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FanFiction
  The last Night
by Mona-Kaiba

Firey hatte gerade ihren Zopf gelöst, so dass ihr ihre langen roten Haare in sanften Wellen über die Schultern fielen, als es an der Haustür klingelte. Überrascht stellte die Feuerwächterin die Musik leiser, die sie angestellt hatte, um sich von all dem abzulenken, an dass sie ständig denken musste, seit sie wusste, dass der Krieg zwischen Wächtern und Dämonen morgen beginnen würde.

Nun aber, lenkte sich ihre Aufmerksamkeit auf die Tür, denn es war schon reichlich spät und daher konnte sie sich auch beim besten Willen nicht vorstellen, wer sie jetzt noch besuchen kommen würde. Außerdem war sie heute Nacht ganz alleine Zuhause. War es da ratsam, einfach so zu öffnen?

Wiederrum, was konnte ihr schon passieren? Sie war immerhin eine Feuerwächterin. Wenn ihr jemand etwas tun wollen würde, würde sie sich schon zu wehren wissen und wenn ein Dämon vor ihrer Tür stehen würde, würde der ja sicher nicht klingeln.

Also ging Firey in ihrem roten Nachthemd hastig von ihrem Zimmer aus in den großen Flur um die Tür zu öffnen, an der es mittlerweile schon ein zweites Mal geklingelt hatte. Wiedererwartend, stand tatsächlich ein Dämon vor der Schwelle ihres Hauses, allerdings nur ein vergleichsweise eher harmloser Halbdämon. Wobei... harmlos konnte man auch nicht unbedingt sagen. Firey hatte seine Kräfte schon zu spüren bekommen und konnte daher aus eigener Erfahrung sagen, dass er jemanden problemlos mit einem Schlag töten konnte. Aber sie bezweifelte, dass das im Moment seine Absicht war, immerhin würde er dazu in Zukunft noch genug Zeit haben.

"Siberu...", stammelte die junge Feuerwächterin überrascht über den Besuch des Halbdämons und ärgerte sich im nächsten Moment darüber, denn immer wenn sie seinen Namen nannte, konnte man deutlich heraushören, was sie dabei empfand. Wobei ihre verbotenen Gefühle nun, nachdem sie von dem Krieg wusste, nicht mehr das Einzige waren, was in ihrer Stimme mitschwang. "Was willst du denn hier?" Dieses Mal klang sie wieder wesentlich gefasster, fast schon wieder so wie sonst - typisch genervt von seiner bloßen Anwesenheit.

Genervt war sie zwar nicht wirklich, aber reichlich verwundert. Sie hätte erwartet, dass er, als jemand der sich sicher darüber freute bald ein paar Wächter niedermetzeln zu können, schon in seiner Welt sein und sich auf den nächsten Tag vorbereiten würde. Vielleicht mit Training? Vielleicht mit Entspannung? Vielleicht mit einer Frau? Einer hübschen Dämonin, die ihm nicht zu flach war?

Firey schüttelte innerlich über sich selbst den Kopf. Was dachte sie da schon wieder? Er war ein Dämon! Ihr Feind! Es sollte ihr egal sein, was er mit anderen Frauen tat. Aber es war ihr nicht egal. Nein, es gehörte eher zu all den Sorgen, die neuerdings ihren Verstand vernebelten und kaum andere oder gar schöne Gedanken zuließen. Es war zum verzweifeln, wie alles andere im Moment auch.

Siberu trat ungebeten ein, ohne irgendetwas zu sagen, oder wenigstens eine Begrüßung anzudeuten. Ganz offensichtlich war er angespannt, vielleicht sogar nervös. Allerdings nicht wegen seinem Besuch bei Firey, sondern wegen dem morgigem Tag, dem er lange nicht so sehnlichst entgegen blickte, wie viele glaubten. Doch deswegen war er nicht hier, nicht direkt jedenfalls. Oder doch? Ja, vielleicht schon. Vielleicht war er hier, um sich von all diesen undämonischen Gedanken in seinem Kopf abzulenken. Aber wieso suchte er dazu ausgerechnet die Feuerwächterin auf? Er wusste es nicht.

Doch. Eigentlich wusste er es ganz genau. Er wollte sie sehen, noch einmal. Ein letztes mal, bevor der Krieg begann, der sie zu erbitterten Feinden machen würde. Aber das würde er niemals zugeben, nicht vor ihr und auch vor niemand anderem. "Ich war in der Gegend und dachte mir, ich muss doch meine flache Lieblingsfeuerwächterin noch einmal ärgern, bevor es ernst wird", meinte er daher und freute sich innerlich, über seine eigene Genialität, denn wirklich gelogen war das was er gesagt hatte ja nicht, es war eben nur auch nicht die ganze Wahrheit.

Fireys Miene verfinsterte sich augenblicklich. Das er sie ‚meine Lieblingsfeuerwächterin' genannt hatte, nahm sie keinesfalls als irgendetwas Positives auf und dass er nur gekommen war, um sie ein letztes Mal zu ärgern, schon gar nicht. Es war zwar nicht so, dass sie wirklich etwas anderes erwartet hatte, aber sie hatte sich einfach mehr erhofft. Wenigstens ein wirklich ernst gemeintes nettes Wort. Oder eine Entschuldigung, für die vielen Male die er ihr auf die eine oder andere Art Leid zugefügt hatte. Aber nichts dergleichen. Stattdessen stand er vor ihr, grinste sie an und reagierte kein bisschen darauf, dass ihr Nachthemd reichlich viel Haut zeigte oder ihre offenen Haare sie irgendwie hübscher aussehen ließen. Es war ja nicht so, dass die Wächterin es darauf anlegte, aber es machte sie einfach wütend, dass er bei jeder anderen Frau lange irgendwelche schlüpfrigen Andeutungen gemacht hätte, bei ihr aber nicht einmal ansatzweise Interesse zeigte. So hässlich war sie ja nun wirklich nicht, auch wenn ihre Oberweite - zugegeben - nicht viel her gab.
"Dann kannst du ja gleich wieder gehen, Bakayama! Ich bin nämlich gerade in schlechter Stimmung und das könnte tödlich für dich enden." Sie wollte schon nach ihrem Köcher greifen, musste dann aber feststellen, dass sie diesen in ihrem Zimmer liegen gelassen hatte, was äußerst dumm war, immerhin hätte es theoretisch ja doch sein können, dass Siberu sie töten wollte, er war immerhin ihr Feind. Aber sie sah ihn einfach nicht als solchen und daher bereitete ihr die Tatsache, dass ihr Köcher außer Reichweite war auch keine wirklichen Sorgen. Sie ärgerte sich nur, ihr einzig wirklich wirksames Mittel, den Halbdämon zu vertreiben, nicht in greifbarer Nähe zu haben. "Noch hast du Zeit zum weglaufen!" Vielleicht würde ja auch eine Warnung reichen und sie konnte es sich sparen, ihren Köcher zu holen, was äußerst schwierig werden würde, wenn Siberu versuchen sollte, sie aufzuhalten.
"Schon gut." Siberu winkte überraschend ab und irgendwie wirkte sein Gesichtsausdruck dabei gequält. "Ich bin heute nicht in der richtigen Verfassung, um mit dir zu kämpfen." Oder viel mehr: Er wollte nicht mit ihr kämpfen, schon gar nicht heute Nacht. Der Tag an dem sie im vollen ernst den Bogen gegen ihn spannend würde, mit der sicheren Absicht ihn zu töten, würde noch früh genug kommen. Zuerst hatte er noch geglaubt, Firey wäre gar nicht fähig ihm ernsthaft etwas anzutun, weil sie nun einmal eine Art Freund in ihm sah und Freunde verletzte man unter den Menschen nicht. Aber mittlerweile war dem Rothaarigen klar geworden, dass sie ihn sehr wohl ohne zu zögern töten würde, wenn sie erst einmal gesehen hatte, wie er andere Wächter grausam niedermetzelte.
Es blieb also nur noch, ein letztes Mal irgendetwas Nettes zu sagen, was er auch wirklich ernst meinte und mit seinem dämonischen Gewissen vereinbaren konnte. "Gute Nacht!" Simpel und doch wirkungsvoll. Vielleicht ein wenig ironisch, in Anbetracht der Tatsache, dass sie sicherlich ahnte, was heute Nacht in seiner Welt geschehen würde, aber er hoffte, sie würde dieses eine Mal über das Schlechte in seinen Worten hinweg- und nur das Gute sehen.

Mit einem unhörbaren Seufzen drehte er sich um, wollte schon gehen, als Firey ihn plötzlich zurück hielt.

"Geh nicht!" Geh niemals! Geh nicht in deine Welt, die uns zu Feinden macht! Lass mich nicht alleine! Lass mich nicht alleine mit meiner Angst vor diesem Krieg und allem was er Schreckliches mit sich bringt! Bitte bleib bei mir!

