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Side Story
  Dear you, my Friend

Ryô stellte das Tablett auf dem Nachtisch ab, auf dem sich sofort der wohlriechende Geruch des Tees verbreitete: es war Kräutertee. Grey mochte keinen Kräutertee, es war der einzige Tee, den er nicht mochte. Das war auch der Grund, weshalb er den Kopf wegdrehte, als er den Geruch vernahm. Natürlich wusste Ryô, dass sein Meister den Tee nicht mochte; er wäre ein schlechter Tempelwächter, würde er es nicht wissen. Aber genauso wusste er auch, welch heilende Fähigkeiten einem guten, warmen Kräutertee zugeschrieben wurden und daher hatte er Grey diesen gebracht, anstatt einen anderen zu wählen, der seinem Geschmack mehr entsprach. Immerhin hütete der Windwächter schon seit vier Tagen das Bett - jedenfalls solange Ryô im Zimmer war, denn er hatte ihn schon öfter auf frischer Tat ertappt, wenn Grey sich aus dem Bett gehievt hatte, um an seinem Schreibtisch irgendwelche Dokumente abzuarbeiten.
"Grey-sama...", sagte der Tempelwächter mit einem Seufzen, als er deutlich Greys Unzufriedenheit in dessen Gesicht lesen konnte.
"Ich bitte Euch, seid nicht so stur. Es ist Eurem Sturkopf zu verdanken, dass Ihr im Bett liegt; lasst nicht zu, dass dieser auch noch Eure Genesung verlangsamt." Grey seufzte nur als Antwort, wahrscheinlich weil er wusste, dass sein Tempelwächter recht hatte. Mit Ryôs Hilfe richtete er sich im Bett auf und nahm den Tee entgegen.
"Ich hasse mein Immunsystem", sagte Grey und starrte in die dunkle Flüssigkeit, als wäre es sein Todfeind.
"Wäre ich doch nur ein bisschen später zusammengebrochen, dann hätte Green die beiden Halblinge sicherlich besiegt." Grey nahm den Löffel, der auf dem Tablett bereit lag und rührte im Tee herum. Ryô sagte dazu nichts, da es bereits das dritte Mal war, dass Grey seinen Unmut wiederholte und er wusste, dass er keine Antwort erwartete. Er musste einfach seinen Frust auslassen. Der Tempelwächter stand noch eine Weile bei seinem Meister und hörte seinen Beschwerden über seine momentane Situation mit einem zurückgehaltenen Lächeln zu, bis Grey den Kräutertee ausgetrunken hatte und auch seine Medizin eingenommen hatte. Erst als Ryô sich dessen versichert hatte, wandte er sich herum, um zu seinen üblichen Pflichten zurückzukehren. Doch gerade als er sich auf machen wollte, um seiner Schwester in der Küche zu helfen, fiel ihm Greys Schreibtisch auf und sofort verdrehte er unbemerkt die Augen. Sein Meister war schon wieder auf den Beinen gewesen. Ohne es zu kommentieren (es brachte sowieso nichts), begann er das Chaos, welches Grey verbreitet hatte, wieder aufzuräumen, sich wohl bewusst, dass der Windwächter hinter ihm leicht errötet war, weil Ryô ihn erwischt hatte. Wenn Grey das nächste Mal aufstand und nicht wollte, dass sein Tempelwächter es bemerkte, so sollte er sein Chaos doch lieber wieder wegräumen - das würde die Chance auf eine mögliche Entdeckung sicherlich verringern. Dies wollte Ryô seinem Herrn auch gerade höflich sagen, als er etwas zwischen den Sachen entdeckte. Grey hatte wohl zwischen seinen ganz alten Unterlagen nach Skizzen gesucht, denn ein altes Foto rutschte aus den Papieren, welches einige Erinnerungen in dem Tempelwächter wachrief, da dieses Foto damals für einigen Wirbel gesorgt hatte.

"Ryô, du musst nicht hinter mir aufräumen, ich mach das schon, wenn ich wieder gesund bin..." Der Angesprochene hörte seine Worte nicht, da er sich gebückt hatte, um das Bild aufzusammeln und dabei nicht umhin kam, es wieder genau in Augenschein zu nehmen. Das Bild wurde vor mehr als fünfzehn Jahren aufgenommen und zeigte den damals neunjährigen Grey, wie er seinen Freund an der Hand genommen hatte, um ihn so förmlich aufs Bild zu zerren. Der kleine Ryô schrie einem fast entgehen, wie unwohl er sich dabei fühlte. Er war errötet und der nun 24-jährige Ryô konnte sich noch gut daran erinnern, wie er verzweifelt versucht hatte, überall anders hinzugucken - nur nicht zur Kamera oder zu Grey, der fröhlich neben ihm lachte. Man könnte meinen, Ryô wäre schlichtweg nicht fotogen, doch das war nicht das Problem. Er war wohl einer der einzigen - wenn nicht sogar der einzige - Tempelwächter, der jemals auf einem Foto festgehalten worden war. Denn obwohl die Tempelwächter eigentlich ein fester Bestandteil einer jeden Wächterfamilie waren, gehörten sie nicht "zur Familie" und waren damit auch nie - nicht einmal im Hintergrund - auf einem Familienportrait zu sehen.
Tempelwächter selbst fotografierten sich nicht und damals, als es die Fotografie noch nicht gab, war es erst recht undenkbar gewesen, dass ein Tempelwächter jemals abgebildet worden wäre. Welcher Künstler würde schon die unterste Schicht der Wächter malen? Und welcher Tempelwächter würde dafür seine Zeit verschwenden, wo es doch viel wichtiger war, sich um seinen Herrn zu kümmern?
Aber Grey wollte es unbedingt. Er hatte keine Ruhe gegeben, weil er unbedingt ein Foto von ihm und "seinem besten Freund" haben wollte. Ryô selbst war dagegen gewesen, weil ihm damals schon bewusst war, dass er nicht auf ein Foto gehörte, doch Grey hatte ihn auf kindliche Art und Weise dazu gezwungen. Man konnte bei weitem nicht behaupten, dass das Bild gut ankam in der Gesellschaft der Wächter, da die Neuigkeit sich wie ein Lauffeuer verbreitet hatte - immerhin war Grey nicht irgendein Wächter, sondern Whites Sohn. Doch die Kritik fiel nicht allzu heftig aus, da man sagte, dass Grey ja nur ein Kind war. Ein Kind, welches den Unterschied zwischen ihm, dem Sohn einer Hikari, und einem einfachen Tempelwächter nicht verstand.
Aber einige meinten, dass er das bis heute nicht tat.
"Was guckst du dir denn da solange an?", fragte Grey. Umgehend drehte Ryô sich wie vom Blitz getroffen herum und konnte nichts dagegen tun, dass sich leichte Röte auf seinem Gesicht zeigte, weil es ihm unangenehm war, dass er so lange auf das Bild gestarrt hatte. Am liebsten würde er eine Ausrede finden, doch das wäre gelogen und so gab er zu, dass er in Erinnerungen versunken gewesen war.
"Ich wusste nicht, dass Ihr das Foto aufbewahrt habt..." Grey schien über diese Aussage nicht gerade erfreut.




"Natürlich habe ich es. Ich werde es mindestens solange aufbewahren, bis ich dich wieder vor die Linse bekomme." Schlechte Vorstellung, dachte Ryô, ganz schlechte. Damals konnte seine kindliche Unschuld das Bild entschuldigen, aber heute war es etwas anderes. Grey sagte das sicherlich nur aus Spaß; natürlich war es sich bewusst, dass es sich nicht gehörte und das war ihm doch wohl nicht egal...oder etwa doch? War er seiner Schwester etwa schon so ähnlich geworden und das in nur so kurzer Zeit?
Hinter ihm seufzte Grey tief und sagte:
"Damals war das alles noch so viel einfacher. Damals hab ich noch gedacht, meine Schwester würde pflegeleicht sein!" Ryô musste gegen seinen Willen schmunzeln, als er sich daran erinnerte, wie sehr Greys Leben seit jeher von seiner Schwester beeinflusst worden war.
Obwohl es eigentlich nichts war, worüber man schmunzeln konnte, denn Grey hatte sich deswegen schon wahrlich oft in Gefahr gebracht und wenn Ryô genauer darüber nachdachte, war es teilweise sogar ein Wunder, dass sein Herr sich überhaupt noch Sorgen um Green machen konnte.
Doch auch Ryô mochte es, an diese Zeit zurückzudenken, obwohl sie gerade für ihn nicht einfach gewesen war. Dennoch...die Erinnerungen waren sein wohl wertvollster Besitz. Der Moment, in dem er Grey zum ersten Mal gesehen hatte, dass sie Freunde wurden, ehe Ryô überhaupt seine Ausbildung als Tempelwächter abgeschlossen hatte und der Tag, an dem Ryô Grey als Tempelwächter ewige Treue schwor...


