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FanFiction
  No more Tears
by JunAkera

Stille.
Dunkelheit.

"Green-chan!"
Hatte ich mich verhört?
Ich spitzte meine Ohren.
"Green-chaaan!"
Da war es wieder! Oder besser gesagt: da war sie wieder… diese Stimme!
Diese Stimme, die meinen Spitznamen rief…
Mit dieser Wärme und Freude…

Wie ich es vermisst hatte!

"Green-chan?"

Wie ich ihn vermisst hatte!

Ich spürte direkt wie es unter meinen Augenlidern zu brennen begann und noch bevor ich meine Augen schlussendlich öffnen konnte, hörte ich seine Stimme ein weiteres Mal:
"Hey! Jetzt wird nicht geschlafen!"
Aus seiner Tonlage heraus nahm ich bereits wahr, wie fröhlich er war, und als sich nun wirklich das Schwarz vor meinen Augen lichtete, und helles, schönes Blau meinen Blick gefangen hielt, hörte ich das mir so bekannte Lachen des Rothaarigen.
"Wie kannst du nur ans Schlafen denken, wenn du weißt, dass du mit dem charmantesten und gutaussehendsten Jungen der Welt gleich Eis essen gehen kannst?!"
Mein Gesicht drehte sich den Worten entgegen. Das Blau, das sich als strahlender Frühlingshimmel herausgestellt hatte, wich in den Hintergrund meiner Aufmerksamkeit, als ich das schlanke, schöne Gesicht vor mir sah - umrahmt von seinen roten, langen Haaren.

Sibi…?
War er es wirklich?
Langsam verebbte sein herzliches Lachen und er öffnete die Augen, sein Blick direkt in mein Gesicht gerichtet.
Seine Augen waren rot… Allerdings spiegelten sie nicht das kalte und harte Rot wieder, wie es sich in meine Erinnerung gebrannt hatte. Es waren die Augen, die ich zu Anfang unserer Freundschaft kennen- und lieben gelernt hatte.
Dieses Rot konnte strahlen, Freude und vieles mehr schenken.

Und ich erkannte ihn.
Ich erkannte ihn wieder.
Er war es wirklich!
Siberu!

Ich realisierte erst, als sich das Nass aus meinem Auge löste und meine Wange entlang lief:
Ich weinte…
Ich weinte vor Freude…
Freude, dass er da war… hier bei mir!

Auch Siberu hatte die Tränen sofort bemerkt und sein lächelndes Gesicht verblasste nun ganz.
"Green-chan? …warum - weinst du denn?"
So impulsiv wie ich ihn kannte, überwand er die letzte Distanz zwischen uns und umarmte mich herzlich, drückte mich an sich - so sehr, dass ich sein Herz an meinem Ohr hören konnte, und ich schloss selig die Augen.
Ich spürte die Wärme, die ich früher so oft gefühlt hatte.
Ich roch das Parfum, das mich für immer an Siberu erinnern würde.
Und ich spürte die Arme, die mich fest, aber dennoch zärtlich hielten.

"Mir… geht es gut, Siberu…" bekam ich gerade mal so über die Lippen, bevor sich ein riesiger Klos in meinem Hals bildete.
"'Siberu'?" Ungläubig starrte er mich an, als er seinen Namen wiederholte und mich etwa zehn Zentimeter von sich wegdrückte. "Für dich heißt es 'Sibi', verstanden?" Fast schon beleidigt ließ er seinen Kopf etwas nach vorn fallen, sodass sein dichter Pony seine Augen bedeckte.
"Sibi…" flüsterte ich, während mein Blick auf die roten Strähnen gerichtet war.