Er blieb augenblicklich stehen, drehte sich zu ihr um und ein Blick in ihre angsterfüllten Augen reichte ihm, um genau zu wissen, was sie dachte und fühlte. Er hatte noch nie so deutlich in den Augen irgendeines Menschen, Wächters oder Dämons lesen können, wie in ihren jetzt. Auch nicht in Greens oder Garys und die Beiden kannte er nicht nur schon recht lange, sondern auch besonders gut. Aber vermutlich lag das daran, dass Green und Gary nie bereit gewesen waren, ihm so deutlich zu offenbaren, was in ihnen vorging. Firey aber offenbar schon und er verstand wieso. Er war der Einzige, der sie verstehen konnte, denn er fühlte ähnlich und obwohl sie das eigentlich nicht wissen konnte, schien sie es doch irgendwie zu ahnen.

Er wollte diesen Krieg nicht mehr. Nicht wirklich. Nicht nachdem er über all die Konsequenzen nachgedacht hatte. Er wollte diese wunderbare Welt der Menschen nicht verlassen. Er wollte für irgendwelche dummen Rachegelüste nicht alles aufgeben, was er sich aufgebaut hatte, nicht alles zurück lassen, was ihm wichtig war. Aber vor allem, wollte er niemals gegen Green oder Firey kämpfen. Das war es, was er am meisten fürchtete. Er schämte sich dafür. Er sollte keine Furcht haben und auch keine Skrupel jemanden zu töten, schon gar nicht, wenn es ein Wächter war. Doch er konnte es nicht ändern, obwohl er natürlich genau wusste, dass er keine Wahl haben würde. Niemand hatte eine Wahl, auch Gary nicht, der sich noch immer mit Händen und Füßen gegen den Krieg sträubte. Ja, und auch Firey würde sich früher oder später der Tatsache stellen müssen, dass auch ihr kein Ausweg blieb.

Ihr beider Schicksal war besiegelt.

Doch er würde dieses Schicksal gerne ignorieren und einfach weiter leben, so wie es jetzt war. Das ging nur leider nicht, zumindest nicht lange. Aber er brauchte auch gar nicht so viel Zeit, er brauchte nur einen ganz kleinen Moment.

Diesen Moment! Jetzt oder nie mehr!

Schnell wie ein Blitz stand Sibieru plötzlich direkt vor Firey, die so überrascht war, dass sie gar keine Möglichkeit mehr hatte, zu reagieren, als er sie plötzlich küsste.

Sie hasste seine Küsse, sie waren immer so brutal und so unbarmherzig hart. Doch sie konnte sich nicht lösen - sie wollte sich nicht lösen. Als ihre Lippen gerade so sehr schmerzten, dass sie aufseufzte, begann sein Kuss plötzlich sanfter zu werden, zärtlicher und auch irgendwie leidenschaftlicher. Einfach nur schön, schön genug, um sich diesem Kuss ganz und gar hin zu geben.

Nun mit einem wohligen seufzen, legte die junge Feuerwächterin ihre Arme um Siberus Hals und drückte sich näher an ihn. Seine Hände legten sich um ihre Taille und er navigierte sie sanft aber bestimmend ein Stück nach hinten, ungeachtet jeglichen Hindernisses, bis ihr Rücken mit der Wand kollidierte, welche es ihm ermöglichte, seinen Körper noch ein klein wenig näher an ihren zu drücken, ohne zu riskieren, dass sie das Gleichgewicht verloren.

Der Kuss wurde intensiver, fordernder und doch hielten sie sich noch zurück. Verweilten praktisch bewegungslos in ihrer Position und taten nichts Anderes, als den Kuss voll auszukosten.

Schließlich löste sich der Halbdämon atemlos von Firey. Er sah sie an, intensiv, forschend und auch mit einem unübersehbaren Verlangen, jenem Verlangen, nachdem sich die Feuerwächterin insgeheim immer gesehnt hatte, seit ihr klar geworden war, dass sie ihn liebte. Doch anstatt dem Verlangen nach zu geben, wie er es sonst immer tat, ohne jeglichen Gedanken an sein ‚Opfer' oder mögliche Konsequenzen dieser Tat, machte Sibi einen Schritt rückwärts und seufzte.

"Ich sollte gehen, bevor wir noch etwas tun, was wir hinterher bereuen", sagte er schließlich mit einer ernsten Miene, wie Firey sie selten bei ihm gesehen hatte. Der Halbdämon war ja über sich selbst erstaunt. Was er hier tat und eben getan hatte, wiedersprach ganz und gar seinen Grundsätzen. Aber bei ihr schienen ihm seine Grundsätze egal zu sein. Aber warum? Es gab wohl nur einen Grund: Weil sie ihm nicht egal war. Verflucht seien alle Wächter außer Green, aber es war so. Das erste Mal seit Ewigkeiten dachte er nicht nur daran, was er wollte und was gut für ihn war, sondern daran, was gut für jemand Anderen war, und zwar für sie, seine Feuerwächterin Firey.

Diese sah ihn an, offenbar ebenso überrascht wie er und gleichzeitig irgendwie gerührt. Das war es, was sie wollte. Was sie die ganze Zeit gewollt hatte. Sie hatte gewollt, dass er sie einmal so behandelte wie Green und wenigstens etwas Rücksicht auf sie nahm. Doch dieses Mal verzichtete sie auf diese Rücksicht. Sie hatten einfach keine Zeit mehr für so etwas. Das hier könnte die letzte Möglichkeit sein und Firey war nicht so dumm, sie verstreichen zu lassen.

Siberu stand immer noch an der gleichen Stelle und sah sie an. Er erwartete keine Reaktion von ihr, aber trotzdem brachte er es nicht fertig sich abzuwenden und einfach zu gehen - musste er auch nicht, denn plötzlich legte Firey eine Hand in seinen Nacken und während ihre Finger mit seinem roten Haar spielten, hauchte sie in sein Ohr: "Geh nicht!"

~*~

Gary gähnte leise, legte die Lesebrille ab und tat dann das Buch, in welchem er gerade gelesen hatte, einfach auf den Wohnzimmertisch ab. Ob er wohl jemals wieder dazu kommen würde, ein Menschenbuch zu lesen? Würde er überhaupt jemals wieder lesen können? Wer wusste schon, was ihm der Krieg noch alles nehmen würde, außer seiner Liebe und damit sein Leben.

Seufzend blickte er auf die Uhr. Bis Mitternacht, die Zeit in der sich die Dämonen zum Kriegsrat in ihrer Welt treffen würden, war noch etwas Zeit. Zeit die Gary liebend gern in der Menschenwelt verbrachte, welche er ohnehin nur verließ, weil ihm keine andere Wahl blieb.

Doch die Frage war nun, was er mit der vielen Zeit anfangen sollte, die er noch hatte. Zum lesen hatte er keine Lust mehr. Vielleicht sollte er etwas schlafen? Musik hören? Ein letztes Mal im Park spazieren gehen? Nein, dass war es jetzt auch nicht, was er tun wollte, denn es waren alles Beschäftigungen, die ihm Zeit zum Nachdenken gaben und er wollte nicht nachdenken, dass hatte er in den letzten Wochen viel zu oft getan. Sein Kopf qualmte schon. Aber an der Situation veränderte sich dadurch auch nichts.

Gary musste an Green denken. Er würde sie gerne noch einmal sehen. Sie noch einmal küssen, ihr noch einmal sagen, dass er sie liebte. Doch das wäre egoistisch. Sie musste seinetwegen schon genug leiden. Er sollte sie in Ruhe lassen. Nicht zuletzt, brauchte sie sicher ihren Schlaf. Denn schließlich würde der Krieg morgen auch für sie beginnen und er wusste, dass sie diesen aus den verschiedensten Gründen fürchtete. Vermutlich auch deswegen, weil sie wusste, wie der letzte Krieg für ihre Mutter geendet hatte.

Mit einem seufzen lies sich Gary tiefer in sein Sofa sinken. Was wohl sein Bruder gerade machte? Ob er das überhaupt wissen wollte? Sicherlich war Silver schon ganz euphorisch in der Erwartung seinem ersten Opfer seine scharfen Krallen zu zeigen und in einem solchen Zustand war er unberechenbar. Hoffentlich würde er nichts anstellen. Wobei... spielte das jetzt eigentlich noch eine Rolle? Ab Mitternacht waren sie schließlich ohnehin nicht mehr hier. Also sollte sein Bruder doch machen, was er für richtig hielt.

Aber damit war die Frage, was Gary nun tun sollte, immer noch nicht geklärt. Gerade wollte er sich von der Couch erheben um in seiner Langeweile etwas durch die Wohnung zu tigern, da ertönte von Nebenan plötzlich Musik und das in einer Lautstärke, die alles Andere als gut war, für Garys empfindliche Ohren. Im nächsten Moment war durch die dünnen Wände der Wohnung mal wieder das übliche Geplänkel zwischen Green und Pink zu hören.

