt, ob es auch ein Gedanke war, der ihn plagte, ob er auch so darüber nachgedacht hatte wie Silver.
Und jetzt sah der kleine Bruder auf das leere Bett seines Bruders, der die ganze Zeit im Sterben gelegen hatte – Tränen sammelten sich in seinen Augen, doch ehe sie fallen konnten, drehte er sich herum, riss die Tür auf und schoss wie ein Pfeil die Wendeltreppe empor; die Zähne zusammengebissen, mit einem Gesicht voller Verzweiflung und nahenden Tränen. Blue war nicht tot, Blue war nicht tot, Blue war nicht…
Er rannte beinahe zwei von Ri-Ils Mädchen über den Haufen; sprang über einen Jungen hinweg und prallte gegen einen Kunden, auf dessen Beschwerde er nicht achtete und dessen Griff er dank seiner Schnelligkeit auch entging – auf nichts achtete der Rotschopf auf seinem Weg zu Ri-Ils Büro – wo er aufgehalten wurde.
„Nun mach mal halblang, Kleiner!“ Der Angesprochene hatte Darius nicht gesehen; das war der einzige Grund, weshalb dieser ihn genau vor Ri-Ils Bürotür hatte abfangen können. Darius war hoch; um einiges höher als Silver – gute drei Köpfe – und auch stärker als er, weshalb es für ihn kein Problem war, Silver am Kragen zu packen und hochzuheben.
„Ich muss zu Sensei!“, schrie Silver und versuchte sich mit Leibeskräften zu befreien, aber es zeigte keinen Effekt.
„Du musst hier gar nichts!“, lautete Darius‘ harte Antwort:
„Ri-Il-sama ist in einer Hohen-Konferenz und du wirst ihn nicht stören!“
„Das ist mir sowas von EGAL!“ Darius wollte soeben antworten, dass ihm das wiederum egal war, als Silver auch schon Schwung holte, sein Bein schwarz aufleuchtete als stünde es in Flammen und er---
„Silver-kun.“ Silver konnte die ruhige, aber ernste Stimme seines Lehrmeisters nicht erreichen – aber seine Attacke wurde dennoch nicht ausgeführt, denn er war plötzlich erstarrt; gelähmt von Magie.
„Du kannst ihn herunterlassen, Darius-kun.“ Er folgte diesem Befehl sofort und Silver plumpste auf den Boden, wo er seine Bewegungsfreiheit wiedererlangte, die er sofort dazu nutzte, um herum zu wirbeln und sich mit einem Schrei der Verzweiflung an Ri-Il zu wenden:
„Blue! Wo ist Blue!“ Darius verzog das Gesicht angesichts dieser Unhöflichkeit ihres Herren gegenüber, aber er hatte ja nicht ohne Grund nie etwas von den beiden Brüdern gehalten. Verweichlicht und ohne Grund bevorzugt… jetzt unterbrach Ri-Il sogar schon eine Konferenz für diesen Bengel. Sie konnte doch unmöglich vorbei sein! Sie hatte doch gerade erst vor einer Stunde begonnen!
„Er ist nicht mehr hier“, antwortete Ri-Il simpel, woraufhin auch Darius die Stirn runzelte – aber ein Witz war es garantiert nicht, denn ihr Fürst sprach sehr ernst mit ihnen. Nicht verärgert – obwohl er allen Grund dazu hatte! – aber ernst, ohne den Anflug von einer gewissen Erheiterung, den man sonst immer in seiner Stimme hören konnte.
„Das sehe ich!“, rief Silver, dessen Augen sich mit Wasser füllten:
„Aber wo ist er! Er ist doch nicht… Sensei, er ist doch nicht… Ihr habt doch nicht…?“ Silver konnte nun nicht länger; dort unten auf dem Boden, zu den Füßen seines Fürsten, begann er zu weinen, als hätte er nie einen Funken Stolz besessen. Aber was interessierte ihn sein Stolz! Er wollte nicht aufstehen und seine Bitte „ordentlich“ vortragen; er wollte einfach nur wissen, wo Blue war – damit der Schmerz in seiner Brust schwieg! Er musste wissen, dass alles gut war! Dass er da war! Irgendwo! Egal wo!