Der Name lautet Sibi…
Nicht Silver…

Ich bin so glücklich…


"GENAU!!" So traurig wie eben noch Siberus Kopf nach unten gesunken war, so gegensätzlich grinsend schoss dieser jetzt wieder nach oben und strahlte mich wieder an. Langsam hob er seine linke Hand an. Sein langärmliges Oberteil rutschte etwas in die Armbeuge und offenbarte Narben am Handgelenk, an die ich mich nur zu gut erinnern konnte… Meine Aufmerksamkeit fand allerdings schnell zu meinem besten Freund zurück: Siberus warme Hand strich über meine Wange, beseitigte die Nässe darauf.
"Und dir geht es wirklich gut?"
Ich nickte lächelnd.
"Du glaubst gar nicht, wie gut es mir gerade geht!"
Wieder lächelte Siberu etwas mehr, bevor er meinen Blick losließ, direkt an mir vorbei schaute und einen Punkt fixierte.
"Vielleicht sollte dich Gary trotzdem lieber nach Hause bringen!"
Und da war er.
Der Name, der mein Herz schneller schlagen ließ als alles andere.

Gary…
Nicht Blue…


Und kaum hatte der Name Siberus Mund verlassen, spürte ich die Präsenz der Person direkt hinter mir.
Er war hier.
Zusammen mit Siberu und mir.
Wir drei waren zusammen - wieder vereint.
Abermals überschwemmten mich die Gefühle und auch wenn Siberus Hand noch immer an meiner Wange lag, so konnte sie die Tränen, die sich nun aus meinen Augen lösten, nicht alle aufhalten und sie tropften schlussendlich auf Siberus Hand, rollten seine Haut entlang, bis sie sich an der schrecklichen Narbe verloren.
Wie als wäre dies der ausschlaggebende Punkt gewesen, löste der Rothaarige seine Hand von meiner Haut, ergriff dafür aber sofort meine Finger, um mich problemlos auf die Beine zu ziehen. Ohne weitere Worte, aber mit seinem typischen Grinsen, drehte er mich schwungvoll in die Richtung, in der sein Bruder stand.



Im ersten Moment verspürte ich starke Angst.
Was würde geschehen, wenn mich nicht das erwarten würde, auf das ich hoffte?
Mein Kopf… Meine Gedanken schrien in mir buchstäblich die Erinnerungen wieder ans Tageslicht.

Doch all das verblasste schneller als es gekommen war…

Es waren keine roten Augen, die meinen Blick letztendlich trafen und mich behutsam musterten…

Dunkelgrün, sanft und so vertrauensvoll wie ich sie in Erinnerung hatte.
Nichts hatte sich verändert.
Ich spürte instinktiv, was hinter diesen Augen vor sich ging, konnte in seinen Augen seine Gedanken lesen und ich erkannte an seinem Blick, dass er ebenfalls wusste, wie es in mir selbst aussah.

Es war schwer mich selbst zurückzuhalten, um nicht sofort auf ihn zuzulaufen und ihn zu umarmen.

Ich wollte bei ihm sein.
Ich wollte ihn spüren.
Und ich wollte mich in seinen Augen verlieren - und nie wieder zurückfinden.

Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, dass sich der Dritte in unserem Bunde langsam zurückzog. Er lief einige Schritte weg…
Ich hatte Angst ihn wieder zu verlieren, daher wandte ich meinen Blick kurz dem Rothaarigen zu, der nun mit dem Rücken zu uns stand, mehrere Meter von uns entfernt.
Es schien, als habe er die Arme ausgestreckt. Nein, nun sah ich es deutlicher: er umarmte Jemanden. Ich konnte vor Siberu einen roten Schopf ausmachen und kurz wehte ein langer, geflochtener Zopf mit dem Wind um die Wette, ehe sich die Arme des anderen Rotschopfes um Siberus Körper legten und sich die feinen, dünnen Finger in das Oberteil des Halbdämonen klammerten.

Ich lächelte aus einer tiefen Erleichterung heraus und spürte erst im nächsten Moment, dass Garys Aura näher gekommen war. Sofort glitt mein Blick wieder zu ihm und abermals beschleunigte sich mein Herzschlag, als ich ihn ebenfalls lächeln sah. Wie zuvor Siberu hob er die Hand und legte sie sanft auf meine Wange, strich mir die aufgekommenen Tränen weg.
"Du musst nicht mehr weinen, Green."