"Pink! Mach die Musik aus!"
"Aber da läuft gerade mein Lieblingslied!"
"Dann mach das Radio wenigstens Leiser!"
"Aber Greenchen, dann höre ich das Lied gar nicht mehr richtig!"

Der Halbdämon musste schmunzeln. Das würde er sicherlich vermissen. Aber er würde ohnehin Vieles vermissen müssen. Viel zu viel.

Morgens halbwegs sorglos aufstehen, zum Beispiel.
Das Leben in der wunderbaren Welt der Menschen.
In die Schule zu gehen.
Die Gespräche mit Green.
Den Duft ihrer Haare.
Den Geschmack ihrer Lippen.
Den Blick in ihre wundervollen blauen Augen.
Die Möglichkeit, sie zu beschützen.
Die Hoffnung, auf eine glückliche Zukunft mit ihr.
Auf alles, was in irgendeiner Weiße mit ihr zu tun hatte.
Auf alles, was ihn glücklich und sein Leben lebenswert machte.

Er schloss die Augen, einen kleinen Moment stellte er sich vor, er und Green wären ganz normale Menschen. All die Grenzen die sie nicht überschreiten durften waren verschwunden, all die Verpflichtungen an die sie gebunden waren ebenso. Es gab nur noch sie und ihn, ein ganz normales junges Pärchen, dass sich im Grunde gerade erst gefunden hatte und noch so viel Zeit brauchte, all die guten und schlechten Seiten einer so tiefen Liebe zu erkunden.

Es klopfte plötzlich an der Tür, so dass der Braunhaarig seine Augen wieder öffnete. Die Art, wie es geklopft hatte, zeigte ihm deutlich, dass es nur eine Person gab, die da vor seiner Tür stehen konnte.

Sofort saß Gary kerzengrade. Sie war also gekommen? Wollte ihn noch ein letztes Mal sehen? Nur dieses eine letzte Mal noch in seinen Armen liegen und seine Lippen auf ihren spüren? Aber hatten sie nicht eigentlich ausgemacht, sich nicht zu verabschieden? Nicht Lebwohl zu sagen? Einfach so zu tun, als würden sie sich morgen ganz normal in der Schule sehen?

Aber auf einmal juckte das den jungen Halbdämon wenig. Er sprang schwungvoll von seiner Couch und war mit wenigen schnellen Schritten an der Tür, welche er ohne zu zögern öffnete und wie erwartet, stand er nun doch seiner Green gegenüber.

Sie schenkte ihm ein Lächeln, strich sich die Haare hinters Ohr und trat dann einfach ein, ohne, dass einer von ihnen etwas sagte. Gary schloss die Tür hinter ihr und immer noch schweigend gingen sie zusammen ins Wohnzimmer und setzten sich dort auf die kleine Couch, auf der Gary eben noch so unschlüssig hin und her überlegt hatte, was er tun sollte.

"Ich weis, ich sollte nicht hier sein...", seufzte Green nach einer Weile und anstatt ihren Freund anzusehen, schaute sie hinunter auf ihre Füße, während ihre Hände mit dem lebenswichtigen Glöckchen um ihren Hals spielten. "Aber ich kann nicht einfach schlafen gehen, ohne mich von dir verabschiedet zu haben, wenn ich nicht weis, wann und auf welche Weiße wir uns das nächste Mal sehen werden."
"Ich bin froh, dass du gekommen bist, denn... ich wollte dich noch einmal sehen", gab Gary ehrlich zu, rückte näher an sie heran, legte einen Finger unter ihr Kinn und hob es sanft an, bis sie ihm in die Augen sehen musste. Er liebte ihre Augen, auch jetzt noch, wo schon wieder Tränen in ihnen aufkamen, wo Angst und Verzweiflung sich in ihnen spiegelte, wie noch niemals zuvor und deutlich eine gewisse Sehnsucht darin zu lesen war, eine Sehnsucht, die sie beide kannten und schon lange verzweifelt unterdrückten.
Green versuchte Garys forschenden Blick in ihre Augen zu entgehen, indem sie versuchte ihren Blick auf irgendetwas Anderes als seine Augen zu konzentrieren, doch sie fand nichts, an das sich ihre Augen lange heften konnten. "Wo ist Sibi?", fragte sie plötzlich, doch es klang so, als tat sie das nicht, weil es sie wirklich interessierte, sondern nur, um über etwas zu reden, was nicht mit ihrer baldigen Trennung zu tun hatte.
"Ich weis nicht. Ist das denn wichtig?", wollte der Halbdämon wissen, und wartete geduldig darauf, dass sie wieder in seine Augen sah. "Es wird ihm schon gut gehen, du weist doch, dass er auf sich selbst aufpassen kann."
"Das ist richtig." Und er war ein guter Kämpfer. Ein viel zu guter Kämpfer, in Anbetracht der Tatsache, dass er auf der anderen Seite stand. "Aber ich dachte, ihr würdet zusammen in eure Welt gehen?"
Gary sah seine Freundin einen Moment eindringlich an und konnte es nicht verhindern, dass er zum wiederholten Male an diesem Abend seufzen musste. "Green?"
"Ja?" Aus Reflex sah sie ihn wieder an und entdeckte in seinen Augen dieselben Gedanken und Gefühle die auch sie quälten. Verzweiflung, Trauer und schreckliche Angst. Angst vor dem Krieg und Angst davor, sie zu verlieren. Fast schon panische Angst, denn er konnte sie auf mehr als nur eine Weiße verlieren, immerhin waren sie nun eben nicht nur Feinde. Green würde auch bald Heiraten müssen, die Hikari drängten sie schon dazu und auch wenn Green sich sicher war, egal wen sie Heiraten würde, sie könnte ihn niemals lieben, wusste sie, dass Gary das Ganze etwas anders sah.
"Bist du nur hier her gekommen, um darüber mit mir zu reden?" Er sah enttäuscht aus. Er wollte jetzt nicht über den Krieg reden oder über seinen Bruder. Er wollte diesen ganzen Mist gerne vergessen, für eine kleine Weile und sei es nur für einen einzigen letzten Kuss.
Die Hikari schüttelte mit dem Kopf. "Nein, ich bin hier her gekommen, weil ich dir ein letztes mal gute Nacht sagen wollte." Nun war sie es die seufzte. "Und... weil ich das hier noch einmal tun wollte." Sie beugte sich zu ihm vor und drückte sanft ihre Lippen auf seine und er erwidere ihren Kuss sofort.

Was zuerst mit einem recht harmlos wirkenden kleinen Küsschen begonnen hatte, artete immer mehr in einen intensiven, verzweifelten und extrem leidenschaftlichen Kuss aus, der die unausgesprochene Sehnsucht zwischen dem Halbdämon und der Hikari erst richtig zum Ausdruck brachte.

Garys Hände schlangen sich gegen seinen Willen um ihre schlanke Taille und er zog sie auf seinen Schoss. Green reagierte darauf damit, dass sie ihre Arme um seinen Hals schlang und sich an ihn schmiegte. Nichts deutete darauf hin, dass die beiden vorhatten, sich in kürze voneinander zu lösen oder gar zu verabschieden.

Kurz löste die Blauäugige schließlich doch den Kuss. "Kann ich noch etwas bleiben?", fragte sie nach Luft schnappend, sah aber nicht so aus, als würde sie eine Absage erwarten.
Gary lächelte, während Green ihre Lippen schon wieder seinen näherte, offenbar in der Absicht, den Kuss wieder aufzunehmen. "Natürlich", nickte er dann, bevor er ihr entgegen kam und den Kuss hungrig fortführte.

~*~

Firey und Siberu hatten es mittlerweile irgendwie in das Zimmer der Feuerwächterin geschafft und sich dabei etliche blaue Flecken geholt, weil sie es nicht geschafft hatten, sich kurz von ihrem Kuss zu lösen und stattdessen Rückwärts den Flur entlang gestolpert waren. Das sie es ohne gebrochene Knochen und Vasen auf das Bett der Rothaarigen geschafft hatten, war eigentlich ein Wunder.

Irgendwie bescheuert, was sie hier taten.
Absolut dämlich.
Völlig verrückt.
Ein Verstoß gegen jede bestehende Regel der Dämonen und der Wächter.

Doch das wäre nicht das erste Mal, dass Siberu etwas tat, dass von all diesen Adjektiven beschrieben werden konnte. Wieso dieses Mal also zögern? Es wäre ohnehin schon zu spät um noch zu stoppen. Zwar war es nicht so, dass der junge Halbdämon dieses typisch dämonische Verlangen spürte, dass ihn brutal werden lies, wenn es nicht schnell genug ging, aber er wollte sie trotzdem unbedingt und zwar ganz.

Er verstand es eigentlich gar nicht. Sie war... eben Firey. Flach, absolut nicht weiblich, furchtbar anstrengend, brutal - wobei, dass war vielleicht die anziehendste Seite an ihr - und so ganz und gar nicht wie Green. Als er sie das erste Mal gesehen hatte, dachte er vieles - vor allem schlechtes - aber niemals, dass das hier einmal passieren würde. Wenn er wenigstens so mit ihr schlafen wollen würde, wie er es auch mit anderen Frauen immer getan hatte. Aber so war es nicht. Es war anders. Ganz anders. So anders, dass es ihn schier verrückt machte, dass er keine Ahnung hatte, was genau es war, dass es so anders machte.