„Nein, Blue ist nicht tot.“ Ri-Il tat nichts, um Silver zu trösten; er sah ihn zwar nicht so genervt und abwertend an wie Darius es tat, aber doch mit Strenge – und einer leichten Verwirrung.
„Und dort, wo er nun ist, wird es ihm bessergehen.“
„Aber… wo ist er denn?“
„Das werde ich dir erzählen, sobald die Konferenz, an der ich eigentlich gerade teilnehme, vorbei ist“, erwiderte Ri-Il mit strengem Nachdruck.
„A-Aber…!“
„Du hast gehört, was unser Fürst dir gesagt hat“, unterbrach Darius Silver mit einem leichten, aber doch schmerzhaften Tritt.
„Du kannst hier draußen warten, Silver-kun.“ Ri-Il tauschte einen Blick mit Darius aus, dann sah er wieder zu dem weinenden Silver:
„Und wisch dir die Tränen weg.“

Es dauerte drei Stunden ehe Ri-Il Silver in sein Büro eintreten ließ, immer noch deutlich ernst, obwohl er dem Halbdämonen etwas zu trinken anbot – aber Silver lehnte ab. Er wollte nichts trinken, er wollte nichts essen – er wollte Antworten. Das war das einzige, was er wollte und Ri-Il wusste das, weshalb er auch sofort zum Punkt kam, nachdem Silver sich vor seinem Schreibtisch hingekniet hatte.
„Ich hoffe, Silver-kun, dass du weißt, dass ich es kein zweites Mal dulden werde, dass du mich in einer Konferenz störst.“ Etwas schuldbewusst, ja, ein wenig beschämt, sah Silver zur Seite – aber nur kurz, denn als Ri-Il fortfuhr, sah er ihn sofort wieder an.
„Ich kann verstehen, dass du um deinen Bruder besorgt bist, aber das musst du nicht sein. Dort, wo er jetzt ist, geht es ihm besser als hier, denn dort kann ihm Heilung gegeben werden, was hier nicht möglich war.“
„Aber, Ri-Il-Sensei, es gibt doch kein Mittel, was Ihr nicht beschaffen könnt“, warf Silver ein, was Ri-Il ein wenig schmeichelte – es brachte ihn jedenfalls zu einem Lächeln.
„Nun, Silver-kun, ich musste dich auch einmal zu Karou-san bringen, weil nur er in der Lage war dich zu heilen.“ Silver sah ihn nachdenklich an; er wusste es zwar noch – irgendwie jedenfalls, es war eine sehr schummrige Erinnerung – aber die aktuellste und eigentlich einzig klare Erinnerung, die Silver von Karou hatte, war die, wo er mit ihm gegen den Erdwächter gekämpft hatte – okay, vielleicht war es eher ein Alle-gegen-alle-Kampf gewesen. Auf jeden Fall ein ziemlich heftiger Kampf und Firey dazwischen… was sie wohl von ihm gewollt hatte? Er wusste es immer noch nicht… und er hatte es Ri-Il auch noch nicht so wirklich gebeichtet, aber Karou war ja scheinbar nicht nachtragend? Er hatte es Ri-Il auf jeden Fall nicht verraten…
„Das bedeutet also…“, fuhr Silver fort:
„… dass Blue bei jemandem ist, der ihn heilen kann?“
„Das hast du richtig erkannt.“
„Und wo ist er…?“, fragte Silver zaghaft und versuchte sich zu einem Grinsen zu bringen:
„Ich möchte ihn gerne sehen. Ich möchte gerne da sein, wenn er aufwacht.“ Ri-Il sah ihn für einen Augenblick schweigend an, dann lehnte er sich über seinen Schreibtisch, die Arme auf dem Tisch ablegend, ernst wirkend, obwohl da ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen lag.
