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Oneshot
  NxW: Lost Melody

Der Schnee fiel in ruhigen, kleinen Abständen. Als ob die kleinen weißen Punkte gefangen waren, in einem bestimmten Takt. Der Schnee fiel seit mehr als einer Woche. Der Himmel war seitdem vollständig in weiß getaucht... Er schickte seine kleinen Kinder auf die Oberfläche der Erde, damit auch diese dem Himmel, in dessen weißen Tanz, ähneln konnte. Der graue, kalte Stein, war so gut wie nicht mehr zu sehen. Er war beinahe vollständig zugedeckt mit Schnee. Die Schrift, die geschmückt wurde von einem Vogel, der den Frieden verkündete, war unleserlich geworden. Alles war weiß... die ganze Welt...
Weiß. Die Farbe der Unschuld. Farbe der Heiligkeit. Der Reinheit. Ihr Name.


White.


Mein Körper sagte mir, dass es kalt war. Doch mein Gehirn war nicht in der Lage, dessen Drang aufzustehen, nachzugeben. Wo sollte die Wärme schon her kommen? Der Schnee war nicht so kalt, wie das eiskalte Gefühl in mir. Es kam mir vor, als ob der Schnee und seine Kälte, nicht vom Himmel herunter kamen - sondern von mir selbst. Von meinem Körper war nicht mehr vorhanden als ein Stück lebloses Fleisch. Er war zusammen mit meiner Seele eingefroren. Es existierte nichts mehr, was mich hätte aufwärmen können. Kein Karmin würde so ein Wunder vollbringen können. Nichts würde die nach unten führende Teufelspirale aufhalten können... sie ging immer tiefer... und tiefer... Die eiskalte Hölle, wo nur ein Gefühl mir sagen würde, dass ich noch am Leben war... Das dieses Organ, immer noch seinen schrecklichen Takt schlug...


Oh, Herz, warum kannst du nicht einfach stehen bleiben... es ist doch so leicht. Erlöse mich...


Langsam schloss ich meine Augen; hoffte dass ich schlafen würde. Ich wollte einfach nur weg. Weg von dieser schrecklich kalten Gegenwart... einfach weg... zurück zu den warmen Tagen der Vergangenheit. Unfassbar, dass sie nur so kurz zurücklagen. Es war nicht einmal eine Woche her. Es hatte geschneit wie jetzt auch.


Die Schatten der Flammen tanzten über die dunkle Tapete. Die alten Gesichter der Familie, die von deren Ahorn-Rahmen auf uns herunter sahen, erhielten eine völlig neue Nuance. Der Raum war erfüllt von Gelächter - von deinem Lachen.
Die göttlichste Musik die ich je gehört habe. Wäre deine Stimme Musik, so würde ich niemals davon satt werden. Ich hatte keine Ahnung, was der Grund für dein Lachen war. Es war auch vollkommen egal. Es war ein seltener Zufall, dich in guter Laune zu erleben. Also genoss ich es einfach. Ohne daran ein Fragezeichen zu setzten.
Wir saßen zusammen auf dem kleinen roten Schimmel vor dem Flügel. Er war nicht für zwei geeignet, also hattest du auf meinem Schoss Platz genommen, während ich versuchte dir einfache Takte zu lehren. Es war unfassbar, wie unkoordiniert deine keinen Finger versuchten meine Bewegungen nachzuahmen.
Ohne dass es mir bewusst war, hatte auch ich angefangen zu lachen, als du zu eifrig wurdest.
"Nocturn", sagtest du, mit der Stimme eines kleinen unartigen Kindes.
"Hör auf mich auszulachen! Nicht alle Wesen auf dieser Welt, können Beethovens Wiedergeburt sein, wie du!"
"Entschuldige mich, mein Engel. Aber ich kann einfach nicht verstehen, wie ein Engel wie du..."
Dein Blick sagte mir, dass ich meine Meinung lieber für mich behalten solle, wenn ich die gute Stimmung nicht gefährden wollte. Ich kannte dein Temperament und wusste, dass sich deine gute Laune schnell ins Gegenteil verwandeln konnte. Aber es war nicht ich, der das Thema wechselte. Du nahmst die Noten von ihrem Platz und sahst sie durch.
"Hast du die geschrieben, Nocturn?"
Ich nickte und beobachtete, wie sich dein Gesichtsausdruck veränderte. Ein melancholischer Hauch nahm von deinem Gesicht besitz; besonders deine weißen Augen. Während du meine Noten in deinen Händen hieltest, sahst du zu mir hinauf.
"Tust du mir deinen Gefallen und spielst eins?"
Ein kurzes Lächeln spielte um meine Lippen.
"Es wäre mir eine große Ehre."
Ich spielte so gut wie noch nie zu vor. Aber wie sollte es auch anders sein? Die Quelle meiner Inspiration saß bei mir. Deine rechte Hand lag auf meinem Herzen, während du den stummen Worten meiner Musik lauschtest. Für mich war die Musik die Sprache der Welt. Mit der Musik konnte man seine Gefühle überbringen, selbst wenn die Lippen versiegelt waren und es unmöglich war, so viel wie auch nur ein Wort zu sagen. Jeder konnte die Musik verstehen, man musste nichts weiter tun, als das Herz zu öffnen und zu lauschen.
In diesem Augenblick fragte ich mich, ob du verstandest, was ich mit meiner Nocturne sagen wollte. Die Worte die ich niemals würde sagen können: Egal in welcher Sprache. Nur in meiner Musik würdest du sie finden... tief, tief versteckt...
Die Antwort kam. Ich war auf dieses Wunder nicht vorbereitet und einen Augenblick lang kamen meine langen Finger zum Stillstand.
Du sangst, du, mein Engel, meine Göttin, sangst zu meiner Musik...


.... Ihre Stimme erfüllte immer noch meinen Kopf als ich erwachte. Ich war zurück in der Kälte. Zurück zu dem grauen Stein. Der Wind spielte mit den Schneeflocken und die Schrift war wieder zu erkennen. Ich sah sie. Las sie... und wünschte einmal mehr, dass das was auf dem Stein stand, eine Lüge war.


...White. ...
Geboren 1965.
Tot 1989.


... und einmal mehr wurde mir bewusst, dass White tot war. Dass ich hier in mehr als drei Tage gelegen habe; an ihrem Grabstein... und dass ich immer noch hoffte, dass sie einfach kommen und mich zu sich holen würde.


Aber das würde sie nicht.


White war tot.


... und mit ihrem Tod war auch meine Melodie verschwunden.


Meine Nocturne würde niemals mehr gespielt werden...


Weil sie genauso tot ist, wie du.