Firey hätte es ihm sofort sagen können, auch wenn sie ja theoretisch nicht wissen konnte, wie er sich seine anderen Frauen nahm. Aber dazu musste man genau genommen auch nicht in sein Schlafzimmer gucken. Er war immerhin für seine Brutalität bekannt und auch so konnte man sich bei einem Halbdämon schwer vorstellen, dass er zärtlich war. Aber genau das war nun der Fall, auch wenn er grundsätzlich für Firey etwas zu stürmisch vorging, war alles Andere an ihm eben so überhaupt nicht Dämonenhaft. Welcher Dämon würde sich wohl die Mühe machen, ihr das Nachthemd auszuziehen, anstatt es einfach in Stücke zu reißen? Welcher Dämon würde mit seinen Händen so sanft ihren Oberkörper entlang fahren, dass sie eine angenehme Gänsehaut bekam? Welcher Dämon würde sich wirklich Zeit für ein Vorspiel nehmen, wo er doch im Grunde mehr als genug Kraft hätte, sich einfach brutal zu nehmen was er wollte?

Die Antwort war einfach. Mit Ausnahme von Gary vielleicht, würde kein Dämon sich die Mühe machen, auf seine Partnerin groß Rücksicht zu nehmen. Vielleicht hatte Siberu ja im Allgemeinen einfach gelernt, vorsichtiger mit den Menschen umzugehen, weil sie empfindlicher waren. Aber selbst das, würde nicht erklären, wieso er so zärtlich vorging.

Ein erschreckend angenehmer Schmerz riss Firey aus ihren Gedanken und sie keuchte auf, als Siberu ihr ganz leicht in den Hals gebissen hatte. Er leckte kurz über die leicht rote Stelle und lachte dann leise. "Manche Angewohnheiten kann man einfach nicht ablegen", grinste er sie dann an.
"Was du nicht sagst." In voller Absicht und wesentlich schmerzhafter, als er ihr in den Hals gebissen hatte, kratze Firey tiefe Wunden in die Haut seines mittlerweile nackten Rückens, den sie bis eben noch mit kleinen Streicheleinheiten verwöhnt hatte.
Dumm für die feurige Wächterin, dass er einen solch leichten Schmerz als äußert anregend empfand, so dass sein Grinsen jetzt noch breiter wurde. "Mehr hast du nicht zu bieten?"
Ohne lange zu überlegen rammte Firey ihr Knie in seinen Schritt, nicht so stark, dass der Abend damit gelaufen war, aber stark genug, um das Grinsen einen Moment von Siberus Gesicht zu wischen. So das es nun die Wächterin war, die grinste. "Was ist denn los? Tat das etwa weh?"
Da die Rothaarige nicht halb so doll gemacht hatte, wie es zuerst aussah, erholte sich der Halbdämon recht schnell wieder, so dass er Firey nun wieder direkt in die Augen sehen konnte und das Feuer das darin brannte, stachelte ihn irgendwie an. "Dafür wirst du bezahlen!", warnte er seine Lieblingswächterin, mit einem eher scherzhaften Ton, bevor er das Geplänkel zwischen ihnen fortführte, ohne dabei von seinem eigentlichen Ziel abzuweichen, auch wenn er es dieses mal auf eine ganz andere, menschlichere Art, erreichen sollte.

Aber was noch wichtiger war: Der Krieg war vergessen, die erzwungene Feindschaft war vergessen. Es gab nichts Schlechtes mehr. Nur noch sie Beide und ihre verbotene Liebe...

~*~

Absolute Stille erfüllte Garys Schlafzimmer und das, obwohl er dort nicht allein war. Green war nach wie vor bei ihm. Sie beide lagen eng umschlungen und in einen innigen Kuss vertieft auf seinem Bett. Eigentlich wollten sie ja nur kurz in das Zimmer des Halbdämons, weil er seiner Freundin ein Buch schenken wollte, dass sie an ihn erinnern sollte. Aber irgendwie waren sie dann doch diesen Kuss verfallen und der Bequemlichkeit halber auf dem Bett gelandet.

Irgendwo in den Hinterköpfen der beiden Verliebten hatten sicherlich schon lange die Alarmglocken geschellt, aber die wurden offenbar ignoriert, ebenso wie jeder andere Gedanke an mögliche Konsequenzen. Immerhin war ja im Grunde erst einmal nichts dabei, wenn sie auf dem Bett etwas schmusen würden, die Frage war nur, ob es dabei bleiben würde.

Ein leises wohliges Seufzen entwich Greens Kehle, nachdem Gary seine Lippen von ihren genommen und in den einladenden Tiefen ihres Decoltees vergraben hatte. Er hatte es eigentlich nicht tun wollen, aber die Versuchung war einfach zu groß gewesen und eigentlich war es ja auch nichts weiter, außer irgendwelche Küsse, die er eben nur an eine etwas empfindlichere Stelle hauchte.

"Gary...", hauchte die Hikari, als er ihren Ausschnitt noch etwas erweiterte, um das Tal zwischen ihren Brüsten noch näher erkunden zu können, wofür er nur ein paar Knöpfe hatte öffnen müssen. "Wir dürfen nicht." Ihre Stimme war gebrochen, ebenso wie ihr Widerstand, es waren nur noch die letzten Reste Vernunft, die da aus ihr Sprachen.
"Ich weis...", erwidere Gary nur, ohne wirklich von seiner Freundin abzulassen. Stattdessen ließ er sich nur immer mehr von dem Geschmack und Geruch ihrer Haut verführen. "Nur noch ein bisschen." Oder eine kleine Ewigkeit.
Die Braunhaarige schloss die Augen, genoss das Gefühl seiner Lippen auf ihrer Haut und bereute nicht zum ersten Mal, dass sie eine Hikari und er ein Dämon war. Würden sie beide Menschen sein, wäre alles so viel einfacher. "Gary?" Sie öffnete ihre Augen wieder und sah ihn an.
Endlich ließ er von ihr ab und sah zu ihr auf, wenn auch nicht ganz freiwillig. "Was ist?" Wollte sie denn so unbedingt, dass er aufhörte? Gefiel es ihr denn nicht wenigstens ein bisschen, was er mit ihr tat? Oder war ihre Angst davor, was passieren würde, wenn er die Beherrschung verlor, einfach nur zu groß?
"Würdest du gerne...?" Sie wagte es nicht, es auszusprechen, stattdessen wurde sie rot. Eigentlich verrückt, denn in ihrem Alter war es doch ganz normal, über so etwas zu reden und so etwas zu tun. Aber eben nicht für sie, denn bevor sie mit Gary zusammen gekommen war, hatte sie nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, mit Jemandem zu schlafen. "Wenn wir dürften, meine ich. Würdest du dann...?" Mit mir schlafen wollen? Verdammt, Green! Sprich es endlich aus! Du bist schließlich praktisch erwachsen und es ist auch kein Fremder mit dem du da sprichst, sondern dein Freund.
"Das weißt du doch." Gary richtete sich etwas auf, so dass er jetzt auf ihren Beinen saß, ohne sein Gewicht wirklich auf ihr abzustützen. "Ich bin nicht nur ein Halbdämon, ich bin auch ein Mann. Es fällt mir manchmal schwer, mich zurück zu halten." Und er meinte damit nicht sein dämonisches, sondern sein menschliches Verlangen. "Aber ich will dir nicht weh tun." Und genau das könnte passieren, nicht einmal so sehr, weil seine dämonische Seite die Oberhand gewinnen konnte, sondern weil sie eine Hikari war und er ein Dämon. Wer wusste schon, was diese gegensätzlichen Energien mit ihren Körpern anstellen würden, wenn sie auf diese Weise zusammenprallten?
Green sah ihn eine ganze Weile schweigend an. Überlegte, wie sie jetzt reagieren sollte, denn sie wusste, im Grunde hatte er Recht. Es war eigentlich zu gefährlich. Der Lichtintus könnte ihn umbringen, bevor sie beide überhaupt irgendetwas davon gehabt hatten, miteinander zu schlafen und auch sie war natürlich gefährdet, an seiner dämonischen Energie zugrunde zu gehen. Aber das war nur theoretisch so. Praktisch konnte es ganz anders aussehen, immerhin hatte es noch niemand gewagt so weit zu gehen, also konnte auch niemand sagen, was wirklich geschah. Trotzdem war es eigentlich nicht richtig, auch nur daran zu denken, die Grenze zu überschreiten und es zu wagen, doch die Versuchung war zu groß. Immerhin war es vielleicht die letzte Nacht, die sie überhaupt miteinander verbrachten. Wieso also nicht einmal etwas riskieren? "Und wenn ich dir sage, dass ich das Risiko gerne eingehe?"
Fast schon entsetzt sah der Halbdämon sie an. "Green, wir könnten beide dabei sterben." Und so stark sein Verlangen auch war und so oft er sich schon der Fantasie hingegeben hatte, dass sie beide dieses Tabu wirklich entgegen aller Warnungen brachen, so sehr fürchtete er auch die möglichen Konsequenzen, vor allem für seine Freundin.
"Aber das wäre auf jeden Fall ein schönerer Tod, als wenn wir im Krieg getötet werden, oder nicht?", lächelte Green sanft, während sie sich nun ebenfalls aufsetzte und Gary entschlossen ansah. Sie wollte wissen, wie es sich anfühlte, mit ihm vereint zu sein, allen Gefahren zum Trotz. Schließlich konnte schon morgen ihr letzter Tag sein und sie wollte es nicht bereuen, auf etwas verzichtet zu haben, was sie für einen kleinen Augenblick noch einmal wirklich glücklich machen und auf ewig mit ihren geliebten Halbdämon verbinden konnte.
Gary seufzte innerlich. Sie machte es ihm wirklich extrem schwer, zu widerstehen. Aber er war nun einmal der vernünftigere, und das zeigte sich auch in seiner nächsten Frage. "Und deine Pflichten, als Hikari?"
"Gary!", mahnte sie mit finsterer Miene. "Du bist ein Dämon! Meine Pflichten als Hikari gehen dich nichts an, sie sollten dir eigentlich total egal sein!" Sie hatte den Zeigefinger mahnend erhoben und blickte ihn ernst an. "Sei einmal egoistisch und denk an das was du willst."
"Ich will dich nicht verlieren!", kam sofort die Antwort und der Braunhaarige zog eine ebenso ernste Miene. Er verstand ja was sie fühlte, es ging ihm ebenso. Auch er wollte ihr in diesen wenigen letzten Stunden die sie noch hatten, ganz nah sein. Aber zu diesem Preis? War es das Wert? Er war sich nicht sicher.
"Aber davon einmal abgesehen, was willst du?", hackte Green nach und ihr Blick war nach wie vor ernst und gleichzeitig erstaunlich überzeugt davon, dass sie das Richtige tat.
"Dich beschützen." So lange er noch die Möglichkeit dazu hatte.
"Nein!" Green stemmte die Hände in die Hüften und beugte sich leicht nach vorne, so dass ihr Gesicht und das von Gary sich ganz nahe waren, aber das Ganze mehr bedrohlich, als romantisch wirkte. "Ich will wissen, was genau du jetzt, in diesem Moment, wirklich willst!" Und ihr Blick machte klar, sie würde Gary nicht ohne eine ehrliche Antwort davon kommen lassen.
Er zögerte einen Moment, seufzte dann und sah sie schließlich mit festem Blick an. "Ich will dich!", gab er endlich zu, legte eine Hand an ihren Rücken und zog sie näher an sich. "Ich liebe dich und ich möchte alles mit dir teilen, was auch die Menschen miteinander teilen."
Mit einem Lächeln hauchte die junge Hikari ihrem Freund einen Kuss auf die Lippen. "Und worauf wartest du dann noch?"

