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Episode 86
  Episode 86: Die Weihe


Einen Monat später


Eine dunkle, aber dennoch schier heilige ungewöhnliche Aura erfüllte das Bildnis der jungen Hikari, die in völliger Dunkelheit gehüllt an einem Grab stand. Es war Brauch, den toten Bewohnern dieses Ortes mit einer Kerze die Aufwartung zu machen, aber die Hikari zog es wie bei ihren vorigen Besuchen vor, für ihr eigenes Licht zu sorgen, als wollte sie ihrem Bruder zeigen, dass sie diese Lektion gelernt hatte; als wolle sie ihm ihr Licht zeigen, welches in einer Kugel auf ihrer Hand lag. Sie war wieder in eines seiner Kleider gehüllt; ein langes, luftiges Sommerkleid, ganz in Dunkelblau, mit weißen Schmetterlingen verziert. Grey hatte dabei gelacht, als er ihr die Skizzen dafür gezeigt hatte – schau, ich hab mich von Inceres-no-danna inspirieren lassen!
Green seufzte, aber sie versuchte zu lächeln.
„Die Weihe findet bald statt, Onii-chan“, flüsterte Green.
„Meine… Weihe.“ Es war immer so schwer hier zu lächeln, aber sie gab sich Mühe. Sie wollte vor Greys Grab nicht trauern, wo die Blumen alle noch so schön blühten, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie hier abgelegt wurden und nicht vor einem Monat. Aber Green glaubte nicht, dass es ein Zufall war; sie hatte Ilang zwar nie hier gesehen, aber für so ein Wunder benötigte es schon die Hand eines Naturwächters… und Green konnte nur an einem Mittwoch den Friedhof aufsuchen und auch nur dann, wenn die Dämonen gnädig waren – und wenn die Dämonen das waren, dann kam es immer noch auf Shaginais Gnade an, ob sie den Mittwoch auch wirklich frei hatte.
Green horchte auf; nicht weil sie Schritte gehört hatte, sondern weil sie ein Licht in der Dunkelheit spürte. Ihr Kleid raschelte etwas, als sie sich herumwandte und den anderen Besucher sah, über welchen sie nicht überrascht war: es war Ryô, der sich auch hier unten in der Dunkelheit vor Green verbeugte, eine kleine Kerze tragend, in seiner hellultramarinen Uniform gekleidet.
Green lächelte ihn an, grüßte ihn aber nicht. Auch Ryô sagte nichts, ebenfalls nicht überrascht sie zu sehen; sie verabredeten sich zwar nie, Grey gemeinsam einen Besuch abzustatten, aber sie trafen sich dennoch oft hier, nie überrascht den anderen zu sehen und auch nie gestört vom anderen. Ryô stellte sich einfach zu ihr, genau wie Green es schon einmal getan hatte und sie schwiegen zusammen, im Schweigen ihre jeweiligen Worte an Grey richtend.
Eigentlich blieb Ryô immer länger als Green – offensichtlich hatte er von Ilang die Erlaubnis länger hier zu sein, aber Greens Termine waren da leider nicht so rücksichtsvoll, weshalb sie sich auch gerade von dem Tempelwächter verabschieden wollte, als dieser ihr jedoch seinen Arm anbot:
„Ah“, begann Green lächelnd:
„Du weißt davon?“
„Ja, Itzumi hat mir von Eurem Kampf gegen Lycram und Eurer Beinverletzung erzählt.“ Da Green tatsächlich eine Verletzung am Bein hatte, nahm sie Ryôs Arm an – ohnehin nahm sie ihn gerne an.
„Das hat ganz schön weh getan, kann ich dir sagen“, begann Green leicht grinsend, während sie auf die Treppe zusteuerten, nun geführt von Ryôs Kerze, denn Green hatte ihr Licht gelöscht.
„Es war aber nicht Lycram – dessen schreckliche Macho-Visage ich ernsthaft nicht mehr sehen kann! Drei Mal in einem Monat, der Typ spinnt doch! – sondern ein anderer aus seiner Horde. Ein Felsbrocken traf mich ziemlich übel und dann kam noch ein anderer angeflogen und… ah, ich erinnere mich nicht mehr gut. Jedenfalls stach mein Bein in die komplett falsche Richtung und ich glaube…“ Green brach ab, denn sie wollte Ryô nicht erzählen, dass sie in einem kurzen Moment meinte, sie hätte ihren Knochen herausstechen gesehen – das war ihr zu makaber. Sie wollte auch nicht gerne daran denken.