Die Zwillinge Ryô und Itzumi waren die einzigen Kinder von Irizz, dem Tempelwächter Whites, und Celine, einer Tempelwächterin, die auf Sanctu Ele'saces für das leibliche Wohl verantwortlich war. Wie es für Tempelwächter normal war, hatten deren Eltern keine Zeit für ihre Kinder. Die Kinder von Tempelwächtern blieben nur die ersten zwei bis drei Jahre bei der Mutter, ehe sie in die Obhut anderer Tempelwächter kamen, die für deren Erziehung und Ausbildung verantwortlich waren. So etwas wie Familie gab es nicht. Tempelwächter lebten einzig und alleine für das Wohl anderer, da gab es keinen Platz und auch keine Zeit für das Wort "Familie". Umso mehr Zeit ein Tempelwächter hatte, um sich um seine Kinder zu kümmern, umso mehr bedeutete das auch, dass seine Stellung nicht gut genug war. Ryôs und Itzumis Vater hatte die höchste Stellung inne, die ein Tempelwächter überhaupt erreichen konnte; er war der Tempelwächter der Hikari und hatte damit erst recht keine Zeit und auch kein Interesse an seinen Kindern. Wenn man dies hörte, würde man denken, was für ein kalter und vielleicht sogar boshafter Vater er doch sei, doch das war ein Irrtum. Es war für einen Tempelwächter einfach normal so zu denken und so zu priorisieren. Ryô hatte deshalb nie schlecht über seinen Vater gedacht. Es war einfach so. So war das Leben für einen Tempelwächter.
Und noch nie hatte sich irgendeiner von ihnen beschwert.

Ryô war vier Jahre alt, als ihn sein Vater mit in den Tempel nahm. Nicht, um so Zeit mit seinen Sohn zu verbringen, sondern um dem Wunsch Whites nachzugehen, da sie darauf bestanden hatte, seine Kinder kennenzulernen. Itzumi war jedoch nicht mitgekommen. Sie war bereits im vollen Gange mit ihrer Ausbildung zum Tempelwächter und war - man glaube es kaum - die bessere Schülerin von den Zwillingen. Bereits mit vier Jahren hatte sie ein festes Ziel vor Augen: in die Fußstapfen ihres Vaters treten. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb sie letzten Endes so fürchterlich von Green enttäuscht war.
Irizz sprach nur in den allergrößten Tönen von White und man sollte sich fragen, welche Frau Irizz wirklich geliebt hatte. Aber auch daran war nichts Ungewöhnliches. Ein Tempelwächter verbrachte so viel mehr Zeit mit seinem Meister, dass es nur natürlich war, dass er eine festere, wenn auch distanzierter Bindung zu dieser Person hatte als zu dem eigentlichen Partner. Wenn man es genau betrachtete, waren sie nur auf dem Papier als Mann und Frau eingetragen. Was verband sie schon? Nichts, außer deren gemeinsamen Kindern. Es war also nicht so falsch, wenn man behauptete, ein Tempelwächter war mit seiner Arbeit verheiratet.
Ryô war nicht wohl bei dem Gedanken, der ranghöchsten Wächterin zu begegnen. Wenn er heute daran zurück dachte, wusste er immer noch genau, wie sehr er gezittert hatte. Es lag nicht allein an Whites Position, sondern auch daran, dass Ryô allgemein Probleme mit anderen Wächtern hatte, besonders mit Wächtern, die keine Tempelwächter waren. Es machte ihn schrecklich nervös, einem solchen Wächter gegenüberzustehen, was laut seinem Erzieher und Lehrer auch sein größtes Problem war.
Der junge Tempelwächter starrte auf seine Füße, während sie auf die Ankunft von White warteten. Doch es waren weder White noch sein Vater, der ihn aus der Starre löste. Es war ein Wächter in seinem Alter.
Auch nachdem der andere Wächter im Raum angekommen war, hob Ryô nicht den Kopf, sondern fokussierte weiterhin auf seine Füße. So sah er auch nicht viel mehr als die Füße des anderen, während sein Vater ein Gespräch mit dem Jungen begann. Ryô hörte dem Gespräch aufmerksam zu, wie er es immer tat, doch sah nach wie vor nicht auf. Sein Vater ärgerte sich garantiert über das Benehmen seines Sohnes. Dessen war Ryô sich bewusst, doch er konnte sich schlichtweg nicht aus seiner Starre befreien. Niemandem war es bis jetzt gelungen, Ryô von dieser Macke zu befreien und nun nicht einmal seinem Vater. Wie sollte er ein guter Tempelwächter werden, wenn er im Angesicht von anderen Wächtern immer nur auf seine Füße starrte?
"Wer bist du?"
Ryô fühlte sich absolut nicht angesprochen, doch dass die Frage an ihn gerichtet war, fand er schneller heraus, als es ihm lieb war: Denn genau vor seinen Augen tauchte plötzlich ein fremdes Gesicht auf. Ryô schreckte sofort aus seiner Starre hoch und stolperte mehrere Schritte nach hinten, wobei er gegen ein Podest stieß und damit dafür sorgte, dass die Vase, die darauf stand, herunterfiel.
Zu seinem Glück wurde sie beinahe lässig von seinem Vater aufgefangen, welcher nicht fassen konnte, dass sein Sohn auch noch ungeschickt sein sollte.
"E-Entschuldigt, das war...nicht meine Absicht...", stammelte Ryô hervor, sich natürlich seines peinlichen Verhaltens bewusst. Anders als der Wächter, der vor ihm stand. Mit seinen himmelblauen Augen sah er sein Gegenüber verwundert an, schien scheinbar nicht zu verstehen, wofür er sich entschuldigte.
"Warum entschuldigst du dich? Ich hab dich doch erschreckt. Ich muss mich entschuldigen!"
Sofort war Irizz zur Stelle, um dafür zu sorgen, dass der Junge keine Schmach beging.
"Grey-sama, Ihr müsst Euch garantiert nicht entschuldigen! Es ist die Schuld meines Sohnes, nicht Eure." Doch der Junge mit den himmelblauen Augen achtete nicht auf ihn, sondern ging an ihm vorbei zu Ryô, der ihn immer noch anstarrte, seit sein Gesicht ihn so erschreckt hatte. Erst als der Wächter dem Tempelwächter die Hand hinhielt, sah Ryô eben diese an und bemerkte erst da, dass er zu Boden gestürzt war.
"Komm! Ich helf dir hoch!" Noch weitere Sekunden starrte der Tempelwächter die Hand an, die ihm so hilfreich entgegen gehalten wurde, unschlüssig, wie er handeln sollte. Er hatte noch nie einen Wächter - einen richtigen Wächter - berührt, nicht einmal mit einem gesprochen, da er sich nie getraut hatte...und jetzt war da dieser Junge mit den himmelblauen Augen und dem weißen Haar, der ihm einfach so die Hand hin hielt, ihm helfen wollte und... sich bei ihm entschuldigte? Aber er war doch nur ein Tempelwächter, nichts wert. Er konnte alleine aufstehen und es war auch seine Schuld, dass er am Boden gelandet war - genau wie sein Vater es sagte.
Und obwohl Ryô es wusste, strahlte die Hand des anderen Wächters beinahe schon eine unglaubliche Anziehungskraft aus, so dass der Tempelwächter sie einfach ergreifen musste. Der Griff des Wächters war fest und sicher als er ihm nun hoch half und seine Hand warm, so dass Ryô sich nicht lange Gedanken darum machte, wie falsch das war, was er gerade tat.
"Wie heißt du?", fragte er ihn, als Ryô wieder auf den Beinen war. Dieser starrte ihn immer noch an, konnte sich nicht von ihm abwenden. Wahrscheinlich, weil er einfach nicht begriff, warum er so nett zu ihm war - warum er ihn behandelte, als wären sie beide Wächter, die auf der gleichen Stufe standen. Wusste er etwa nicht, dass sie es nicht taten? War das möglich?
Nein, alle wussten, dass Tempelwächter die unterste Schicht der Wächter waren. Alle Wächterkinder wussten, dass sie nicht mit den Tempelwächtern spielen sollten. Er wusste es doch auch.
Aber warum ließ er seine Hand nicht los?
"...Ryô." Kaum hatte er das gesagt, zerrte der Wächter ihn auch schon weg von seinem Vater, der genauso sprachlos war wie sein Sohn.
"Und ich bin Grey! Komm, lass uns spielen!"
Kaum waren die zwei Kinder hinaus auf das Feld verschwunden, kam White hinzu. Irizz bemerkte sie zuerst nicht, da seine Augen immer noch auf den beiden Kindern klebten und er nicht so recht begreifen konnte, was da gerade vor sich ging. White machte nicht auf sich aufmerksam, sondern sah ebenfalls hinaus auf das Feld, wo sie zusah, wie Grey den jungen Tempelwächter hinter sich her zog, quer durch die bunten Blumen und Schmetterlinge.