~*~

Man mochte meinen, den Hauch eines Lächelns auf Siberus Lippen entdecken zu können, während er Firey gedankenverloren beim schlafen beobachtete und jeder Andere hätte vermutlich auch gelächelt, bei ihrem wunderbaren Anblick.

Ihre gewellten Haaren umrahmten ihr Gesicht, das im Moment so unschuldig wirkte, als wäre das, was eben zwischen ihr und dem rothaarigen Halbdämon geschehen war, niemals wirklich geschehen. Doch es war passiert und genau das war der Grund, warum Sibi ganz sicher nicht zum Lächeln zumute war.

Seine Gedanken drehten auf gefährliche Weise kleine Kreise um das, was passiert war. Er hatte mit Firey geschlafen - freiwillig - und das auf die Weise, wie es eigentlich nur verliebte Menschen taten und ganz sicher keine Dämonen.

Aber er war nicht verliebt.
...
Er durfte nicht verliebt sein!
Nicht in sie und vor allem verdammt noch mal nicht ausgerechnet jetzt, wo ohnehin alles so kompliziert war.

Lieben bedeutete Schwäche, vor allem bei den Menschen. Aber wenn man sich so Gary und Green ansah, musste man wohl davon ausgehen, dass auch bei Halbdämonen und Wächtern, die Liebe fatale Folgen haben konnte. Dumm nur, dass sich keiner von ihnen Schwäche leisten konnte, vor allem jetzt nicht, wo der Krieg begann, der sie zu Feinden machte.

Wenn sie sich auf dem Schlachtfeld gegenüber standen, durften sie nicht zögern. Aber genau das würde vermutlich passieren. Firey war einfach zu schwach, um ihn jetzt noch zu töten, nachdem sie miteinander geschlafen hatten.

Und er...
Er würde...
Er würde sie...

Warum zögerte er den Gedanken zu Ende zu denken? Immerhin war er ein Dämon, er würde sie sehr wohl töten!

Oder?

Aber vielleicht sollte er es ja gar nicht erst so weit kommen lassen. Er könnte sie jetzt und hier töten, dann wäre für sie alles Leid vorbei und das, da sie ja noch tief und fest schlief - vermutlich noch äußerst schmerzfrei, immerhin wusste Silver, wie man jemanden mit einem Schlag tötete, sie würde vorher also noch nicht einmal mehr aufwachen.

Und es war ohnehin das Beste für sie beide. Denn wenn sie sich auf dem Schlachtfeld als Feinde begegnen würden, dann mussten sie einander töten und egal ob sie sich nun liebten oder nicht, sie würden zögern und wenn sie zögerten, würden andere diese Chance nutzen und ihnen in diesem unachtsamen Moment den Todesstoß geben.

Siberu wusste auf einmal nicht, ob er es ertragen würde, sie durch die Hand eines Anderen sterben zu sehen. Aber auch wenn er sie selbst töten würde... ein Leben ohne sie schien ihm im Augenblick reichlich trostlos und langweilig. Aber es gab keinen anderen Weg, wenn er überleben und sie vor einem noch grausameren Schicksal bewahren wollte. Manchmal musste man eben Opfer bringen.

Was machte er hier eigentlich? Er musste sich doch nicht rechtfertigen. Vor wem denn? Etwa vor Blue? Oder vor Green? Nein! Selbst wenn, sie würden keine seiner Beweggründe nachvollziehen können. Er dachte eben durch und durch anders als eben Blue und natürlich auch als Green. Für Siberu zählte allein das, was für ihn selbst am Besten war. Firey zu töten, war der einzige Weg, eine extreme Gefahrenquelle für den Krieg auszuschalten. Auch wenn es schwer fiel.

Vorsichtig setzte Siberu sich auf, um die hübsche Wächterin nicht zu wecken. Er sah sie noch einmal an und musste plötzlich an Green denken. Er mochte sie, sie war sicherlich auch eine gewaltige Gefahrenquelle für ihn, aber er hatte nie einen Gedanken daran verschwendet, sie auszuschalten, so lange es noch so einfach war. Wieso nicht? Weil er sie lieber mochte als Firey? Nein, es war wohl eher umgekehrt. Er sah in Firey die größere Gefahr, weil er sie mehr mochte - Nein! Nicht mehr, aber anders. Irgendwie intensiver.

Unverständlich, wie ausgerechnet dieses Mädchen ihm so wichtig sein konnte. Aber es war eben so und ihm blieb keine Zeit mehr, darüber nachzudenken.

Vorsichtig schob er die Decke etwas nach unten, legte damit ihren Oberkörper frei und fixierte den Punkt zwischen ihren kleinen Brüsten, der Ort, wo ihr Herz schlug. Er müsste nur ausholen und seine Hand direkt durch diesen Punkt bohren.

Tatsächlich brachte er seinen Arm in Position, doch schon dabei merkte er, dass es schwer werden würde, richtig zu treffen, denn er zitterte. Zielen würde da ziemlich schwer werden und er wollte sie nicht unnötig quälen. Aber er hatte keine Zeit zu warten, bis das Zittern aufhörte, wenn es überhaupt aufhören würde.

Also spannte er seinen Arm an, versuchte das Zittern so weit es geht zu unterdrücken und visierte erneut den Punkt an, unter dem ihr Herz schlug. Er biss sich auf die Unterlippe.

Mein Gott, er hatte so etwas doch schon öfter getan, warum holte er nicht endlich aus und tat es einfach? Was hinderte ihn? Es konnte doch nicht wirklich sein, dass er wegen so einem simplen Mädchen von den Wächtern zögerte. Wenn er jetzt schon so anfing, wie sollte er dann den Krieg überleben? Nein! So geht das nicht! Er musste es jetzt ganz einfach tun.

Wenn es nur so einfach wäre...