„Tinami war zum Glück in der Nähe. Ich bin so froh, dass sie in Elyssion ist! Sie hat gute erste Hilfe geleistet; Aores meinte, wenn Tinami nicht so schnell gehandelt hätte, hätte die Weihe wohl verschoben werden müssen.“
„Es geht Eurem Bein also wieder gut, Hikari-sama? Ihr scheint jedenfalls ohne Krücken gehen zu können.“ Green lächelte etwas gekniffen:
„Ich kann auch gehen, so ist es nicht. Es fühlt sich nur sehr betäubt an und kribbelt ganz komisch, als müssten die Knochen erst einmal nachwachsen.“ Wenn sie nur Knochenbrüche heilen könnte! Aber sie konnte leider mit ihrer Heilmagie nicht alles heilen; besonders keine Knochenbrüche. Leider hatte der vergangene Monat und all die Kämpfe, die sie ausgefochten hatte, ihr nur noch mehr gezeigt, dass die bald anstehende Weihe definitiv Not tat. Sie kannte keine Zahl, da sie sich Zahlen immer noch nicht merkte, aber sie hatte im vergangenen Monat sicherlich an gut 20 Schlachten teilgenommen… und in den letzten zwei Wochen drei Mal gegen Lycram, einen Fürsten. Green hatte zwar versucht, keine Angst zu zeigen, aber die Aura eines Fürsten alleine schon zu spüren war bedrückend: es war schwer, da einen kühlen Kopf und Entschlossenheit zu zeigen, wenn man selbst dachte, wie zur Hölle man jemals so einen Dämon besiegen sollte.
Aber sie lebte! Und die meisten von Elyssion ebenfalls. Die Quote war gut, auch wenn Green definitiv gerne mehr Schlaf hätte. Doch sie hatte das Gefühl, dass die ganzen Schlachten sich bezahlt machten; sie war stärker geworden. Nein, das war vielleicht nicht das richtige Wort: erfahrener war richtiger.
„Ich hoffe, Ihr achtet auf Euch selbst, Hikari-sama, und übernehmt Euch nicht.“ Wann immer sie mit Ryô, dessen Beisammensein sie so sehr genoss, zusammen war, fragte sie sich ihre Lieblingsfrage: warum war er nicht ihr Tempelwächter. Sie glaubte, dass jeder Tag besser sein würde, wenn sie morgens Ryôs Gesicht sah und nicht Itzumis.
„Ich versuche es. Ich muss ja auch fit sein für die Weihe.“
„Eigentlich war es nicht die Weihe, an die ich dachte.“ Das war Green klar: auch wenn Ryô nicht ihr Tempelwächter war, so hatte er irgendwie die Aufgabe übernommen, auf Green Acht zu geben; vielleicht an Greys statt. Sie konnte es auch jetzt spüren; er achtete ganz genau darauf, dass Green keine Beschwerden hatte, hielt sie gut fest, achtete auf sie. Ah, sie hatte Lust sich an ihn zu lehnen, aber sie wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen.
„Wie geht es Ilang?“, fragte Green stattdessen und versuchte immer noch zu lächeln, auch wenn sie nicht so gerne über ihre Fast-Schwägerin sprach. Sie würde sie ohnehin am nächsten Morgen bei der nächsten Besprechung sehen, denn auch wenn Ilang von den Kämpfen entbunden war, weil sie Greys Kind in sich trug, so nahm sie dennoch an den Sitzungen teil. Aber da sprach sie eigentlich nicht viel und es war ohne Zweifel, dass sie Greens Blicken auswich. Sie sah sie überhaupt nicht an und das obwohl Green schon ab und zu mal vor sie alle treten musste, um irgendein Wort der Hikari zu verkünden – die eigentliche Führung der Sitzungen hatte aber nun Shitaya übernommen, denn Green hatte ihm die Führung übergeben, ganz wie Kaira und Saiyon es ihr geraten hatten es zu tun.
„Sie ist gesund, aber niedergeschlagen. Soll ich Ilang-sama ausrichten, dass Ihr nach ihr gefragt habt?“ Ryô lächelte nicht mehr. Nun, Ryôs Lächeln war immer etwas versteckter als das von anderen, aber man sah es ihm schon an, wann er es tat und wann eben nicht; sein Gesicht war weicher, wenn er lächelte. Nun sah er ein wenig kalt aus, als wolle er nicht darüber reden und als gebe er Green nur eine Antwort, weil er es als Tempelwächter musste.