"Es ist lange her, dass ich meinen Sohn so ausgelassen gesehen habe", bemerkte White, womit sie die Aufmerksamkeit Irizz' erlangt hatte.
"White-sama! Ich..." Sie wandte ihre Augen von den beiden Kindern ab und sagte lächelnd:
"Ist das dein Sohn, Irizz?"
"Ja, Eminenz - ich werde sofort dafür sorgen, dass er Euren Sohn nicht weiter belästigt..."
White winkte mit der Hand ab und beschwichtigte damit ihren aufgebrachten Tempelwächter ein wenig.
"Sie sind nur Kinder, Irizz. Lass sie spielen. Sie wissen noch nichts von irgendwelchen Abgründen, die Rangunterschiede schaffen." Irizz fragte sich kurz, ob er seine Hikari vielleicht aufklären sollte, dass Ryô es sehr wohl wusste. Das war nämlich das allererste, was ein Tempelwächter lernte.
"Außerdem tut es meinem kleinen Grey gut, mit jemandem in seinem Alter zu spielen." Ihr Tempelwächter war sich nicht einmal halb so sicher wie White, dass es gut war, dass deren Kinder gemeinsam auf dem Feld tobten, doch hatte gewiss nicht im Sinne, mit ihr darüber zu diskutieren. Wenn White meinte, dass es richtig war, dann sollte es so sein.


Doch Irizz hätte seinen Sohn vielleicht doch lieber wieder zurückholen sollen, oder jedenfalls dafür sorgen sollen, dass die beiden Kinder sich nicht so oft sahen. Aber vielleicht wäre es auch dann schon zu spät gewesen. Vielleicht war der Schaden schon bei deren erster Begegnung angerichtet und nicht wieder gutzumachen.
Nachdem sie sich nach diesem Nachmittag voneinander verabschiedet hatten, hatte Irizz
eigentlich gehofft, dass es das erste und letzte Mal war, dass Ryô seinen Nachmittag mit Spielen verbracht hatte anstatt mit seiner Ausbildung. Doch leider hatte er sich da geirrt.
Ryô hatte für sich selbst beschlossen, dass der Nachmittag zusammen mit Grey sein privates Geheimnis sein sollte; nicht einmal Itzumi hatte er davon erzählt, die unbedingt wissen wollte, wie das Treffen mit deren Vater und White gelaufen war. Genauso hatte Ryô jedoch auch beschlossen, dass es eine einmalige Sache sein sollte und dass er nicht versuchen würde, wieder in Kontakt mit Grey zu kommen - so gerne er es auch wollte. Immerhin war Grey der Einzige, der ihn als ein Wächter behandelte, als einen, der genauso viel wert war wie er.
Kaum, dass Ryô wieder in seinem gewohnten Umfeld und wieder ein Teil des üblichen Tagesverlaufes eines Tempelwächters in Ausbildung war, fiel es ihm noch schwerer als vorher, sich dem anzupassen. Wahrscheinlich lag es daran, dass er nun wusste, wie es sich anfühlte, wenn jemand nicht von oben auf jemanden herab sah...Er hatte von der Ebenbürtigkeit gekostet, und obwohl er so verzweifelt versuchte, den Geschmack zu verdrängen, blieb er erhalten.
Ryô war zusammen mit Itzumi auf einem Botengang, als der Geschmack nicht nur verstärkt wurde, sondern auch noch vollends zurückkehrte. Voll gepackt mit einem Stapel von rund 100 Dokumenten, bemerkte der Tempelwächter in spe, dass sein Spielkamerad vom Vortag keine 50 Meter von ihm entfernt auf einem Zaun saß und ihm zuwinkte.
Ryô wandte sich sofort ab; tat so, als fühle er sich nicht angesprochen, obwohl er genau wusste, wem das Winken galt. Itzumi war stehen geblieben, da auch sie ihn bemerkt hatte.
"Ryô, ich glaube, er meint dich."
"A-Ach was, Itzumi, er ist ein ranghoher Wächter, siehst du doch an seiner Kleidung. Warum sollte er mich..."



"RYÔÔÔÔ!" Jede Verwechslung war wohl nun ausgeschlossen und Ryô wünschte sich, er würde im Boden versinken, als Grey auch noch von seinem Platz heruntersprang und auf ihn zu rannte. Doch als der Tempelwächter sah, wie erfreut Grey war, ihn wiederzusehen, konnte er selbst nicht anders, als sich der Freude über deren Wiedersehen hinzugeben und zu lächeln, als der Windwächter bei den beiden Zwillingen ankam. Grey grüßte beide erfreut und da er Itzumi nicht kannte, nahm er kurzerhand ihre Hand und schüttelte diese. Itzumi gelang es gerade noch, ihren Stapel von Dokumenten mit einer Hand halten zu können, wobei er doch gefährlich ins Wanken geriet.
"Mein Name ist Grey! Und so wie es aussieht bist du Ryôs Zwilling?" Itzumi hatte Grey auf den ersten Blick als Whites Sohn identifiziert und starrte daher mindestens genauso geschockt wie deren Vater es am Vortag getan hatte. Noch geschockter wurde ihr Gesicht jedoch, als Grey ihr doch tatsächlich den Stapel abnahm.
"Du bist ein Mädchen, also ist es meine Pflicht, dir zu helfen, wenn du so viel zu tragen hast. Mutter sagt, ich solle lieb zu Mädchen sein und ihnen helfen, wenn sie meine Hilfe brauchen!" Obwohl Itzumi Grey nicht vollends verstand, sah man ihr deutlich an, dass sie beinahe zu Tränen gerührt war und sofort wusste Ryô, dass Grey auch Itzumis Herz im Sturm erobert hatte.
"Wollen wir zusammen spielen, wenn wir das hier abgeliefert haben?", fragte der
Windwächter, als die drei deren Weg fortsetzten. Grey sah Ryô an, doch dieser hoffte, er würde eher darauf achten, wohin er ging, denn die Zwillinge würden Ärger bekommen, wenn auch nur eines der Dokumente einen noch so kleinen Fleck hatte.
"Mein Privatunterricht ist heute nämlich ausgefallen, weil ich im Sanctuarian war", erklärte Grey den beiden Tempelwächtern.
"Ihr wart im Hospital? Weshalb?", fragte Ryô sofort und man hörte seinen besorgten Unterton deutlich heraus. Doch Grey lächelte weiterhin, was dem Tempelwächter sagte, dass es wohl nicht so ernst war.
"Man hat mir Blut abgenommen!" Er machte einen Wink mit seinem Kopf zu seinem freien Ellbogen, wo man den kleinen roten Einstichpunkt deutlich sehen konnte.
"Wurde euch schon mal Blut abgenommen?" Die Zwillinge schüttelten mit dem Kopf.
"Seid froh. Es tut weh! Aber ich versuche, mich immer zusammenzureißen, immerhin will ich mal ein guter Wächter werden und da darf ich keine Angst vor so einen kleinen Piks haben." Das schien wohl das Stichwort für Itzumi zu sein. Ganz offensichtlich schien sie regelrecht von Greys Offenheit beflügelt zu sein und hielt sich nicht so zurück wie Ryô: "Ich will auch eine gute Tempelwächterin werden! Eine ganz gute für den zukünftigen Hikari!" Grey blinzelte sie zuerst verwundert an, weil er wohl nicht ganz verstand, worauf sie hinaus wollte, doch dann lächelte er wieder und antwortete: "Dann wirst du ja die Tempelwächterin von meiner Schwester!"
"Schwester?", fragten beide Tempelwächter wie aus einem Munde, was Grey zu amüsieren schien. Wahrscheinlich weil sie so typische Zwillinge waren, was sie schon oft zu hören bekommen hatten. Nicht nur, dass sie sich so enorm ähnlich sahen, sie sprachen oft auch in demselben Moment wie der andere.
"Ist Hikari-White-sama etwa schwanger?", fragte Itzumi, um die Frage weiter auszuführen.
"Nein, noch nicht, aber bald und ich weiß ganz genau, dass es ein Mädchen wird. So was weiß ich einfach!", antwortete Grey strahlend und es war unübersehbar, dass er der Geburt seiner Wunschschwester freudig entgegen sah. Doch ehe er ausführen konnte, schien ihm etwas einzufallen, was ihn dann doch von diesem Gedanken abbrachte. Er richtete sich an Ryô und fragte ihn, was sein Traum war.
"Traum?", fragte der Tempelwächter sichtlich überrascht, obwohl sie gerade erst darüber gesprochen hatten und Grey wie auch Itzumi bereitwillig gesagt hatten, was sie in Zukunft erreichen wollten. Im Gegensatz dazu druckste Ryô herum und erntete sich schnell einen verwirrten Blick von dem Windwächter, der neben ihm ging.
"Ich...habe keinen", antwortete Ryô dann schlussendlich und fragte sich sofort, warum er überhaupt einen haben sollte. Es stand doch sowieso alles schon fest. Er würde Tempelwächter werden; das einzige, was noch nicht fest stand, war, welchem Wächter er die Treue schwören sollte, das hing von dem Ergebnis seiner Ausbildung ab und Ryô war lange nicht so zielstrebig wie Itzumi. Ihm persönlich war es egal, wem er dienen sollte.
"Warum wirst du nicht mein Tempelwächter?" Ryô überlegte nicht über seine Antwort, er sagte sie einfach:
"Niemals."