Er spannte seinen Arm erneut an, wollte schon ausholen und es dieses mal einfach zu Ende bringen, doch so weit kam es nicht, denn Firey öffnete plötzlich die Augen und noch bevor sie auch nur ansatzweise erkennen konnte, was Siberu vor gehabt hatte, hatte er sich zu ihr herunter gebeugt und sie geküsst.

Wieder so ein brutaler Kuss, der sich erst langsam zu einem zärtlichen Kuss entwickelte. Aber da war auch noch etwas anderes in diesem Kuss. Es fühlte sich an wie... Verzweiflung. Konnte es sein, dass ausgerechnet ihr sonst so starker Siberu plötzlich verzweifelt war? Aber warum? Doch nicht etwa ihretwegen? Oder wegen dem, was sie getan hatten?

"Ich muss gehen." Siberu hatte den Kuss kaum gelöst, da war er auch schon aus dem Bett gestiegen und hatte begonnen sich wieder anzuziehen. Seine Haltung drückte ganz deutlich etwas Abweisendes aus, etwas Endgültiges. Er würde gehen und er wollte augenscheinlich nichts mehr von ihr hören.
"Was ist denn los?", fragte sie dennoch und setzte sich auf. "Warum bleibst du nicht noch etwas?"
"Weil es sinnlos ist." Er schnürte seinen Gürtel fest, zu fest, aber offenbar glaubte er, der Druck würde irgendetwas dagegen tun, dass er tatsächlich den Wunsch verspürte einfach zu ihr ins Bett zurück zu kriechen und dort bei ihr liegen zu bleiben und das am Besten bis der Krieg vorbei war.
Firey strich sich eine Strähne hinters Ohr und legte den Kopf schief. "Was meinst du?" Etwa, dass es sinnlos war, noch etwas Zeit mit ihr zu verbringen oder einfach bei ihr liegen zu bleiben? Aber wieso denn? Soweit sie wusste, musste er doch erst Mitternacht in seiner Welt sein und bis dahin war noch Zeit. Was war also falsch daran, so lange noch etwas bei ihr liegen zu bleiben? Oder war es sinnlos, weil es ihm nichts bedeutete... SIE ihm nichts bedeutete?
"Ist dir das nicht klar?", er drehte den Kopf leicht und blickte sie über die Schulter hinweg an, während er das lässige Hemd schloss, dass er getragen hatte. "Es könnte gut sein, dass wir uns schon Morgen auf dem Schlachtfeld gegenüber stehen. Dann wirst du deinen Bogen spannen, um mich zu töten und ich werde meine Krallen dazu einsetzen, dasselbe mit dir zu tun. Wenn ich jetzt bleibe, dann machen wir es uns damit nur noch schwerer."
Sie sah ihn ernst an. "Glaubst du im ernst, dass das jetzt noch irgendeinen Unterschied macht? Wir haben miteinander geschlafen, was ist da schon eine Stunde mehr oder weniger, die wir miteinander verbringen?"
"Das ist eine Stunde zu viel! Du brauchst deinen Schlaf und ich sollte dringend meine Gedanken ordnen, bevor ich auf der Versammlung nachher noch irgendeinen Mist sage", vielleicht von wegen, dass sie einige bestimmte Wächter am Leben lassen oder den Krieg gleich ganz aufgeben sollen. Wenn er so etwas sagte, konnte er sich auch gleich sein Grab selbst schaufeln.
"Na schön." Beleidigt warf Firey ihm ihr Kissen ins Gesicht. "Dann geh doch!" Sie musste sich beherrschen, ihm nicht Kindischerweise noch die Zunge raus zu stecken, bevor sie sich wieder hinlegte und sich die Decke über den Kopf zog. Doch dieses kindische Verhalten hatte einen anderen Grund, als das sie irgendwie beleidigt war. Sie war einfach traurig, weil sie wusste, dass er Recht hatte und trotzdem nicht einsehen wollte, dass er wirklich gehen musste.

Ohne die Feuerwächterin weiter zu beachten, schnappte sich Siberu seine Jacke und machte sich auf den Weg zur Tür, er war schon fast Draußen, da hörte er ein unterdrücktes Schluchzen. Sie würde doch nicht etwa...? Er drehte sich noch einmal um und sah sie unter der Decke gefährlich zucken. Sie weinte tatsächlich. Ausgerechnet Firey? Etwa seinetwegen? Doch daran konnte er jetzt nichts ändern, er wüsste auch gar nicht wie.

Er seufzte und verließ nun entgültig das Zimmer und anschließend das Haus. Aber während er ging, kreisten seine Gedanken die ganze Zeit nur um Firey. Er hoffte inständig, dass sie beide sich auf dem Schlachtfeld niemals begegnen, den Krieg überleben würden und sich erst dann wieder sahen, wenn der Kampf ein Ende hatte.

Und dann...

~*~

Die große Standuhr im Arbeitszimmer von Garys Obermieter schlug lautstark elf und verkündete damit, dass nicht mehr viel Zeit für den Abschied blieb und diese Erkenntnis brachte Green zu einem schweren Seufzer, bevor sie sich enger an Gary kuschelte.

Sie beide sahen krank und erschöpft aus. Sie waren blass, ihre Augen trüb und ihr Atem tat sich mehr als schwer damit, wieder langsamer und ruhiger zu werden. Wenn man den Halbdämon und die Hikari so betrachtete, müsste man meinen, die beiden hätten gegeneinander gekämpft, anstatt sich geliebt.

Aber vermutlich beschrieb das Wort ‚Kampf' ihre Situation einmal wieder besser, als jedes Andere. Denn was passierte schon Anderes, wenn zwei so unterschiedliche und gleichzeitig extrem starke Energien auf so ungewöhnliche weise aufeinander trafen?

Dennoch, die Beiden bereuten nicht, was sie getan hatten, obgleich sie sich bewusst waren das nicht so schnell wiederholen zu können, es sei denn, sie legten es darauf an, sich auf diese Art gegenseitig umzubringen.

Noch immer fühlte sich Gary durch den Lichtintus wie gelähmt, doch es war ihm egal. Selbst wenn er gestorben wäre, diese letzte Stunde mit Green, wäre es ihm absolut wert gewesen, denn neben der Schwäche und all den anderen negativen Gefühlen, die ihre Vereinigung hinterlassen hatte, spürte Gary vor allem noch immer ein ungewohntes Glücksgefühl in sich, während er schwerfällig den Arm um Green legte und ihren nackten Rücken sanft zu streicheln begann.

Genau so hatte es geschehen sollen. Er hatte sich immer davor gefürchtet, dass er sie einmal vergewaltigen würde, wenn sein Verlangen nach ihr zu groß wurde und es war ja schon einmal fast so weit gewesen, wenn nicht ausgerechnet sein kleiner Bruder ihn nicht doch noch recht schnell wieder zur Vernunft gebracht hätte. Doch nun musste er sich keine Sorgen mehr machen. Sein Verlangen nach ihr war vorerst befriedigt wurden und zwar auf menschliche- und nicht auf dämonische Art. Eben so, wie sie beide es sich insgeheim gewünscht hatten, obgleich sie ja eigentlich lange nicht einmal sicher waren, ob sie überhaupt jemals so weit gehen würden.

Auch in Greens Augen, war dieses ganz besondere Glücksgefühl zu finden, dafür aber keinerlei Reue, was den Halbdämon sofort erleichterte. Es wäre ihm nicht recht gewesen, wenn seine Freundin am Ende das alles nur auf sich genommen hätte, um ihn glücklich zu machen, schließlich sollte diese Erfahrung für sie beide etwas Schönes sein.