„Nein, schon gut. Ich sollte versuchen mit ihr zu sprechen, aber…“ Green lachte ein wenig in sich hinein, aber Ryô bemerkte, dass es ein leicht steifes Lachen war.
„… es ist gar nicht so leicht.“
„Ihr Herz ist sehr schwer, Hikari-sama.“ Sie traten hinaus ins Sonnenlicht, wo Ryô erst einmal blinzeln musste, denn das Sonnenlicht war grell an diesem herbstlichen Nachmittag. Green dagegen genoss das Sonnenlicht einfach und grüßte es.
„Es ist schwer, es zu erreichen und es liegt nicht an Euch, wenn es Euch nicht gelingt.“ Ja, wirklich, dachte Green, es tat so gut mit ihm reden. War sie alleine, dann überschlugen sich manchmal die Gedanken, auch die Schuldgefühle; sie hatte nicht immer vor Greys Grab gelächelt, sie hatte auch mal geweint – an diesen Tagen tat es besonders gut, wenn Ryô zufällig auch die Treppen herunterkam und bei ihr war.
Sie könnte auch mit Saiyon über ihre Sorgen reden; er hatte definitiv ein Ohr für sie, das wusste Green. Aber etwas hemmte sie und hinderte sie daran es zu tun: bei Ryô war sie frei und ungezwungen, denn Firey wollte sie nicht belasten, bei Pink musste sie aufpassen, was sie sagte und Silence war ab und zu etwas zu hart. Ihre Worte konnten auch weh tun.
Aber bei Ryô tat nichts weh: nur der Abschied schmerzte ein wenig.
Doch Green hatte Training mit Shaginai – von wegen freier Tag – dann eine Sitzung im Jenseits, wo sie erfuhr, dass der Termin für ihre Weihe nun feststand und dass sie es ihren Elementarwächtern mitteilen durfte, dann – kaum dass sie zurück war im Diesseits - wurde sie schon wieder zu einer Kampfzone in die Dämonenwelt gerufen. Dort sollte sie allerdings nicht kämpfen; sie sollte den Sanitätern bei der Versorgung der Verletzten helfen… und es war schon wieder oder sollte man lieber immer noch sagen - Lycrams Gebiet.
Green gab ihr Bestes, um mit dem schnellen Tempo der letzten Tage mitzuhalten und es war auch sie selbst gewesen, die lautstark dafür plädiert hatte, dass sie an den Schlachten in der Dämonenwelt teilnehmen sollte, aber manchmal wünschte sie sich, dass White geschickt werden würde, einfach damit sie mal ein wenig schlafen konnte. Aber der Bericht Reitzels hatte ergeben, dass die Unzufriedenheit der zum Teil stark traumatisierten Wächter sehr groß war, ebenso wie ihr Glaube, dass Green als ihre Hikari unfähig war sie durch den Krieg zu führen. Green sollte daher ins Rampenlicht der Schlachten geschoben werden – und die Weihe sollte ebenfalls dazu beitragen, dass Greens Popularität stieg. Reitzels Bericht über den seelischen Zustand der Wächter, besonders jener, die bei der Kriegseröffnung auf Min Intarsier gewesen waren, war ohnehin recht bedrückend – er rechnete mit einem Anstieg der Patienten und damit der kampfunfähigen Wächter um 5%.
„Man kann ausrechnen, wann jemand zusammenbricht?“, hatte Green Reitzel gefragt, als sie ihn zufällig im Sanctuarian getroffen hatte.
„Ja. Oder sagen wir eher…“ Er hatte etwas gezwungen gelächelt.
„… ich kann das ausrechnen.“ Reitzel war ja auch das Licht des Mitgefühls – und offensichtlich vertraute man seinen Worten, denn keiner der Hikari hatte seinen Bericht angezweifelt, als er ihn vor gut drei Wochen vorgelegt hatte; das einzige Mal bis jetzt, wo Green den Psychiater im Ratssaal gesehen hatte… er war auch gleich danach gegangen. Man mochte ihn wirklich nicht.