„Silver-kun, lass mich dir eine Frage stellen.“ Der Angesprochene nickte, ohne darüber nachzudenken, dass viele andere Dämonen bei dieser Nähe von Ri-Il sicherlich nervös geworden wären; sein Bruder wäre ebenfalls angespannt gewesen. Aber Silver machte sich darüber keine Gedanken.
„Vertraust du mir?“ Silver sah ihn stirnrunzelnd an, ganz kurz, ehe die Antwort schnell folgte:
„Selbstverständlich tue ich das.“ Ri-Ils Lächeln wurde ein wenig breiter – dann lehnte er sich wieder zurück.
„Gut. Dann möchte ich, dass du mir auch jetzt vertraust. Ich werde dir nicht sagen, wo dein Bruder sich in diesem Augenblick befindet und ich bitte dich auch darum, nicht weiter darüber nachzudenken, sondern dich auf deine Aufgaben zu konzentrieren, kannst du das, Silver-kun?“ Sofort schüttelte Silver den Kopf:
„Wie soll ich das können, wenn Blue…“
„Es geht ihm gut, Silver-kun. Du musst meinem Wort vertrauen. Ich lüge dich nicht an und ich verspreche dir auch, dass du ihn wiedersehen wirst. Ich werde dir seinen Aufenthaltsort verraten, sobald Blue wieder gesund ist.“ Silver öffnete den Mund, aber er schloss ihn sofort wieder.
„Blues Heilung benötigt allerdings viel Zeit.“
„Aber Ihr versprecht mir, dass Ihr es mir mitteilt? Und dass ich ihn wiedersehe – und nicht erst im nächsten Leben?“ Ri-Il lachte über diese menschliche Bemerkung, die er aber dennoch verstanden hatte, auch wenn andere Dämonen es vielleicht nicht gekonnt hätten.
„Ich verspreche es dir.“


Itzumi sah aus, als hätte sie einen fürchterlichen, schrecklichen Geist gesehen, als Green und Saiyon wieder zurückkehrten in die Festhalle, wo das Fest zu Greys Ehren abgehalten wurde; der Grund für ihren Schock war klar, denn besonders Green war bis auf die Haut durchnässt und ihre Kleidung sowie Frisur völlig ruiniert. Aber Itzumi wäre nicht die exzellente Tempelwächterin, die sie war, wenn sie nicht sofort gehandelt hätte und noch bevor das Aussehen der Hikari und ihres Getreuen irgendein Aufsehen erregt hatte, hatte sie sich zwei weitere Tempelwächter besorgt und schnell einen leeren Raum gefunden, wo die Kleidung der beiden mit einem magisch verstärkten Föhn getrocknet wurde, während Itzumi mit geübten Fingern eilig eine neue Frisur machte.
Das ganze dauerte nicht mehr als zehn Minuten, bis Saiyon und Green wieder wie frisch gebügelt aussahen: Saiyon die langen, blauen Haare nach hinten gebunden, mit einer goldenen Spange gehalten und Greens Haare hatte sie wieder geflochten und hochgesteckt.
„Itzumi-san ist wirklich eine gute Tempelwächterin“, flüsterte Saiyon seiner Verlobten zu, die sich unauffällig ihre wunde Kopfhaut rieb, darauf bedacht ihre Frisur nicht zu beschädigen.
„Ja, und eine sehr rabiate.“ Kaum hatten die anwesenden Wächter bemerkt, dass Green zurückgekehrt war, ging das Beileid-Wünschen von vor gut einer Stunde wieder von vorne los, aber offensichtlich hatten sie nun bemerkt, dass sie die Gelegenheit auch für andere Dinge nutzen konnten und nachdem sich Green bei zwei weiteren Wächtern für ihr Beileid bedankt hatte, kam eine andere Frage, gestellt von zwei jung aussehenden Wächterinnen, ihrem Aussehen nach zu urteilen beides Naturwächterinnen. Genau wie die anderen verbeugten sie sich vor dem frisch verlobten Paar und richteten Green ihr Beileid aus, aber sie hörte schon im Tonfall, dass das nicht der eigentliche Grund für sie war, ein Gespräch mit ihrer Hikari zu suchen; sie hatten nur aus Höflichkeit ihr Beileid ausgesprochen.