"Was passiert jetzt eigentlich?", fragte Green ganz plötzlich, während sie begann, mit ihrem Zeigefinger kleine Kreise auf Garys Brust zu ziehen, wobei sie abwesend beobachtete, wie seine Haut auf den leichten Druck reagierte.
"Was soll denn noch passieren?", fragte der Braunhaarige etwas verwundert. Sowohl das Schlimmste, als auch das Beste hatten sie ja bereits hinter sich. Das Einzige was jetzt noch kommen würde, war der gefürchtete letzte Abschied.
"Ich meine... wenn du weg bist. Was ändert das dann zwischen uns?" Sie sah zu ihm auf und etwas Flehendes lag in ihrem Blick. Sie wollte offenbar hören, dass sich nichts zwischen ihnen ändern würde, aber eigentlich wusste sie sicherlich, dass das gar nicht möglich war.
Bedauern lag in Garys Blick, bevor er Green fest an sich drückte und ehrlich antwortete. "Alles." Sofort zuckte sie kurz zusammen, sagte aber vorerst nichts, sondern ließ ihn weiter sprechen. "Ich will dir nicht weh tun und ich will auch nicht zusehen, wie es ein anderer tut, aber..." Aber was sollte er sagen? Es war nun einmal so. Er war ein Dämon und sie eine Hikari. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sich als Feinde gegenüberstanden und dann würde er keine Wahl mehr haben, als gegen sie zu kämpfen oder zuzusehen, wie ein anderer es tat.
"Aber du hast keine Wahl...", kam auch der Hikari nach einer Weile die bittere Erkenntnis, auf die sie lieber verzichtet hätte. Der Gedanke, dass Gary auch nur die Hand gegen sie erheben würde, erschien ihr noch immer so unreal, und das, obwohl es ihm in seinem dämonischen Zustand schon einmal passiert war. Doch diese Momente verdrängte Green gekonnt. Dennoch wusste sie eigentlich, dass Gary recht hatte und nicht nur er würde früher oder später keine andere Wahl haben, sondern auch Sibi, aber daran wollte sie erst recht nicht denken.
Während die Blauäugige ihr Gesicht an seinem Hals vergrub, beobachtete ihr Freund sie mit bedauernder Miene. Ein leises Seufzen teilte seine Lippen. "Du hast aber auch keine andere Wahl", machte der Halbdämon ihr dann klar, denn er befürchtete, dass sie sich dessen noch gar nicht wirklich bewusst war. Sie war schließlich Meisterin im Verdrängen.
"Das ist nicht faire..." Tränen sammelten sich unter den geschlossenen Augenliedern von Whites Tochter, während sich wiederum Wut in ihrem Inneren ansammelte. Wieso nur? Wieso waren sie so bestraft? Wieso durften sie nicht leben und lieben, wie alle anderen auch? Waren sie etwa Teil eines schlechten Liebesfilms oder mutierten sie nun unfreiwillig zu den Hauptdarstellern der neuen Version von Romeo und Julia? Nein... Romeo und Julia hatten sich nicht gegenseitig umbringen müssen.
"Das ist das Leben nie. Wenn es so wäre, dann wären wir nicht als Hikari und Dämon geboren, sondern als normale Menschen." Die einander lieben und hassten durften, wie es ihnen beliebte ohne dabei an etwas anderes zu denken, als das, was sie selbst wollten. In Wahrheit aber, mussten sie sich ständig fragen, was ihr Verhalten für sie und diejenigen, für die sie Verantwortung trugen, bedeuten würde.

Ein betretenes Schweigen trat zwischen die beiden Liebenden während der kleine Wecker auf dem Tisch neben Garys Bett mit unheilvollem Ticken verkündete, dass ihre Zeit bald abgelaufen war.

"Green...", begann Gary unerwartet und erschreckte seine Freundin damit so sehr, dass sie heftig zusammen zuckte, bevor sie ihre leicht feuchten Augen öffnete und ihn ansah. Er schluckte den Klos runter, der sich in seinem Hals gebildet hatte, nachdem er die Tränen in ihrem Blick entdeckt hatte und fuhr so ernst wie möglich fort. "Wenn es so weit ist, dass wir uns auf dem Schlachtfeld gegenüber stehen, dann darfst du nicht zögern."
Green richtete sich ruckartig auf und wunderte sich innerlich, woher sie eigentlich die Kraft dazu nahm, doch diese Frage war nun zweitrangig. "Was soll das, Gary? Ich will das jetzt nicht hören!" Das sollte nicht das letzte Gespräch sein, das sie geführt hatten.
Nun setzte sich auch Gary auf, aber deutlich schwerfälliger als sie. "Aber du musst es hören!", sagte er deutlich und mit eindringlichem Blick. "Außerdem ist das hier vermutlich die letzte Chance es dir zu sagen!" Vielleicht hätte er ja schon früher mit ihr darüber reden müssen, aber irgendwie hatten sie dieses Thema immer gekonnt ignoriert, wenn sie zusammen gewesen waren. Verständlich, denn eigentlich hatte es wichtigeres und auch leichteres zu tun und zu sagen gegeben.
Die Hikari schüttelte heftig mit dem Kopf. "Ich musste mir das heute schon einmal von Tinami anhören." Und das war kein Zuckerschlecken gewesen, denn die Elementarwächterin konnte mit ihrer Sachlichkeit schon erstaunlich brutal sein und das sogar, ohne es wirklich selbst zu merken. "Aber wenn du unbedingt willst, dann werde ich dir jetzt gerne dasselbe sagen, wie ihr. Ich kann, will und werde weder Sibi noch dich jemals verletzten oder töten können."
"Green! Du bist für jeden Dämon ein gefundenes Fressen, wenn du auch nur einen kleinen Moment abgelenkt bist, oder zögerst." Und genau das würde früher oder später der Fall sein, wenn sie nicht lernte, ihn als den Feind zu sehen, der er nun einmal ab Morgen war.
"Das ist mir egal", kam sofort die trotzige Antwort. "Du würdest mich doch auch nicht töten, oder?" Erstaunlich, dass sie sich da so sicher war, wenn man bedachte was Gary und Sibi in ihrem Dämonenzustand schon alles mit ihr zu tun versucht hatten.
"Ich kann... dir das nicht versprechen." Und sie musste endlich begreifen wieso und dafür blieb nicht mehr viel Zeit. "Du weist, ich bin ein Dämon. Außerdem, wenn ich dich nicht töte, dann muss ich dich beschützen, ich kann gar nicht anders, aber das könnte für uns Beide fatale Folgen haben." Zumindest seine Leute, würden so etwas auf keinen Fall tolerieren und sicherlich würden auch die Hikari alles andere als begeistert sein und sie hatten ja schon bewiesen, dass sie nicht davor zurück schreckten, die Tochter der großen White zu beseitigen, wenn sie nicht wie gewünscht handelte.
"Das mag ja alles sein, aber ich glaube trotzdem nicht, dass du mich so einfach ohne zu zögern töten kannst und ich werde das auch nicht können."
Jetzt reichte es ihm aber langsam. Es tat ihm ja leid, aber wenn sie es nicht anders verstand, dann musste er sie wohl auf etwas schmerzhaftere Weise zurück auf den Boden der bitteren Welt der Wächter und Dämonen zurückholen. "Green, ich werde töten und zwar deine Leute! Das Blut deiner Wächter wird an meinen Händen kleben und ich meine damit nicht nur all die Wächter, die du kaum kennst, ich meine damit auch Tinami oder Firey." Natürlich nur in so fern, ihm sein Bruder da keinen Strich durch die Rechnung machen würde, denn so wie er sich im Moment in Bezug auf die Feuerwächterin benahm, die er ja angeblich überhaupt nicht mochte, musste Gary mit allem rechnen, auch damit, dass Silver eine gewaltige Dummheit beging. "Verstehst du was ich dir damit sagen will? Du wirst mich hassen!"
"Vielleicht..." Aber sie wollte das nicht glauben und sie würde es nicht glauben, bis sie es nicht mit eigenen Augen gesehen hatte. Im Moment schien allein der Gedanke, dass sie ihren geliebten Gary hassen konnte, absolut unmöglich und die Vorstellung, dass er einfach mal so einen ihrer Freunde tötete, schien ihr im Moment ebenso unrealistisch. "Aber lass uns jetzt nicht mehr darüber reden!"
Mit einem leicht genervten Seufzen schüttelte der Halbdämon die Kopf, warf dann die Decke beiseite und stieg aus dem Bett, "Ich muss los." Vor allem musste er Silver suchen. Eigentlich wollten sie beide nämlich zusammen zu der Versammlung gehen, dazu musste Gary seinen Hitzköpfigen kleinen Bruder aber erst einmal finden und da es mittlerweile zwei Welten gab, in denen man den Rotschopf vermuten konnte, sollte er lieber gleich los gehen. Außerdem wollte er den Abschied nicht noch unnötig in die Länge ziehen.
Greens Blick fiel auf die Uhr und sie nickte bedauernd. Es war wohl wirklich besser, wenn er jetzt ging. Also stieg auch sie aus dem Bett und suchte ebenso wie er nach ihren Sachen, die sich ungünstigerweise mit denen des Halbdämons vermischt hatten. "Kommt Sibi eigentlich heute noch einmal nach Hause?" Trotz allem, interessierte sie das schon noch irgendwie, denn sie hätte sich auch von ihm noch gerne verabschiedet.
"Wenn ich das wüsste..." Der Grünäugige schlüpfte in seine Hose und hielt schon einmal Ausschau nach seinem T-Shirt, während Green sich scheinbar absichtlich Zeit damit lies, ihren hübschen nackten Körper mit Kleidung zu bedecken. "Er hat sich vorhin reichlich seltsam verhalten. Er saß die ganze Zeit schweigend auf der Couch und wirkte fast so, als würde er mal seinen Kopf benutzen und nachdenken. Dann ist er plötzlich aufgesprungen und hat gemeint, er müsste noch etwas Dringendes erledigen." Und bevor Gary ihn hätte fragen können, was er ausgerechnet jetzt noch so wichtiges zu erledigen hatte, war sein Bruder auch schon über alle Berge gewesen.