Green hatte nichts gegen Reitzel. Er war nett und wirkte so weich… und er konnte doch nichts dafür, dass der Bericht so negativ war. Es hatte ja schon immer große Verantwortung auf Greens Schultern gelegen; aber sie hatte sie noch nie so deutlich gespürt wie nach diesem Bericht. Hoffentlich würde die Weihe für die erhoffte Ablenkung, Motivation und Vertrauen in Greens Fähigkeiten sorgen…
Die Reaktion ihrer Elementarwächter, als Green am nächsten Morgen zuerst das Wort hatte, um zu verkünden, dass die Weihe in zwölf Tagen stattfinden würde, war allerdings gemischt:
„Na endlich“, urteilte Kaira und lehnte sich zufrieden in ihrem Stuhl zurück:
„Ich hatte schon befürchtet, dass es nie zustande gebracht werden würde.“ Doch sie war die einzige, welche sich erfreut darüber zeigte. Die anderen Mitglieder der Elementarwächter hielten sich eher bedeckt; Shitaya und Saiyon warfen sich diese typischen Blicke zu, die nur die beiden Brüder verstehen konnten; Yuuki wurde sofort nervös, sich wohl bewusst, dass er sich dabei nicht aus der Affäre ziehen könnte, während Ilang überhaupt nicht reagierte und Azuma interessierte sich nicht dafür; er runzelte nur die Stirn, genau wie Azura es tat.
Firey jedoch horchte auf, genau wie sie es getan hatte, als Green die Weihe bei der Trauerlichkeit zu Ehren Greys verkündet hatte und sofort spürte sie wieder eine große Anspannung in sich – die Weihe… davon hatten ihre Elementvorfahren gesprochen, als sie sich in Karous Labor befunden hatte, schwebend zwischen Tod und Wirklichkeit… Die Stimmen ihrer Elementvorfahren hatten ihr gesagt, dass Firey sie würde sehen können, wenn Green, ihre Hikari, die Weihe vollführte. Aber was genau war das? Dass Yuuki neben ihr sofort nervös wurde, bedeutete nichts Gutes und auch Green sah sie an, dass sie sich nicht ganz wohl dabei fühlte. Sie sah zwar entschlossen aus, aber… auch ein wenig nervös. Sie schien irgendetwas zu denken, was ihr Unbehagen bereitete – bis Azuma die Frage stellte, die eigentlich auch Firey auf der Zunge hatte.
„Was genau ist das eigentlich? Also diese Weihe? Und was sollen wir da machen?“ Gute Frage, dachte Green, gute Frage – doch sie kannte die Antwort nicht und da sie nicht dort stehen und „Keine Ahnung“ sagen wollte, beendete sie das Thema mit den Worten, dass sie das alle in zwölf Tagen erfahren würden.
Doch Firey wollte nicht so lange warten – und so stellte sie Yuuki nach der Besprechung sofort zur Rede, als sie, Azuma und er auf dem Weg zum Training mit Ignes waren.
„Ich weiß auch nicht mehr als ihr.“ Verächtlich schnaubte Azuma und erwiderte:
„Wenn du nicht mehr weißt, warum bist du dann so kreidebleich und antwortest so kurz angebunden?“ Einen kurzen Augenblick lang sah Firey nervös vom einen zum anderen als fürchtete sie, sie könnten wieder aneinandergeraten, doch auch wenn Azumas Schnauben provozierend aufgefasst werden konnte, wählte Yuuki, es nicht auf diese Weise zu interpretieren. Er schwieg eine kurze Weile, während sie durch die Korridore des Tempels schritten, bis Yuuki plötzlich stehen blieb.
Mit Erwartung taten Azuma und Firey es ihm gleich, denn beide erhofften sich nun aus verschiedenen Gründen eine Erklärung über die Weihe. Fireys Neugierde entsprang ihrer Sorge um Yuuki, aber auch den Worten ihrer Vorfahren, während Azuma die ganze Weihe-Sache zunehmend interessanter fand, wie ein Kind gierig nach irgendwelchen unheimlichen Geschichten – dass diese Geschichte unheimlicher war, als er dachte, würde ihm bald bewusst werden.
Doch Yuuki gab nicht sofort eine Antwort. Gedankenverloren starrte er ins Nichts, doch als Firey seinem Blick folgte und sich herum wandte, sah sie, dass er nicht ins Nichts starrte – er starrte ein großes Gemälde an.
Sie waren diesen Weg schon oft gegangen, da es der schnellste Weg zum Teleportationspunkt war, doch noch nie hatte Firey diesem Gemälde Aufmerksamkeit geschenkt und auch Yuuki hatte es nie, da es nur eines von vielen Kunstwerken des Tempels war, das die Hikari und deren Licht huldigte. Aber nun sahen sie es beide an; das Gemälde eines Hikari, wer wusste sie nicht, aufsteigend, wie ein Phönix aus der Asche – nur dass die Asche aus den Farben der Elemente bestand, als würden diese dem Hikari neue Kraft und neues Leben geben. Firey fand an dem Bild nichts Beunruhigendes, auch wenn sie das verschwommene, beinahe verzerrte Gesicht der Hikari nicht sonderlich mochte; Yuuki jedoch schien es nervös zu machen.
