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Side Story
  Das, was die Augen sahen

Wer war der Hikari, der in einem so jungen Alter ein leidendes Reich zu führen hatte; der Wächter gegen eine Übermacht aus der Dämonenwelt motivieren musste und der selbst noch nicht einmal 10 Jaßhre alt war? Wer war dieses Kind, das sich kurz nach seinem Amtsantritt alle politischen Dokumente der Hikari bringen ließ; das sich mit allen Entschlüssen und Entscheidungen seit seiner Geburt befasste, obwohl es sie in seinem jungen Alter gar nicht verstehen konnte? Das Kind, das bis spät in die Nacht an einem viel zu großen Schreibtisch saß und die für es unbekannten Wörter mit einem Wörterbuch für sich verständlich zu machen versuchte? Am nächsten Tag nickte der Junge stets im Unterricht ein - außer in Hizashis Unterricht, dort wagte er es nicht; dort saß er an seinem Platz, als wäre ein Brett an seinen Rücken genagelt - um sich dann den gesamten Lehrstoff nach dem Unterricht von seinem Tempelwächter vorlesen zu lassen, während er selbst mit seiner neuen Waffe trainierte. Wer war Shaginai, der ein Schwert von Boden hochhieven musste, um es schwingen zu können und dessen Schwertes Klinge fast so lang war wie er selbst - wer war dieser Hikari, der darauf bestand, gerade dieses Schwert zu benutzen, welches er, aus Liebe zu seiner Schwester, Feuerflügel getauft hatte?
Seine Untertanen glaubten, ihn zu kennen. Seine Mitschüler glaubten es auch - jedenfalls reichte ihnen das, was sie von ihm sahen; sie fanden ihn komisch, sie hielten sich von ihm fern, zogen es vor, nicht mit ihm zu sprechen und mochten es auch nicht, wenn er dem Lehrer trotz seines Einnickens immer perfekte Antworten gab. Seine Mitschüler wussten es damals schon: sie spürten es - er war anders als sie.
Das wussten auch die Erwachsenen, aber sie fühlten sich mit dem kleinen Regime-Führer verbunden - genau wie von Mary geplant und jeden Tag aufs Neue inszeniert und perfekt in Szene gesetzt - dem Hikari, der genau wie sie alles verloren hatte. Sie sahen seine kleinen Schultern, die jedoch nie herunterhingen, sie sahen seine geringe Größe - aber sie sahen auch seinen entschlossenen Blick. Er schulterte ihr Leid und trug es mit Würde, als er ohne eine Träne zu vergießen den ersten, weißen Blumenkranz niederlegte, um auf der zerstörten Insel Espiritou del Aire das neu errichtete Denkmal für die Verstorbenen einzuweihen. Ein beeindruckendes Raunen ging durch die anwesenden Leidenden, die sich von dem starken Kind inspiriert fühlten.
Sie erwarteten alle Großes von dem kleinen Hikari.


Eingespielt ist das ganze tragische Theater, aber nützen tut das alles nichts: es war ein guter Tag, wenn von einer Schlacht, an der der Dämonenkönig Kasra teilgenommen hatte - dessen Name unglaublich schnell die Runde gemacht und sogar in den Schreckensgeschichten der Wächterkinder einen festen Platz erhalten hatte - noch um die Hälfte der Armee zurückkehrte. Schlechtere Tage waren eher die Norm. Die Wächter waren in die Defensive - wohl eher in die Ecke - gedrängt, ganz egal wie viele Blumen sich auf Espiritou del Aire im Wind wogen und wie tapfer die kleinen Kinderschultern sich gerade hielten.