Seine Worte befreiten meinen angespannten Körper.
Seine Stimme ließ tausende Schmetterlinge in meinem Inneren zurück, die wildes Bauchkribbeln zur Folge hatten.
Seine Berührung ließ mich all das vergessen, was ich vergessen wollte.

Endlich.
Endlich fühlte ich mich wieder ganz.
Er war wieder an meiner Seite.

Um seine Berührung stärker zu fühlen, schloss ich meine Augen und beugte mich seiner Hand etwas entgegen. Ich spürte die Wärme seiner Haut auf meiner.

"Endlich…" flüsterte ich leise und gerade als ich wieder meine Augen aufschlug, legte sich Garys zweite Hand an meine andere Wange, kam mir die letzten zwei Schritte entgegen, die uns voneinander getrennt hatten.

"Gary…" begann ich, doch mein Gegenüber schüttelte leicht mit dem Kopf:
"Sag' nichts, Green…"
Seine Stimme war leiser geworden und sein Blick noch zärtlicher.
Ich hatte das Gefühl auf Watte zu stehen, meine Beine begannen zu zittern, als mir bewusst wurde, was hier gerade geschah. In Zeitlupe schloss ich meine Augen, bis zuletzt meinen Blick auf seine grünen Augen geheftet.
Die Dunkelheit umhüllte mich wieder, aber sie war warm, angenehm und ich fühlte mich wohl, weil ich wusste er war da…

"Green…"

…war er das wirklich?

"Green, ich…"

Ich begann zu zittern.

"Ich liebe dich!"


Stille…
Dunkelheit…


Es war weg…
Die Wärme, die mich gerade noch umgeben hatte, war verschwunden.
Einfach so.
Zurück blieb mir nur noch die Kälte.
"Gary?" flüsterte ich leise und erstickt in die Dunkelheit hinein.
Alles war weg.
"Sibi?"

Ein Keuchen entfuhr mir, als ich es realisierte.

Meine Augenlider blinzelten mehrere Male. Licht sammelte sich in meinen Pupillen, zu viel Licht für ein normales, menschliches Auge, aber nicht für mich…
…nicht für eine Hikari…

Minutenlang lag ich einfach nur auf meinem Bett, ohne jegliche Bewegung oder Regung. Doch in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken und schon bald fing es hinter meiner Stirn an zu pochen. Aber ich spürte es kaum, denn die Schmerzen, die von meinem Herzen ausgingen waren weitaus schlimmer und rissen mich langsam von innen auf.

Wie sagte man umgangssprachlich? "Träume sind Schäume"
Wunschdenken…
Nichts weiter…

Tief in meinem Innersten wünschte ich sie mir an meine Seite.
Immer noch…

Aber…

Sie waren nicht mehr da…

Nein…
Falsch…
Sie waren es nie gewesen!

Gary…
…und Siberu
Sie existierten nur für diesen Auftrag.
Dies war der einzige Grund.
Beide hatten es doch letztendlich bestätigt…

Ich musste mich der Wahrheit stellen.
Ein weiteres Mal.

Es tat weh…

Und es würde noch lange dauern bis diese Schmerzen gänzlich verschwinden würden.

Aber ich würde nicht aufgeben!
Niemals!
Und ein weiteres Mal verschloss ich "Green Najotake" tief in meinem Innersten, um als Kurai Yogosu Hikari Green in einen neuen Tag zu starten.

Während ich diesem Gedanken noch ein wenig nachhing, versuchte ich die Struktur der weißen Decke zu folgen.
Der weißen Decke meines großen Zimmers im Tempel.

Der Tempel - meinem Zuhause.
Meinem einzigen Zuhause.

…denn es hatte niemals wirklich ein anderes Zuhause gegeben.