„Oh, Hikari-sama, wenn Ihr erlaubt, würden wir Euch auch gerne eine Frage stellen…“ Beide Naturwächterinnen feixten sich kurz an und kicherten wie kleine Schulmädchen, was Green nur zu einem verwirrten, aber auch skeptischen Stirnrunzeln brachte, aber sie erlaubte ihnen ihre Frage: schon weil sie neugierig war.
„Hikari-sama – mit Verlaub – wann findet Eure Vermählung statt?“ Green spürte, wie ein leichtes Zucken durch Saiyon ging, doch sie selbst blieb ruhig, vielleicht sogar etwas zu ruhig, wie ihr selbst auffiel und weshalb sie sich schnell zu einem Lächeln zwang:
„Das steht noch nicht fest.“ Die beiden Mädchen schienen sich mit dieser Aussage nicht zufrieden zu geben:
„Und die Verlobung?“ Sie blickten von Saiyon zu Green, die nun langsam Schwierigkeiten mit ihrem Lächeln hatte und welches auch noch steifer wurde, als die beiden Mädchen fortfuhren:
„Die wird doch noch offiziell gefeiert?“
„Bitte wartet auf eine offizielle Ankündigung.“ Immer noch lächelte Green, aber oh, sie hatte keine Lust mehr zu lächeln; sie hatte keine Lust mehr zu schauspielern. Sie wollte das alles nicht mehr – und jetzt würde etwas dagegen getan werden, beschloss sie in dem Funken eines Augenblicks und entschuldigte sich plötzlich von den Neugierigen und entfernte sich von ihnen, aber nicht ohne Saiyon mitzunehmen.
„Green, was hast du vor?“, fragte Saiyon, der seine Verlobte wohl schon gut genug kannte, um ihr anzusehen, dass sie dabei war, etwas in Gang zu setzen – und oh, das würde sie.
„Hol deinen Bruder. Ich habe etwas zu verkünden.“ Saiyon sah sie an wie jemand, der das Feuer schon brennen sah – aber er gehorchte diesem unmissverständlichen Befehl und machte sich auf den Weg. Green ließ den Blick über die versammelten, in schwarz gekleideten Wächter schweifen, um schnell ihre Familienmitglieder auszumachen. Sie waren in Gespräche vertieft; besonders ihre Mutter. Sie bemerkte gar nicht, dass Green sie, während sie sich ihren Weg durch die Menge bahnte, ansah, zu sehr wurde sie von Wächtern belagert, die ihr ihr Mitleid aussprachen. Aber ihr Großvater. Ihr Großvater bemerkte Greens Blick und sah genau wie Saiyon, dass sie im Begriff war, etwas zu tun. Sie hielt den Blickkontakt einige Sekunden und hoffte, dass sie ihm die Botschaft, dass er ihr vertrauen solle, übermitteln konnte – vielleicht tat sie das, aber das bedeutete nicht, dass er es auch tat; ihr vertrauen. Er setzte jedenfalls dazu an, zu ihr zu gelangen, doch es war zu spät; die Elementarwächter, allesamt in schwarz gekleidet, bestückt mit den Juwelen ihrer Elementfarbe, hatten sich um sie herum aufgestellt und die nötige Publikumsaufmerksamkeit erregt, die Shaginai davon abhielt, zu Green zu gelangen um sie von wer-wusste-was abzuhalten. Man glaubte wirklich immer nur, dass Green alle blamieren würde – aber ihr Großvater würde gleich etwas anderes denken, dessen war Green sich sicher.