Ryô konnte nicht unbedingt sagen, warum er dieser Vorstellung gegenüber sofort abgeneigt gewesen war, schon gar nicht damals, als er Grey gerade mal einen Tag gekannt hatte. Nachdem er dem Windwächter knallhart gesagt hatte, dass er es niemals werden wollte, hatte dieser das Thema nicht mehr angesprochen, obwohl Ryô genau gesehen hatte, dass seine harte Antwort ihn verletzt hatte.
Doch der Tempelwächter änderte sie nicht und entschuldigte sich auch nie dafür; nicht in all den Jahren, in denen sie befreundet waren. Denn obwohl Grey Ryôs harte Antwort nicht verstehen konnte, tat das deren Freundschaft keinen Abriss und die beiden Jungen verbrachten so gut wie jeden Nachmittag gemeinsam. Umso mehr Zeit sie miteinander verbrachten, umso tiefer rutschten auch Ryôs Bewertungen. Da seine Eltern kein Kontakt zu ihm hatten, war es Itzumi, die ihn immer wieder zurechtwies. Sie konnte ja verstehen, dass er lieber mit Grey zusammen war, als sich um seine Ausbildung zu kümmern, aber wollte er denn in der Küche enden?
Seine Antwort ließ keinen Raum für Diskussionen: es war ihm egal.
Vielleicht war es gar nicht so schlecht, in der Küche zu arbeiten. Diese Tempelwächter hatten wenigstens noch so etwas wie Freizeit, da sie ihr Leben keinem bestimmten Wächter verschrieben hatten. Wenn Ryô in Zukunft ein wenig Freizeit hätte, dann könnte er weiterhin mit Grey befreundet sein...

Den Grund, weshalb er niemals der Tempelwächter von Grey werden wollte, verstand er erst viel später, als Grey bereits von Hirey im Kämpfen unterrichtet wurde. Merkwürdigerweise war diese Zeit die, in der Ryô am meisten bei ihm war, obwohl sie nun aufgehört hatten, miteinander fangen zu spielen. Bereits im Alter von nur sieben Jahren war deren Kindheit vorbei und der Ernst des Lebens eines Wächters machte sich mehr und mehr bewusst bei den beiden - jedenfalls bei Grey, denn Ryôs Flucht vor seinem Dasein als Tempelwächter nahm ungeahnte Höhen beziehungsweise Tiefen an. Der junge Tempelwächter begann mittlerweile den Unterricht zu schwänzen und war mehr im Tempel als bei seiner fleißigen Schwester auf Sanctu Ele'saces und das nur, um Grey in allen Lebenslagen zu unterstützen. Die Wächter, die im Tempel lebten, stellten Ryôs Anwesenheit schon lange nicht mehr infrage, denn viele glaubten, dass Ryô schon Greys Tempelwächter war, da er eigentlich immer an der Seite seines Freundes war. Das und die Tatsache, dass White deren Freundschaft guthieß, war wohl der Grund, weshalb deren Beziehung von der Öffentlichkeit überhaupt akzeptiert wurde. Selbst Irizz hatte es aufgegeben, seinen Sohn dazu zu bringen, sich um seine Ausbildung zu kümmern: er glaubte White, wenn sie sagte, dass dies nicht Beunruhigendes war, auch wenn er sie absolut nicht verstand. Wie konnte es ihr egal sein, dass ihr eigener Sohn, der nach ihr den höchsten Rang innehatte, sich mit einem Tempelwächter abgab? Doch egal wie wenig er es verstand, er akzeptierte das Fortschreiten der Freundschaft, da es Whites Wunsch war.