„Ist es nicht beunruhigender Nichts zu wissen?“, flüsterte Yuuki, als fürchtete er seine Worte wären ketzerische Blasphemie. Es gelang Azuma und Firey jedoch nicht darauf zu reagieren, denn hastig, von einem plötzlichen Geistesblitz getroffen, wandte der Illusionswächter sich herum, was seine beiden Freunde ihm schnell nachmachten, obwohl sie keine Ahnung hatten, was plötzlich in ihn gefahren war.
„Wir haben noch ein wenig Zeit bis zum Training“, erklärte Yuuki sich natürlich der Verwirrung der beiden bewusst:
„Ich will euch deshalb etwas zeigen.“ Ohne eine weitere Erklärung zu geben, folgten seine verwirrten Mitstreiter ihm quer durch den Tempel, bis sie in der Bibliothek ankamen, wo sich zu dieser Tageszeit mehrere Wächter aufhielten, vertieft in ihre Lektüre. Yuuki schlängelte sich durch die Bücherregale, vermied es von jemandem gesehen zu werden, bis sie eine abgelegene, von Bücherregalen geschaffene Ecke fanden, wo sie mit Sicherheit niemand bemerken würde. Dort an dem vom Licht gebadeten Ort angekommen, beorderte er sie nun beide dazu, am Tisch Platz zu nehmen und sich nicht vom Fleck zu bewegen – und schon verschwand er zwischen den Bücherregalen.
„Sag mal, was ist denn in den gefahren?“, fragte Azuma deren Teammitglied skeptisch hinterher blickend. Firey antwortete darauf nicht, denn obwohl sie ebenfalls über Yuukis Verhalten verwirrt war, schob sie die Gedanken an die Weihe für einen Augenblick beiseite:
„Azuma, ich muss mit dir über etwas reden.“ Sofort hatte auch der Erdwächter alle Gedanken um Yuuki beiseitegeschoben: breit grinsend wandte er sich sofort Firey zu, den ernsten und fast strengen Tonfall ihrerseits wohl taktisch überhörend.
„Was gibt es denn, Fireyskat? Ich bin ganz Ohr!“ Er grinste immer noch, obwohl ihm Fireys strenger Blick nicht entging:
„Entschuldige dich bitte endlich bei Yuuki.“
„Für was soll ich mich denn entschuldigen?“ Fireys Augen verengten sich weiter:
„Du weißt genau, was ich meine.“ Noch bevor sie diese anklagenden Worte ausgesprochen hatte, war ihr klar, dass Azumas Verwunderung ehrlich gemeint war und er tatsächlich nicht wusste, was sie gemeint hatte. Tief seufzte sie, ehe sie fortfuhr:
„Ich meine das am Friedhof. Das was du ihm gesagt hast. Ich finde, das solltet ihr endlich aus der Welt schaffen… es scheint Yuuki zu belasten.“
„Ach! Du meinst, dass er ein heuchlerischer Feigling ist?“
„Unter anderem.“
„Aber das stimmt doch.“
„Auch wenn es stimmt, Azuma, so etwas sagt man nicht. Wir sind doch Freunde! Du hast seine Gefühle verletzt und solltest dich dafür entschuldigen.“
„Männer entschuldigen sich nicht.“
„Bei mir entschuldigst du dich fast täglich.“
„Du bist ja auch kein Mann, neee?“
„Was hat das damit zu tun?“
„Wenn er ein Problem damit hat, muss er direkt zu mir kommen. So regeln Männer das. Dann prügeln wir uns und die Sache ist gegessen.“
„Ich glaube hier nicht. Ich glaube, du hast ihn wirklich verletzt.“
„Fireyskat, es macht dich wirklich noch niedlicher, dass du besorgt bist, aber wenn es Yuuki so sehr verletzt die Wahrheit zu hören, dann ist es nicht an mir, mich zu entschuldigen. Dann ist es an ihm etwas an der Tatsache zu ändern, dass er ein Feigling ist. Ich meine, die Schlacht vorgestern… hast du Yuuki da gesehen? Ich nicht.“ Firey wusste, dass er Recht hatte, auch wenn sie sich das nicht gerne eingestehen wollte, weshalb sie auch schwieg, denn sie gab Azuma nicht gerne Recht. Sie musste ihm auch keine Antwort geben, denn in diesem Moment kam Yuuki zurück, bepackt mit drei großen Büchern, die golden und silbern in der Morgensonne funkelten, als wären die Verzierungen der wertvollen Bücher Edelsteine.