„Ich habe etwas zu verkünden“, sagte Green schlicht auf die verwirrten, leicht skeptischen Blicke ihrer Elementarwächter:
„Und es wäre gut, wenn ihr dafür hinter mir stehen würdet.“ Sowohl im praktischen Sinne… als auch im übertragenen Sinne, dachte Green, während sie vorging und das Podest bestieg. Kaira war die erste, die ihr folgte, gefolgt von Shitaya, Saiyon und Firey, dann kam Pink herbeigeeilt, Yuuki und Azuma, der die Augen verdrehte – Ilang war die letzte… und sie folgte den anderen Elementarwächtern auch nur widerstrebend, nahm aber ihren Platz ganz rechts von Green ein, womit sie eine Mauer hinter Green bildeten, die vorgetreten war.
Es tat nicht Not, um Ruhe zu bitten; im Saal herrschte sofort absolute, gespannte Stille, als Green vor sie trat. Mary konnte Green genauso wenig erreichen wie Shaginai, aber auch sie machte mit ihrem Blick deutlich, dass sie Schlimmes von Greens Eigenaktion befürchtete; White sah ebenfalls besorgt aus, aber niemand konnte etwas tun, ansonsten würden sie öffentliches Aufsehen erregen. Irgendwie war das doch ein wenig zufriedenstellend… aber Green hatte sich nicht hier platziert, um Ärger zu verbreiten.
„Ich bedaure, dass diese Verkündung an einem so traurigen Tag wie dem heutigen gemacht werden muss – und dass diese Verkündung nicht schon früher, viel früher geschehen ist.“ Shitaya warf Saiyon einen Blick zu; er dachte wohl, genau wie die meisten anderen, dass es sich um die offizielle Feier ihrer Verlobung handeln würde, aber Saiyons Blick sagte Shitaya, dass er genauso wenig eine Ahnung hatte, was Green sagen würde, wie er. Mary schüttelte den Kopf, denn sie schien dasselbe zu befürchten – und dieses Datum hatten sie doch noch gar nicht entschieden! Das konnte sie doch nicht einfach so selbst bestimmen!
„Ich wünschte, mein Bruder wäre hier um diese Festlichkeit mit uns zu feiern… aber er ist von uns gegangen, von mir gegangen, ehe er es miterleben konnte…“ Die Hand, die Green auf ihre Brust gelegt hatte, zuckte ein wenig, als sie Whites bestürztes Gesicht sah und das verärgerte Gesicht Shaginais zu übersehen versuchte. Warum war er wohl verärgert? Weil sie etwas tat, was nicht abgesprochen war? Weil sie öffentlich über etwas sprach, was sie nicht durfte? Egal. Es war egal.
„Doch ich verkünde es hiermit in seinem Namen…“ Die Spannung war greifbar; mehrere schienen den Atem anzuhalten – die Hikari würden es wohl tun, wenn sie noch atmen müssten.
„… die nächste Festlichkeit, die wir feiern werden…“ Mit Inbrunst und Entschlossenheit riss Green ihren Arm in die Luft und schwang ihn seitlich, im Takt ihrer entschlossenen Worte herunter:
„… wird die Weihe sein!“

Keine falschen Liebesbekundungen, keine Feste, die gespielte Gefühle feierten – sondern eine Kampfansage!


Green hatte ihren Entschluss gefasst, ohne die Hikari um Erlaubnis zu bitten, die nun vor vollendete Tatsachen geworfen wurden. Shaginai zeigte sich in der Tat auf… seine etwas mürrische, nicht zugebende Art begeistert von Greens Entschluss – was er natürlich nicht sagte, aber Green konnte es in seinen Augen sehen… und ein kleines Lächeln bildete sie sich ebenfalls ein. Die Weihe würde durchgeführt werden. Koste es, was es wolle – und das einzige Hindernis, das einzige wirkliche Hindernis, war Inceres, denn Green hatte schon oft genug etwas getan, das gegen den Willen ihrer Mutter war; das eine Mal mehr würde also auch nicht schaden… auch wenn sie wirklich sehr bestürzt gewirkt hatte.