Ryô half Grey sowohl im schriftlichen Unterricht wie auch im Umgang mit dem von seinem Vater geerbten Schwert, dem Katanakaze. Zusammen mit Grey lernte Ryô sowohl Lesen als auch Schreiben und da er auch mit ihm trainierte, war er wohl einer der bestausgebildetsten Tempelwächter seines Jahrgangs - obwohl seine Noten genau das Gegenteil behaupteten.
Genau das regte Itzumi unheimlich auf und wenn sie sich mal sahen, tat sie nichts anderes, als ihn zu bemängeln, weil sie einfach nicht verstehen konnte, warum er seine Fertigkeiten nicht nutzte, um ein eins a Tempelwächter zu werden - er hatte doch alles!
Warum nutzte er es nicht?
Weil es ihm egal war. Alles was wichtig war, war das Beisammensein mit Grey. Nichts anderes war von Bedeutung.
Doch bald würde sich alles verändern. Wenn er zehn Jahre alt werden würde, dann war seine Ausbildung zum Tempelwächter beendet und danach würde er entweder jemandem zugeteilt werden oder aber seine Noten waren so schlecht, dass er für den Rest seines Lebens in der Küche arbeiten sollte - für jeden normalen Tempelwächter der absolute Albtraum. Wenn er jedoch einem Wächter die Treue schwören musste, dann war es vorbei mit dem Beisammensein mit Grey; dann musste er alleine trainieren, alleine durch den Alltag kommen - jedenfalls ohne Ryô, denn einen Tempelwächter würde er bekommen.
Als Ryô Grey dies bewusst machte, sah der Tempelwächter sofort die gleiche Frage wie schon vor drei Jahren in den Augen des Windwächters:
"Warum wirst du nicht mein Tempelwächter?"
Ryôs Meinung hatte sich in den drei Jahren nicht geändert, eher gefestigt, da er nun den Grund kannte. Wenn er Greys Tempelwächter werden würde, dann war es aus mit deren Freundschaft. Dann war es aus mit dem wunderbaren Gefühl der Ebenbürtigkeit, denn dann war Ryô nicht mehr und nicht weniger als Greys Diener. Ryô wollte das Gefühl nicht verlieren, welches er hatte, wenn er mit seinem Freund zusammen war. In Greys Nähe fühlte Ryô sich nicht wie ein Tempelwächter, obwohl er Grey niemals bei seinem Vornamen genannt hatte oder ihn einfach duzte.
In Greys Nähe war Ryô nichts anderes als sein Freund.
Dieses Gefühl wollte er beschützen...und der Kampf war schon verloren, wenn er Greys Tempelwächter werden würde.
All dies sagte er Grey natürlich nicht. Auch Itzumi nicht. Ryô behielt es für sich. Doch seit dem ersten Mal, wo Ryô gesagt hatte, dass er niemals Greys Tempelwächter sein wollte, waren einige Jahre vergangen und in diesen Jahren war deren Freundschaft nicht nur fester geworden, sie waren auch älter geworden und diesmal war Greys Sturkopf bereits so weit entwickelt, dass er den Grund wissen wollte.
Die beiden saßen im Gras, welches gelbbraun schimmerte in der Herbstsonne. Einer der vielen gemeinsamen Nachmittage war vorüber und Ryô müsste bald wieder zurück nach Sanctu Ele'saces, doch diesmal würde er wohl zu spät kommen. Der Tempelwächter hatte sich bereits aus dem Gras erhoben, nachdem er Grey wieder versichert hatte, dass er niemals sein Tempelwächter werden würde. Er mochte das Thema nicht, weil er genau wusste, dass er Grey verletzte, weil dieser es nicht verstehen konnte. Daher hatte Ryô es auch recht eilig, doch weit kam er nicht.
"Warum nicht?" Grey hatte wieder die Hand des Tempelwächters genommen, um ihn am Gehen zu hindern und hielt sie genau so sicher fest, wie schon vor drei Jahren...und obwohl es langsam kühl wurde, waren seine Hände immer noch warm.
Er verstand Ryô nicht - wie sollte er auch? Natürlich wusste Grey, dass sein bester Freund ein Tempelwächter war, aber was das alles mit sich brachte, verstand er nicht - hatte er nie verstanden und das konnte und wollte Ryô Grey nicht erklären.
Der Windwächter zerrte an der Hand seines Freundes, wollte offensichtlich, dass er sich wieder neben ihn hinsetzte, genauso wie er einen Grund verlangte. Doch genauso eisern wie Ryô Greys Bitten nach einer Erklärung stand hielt, hielt er auch dem Zerren seiner Hand stand.
"Hast du etwa nichts dagegen, dass wir uns in drei Jahren nicht mehr sehen können?" Dem hielt er allerdings nicht stand und sofort drehte Ryô sich zu ihm herum.
"Natürlich habe ich das..." Mehr wollte Grey schon nicht hören, ehe er ihn unterbrach:
"Und warum willst du dann nicht bei mir bleiben?!"
"Das hat damit doch überhaupt nichts zu tun!"
"Mit was hat es denn etwas zu tun?! Wenn du bei mir bleibst, können wir Freunde bleiben!"
"Wie sollen wir Freunde bleiben können, wenn ich Euer Diener bin?!"
Das brachte Grey zum Schweigen und er sah sein Gegenüber traurig und beinahe schon schockiert an, als würde er zum allerersten Mal verstehen, dass Tempelwächter nicht wie andere Wächter waren und im Grunde genommen nichts anderes waren als Lakaien. Und scheinbar machte es ihn zutiefst traurig, dass Ryô da keine Ausnahme machte. Seine Augen wurden fast schon glasig, als Ryô sagte:
"Ich kann unmöglich Euer Freund bleiben, wenn ich Euer Tempelwächter werde." Damit löste Ryô sich aus dem nun lockeren Griff seines Freundes und drehte sich um. Ohne noch etwas zu sagen, schritt er davon, ohne aufgehalten zu werden. Eigentlich wollte Ryô nicht weggehen. Eigentlich wollte er bei ihm bleiben, er wollte Greys optimistische Worte hören...
Es war ihm egal, was und wie unrealistisch es war. Es war sowieso alles so unrealistisch: dass Ryô einen freien Nachmittag gehabt hatte, obwohl er mitten in der Ausbildung war, dass er frei im Tempel herumlief...und genauso war deren Freundschaft unrealistisch.
Und unrealistische Dinge hielten nicht.
Er wusste das natürlich; hatte es immer gewusst. Doch es war so schön gewesen sich einzubilden, dass sie vielleicht zusammen bleiben würden, dass sie vielleicht für immer Freunde bleiben würden. Dieser Einbildung war es nun zu verdanken, dass es so schrecklich weh tat. Das einfache Weggehen tat weh, einen Schritt vor den anderen zu setzen tat weh.
Doch am Schmerzhaftesten war nicht das Wissen, dass es besser so war.
Das Schmerzhafteste war Greys Traurigkeit darüber.


Ryô hatte nicht damit gerechnet, dass er Grey wiedersehen würde. Nicht ohne dass er selbst zu ihm gehen und sich für seinen schroffen Tonfall und die Sache im Allgemeinen entschuldigen würde. Ryô hatte sich selbst eingeredet, dass er das letztere nicht tun durfte. Es war besser so. Wenn sie sich jetzt schon voneinander trennten, würde es vielleicht weniger wehtun, als wenn sie noch drei Jahre mit dem unvermeidlichen Abschied warten müssten.
Verzweifelt versuchte Ryô sich diesen Gedanken schön zu reden, obwohl er alles andere als Wohlbehagen in dem jungen Tempelwächter hervorrief, denn nun hatte er auch noch plötzlich Zweifel an seinem doch so felsenfesten Entschluss. Hatte Grey vielleicht doch recht?
Würden sie Freunde bleiben, auch wenn er sein Tempelwächter werden würde? Aber wie sollte das möglich sein? Weil Grey anders war - anders als alle anderen Wächter, mit denen Ryô je Kontakt gehabt hatte?
Nein...das war Wunschdenken.
Denn selbst wenn Grey versuchen würde, eine freundschaftliche Beziehung zu Ryô aufrecht zu erhalten, war es unvermeidlich, dass das Gefühl der Ebenbürtigkeit verschwinden würde...
und daran konnte Grey nichts ändern. Es war vorprogrammiert.
Aber was war, wenn Ryô eine so zeitaufwendige Stellung bekam, dass er Grey nie wieder sehen würde? War es da nicht besser, sein Diener zu sein? So wäre er immer in seiner Nähe und obwohl sie ein metertiefer Abgrund trennen würde, wäre Ryô dennoch ein Teil seines Lebens. Aber würde Ryô diesen Abgrund aushalten können? Immer nur ein unbedeutendes Detail in dem Leben seines besten Freundes zu sein? Im Prinzip würde er ja nicht einmal daran teilnehmen...Ein Tempelwächter musste unscheinbar sein, man durfte deren Anwesenheit nicht bemerken - könnte Ryô das durchhalten?
Der Tempelwächter wusste es nicht....und er hatte Angst vor der Antwort. Dennoch war Ryô unheimlich erleichtert als er Grey, keine zwei Tage nach deren Streit, auf dem Geländer hocken sah, wo er bereits vor wenigen Jahren gesessen hatte. Diesmal hatte der Tempelwächter nicht vor, ihn nicht zu beachten, sondern ging direkt zu ihm, ohne auf die Uhr zu achten, die ihm sagte, dass er eigentlich zum Unterricht sollte.
Der Windwächter sah ihn nicht an, als Ryô bei ihm ankam, dennoch bemerkte sein Freund sofort, dass er deren hitziges Gespräch noch nichts vollends verdaut hatte. Ryô musste sich sofort die Frage stellen, warum der Windwächter hier war. Wollte er sich verabschieden oder wollte er versuchen, Ryô zu überreden?
Grey sah ihn immer noch nicht an, selbst nach einer etwas längeren schweigenden Pause. Gerade als Ryô sich entschlossen hatte, das Schweigen zu brechen, war es sein Freund, der es als erstes tat.
"Mutter sagte, ich soll dich nicht zwingen, mein Tempelwächter zu werden." Der
Angesprochene sah ihn wieder an und fragte, was White noch gesagt hatte.
"Sie sagte, ich kann nicht verstehen, wie sich ein Tempelwächter fühlt und weil ich das nicht kann, soll ich dich nicht zwingen." Jetzt sah Grey ihn wieder an und Ryô konnte nicht klar sagen, welche Gefühle er in den Augen seines Freundes sah. War das Mitleid?
"Sag, Ryô...ist es so hart, ein Tempelwächter zu sein?" Automatisch schüttelte Ryô den Kopf, obwohl er sich sicher war, dass Grey die Wahrheit in seinen Augen lesen konnte. Denn das konnte der Tempelwächter deutlich an seinem Freund erkennen. So deutlich war die Frage zu erkennen, warum Ryô ihm nicht die Wahrheit sagte.
"Ich war gestern im Jenseits", fing Grey plötzlich an und warf Ryô ein wenig aus dem
Konzept, da er nicht so ganz verstand, was das mit dem Thema zu tun hatte. Grey hatte sein Gesicht wieder abgewendet und sah hinaus in den Himmel, als er sich ein wenig auf dem Geländer zurücklehnte.
"Habt Ihr Euren Großvater besucht?", fragte Ryô, auch wenn er den plötzlichen
Themenwechsel noch nicht ganz nachvollziehen konnte. Grey nickte zustimmend und fuhr aus:
"Ich hab da zum ersten Mal auf seine Tempelwächterin geachtet." Jetzt verstand Ryô, worauf er hinaus wollte, denn er konnte sich gut vorstellen, dass ein Hikari wie Shaginai seine Tempelwächterin nicht gerade schonte und sie sicherlich nicht behandelte wie eine Ebenbürtige. Was würde er wohl dazu sagen, dass Grey einen Tempelwächter seinen besten Freund nannte? Ryô bekam Bauchschmerzen, wenn er nur daran dachte. Er war White so dankbar, dass sie deren Freundschaft nicht verurteilte - auch wenn er diesen Gedanken genauso wenig nachvollziehen konnte wie Irizz. Es war einfach nicht...normal.
Plötzlich packte Grey Ryô am Arm und als dieser sein Gesicht zu ihm wandte, sah er deutlich Greys aufrichtige Verzweiflung in seinen himmelblauen Augen. Etwas, was Ryô überhaupt nicht sehen mochte.
"Ist das der Grund, weshalb du nicht mein Tempelwächter werden willst? Glaubst du, ich würde dich genauso behandeln?!" Ryô kam gar nicht drum herum, den Kopf zu schütteln - er tat es rein aus Instinkt, ohne darüber nachzudenken. Denn er ertrug es einfach nicht, seinen Freund so zu sehen und es war ja auch nicht unbedingt gelogen.
Ryô glaubte nicht, dass Grey ihn schlecht behandeln würde. Grey würde ihm sicherlich genauso gütig gegenüber sein, wie White es zu Irizz war.
Der springende Punkt war...in Lights Namen.
Wenn Ryô Grey so verzweifelt sah, so traurig über Ryôs Entschluss, denn vergaß er selbst den springenden Punkt.
Das war auch der Grund, weshalb sich Ryô lieber von ihm abwandte, mit einem weiteren Kopfschütteln. Grey ließ seinen Arm los und eine Weile schwiegen die beiden sich wieder an. Der Windwächter sprang vom Geländer herunter, womit er wieder genauso fest auf dem Boden stand wie sein Freund. Er ging ein paar Schritte durch das Gras, ehe er sich herumdrehte und Ryô entschlossen ansah.
"Ich werde dich nicht zwingen, mein Tempelwächter zu werden. Aber ich werde warten... und hoffen."