Ein wenig besorgt blickte Firey zu dem hochgewachsenen Wächter, als fürchtete sie, dass er womöglich etwas von deren Gespräch mitbekommen hatte; wenn er es allerdings hatte, dann reagierte er nicht darauf. Stattdessen verteilte er alle drei Bücher vor ihnen.
„Das sind ja alles Lexika“, stellte Firey fest, als sie das alte Lexikon vor sich in die Hände nahm. Yuuki nickte daraufhin, das augenscheinlich älteste der drei vor sich liegen hatte:
„Firey hat recht, das sind alle drei Lexika, allerdings sind sie unterschiedlich alt. Das hier…“ Er zeigte auf sein eigenes:
„… Ist schon, naja ich schätze 700 Jahre alt. Das, was Azuma hat, ist erst letztes Jahr gedruckt worden und Fireys im letzten Jahrhundert. Ihr fragt euch jetzt sicherlich, was ich damit bezwecke – eine gute Frage, worauf die Antwort folgen wird, sobald ihr bitte beide unter „Weihe“ aufschlagt, genau wie ich es tun werde.“ Azuma und Firey warfen sich einen verwunderten Blick zu, taten jedoch wie geheißen und blätterten beide in deren jeweiligen Lexikon, durch vielerlei magische Begriffe, Orte in der Dämonenwelt, Fürsten und Hikari auf der Suche nach der „Weihe“. Yuuki, welcher sich das älteste Buch zugeteilt hatte, hatte die Seiten mit Vorsicht herumgeblättert, um sie nicht zu beschädigen und fand dennoch am Schnellsten zu dem gewünschten Begriff, während Firey als zweite folgte und Azuma als drittes. Als alle drei Bücher aufgeschlagen vor ihnen lagen und sowohl Firey als auch Azuma die Erklärung zum Begriff gelesen hatten, sahen sie beide auf: verwirrt. Denn sie verstanden nicht, worauf Yuuki hinauswollte.
„Was steht bei euch?“, fragte der Illusionswächter angespannt, beide Arme auf dem Mahagonitisch abstützend. Azuma ließ Firey den Vortritt und die Feuerwächterin las vor:
“Die Weihe ist eine festliche Begebenheit stattfindend an dem Tage, an welchem der Erbe des Lichtes sein siebzehntes Lebensjahr erreicht. Durch die Weihung wird der Erbe mit dem Beistand der Elemente zum uneingeschränkten Regime-Führer und erreicht eine völlige Vereinigung mit dem Licht.““ Kaum hatte Firey fertig vorgelesen, begann Azuma zu lachen:
„Na, besonders einfallsreich sind sie ja nicht gewesen, denn bei mir steht genau das gleiche.“ Schnell wurde beiden klar, dass Yuuki das alles andere als witzig fand; seine Antwort zurückhaltend starrte er auf sein eigenes Buch hinab und sagte nach einer kurzen Weile:
„Bei mir steht ebenfalls genau das gleiche. Es ist genau dieselbe Wortwahl. Versteht ihr, was das bedeutet?“
„Nö.“ Azuma klappte sein Buch zu, ehe er seine Arme vor seiner Brust verschränkte und sich auf der Bank zurücklehnte, sichtlich desinteressiert; alles andere als Firey. Sie konnte Yuuki zwar nicht so recht folgen, aber genau wie er spürte auch sie eine gewisse Unruhe in sich. Anstatt wie Azuma das Buch zuzuklappen blickte sie noch einmal auf die alten Seiten herab, welche so schön mit kleinen Malereien dekoriert waren, um die jeweiligen Begriffe verständlicher und bildlicher zu erklären. Wenn sie sich das Lexikon genauer ansah und die Seiten durch ihre Finger blättern ließ, sah sie deutlich, dass die Verfasser des Lexikons sehr viel Arbeit in Details hineingesteckt hatten; die Einträge waren alle sehr lang und ausführlich…
Firey blickte auf und Yuuki bemerkte, dass sie ihm langsam folgen konnte. Er deutete ein sachtes Nicken an, ehe er sich vorlehnte, das Lexikon dabei von sich wegschiebend.