Aber Inceres war wirklich ein Hindernis. Denn wenn er seine Zustimmung nicht gab, dann würde die Weihe nicht durchgeführt werden; was das Wächertum sagte, war ihm herzlich egal; ihn interessierte es nicht, anders als die Hikari, was die Wächter davon denken mochten. Sie selbst würde die Weihe zwar auch ohne seine Zustimmung durchziehen, aber sie konnte sie nun einmal nicht alleine abhalten; sie wusste ja nicht einmal genau, was vor sich gehen würde. Sie musste also dafür sorgen, dass sie Inceres überzeugte und das würde gar nicht so einfach werden, denn natürlich wusste er bereits von ihrer Absicht und war darauf vorbereitet, aber sie… hatte eine Idee. Eine Idee, welche vielleicht wirklich nicht besonders nett war… aber die Weihe musste durchgeführt werden. Sie musste. Es gab mittlerweile zu viele Gründe; um ihre Freunde zu beschützen, dafür zu sorgen, dass Blues Worte, dass ihre Freunde alle sterben würden, nicht wahr werden würden; um ihn zu töten, um Grey zu rächen; um für Silence eine Verbindung zu Light aufzubauen – und für Green selbst.
Als sie im Jenseits ankam, wurde sie auch sofort von Ecui und Acui begrüßt und als die beiden Tempelwächter Green zu Inceres brachten, war ihr sofort klar, dass es nicht einfach werden würde. Natürlich wusste er, dass Green sich dazu entschieden hatte, die Weihe zu vollziehen; es war so deutlich in seinen dunklen, blauen Augen zu sehen, welche auch deutlich zeigten, wie sehr er dagegen war und wie sehr Green ihren göttlichen Gönner verärgert hatte. Sie hatte gewusst, wie sehr er gegen die Weihe war; er hatte es bereits verboten – und sie tat es dennoch.
Die übliche Umarmung wurde ausgelassen; sie begrüßten sich nicht einmal. Green blieb an der Tür stehen, genau wie Inceres es tat, einige Meter von ihr entfernt mit verschränkten Armen, während Ecui und Acui in den Bücherbergen tonlos hinter ihn traten.
„Du könntest mir wenigstens sagen, warum du so gegen die Weihe bist, Inceres“, begann Green das Gespräch und versuchte dabei, ihre Stimme mild klingen zu lassen, denn sie wollte sich eigentlich nicht mit Inceres streiten. Es wäre ihr lieber, wenn sie es in einem normalen Gespräch bereden könnten, doch das schien nicht möglich zu sein, denn die Anspannung fiel nicht von Inceres herab und seine Stimme war hart, als er antwortete:
„Ich bin nicht dazu verpflichtet, dir zu antworten. Mein Wort ist Gesetz – und du hast dich gegen mein Gesetz gestellt.“ Green versuchte immer noch irgendwie zu lächeln:
„Ich bitte dennoch darum, dass du es mir erklärst – weil ich eben nicht dein Jünger bin.“ Inceres Stirn wölbte sich. Er sah bitter aus, aber er gab ihr eine Antwort. Kurzgefasst, aber es war eine Antwort:
„Dein Großvater sagte es dir bereits. Sie könnte dich verändern.“
„Du solltest mich besser kennen. Nichts kann mich verändern. Auf jeden Fall nicht so etwas.“
„Auf einige Dinge hast auch du keinen Einfluss.“
„Es geht dir um meine Augen, oder?“ Inceres schwieg sofort und Green bemerkte deutlich, wie sich seine Körpersprache veränderte, unruhig wurde – er blickte sogar zur Seite, weshalb Green sich sicher war, dass sie ins Schwarze getroffen hatte; oder wenigstens war ihre Augenfarbe einer der Gründe, weshalb Inceres dagegen war.