Auf diese Art und Weise blieb deren Freundschaft erst einmal bestehen, als hätte dieses Gespräch niemals stattgefunden. Sie sprachen jedenfalls nicht mehr darüber. Dennoch hatte es etwas bewirkt, wenn auch nur unterbewusst. Ryô stellte irgendwann fest, dass Grey sich mehr für Ryôs Dasein als Tempelwächter interessierte und Fragen zu seinem Unterricht stellte, obwohl ihn das früher nicht interessierte. Obendrein hatte er wohl von White oder Irizz erfahren, dass Ryô öfter die Schule schwänzte, was dem regelverliebten Wächter gar nicht gefiel. Ihm war nicht bewusst, warum Ryô das tat, er dachte, er würde es nur tun, um mehr Freizeit mit Grey zusammen zu haben, was ein Irrtum war. Es war sicherlich ein mitspielender Faktor, aber nicht der Hauptgrund. Dieser war nämlich, dass es Ryô so am leichtesten fiel, schlechte Bewertungen zu erhalten, da er, wenn er am Unterricht teilnahm, ein ziemlich guter Schüler war und seiner Schwester in eigentlich gar nichts nachstand. Was man nun deutlich sah, als Ryô wieder öfter zur Schule ging - auf Greys inständiges Bitten hin.
Dies brachte jedoch nicht allzu große Veränderungen mit sich, außer, dass sie nun ein wenig weniger Zeit hatten, die sie miteinander verbringen konnten.
Doch die ernsthafte Veränderung kam schneller, als der junge Tempelwächter es befürchtet hatte. Der Krieg war seit jeher ein Teil ihres Alltages gewesen, und damit auch die Mitteillungen über neue Opfer, die der Krieg gefordert hatte. Der Großteil der Schlachten wurden entweder direkt in der Dämonenwelt geführt oder auf dem Boden der Menschen; es war selten, dass die Dämonen die Stützpunkte der Wächter direkt angriffen, da sie alleine schon bei dem Versuch, die immens starken Barrieren zu durchbrechen, einen Großteil ihrer Armee verlieren würden.
So brachte der Krieg die Zivilbevölkerung der Wächter nicht unnötig in Gefahr, da sie von den Kämpfen nicht direkt berührt wurden. Grey, dessen Mutter die Hoffnungsträgerin des gesamten Wächtertums war, war von den Aktionen des Krieges eher berührt als andere Kinder in seinem Alter und dennoch war er nicht auf Whites Tod vorbereitet gewesen - anders als andere hatte er es nicht kommen gesehen.
Der Tod seiner Mutter traf ihn hart. Doch noch schmerzhafter war der Verlust seiner Schwester, auf die er sich doch so gefreut hatte. Nur einmal hatte er sie im Arm gehalten und das nur, um ihre Magie zu versiegeln und sie einem Waisenhaus zu überlassen. Eine Aktion von der nur Ryô wusste, da sie unter absoluter Geheimhaltung stand. Für alle anderen war die Tochter Whites gestorben.
Und obwohl Grey wusste, dass seine Schwester noch am Leben war, war er so niedergeschlagen, als wäre sie tatsächlich in seinen Armen gestorben. Es fiel Ryô in dieser Zeit unheimlich schwer an ihn heran zukommen und das, wo sie doch nur noch so wenig Zeit miteinander verbringen konnten. Nur noch zwei Jahre...und Grey distanzierte sich jeden Tag mehr von ihm. Nicht nur, dass er sich nun wie ein Wahnsinniger ins Training stürzte, er kam auch nicht mehr, um Ryô abzuholen und wenn dieser dann mal von alleine kam, um ihn zu besuchen, war er öfter nicht da oder sagte, er habe keine Zeit. Und Ryô konnte den Gedanken nicht aus dem Kopf bekommen, dass Grey anfing, ihm Vorwürfe zu machen. Es war, als würde er es förmlich in seinen Augen sehen...



"Ich habe meine Schwester und meine Mutter verloren - und du verlässt mich auch bald!"

Grey sagte dies natürlich nicht und das machte es vielleicht noch viel schlimmer.

Ein weiterer Faktor, der in Ryô unheimliches Unbehagen hervorrief, war Greys Gesundheit. Grey war nie ein absolut gesundes Kind gewesen, doch solange seine Mutter noch gelebt hatte, hatte Grey wenigstens noch regelmäßig gegessen. Jetzt hatte Ryô das Gefühl, dass es manchmal entfiel. Obendrein hatte Ryô aus Versehen ein Gespräch zwischen Grey und White mitbekommen, als diese ihn besuchte - wozu sie leider nicht oft Zeit fand. Seine Mutter hatte Grey inständig darum gebeten, mehr auf seine Gesundheit zu achten; warum wusste Ryô nicht, da Grey selbst ihm nie erzählt hatte, dass er überhaupt Probleme mit seinem Körper hatte. Aber der junge Tempelwächter konnte sich schon denken, dass sein Freund sicherlich kein gutes Immunsystem haben konnte, wenn White seine Mutter war.
Aber wenn er sich Grey so ansah, dann achtete dieser kein bisschen auf sich.