Aber auf einmal schien es dem Älteren der beiden gar nicht mehr so schwierig, heraus zu finden, wo er sich aufhielt. Eigentlich war es schließlich gar nicht so abwegig, dass er noch eine ganz bestimmte Wächterin besuchen gegangen war, die ihn in den letzten Wochen scheinbar reichlich aus dem Konzept gebracht hatte. Die Frage war jetzt allerdings, ob er nur zu ihr gegangen war, um sie als Gefahrenquelle auszuschalten oder ob er vielleicht auch einfach nur auf eine herzzerreißende Abschiedszene aus war, die wohl nur zustande kommen konnte, wenn zwei solche temperamentvollen Sturköpfe sich ineinander verliebt hatten und das wider jeder Gesetze und Regeln.

"Dann werde ich mich wohl nicht von ihm verabschieden können...", erkannte Green bedauernd, während sie nun doch endlich begann, sich anzuziehen.
Gary wurde von Greens Worten aus seinen Gedanken gerissen und auf einmal schienen ihm seine Überlegungen doch wieder abwegig. Wieso sollte Silver die Feuerwächterin seiner geliebten Green vorziehen? Aus trotz? Nein, so blöd würde doch nicht einmal der Rotschopf sein, oder? Andererseits... "Nein, wohl nicht. Aber ich sag ihm, dass du an ihn gedacht hast." Mit einer beiläufigen Bewegung fuhr sich Gary durch das verwuschelte Haar und sah seine Freundin dann traurig an. "Du solltest besser gehen."
Was auch sonst? Was sollte sie denn noch hier, wenn er nicht mehr da war? "Ja..." Aber so ganz ohne Abschiedkuss würde sie sicher nicht gehen. Also legte Green noch ein letztes Mal ihre Arme um Garys Hals, machte sich lange und küsste ihren Freund zärtlich auf die Lippen. Dieser wollte ja eigentlich nicht darauf eingehen, weil er der Überzeugung war, dass würde es ihnen nur unnötig erschweren, aber als er plötzlich die sanften Lippen seiner Hikari auf den seinen spürte, konnte er nicht mehr anders, als den Kuss leidenschaftlich zu erwidern.
"Pass auf dich auf Green!" Und vergiss mich nicht, egal was passiert, fügte der Halbdämon gedanklich hinzu, als er sich endgültig von der Braunhaarigen löste, einen letzten Blick in ihre schönen blauen Augen warf und sich dann widerwillig auf den Weg machte, die Wohnung zu verlassen.

Sein Herz sagte ihm, dass sie es schaffen würden, den Krieg zu überleben und dann glücklich zu sein, doch sein Verstand wusste es besser. Für sie beide, würde es niemals eine gemeinsame glückliche Zukunft geben, egal wie sehr sie auch darum kämpfen würden.

Aber das musste Green nicht wissen, sie würde es noch früh genug selbst herausfinden...

~*~

Mit einem lauten Krachen schlugen die Wellen des Meeres gegen die Klippen, auf denen Siberu stand und mit leerem Blick hinaus in die scheinbar unendliche Weite des Meeres schaute.

In Kürze würde er wieder nur noch Silver sein. Der stolze und sture Dämon, der handelte ohne Nachzudenken und neben ihm würde sein Bruder stehen. Blue, der Dämon Widerwillen, der alles immer erst logisch betrachten und genau durchdenken musste.

Sie beide würden auf dem Schlachtfeld stehen und Wächter töten, doch die Genugtuung würde ausbleiben. Im Kopf würden sie beide wohl nur den Gedanken haben, niemals der Person zu begegnen, zu der sie sich am meisten hingezogen fühlten. Und würde es doch einmal so weit kommen, dann würde der einzige wirkliche Kampf in ihnen selbst stattfinden.

Sinnlos es zu leugnen. Er glaubte nicht, Green oder Firey mit der Absicht verletzen zu können, sie zu töten. Eher würde er wieder den Spiegeltrick der verbotenen Künste anwenden - auch wenn die natürlich ebenfalls nicht ganz ungefährlich waren - als zuzulassen, dass seiner geliebten Green oder Firey etwas geschah.

Gekonnt landete Gary neben seinem Bruder auf einer der Klippen und blickte ihn ernst an. "Es wird Zeit." Auf einmal schien ihm die Frage, wo er die ganze Zeit gewesen war und was er hier machte, nicht mehr wichtig. Was nützte ihm dieses Wissen noch?
Siberu nickte nur und seine Hände verkrampften sich unbewusst zu Fäusten. "Hast du dich... von ihr verabschiedet?" Ein Nicken seitens seines Bruders war die Antwort. "Und hast du ihr auch erklärt, was jetzt passieren wird?"
"So im Groben." Wie hätte er ihr auch mehr erzählen können? Schließlich wusste er nicht viel mehr und das was er wusste, wollte er Green heute Nacht lieber noch ersparen. Sie würde noch früh genug all die dunklen Geheimnisse dieses Krieges entdecken und sich vor ihnen fürchten. Es war wirklich besser, wenn sie noch nicht wusste, in was für grausame Dinge ihre beiden Halbdämonenbrüder verwickelt waren. "Wieso warst du nicht da, um dich von ihr zu verabschieden?"
"Ich stehe nicht auf tränenreiche Abschiedsszenen. Außerdem... musste ich mich von jemandem anderem verabschieden." Und in diesem Falle, war Firey einfach vorgegangen, auch wenn Siberu immer noch nicht so genau verstehen wollte, warum das so war.
Gary warf einen prüfenden Blick auf seinen Bruder und hatte irgendwie das Gefühl, dass sich an ihm etwas Entscheidendes verändert hatte. Lag es allein daran, dass er jemand anderes Green vorgezogen hatte? Oder daran, dass man ihm deutlich ansah, dass sein Interesse an dem Krieg verschwunden war? Oder lag es etwa an...? "Denkst du, dass es gut war, diese komplizierte Geschichte zwischen euch gerade heute Nacht zu klären?", wollte der Braunhaarige plötzlich wissen.
"Wann denn sonst?" Immerhin wusste ja keiner von ihnen wann und unter welchen Umständen sie sich das nächste Mal sehen würden und ob dann Zeit für so etwas war. "Außerdem haben wir gar nichts geklärt." Sie hatten es eher komplizierter gemacht, viel komplizierter.
"Wirst du sie töten, wenn es die Situation verlangt?"
"Nein." Kein zögern. "Und du?"
"Niemals."
Auf einmal bildete sich ein breites Grinsen auf Siberus Gesicht. "Na prima, dann können wir beide dabei ja nur drauf gehen." Aber wenigstens konnten sie dann mit dem Gedanken sterben, nicht die Wächter getötet zu haben, die ihnen wirklich etwas bedeuteten, wobei es natürlich nicht für ihre dämonische Seite sprach, dass es solche Menschen überhaupt in ihrem Leben gab.
Im Gegensatz zu seinem Bruder blickte Gary ziemlich ernst drein. Er fand das ganze keineswegs zum Lachen. Es war eher zum Weinen, dass die einzige Alternative zum Krieg der Tod war. Dennoch... "Wenn ich sterbe, um Green zu retten, dann kann ich wohl damit leben."
Siberu nickte und auch sein Gesichtsausdruck wurde wieder ernster. "Würdest du auch für mich auf sie aufpassen? Ich muss... jemand anderen beschützen." Denn auf einmal beschlich ihn das ungute Gefühl, dass Firey auch ohne sein Zutun, eine Menge Probleme in dem bevorstehenden Krieg haben würde.
"Ich bin überrascht, Silver. Ich hätte niemals erwartet, dass es dich mal wirklich erwischt."
"Antworte auf meine Frage, Blue!"
"Du kennst die Antwort schon."
"Gut, dann sind wir uns ja einig und können endlich gehen." Bevor er es sich doch noch anders überlegte und lieber den Rest seines Dämonenlebens davon lief.
"Wenn es nach mir ginge..." Dann würden sie sich nicht von der Stelle bewegen, bis der Krieg vorbei war, es sei denn eben jene brauchten ihre Hilfe, die sie zu beschützen geschworen hatten.
"Tut es aber nicht, also komm! Du weist genau so gut wie ich, dass wir noch einige Wächter töten werden, bevor wir sterben." Und ganz gleich, wie sehr sie Firey und Green auch beschützen würden, dass wird ihnen keiner von den beiden jemals verzeihen.
"Ja, aber anders geht es nicht." Denn wenn sie wirklich beschützen wollten, was es zu beschützen galt, dann ging das nur, wenn sie lange genug überlebten. Außerdem wer sich nicht wehrte oder die Aufträge missachtete, würde schneller sterben, als er gucken konnte.
"Los jetzt." Siberu wartete nicht auf eine Reaktion von seinem Bruder, sondern machte sich auf den Weg.

Gary warf einen letzten, fast schon verzweifelten Blick aufs Meer hinaus. "Es werden nicht nur Wächter sein, die wir töten. In einem Krieg wird immer auch das Blut der Unschuldigen vergossen und es wird an unseren Händen kleben.", murmelte er leise, bevor er seinem Bruder folgte...