„Inceres…“, begann Green und bemerkte selbst, wie sanft ihre Stimme auf einmal klang, angeregt von dem plötzlichen Mitleid, welches sie in sich aufkommen spürte:
„Meine Augenfarbe definiert doch nicht, wer ich bin. Es ist nur eine Äußerlichkeit. Ich mag meine Augenfarbe auch, aber wenn ich weiße Augen in Kauf nehmen muss, um stärker zu werden, dann ist es eben so. Wir beide… wir bleiben doch trotzdem miteinander verbunden, auch wenn wir nicht dieselbe Augenfarbe…“ Da sah er hoch und die dunkelblauen Augen waren plötzlich stahlhart und ließen Green erschrocken zusammenfahren.
„Ich verbiete es dir. Hast du verstanden, Green?! Ich befehle, dass du nicht länger daran denkst geweiht zu werden!“
Noch nie hatte sie Inceres so aufgebracht gesehen; so völlig außer sich und wütend. Er hatte ihr schon öfter von etwas abgeraten; damals als sie in die Dämonenwelt wollte, aber selbst damals war er nicht so schrecklich wütend gewesen.
Zuerst schreckte Green zurück und Inceres erwartete, dass sie sich ihm nun beugen würde, so wie sich alle seinem Wort beugten. Er mochte es nicht seine Position auszunutzen; besonders nicht Green gegenüber, aber es ging nun einmal nicht anders… er musste sie davon abbringen, sich weihen zu lassen. Er musste einfach.
Doch Green reagierte anders als Inceres es geplant hatte. Nachdem sie den ersten Schrecken von sich abgeschüttelt hatte, richtete sie sich zu voller Größe auf und schon bemerkte Inceres, dass er selbst kleiner wurde.
Niemand befiehlt mir etwas. Auch du nicht. Und wenn du mir die Weihe nicht erlaubst, sind wir geschiedene Leute!“ Und dass Green es ernst meinte, todernst, bewies ihre darauffolgende Tat: aufgebracht wirbelte sie auf den Hacken herum und verschwand schon aus der großen Tür – und kaum, dass die Tür hinter ihr zugefallen war, bemerkte sie, dass ihr Plan aufging; denn Inceres folgte ihr sofort.
„Green!“
Hätte Green sich herum gewandt, um ihn anzusehen, dann hätte sie einen völlig aufgelösten kleinen Jungen gesehen, der den Gedanken nicht ertrug, Green nicht wieder zu sehen; ihrer Sympathie nicht sicher zu sein. Der Grund dafür lag klar auf der Hand; er wusste, dass sie es durchziehen würde, denn er hatte gesehen, wie sie den Entschluss gefällt hatte – sein Schmetterling hatte den Weg bereits eingeschlagen… Sie hätte es nicht gerne getan, zu sehr mochte sie ihn, doch sie hätte es durchgezogen – und diesen Gedanken hielt er nicht aus.
„Green… bitte, komm doch wieder zurück, mein geliebter Schmetterling, bitte…“
„Nur wenn ich geweiht werden darf.“
„Aber… Green, das… das geht wirklich nicht…“
„Dann lass mich ins Diesseits gehen.“ Beide schwiegen sie, doch mit einem bitteren, nicht gerade wohltuenden Gefühl von Triumph wusste Green, dass Inceres sich gebeugt hatte. Sie hörte sein aufgebendes Wimmern und obwohl sie ihn nicht ansah, sah sie seine in sich gekrümmte Körperhaltung förmlich vor sich.
Was weder Inceres noch Green sahen, waren Ecui und Acui. Sie standen in der großen Flügeltür zu Inceres Domäne und drehten langsam, ganz langsam wie Puppen ihre Gesichter zu dem jeweils anderen.
Unnötig. Denn sie benötigten nicht den Blick des anderen um zu wissen, dass sie sich einig waren.
Es war an der Zeit, ein Kind wieder daran zu erinnern, dass es artig sein musste.