„Mein Vater…“, begann Yuuki langsam, während er seine Hände aneinander rieb, als wäre ihm plötzlich kalt:
„… war der Elementarwächter der Illusionen von White-sama und als solcher nahm er auch teil an der Weihe, obwohl er auf der anderen Seite noch zu jung war für das Schlachtfeld und daher nur auf dem Papier Elementarwächter war. Doch sein Alter spielte für die Weihe keine Rolle. White-sama vollführte die Weihe ungewöhnlicherweise schon als sie 11 Jahre alt war… anscheinend wünschte man sie sich schon sehr früh als Regime-Führerin, aber das rate ich nur, ich kenne keine Details. Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater erst 6 Jahre alt und dennoch… dennoch nahm er teil an der Weihe und konnte mir trotz seines geringen Alters felsenfest sagen, dass es das wichtigste Ereignis in seinem gesamten Leben gewesen sei. Als ich fragte, was genau die Weihe eigentlich sei, was dabei mit einem geschehen würde, schwieg er. Als Kind akzeptierte ich es und fragte nicht nach. Als ich allerdings älter wurde fragte ich noch einmal und dieses Mal pochte ich auf eine Antwort. Ich erhielt auch eine: er wisse es nicht.“ Schweigend blickte Yuuki vom einen zum anderen; Azuma mit skeptisch erhobenen Augenbrauen, Firey mit leichter Besorgnis langsam die Tragweite seiner Worte verstehend.
„Findet ihr das nicht auch merkwürdig?“
„Was? Dass dein Alter sich nicht an etwas erinnern kann, als er 6 war? Ich kann mich nicht an etwas erinnern, was gerade mal ein Jahr zurückliegt! Das ist doch nicht merkwürdig“, erwiderte Azuma und schien so langsam von dem Thema genervt zu sein, anders als Firey, die Yuuki um eine Erklärung bat:
„Alle sagen, dass es das wichtigste Ereignis in dem Leben derer ist, die teilnehmen dürfen. Also der Lichterbe und seine Elementarwächter, aber niemand, absolut niemand, kann sich daran erinnern und dennoch sind sie alle so überzeugt davon, dass es das wichtigste in ihrem Leben war? Und wenn es so wichtig ist, warum gibt es keine Aufzeichnungen? Keine Erklärungen oder Beschreibungen? Alles in diesen Lexika ist ausführlich beschrieben: lass uns zum Beispiel „Hochzeit“ nehmen. Drei Seiten nimmt dieser Begriff ein und der Ablauf einer traditionellen Hochzeit ist bis ins kleinste Detail beschrieben! Aber die so wichtige Weihe ist es nicht. Über mehr als 700 Jahre hinweg gab es keinerlei Abweichung in der Definition der Weihe; die Verfasser haben einfach bei der vorigen Version abgeschrieben. Warum? Weil sie es nicht besser wussten. Weil es keine Informationen gibt… und dennoch wird sie in jeder Generation abgehalten und hinterlässt jedes Mal aufs Neue einen enorm bleibenden Eindruck auf die Teilnehmer. So bleibend, dass sie meinen, es wäre das Wichtigste in ihrem Leben. Ohne sich bewusst daran erinnern zu können ist es ihnen wichtiger… als alles andere.“ Deutlich war zu sehen, dass nun nicht nur Firey das ganze ziemlich merkwürdig fand, sondern auch bei Azuma der Groschen gefallen war. Nach wie vor war er skeptisch und alles andere als nervös, doch interessiert war er nun: er lehnte sich wieder vor, legte seine Arme auf den Tisch und antwortete:
„Wenn du es schon so merkwürdig findest, dann hast du doch sicherlich schon eine Idee, was dahintersteckt.“ Langsam und vorsichtig klappte Yuuki sein Buch zu, womit das Schlucken seines Kloßes unterging.
„… Irgendetwas geschieht während der Weihe mit uns. Irgendetwas, das so wichtig ist, aber auch so… erschütternd, dass wir mit dem Wissen nicht weiterleben können. Aber in einer Woche werden wir es erfahren. Nur fürchte ich, dass wir uns nicht besonders lange über dieses Wissen werden erfreuen können.“


Auch Green war zu dem Schluss gekommen, dass sie erst einmal mehr über die Weihe herausfinden musste; sie hatte sie nun zwar definitiv eingeleitet und würde sie auch durchführen, aber so ganz geheuer war ihr das Ganze dann doch nicht. Anders als Yuuki zog sie allerdings keine Lexika zu Rate; immerhin hatte sie das beste Lexikon, was man irgendwie finden konnte: Silence. Doch als diese endlich und zum Glück vor Saiyon am Abend desselben Tages bei Green auftauchte, wurde die Hikari schnell enttäuscht:
„Ich würde dir gerne mehr sagen können, aber ich kann es nicht.“ Dass Green davon alles andere als überzeugt war, war ihr deutlich anzusehen:
„Nun komm schon, Silence“, hakte die Hikari nach und erhob sich grinsend von der Couch, wo sie bis jetzt gesessen hatte:
„Du weißt doch alles, also-“
„Das fasse ich als Kompliment auf, aber das weiß ich wirklich nicht.“ Das eigentlich recht überzeugte Grinsen auf Greens Gesicht verschwand und sofort setzte sie sich wieder hin. Was zur Hölle war das, wenn selbst Silence ihr nichts sagen konnte?