Es geschah an einem schönen Morgen im Frühling.
Grey hatte in diesem Frühling gerade das Fliegen gelernt und war mit Tatendrang dabei, seine Kampfkünste auf diesem Gebiet auszubauen; etwas, wobei Ryô ihm natürlich nicht besonders hilfreich sein konnte, da ihm kaum plötzlich Flügel wachsen würden. Dennoch leistete Ryô ihm beim Training Gesellschaft, da Grey jetzt doch ein wenig ausgelassener war als vorher. Wahrscheinlich, weil er stolz auf sich war, dass er das Fliegen im gleichen Alter wie sein Vater gelernt hatte oder auch weil ihm das Fliegen einfach nur sehr gut gefiel. Er hatte sogar versucht, Ryô dazu zu überreden mit ihm zu fliegen, was derjenige dankend abgelehnt hatte. Er fühlte sich sicherer mit beiden Füßen auf Muttererde.
An diesem Morgen war Grey wieder vollauf mit seinem Training beschäftigt, während Ryô im Gras hockte und seinem Freund dabei zusah. Normalerweise führten die beiden jungen Wächter dabei immer Gespräche, doch nun schwieg Ryô, da sein Freund sich konzentrieren musste. Gedankenverloren sah der Tempelwächter ihm bei seinen Bewegungen zu, die er versuchte, so schnell wie möglich auszuführen, um seine Schnelligkeit aufzubessern, da dies immerhin einer der Vorteile der Windwächter war. Obwohl Grey noch keine zehn Jahre alt war, besaß er bereits ein großes Maß an Potenzial, was er seinem harten Training zu verdanken hatte. Seine Bewegungen waren vielleicht noch hart und ruppig, doch man konnte bereits in seinem jungen Alter erkennen, dass aus ihm noch etwas werden würde. Ryô hatte niemals daran gezweifelt: Grey war zielstrebig. Vielleicht etwas zu zielstrebig, da er niemals auf sich selbst Rücksicht nahm...nun, in diesem Moment, in dem er seinen Freund förmlich anstarrte, bemerkte er deutlicher als sonst, dass Grey in letzter Zeit blass geworden war. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb Ryô sich nicht immer wohlfühlte, wenn Grey in die Lüfte stieg. Aber der Windwächter würde es wohl nicht tun, wenn es ihm nicht gut ginge und er damit einen Absturz riskierte. Obwohl Ryô sich dies einredete stand er auf, als Grey höher stieg.
"Grey-sama!", rief er zu ihm hoch, da dieser schon eine Höhe von dreißig Metern erreicht hatte und nun zu seinem Freund herunter grinste, welcher das gar nicht so lustig fand.
"Könnt ihr nicht unter 20 Metern bleiben?" Grey rief irgendetwas als Antwort, doch nicht laut genug, als dass Ryô es verstehen konnte. Eine andere Stimme verstand er dafür umso besser.
"Ryô! Hast du so viel Zeit im Überfluss, dass du hier rumstehen kannst?" Der Angesprochene - oder eher Angeklagte - drehte sich herum und sah seinen Zwilling die Steintreppe heruntergehen, die zu dem kleinen Fleckchen Feld führte, auf dem Ryô und Grey sich oft verabredeten.
"Es wundert mich, dass du Zeit hast, mir das zu sagen, Itzumi", antwortete Ryô und sah seine Schwester an, als sie neben ihn trat.
"Ich habe früher frei bekommen, weil der Koch erkrankt ist", erklärte Itzumi mit einem
gewissen Anflug von Stolz, da sie neben ihrer Ausbildung zum perfekten Tempelwächter auch noch in der Küche arbeitete, um mehr Erfahrung (und Pluspunkte bei ihren Lehrern) zu sammeln. Sie war eine gute Tempelwächterin, ohne Frage, doch Ryô hielt sie dennoch nicht für eine perfekte Tempelwächterin, denn schon damals äußerte sich Itzumis Drang, Dinge zu erfahren, die sie als Tempelwächterin absolut nichts angingen und diese auch gerne preiszugeben. Die wohl größte Schwäche fast aller Tempelwächter: sie liebten es, zu lästern - wahrscheinlich, weil das für die meisten das einzige Vergnügen war, was sie neben ihrer Arbeit haben konnten - und die Küche war der Sammelpunkt der Lästermäuler, wie Ryô es oft in seinen Gedanken betitelte.
"Heißt das nicht, dass im Moment einige Herrschaften kein Essen erhalten?", fragte Ryô seine Schwester, doch diese kam nicht zu einer Antwort, da Grey gerade hinzugekommen war. Er war ein wenig aus der Puste, doch das hinderte ihn nicht daran, Itzumi höflich zu begrüßen, was sie wie immer von ihren tadelnden Worten abbrachte. Als sie auf dem Weg nach oben waren und die vielen Steintreppen emporstiegen, überlegte Itzumi laut, ob es nicht besser wäre, den Posten als Greys Tempelwächterin anzustreben; natürlich nur so laut, dass gerade mal Ryô es hören konnte, da Grey hinter ihnen ging. Ryô wusste nicht, ob es ihm gefallen würde, wenn Itzumi an Greys Seite wäre. Natürlich; sie wäre eine gute Tempelwächterin, aber ihr lästern....Doch Ryô hatte nie viele Gedanken an diese Vorstellung verschwendet, denn der nächste Augenblick änderte alles von Grund auf.
"Ryô, was hältst du davon, wenn wir...", hörte der Angesprochene hinter sich ertönen, doch vernahm nur die Hälfte. Aus diesem Grund war er im Begriff, sich umzudrehen und während er das tat, bat er Grey darum, es noch mal zu wiederholen, doch auch seine Worte blieben ihm im Halse stecken, als er sah, dass Greys Hand, welche sich gerade noch um das eiserne Geländer geklammert hatte, sich von diesem löste.

Zum ersten Mal war es Ryô, der versuchte nach Greys Hand zu greifen, die sich samt Grey dem mehr als fünfzehn Meter entfernten Boden näherte. Verzweifelt streckte und reckte er seine Finger, war selbst kurz davor die Treppe herunterzustürzen, doch vergebens.
Er kam nicht ran.

Es war, als würde all dies in Zeitlupe geschehen, doch in Wirklichkeit waren es nicht mehr als zwei Sekunden, ehe Grey ohnmächtig auf dem Boden aufschlug. Itzumi unterdrückte einen spitzen Schrei mit der Hand, während Ryô nicht fähig war, sich zu bewegen und geschockt sah, wie sich die rote Flüssigkeit von Greys Körper her ausbreite. Ryô wusste nicht wie, aber irgendwie brachte er Itzumi dazu, Hilfe zu holen, während er bereits die Stufen herunterlief, die sein Freund gerade gefallen war.

In diesem Moment, in dem wohl schrecklichsten Moment seines bisherigen Lebens, dachte Ryô eigentlich an nichts. Sein gesamtes Sein war darauf fixiert, Grey zu retten; darum zu hoffen, zu beten, alles dafür zu tun, dass er nicht tot war.

Doch später, wenn er daran zurückdachte, wusste er, dass sich in diesem Moment einiges in ihm verändert hatte.

Ryô wurde bewusst, dass es etwas gab, was wichtiger war als Ebenbürtigkeit.
Wichtiger als deren Freundschaft.

Greys Leben.