In Paris hatte Youma vergeblich versucht seine Neugierde im Zaum zu halten, was deren neues „Teammitglied“ anbelangte. Es war ihm zwar mehrere Stunden gelungen und er hatte wunderbar so tun können, als würde ihn alles, was in diesen vier Wänden vor sich ging, nichts angehen, aber umso öfter Feullé in die Küche geschneit kam und dann wieder verschwand, umso uninteressanter wurde das Buch, mit dem Youma sich abzulenken versuchte. Als der Abend sich über Paris senkte und Feullé plötzlich einkaufen ging, konnte er sich nicht länger zurückhalten; kaum dass die Haustür zugefallen war, legte er das Buch auf den gläsernen Stubentisch und war schon in einem Satz im langen Flur, der mit der Tür zu Nocturns Atelier endete, wo Youma vermutete, dass sein Partner sich aufhielt.
Die Tür war angelehnt, aber der schmale Spalt, den die geöffnete Tür schuf, war nicht aus Licht: Nocturn saß offensichtlich im Dunklen in seinem Zimmer, dachte Youma, ehe er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder vor Nocturns Tür stand, mit der der Hausherr ihm bereits einmal versucht hatte, den Fuß einzuklemmen. Dieses Mal stand Nocturn aber nicht an der Tür und als Youma eintrat ohne zu klopfen, sah er den Flötenspieler auch am Ende seines chaotischen Zimmers stehen, in welchem nur drei Kerzen an einer hässlichen, ja, verstörenden Statue eines Engels brannten; zu den Füßen dieses lebensgroßen Ungetüms, um genau zu sein. Graue, starre, aber auch traurige Augen schienen einen zu verurteilen und Youma musste sich eingestehen, dass er einen leichten Schrecken bekommen hatte, als er das Zimmer betrat – diese Engelstatue war nämlich das erste, was man sah. Eine große Engelstatue, deren Flügel bis zur Decke reichten; nur einer, denn der zweite war abgebrochen. Auf den Haaren des Engels lag ein weißes Diadem, welches merklich deplatziert aussah… Youma kam nicht darum herum; es wirkte wie ein makabrer Altar.
„Nocturn?“ Aber Nocturn reagierte nicht. Er stand einfach an einem roten Kanapee am Ende des Raumes, auf welches der junge Halbdämon gebettet worden war; mit Decke und Kissen… hm, schlief Nocturn dort normalerweise? Youma konnte hier drin gar kein Bett ausmachen - in diesem Raum, in dem wahrlich das Wirrwarr regierte; Youma war froh, nicht gegen irgendeine, halb abgebrannte Kerze oder ein Tintenglas zu stoßen, die alle auf dem Boden verteilt waren, während er sich seinen Weg zu Nocturn bahnte, um sich neben ihn zu stellen und genau wie Nocturn auf Blue herabzusehen, welcher definitiv mehr tot als lebendig aussah. Er atmete kaum noch. Seine Haut war grau, als hätte er gar kein Blut mehr in sich; er sah ausgezehrt und kraftlos aus.
„Was ist mit ihm geschehen?“ Endlich antwortete Nocturn ihm:
„Licht, Kronprinz.“ Nocturns Stimme war nur ein Flüstern, als wolle er Blue nicht wecken:
„Er wurde von einem starken Licht am Kopf getroffen.“
„Ich wusste nicht, dass es uns auf diese Weise töten kann. So… langsam dahinsiechend.“
„Das Licht bietet den Engeln viele Arten uns zu töten. Einige dieser Arten gehen schnell, andere nicht. Es ist von der Menge abhängig, seiner Leuchtkraft und natürlich, wo sie uns treffen – und wie widerstandsfähig wir sind. Blue hatte Pech… und sonderlich widerstandsfähig ist er im Augenblick auch nicht. Seine Seele ist sehr geschwächt, weniger sein Körper.“
„Und wie willst du ihn retten? Das ist es doch, was du vorhast? Ihn retten?“ Youma sah nun zu Nocturn, aber dieser sah ihn nicht an. Seine Augen, nein, seine gesamte Konzentration lag auf Blue.
„Ich werde ihm beim Sterben zusehen.“