„Sag mir nicht, dass selbst du von diesem merkwürdigen Amnesie-Zauber befallen bist.“ Silence schüttelte den Kopf, sich schwebend auf den Schreibtisch der Hikari setzend, ohne dabei die auf dem Tisch verteilten Papiere und Dokumente irgendwie zu knicken oder anderweitig in Mitleidenschaft zu bringen.
„Nein, das bin ich nicht, ich gehörte schließlich nie zu den Teilnehmern. Natürlich hat mich so eine enorm alte Tradition wie die Weihe immer interessiert… Hikaru ist es immerhin, die sie ins Leben gerufen hat, aber Tatsache ist, dass auch ich dir nicht mehr erzählen kann als das. Zum Zeitpunkt der Weihe ist so viel Lichtmagie auf einen Punkt konzentriert, dass ich mich wegen meiner dämonischen Abstammung Sanctu Ele’saces nicht nähern kann, obwohl ich tot bin. Dort wird nämlich die Weihe abgehalten, nicht im Tempel wie du sicherlich angenommen hast.“ Green deutete ein leichtes Nicken an, denn sie hatte tatsächlich geglaubt, dass die Weihe im Tempel abgehalten werden würde, weil… nun einmal so gut wie alles im Tempel stattfand.
„Ich muss eingestehen, dass mich die Weihe sogar so sehr interessiert hat, dass ich mich so manches Mal ein wenig in die Seelen der neugeweihten Hikari eingenistet habe, aber das hat mir leider auch nicht sonderlich weitergeholfen.“
„Also vergessen sie es wirklich alle…“, erwiderte Green nachdenklich, während sie ihr betäubtes Bein massierte.
„Oder die Erinnerung ist mit einem extremen Zauber versiegelt; das kann auch sein.“
„Aber es ist niemand gestorben, oder?“ Silence antwortete nicht, was Green sofort nervös machte: nervöser als sowieso schon, was Silence ihrem Medium deutlich ansah. Dennoch gab sie ihr erst nach mehreren schweigenden Minuten eine Antwort:
„Nein, es ist niemand gestorben. Aber, Green, warum fragst du mir Löcher in den Bauch und nicht deinem ach so knuffigen Inceres? Er weiß es sicherlich. Ansonsten wäre er wohl kaum so vehement dagegen gewesen, dass du die Weihe vollführst.“ Dieses Mal schwieg die Hikari und Silence erhielt einen kurzen Einblick in ihre Gedanken, in welchen sie Inceres aufgelöste Stimme hörte, zusammen mit dem ernsten Blick, als er es ihr verbieten wollte.
„Ich weiß es nicht. Ich glaube einfach… ich sollte bei ihm nicht mehr darin herum bohren. Ansonsten bringt er mich wirklich noch davon ab.“ Eine Antwort darauf erhielt Green nicht, denn in diesem Moment kehrte ein erschöpfter Saiyon vom Training mit seinem Bruder zurück – Green hätte die Antwort von Silence sicherlich auch nicht hören wollen, denn die Yami war genau wie Inceres nicht davon überzeugt, dass es eine gute Idee war, Green weihen zu lassen. Anders als Inceres konnte sie jedoch nicht sagen warum; es war einfach ein ungutes Gefühl und bis jetzt hatte ihr Gefühl sie noch nie in die Irre geführt. Vielleicht aber reagierte sie nur allergisch, weil die Weihe im direkten Zusammenhang mit Hikaru stand und Silence ihr einfach nicht zutraute, dass sie tatsächlich so strahlend war, wie das glorifizierende Gemälde über Greens Sofa sie darstellte.
Und jede Verbindung zwischen Hikaru und Green…
Silence starrte finster das lächelnde Kindergesicht an, während Saiyon sich nach Greens Befinden erkundigte.
… war eine schlechte Verbindung.