Grey hatte sich bei dem Sturz eine leichte Gehirnerschütterung geholt und zwei gebrochene Rippen - er hatte Glück im Unglück. Das was wirklich beunruhigend war, war der Grund, aus dem er überhaupt gestürzt war. In seinem jungen Alter hatte er bereits den ersten Schwächeanfall erlitten, was dafür gesorgt hatte, dass er die Balance und dann auch noch das Bewusstsein verloren hatte. Um dies in Zukunft zu umgehen, war er von diesem Tag an auf Medizin angewiesen, welche er nun jeden Tag einnehmen musste.
Während der Untersuchung hatte Ryô unbeweglich vor der Tür gehockt, geduldig und zugleich unruhig auf das Ergebnis wartend, wie auch auf die Gelegenheit, mit Grey sprechen zu können. Für eine kurze Zeit leistete Itzumi ihm dabei Gesellschaft, bis sie sich wieder ihren Aufgaben zuwenden musste.
Ryô bekam seine Gelegenheit erst, nachdem White mit ihrem Sohn gesprochen hatte und wieder auf den Gang geschritten war. Wahrscheinlich hätte Ryô noch länger warten müssen, wäre es nicht White gewesen, die sofort verstand, wer sich dringender nach Grey sehnte; Ryô oder Shaginai. Ryô bekam nicht mit, wie White ihren Vater vertröstete und ausgerechnet einen Tempelwächter vor einen Hikari stellte, denn sie hatte ihn bereits sanft durch die Tür und in Greys Zimmer geschoben. In Greys Zimmer war es absolut ruhig, wenn man von dem monotonen Piepen des Gerätes absah. Ryô blieb an der Tür stehen, obwohl er Grey am liebsten vor Glück um den Hals gefallen wäre, als dieser sein Gesicht langsam zu ihm wandte und seine himmelblauen Augen ihn ansahen.
"Hallo, Ryô."
Umgehend senkte der Tempelwächter den Kopf, denn er spürte wie sich Tränen in seinen Augen sammelten und er wollte nicht, dass Grey sah, wie nahe er den Tränen war, als Grey ihn so ganz normal, als wäre überhaupt nichts passiert, grüßte.
Grey sagte nichts, sondern schwieg solange, bis Ryô sich wieder zusammengerissen hatte und gegen den Drang zu weinen gewonnen hatte; jedenfalls vorerst.
"Grey-sama, warum habt Ihr Euch so in Gefahr gebracht, obwohl Ihr von Eurem schlechten Immunsystem wusstet?", fragte Ryô nach dem Schweigen.
"Weil ich doch trainieren muss."
"Warum? Warum könnt Ihr es nicht leichter angehen?"
"Wenn Green wieder bei mir ist, will ich sie beschützen können." Die Antwort war Ryô klar gewesen; diese Antwort hatte er erwartet und er kannte seine eigene:


"Wenn Ihr Eure Schwester beschützt...wer beschützt dann Euch?" Mit entschlossenen Schritten stand Ryô plötzlich vor Grey und seine Augen waren genauso fest, als er seine Hand auf seine Brust legte und sagte:
"Ich werde Euch dann beschützen!" Verwundert, aber nicht unbedingt im negativen Sinne, wurde er von seinem Freund angesehen, welcher dennoch widersprach:
"Aber, Ryô, in einem Jahr..." Ryô holte tief Luft, öffnete den Mund und wollte es gerade sagen, als er doch für einen kurzen Moment zögerte.

Aber warum?

Er hatte einen Entschluss gefällt.
Egal, ob Grey ihn irgendwann genauso behandeln würde, wie jeder andere Wächter einen Tempelwächter behandeln würde...
Egal ob deren Freundschaft verschwinden würde...
Jemand musste auf Grey aufpassen und das konnte nicht irgendein Tempelwächter.
Nur Ryô konnte es. Nicht aufgrund seiner Fähigkeiten als Tempelwächter - nein, ganz im Gegenteil.
Aufgrund seiner Gefühle.
Aufgrund dessen, dass er Greys Freund war.
Weil Grey nicht nur sein Herr war.

Sondern weil Grey die ihm wichtigste Person war.



Grey lächelte, das wusste Ryô, obwohl er ihn nicht sehen konnte, da er auf dem Boden kniete und nach unten sah, kaum ein Jahr später. Es war soweit. Ein Jahr lang unerbittliche Mühe hatte sich nun ausgezahlt; er wollte nicht wissen, wie viele schlaflose Nächte er hinter sich hatte. Doch nun hatte er sein Ziel erreicht, er war angekommen. Jetzt gab es kein Zurück mehr und egal, wie der Rest seines Lebens aussehen würde, er würde ihn an Greys Seite verbringen. Ryô hielt die Luft an, als sein ehemaliger Lehrer ihm als Beweis seines gelungenen Abschlusses als Tempelwächter einen Kranz aus zusammengeflochtenen Blättern und Perlen auf seine Haare legte. Der Kranz war eigentlich rein symbolischer Natur, gehörte dennoch zu den festen Bestandteilen der Treuezeremonie: die Blätter würden verwelken, aber nicht die Perlen. Aus den Perlen würde man später ein Armband machen, was symbolisierte, dass die Treue eines Tempelwächters genauso unzerstörbar war wie diese simplen Perlen.
Sein Lehrer entfernte sich wieder von ihm, ohne etwas zu sagen, da es nun an Ryô lag, fortzufahren. Er musste nun das schwören, was sein Leben besiegeln würde...und er hätte sich niemals vorstellen können, dass es sich so schön anfühlen würde, diese Worte zu sagen:

"Ich, Ryô, Sohn Irizz' und Celines, schwöre Euch, Kaze Atatatakasa Hikari Ikikaeraseru Shinsetsu Grey, meine ewige Treue. Bis über den Tod hinaus."

Damit war die Zeremonie eigentlich abgeschlossen, da es nicht verlangt wurde, dass Grey etwas darauf erwiderte. Doch das tat er und kurz wich das zufriedene Lächeln von Ryôs Gesicht, als Greys Schritte auf dem Steinboden zu hören waren. Als er vor ihm ankam, konnte Ryô nicht umhin, ihn verwundert anzusehen. Doch sein neuer Herr lächelte ihn an und sein Lächeln wurde noch erfreuter als er sagte:
"Auch ich werde heute einen Schwur ablegen." Auch die anderen im Saal sahen ihn nun verwundert und skeptisch an, besonders als Grey seine Hand ausstreckte, genau wie er es schon vor sechs Jahren getan hatte...
"Ich schwöre, dass wir immer Freunde bleiben werden."
Ryô musste sich auf die Lippen beißen, denn er hatte wirklich kurz das Gefühl, dass er anfangen würde zu weinen und das vor all diesen Wächtern. Mit glasigen Augen nahm er Greys Hand und dieses Mal drückte er diese genauso fest wie umgekehrt. Herr und Diener, Freund und Freund, sahen sich kurz an, ehe Ryô lächelnd antwortete:
"Wenn das Euer Wunsch ist, dann werde ich ihn mit Freude erfüllen."


"Ryô! Ich muss dir was zeigen." Überrascht darüber, die Stimme seines Herren zu hören, drehte sich Ryô herum und sah Grey, der gerade wieder in sein Zimmer kam, obwohl er dieses vor nicht allzu langer Zeit verlassen hatte, um mit seiner Schwester einen Spaziergang zu machen, wobei Ryôs Gegenwart natürlich nicht allzu sehr gebraucht wurde, so dass er sich dazu entschlossen hatte, Greys Schreibtisch aufzuräumen. Grey lächelte erfreut, als er zu Ryô ging, während Green ebenfalls in der Tür aufgetaucht war, dort jedoch grinsend stehen blieb. Dem Tempelwächter machte dies und Greys Freude fast schon nervös.
"Was wollt Ihr mir denn zeigen?", fragte er leicht verunsichert.
"Weißt du, was eine Dagitalkimera ist?"
"-Digitalkamera, Onii-chan", unterbrach seine kleine Schwester ihn kichernd über die Unwissenheit ihres großen Bruders. Dieser wurde leicht rot über seinen Versprecher und fuhr dann fort, als wäre er nicht unterbrochen worden.
"Damit kann man Fotos machen", sagte Grey nun grinsend und Ryô schwante Übles, was auch sofort bestätigt wurde, als Grey plötzlich in freundschaftlicher Geste den Arm um die Schultern seines Tempelwächters legte und in die Kamera lächelte, die Green plötzlich gezückt hatte.



Ryô war kurz zu geschockt über diesen "Überraschungsangriff", um zu realisieren, dass es Grey gerade wieder gelungen war, ein Foto von ihm zu machen und dass dieses bereits auf dem kleinen Bildschirm zu sehen war, um den sich Grey und Green nun versammelt hatten.
"Ou, Ryô kann ja lächeln!"
"Natürlich kann er das, Green."
"Er sieht ja richtig niedlich aus! Ryô, du solltest öfter lächeln, das steht dir."
"D-Danke, Hikari-sama...dürfte ich das Bild auch einmal sehen?" Green machte dem Tempelwächter Platz und Grey hielt ihm die Kamera hin - und auch Ryô war erstaunt über das Foto. Denn er sah dort nicht einen Tempelwächter und dessen Herren, sondern nichts anderes als zwei Freunde.

Und das hatte sich in 20 Jahren nicht verändert.