Es war eine dunkle Zeit. Eine dunkle Zeit, die anhielt, deren Dunkel leider nicht so schnell bekämpft werden konnte, wie die Gebete der Wächter es herbeisehnten. Auf Shaginais Kindergesicht liefen auch in den kommenden Jahren keine Tränen herunter, aber das Grauen, das mit Espiritou del Aire begonnen hatte, hatte sie alle in Besitz genommen.
Alle Wächter wussten es - und auch die Wächterin, die sich an einem schönen Sommertag vor Adir hinsetzte. Aber deswegen war sie nicht hier: sie war wegen Shaginai gekommen.
Der Hikari - der es eigentlich nicht gewohnt war, eine private Konferenz mit einem Nicht-Hikari zu führen - war verwundert und verdutzt. Er wusste, wer sie war - aber nicht, was sie von ihm wünschte; jene Frau, die seit dem vorigen Tag Shaginais selbsternannte Verlobte war, wie Shaginai an diesem Morgen im Jenseits verkündet und alle Ratsmitglieder vor beschlossenen Tatsachen gestellt hatte.
Ob sie es sein wollte, das spielte genauso wenig eine Rolle wie ob die Ratsmitglieder sie als die nächste Getreue des Lichts sehen wollten: wenn der Regime-Führer selbst um die Hand anhielt, dann hatte man sich geehrt und geschmeichelt zu fühlen; aber eine Wahl hatte man eigentlich nicht. Im Jenseits fragte man sich schon, wie lange der junge Shaginai, von dem man eigentlich glaubte, dass er sich mit nichts anderem beschäftigte als dem Kämpfen und sich eigentlich nur auf Schlachtfeldern aufhielt, denn schon eine Beziehung mit so einer unscheinbaren Schutzwächterin führte, während jene Verlobte sich ähnliche Fragen stellte - denn sie wusste nichts von ihm und befand sich auch nicht im Irrglauben es zu tun so wie ihre Mitwächter.
Sie kannte ihn nur als ihren Regime-Führer. Bei den Trauerzeremonien und auch bei anderen politischen Zusammenfindungen stand sie nicht in der ersten Reihe, sondern weit hinten. Aber auch wenn die Schutzwächterin Isari Hogo Hirishima nicht in den vordersten Reihen zu finden war, so sagten die Wächter um sie herum ihr nach, dass sie eine intelligente Frau war, die eigentlich zu Höherem berufen wäre, wäre da nicht ihre schlechte Gesundheit, die ihr nichts Höheres als einen Rang Zwei beschert hatte.
Aber gerade weil es hinter ihrer von lavendelfarbenem Haar umrandeten Stirn ständig brodelte, war Freude über diesen überraschenden Antrag Shaginais nicht ihr erster Gedanke, auch nicht ihr zweiter. Sie war, ohne Zweifel, geschmeichelt von Shaginais feurigen Augen und seinem entschlossenen Tonfall, als er vor ihrer versammelten Familie verkündete, dass sie seine Getreue des Lichts werden würde. Besonders von den sich errötenden Wangen, die erst nach dem Aussprechen seiner entschlossenen Worte ihre Farbe wechseln, war sie irgendwie, sie konnte es sich nicht erklären - und sie würde sich noch viele Jahre daran erinnern und so manches Mal darüber lächeln - angetan.
Der kleine und doch so große Shaginai, welcher wahrlich zu Großem und Hohem berufen war, errötete beim Anblick seiner zukünftigen Frau, die er eben zu jener gemacht hatte - und was Isari nicht wusste und Adir ebenfalls nicht und auch kein Tempelwächter: in der Nacht zuvor hatte Shaginai kein Auge zugemacht und war wegen jenes Moment nervöser gewesen als vor jeder Kriegsrede - und das, wo ihm eine Zusage doch sicher gewesen war.
Aber obwohl Isari zugeben musste, dass sie angetan war von seinem imposanten und doch natürlich wirkenden Auftritt, so war sie skeptisch - sie musste ihn heiraten, natürlich musste sie, aber sie würde sich nicht unwissend darauf einlassen.


Daher saß Isari nun vor Adir, von dem sie glaubte, dass er ihr erzählen konnte, wer ihr zukünftiger Ehemann, den man mit seinen fünfzehn Jahren kaum einen Mann nennen konnte, eigentlich war. Noch heute, viele Jahre später, dachte Adir ab und zu an diese mutige Frau zurück, wie sie vor ihm saß und ihn aufforderte, ihr keine Schönrederei oder Propaganda aufzutischen - und wusste in diesem Moment wohl als einziger Wächter, warum Shaginai sich Isari als Frau ausgesucht hatte.


Adir verstand schon, warum Isari sich an ihn gerichtet hatte, wenn es darum ging, etwas über Shaginai zu erfahren. Es gab wohl nur wenige Wächter, die Shaginai wirklich kannten: die Shaginai und nicht den Hikari kannten - und das waren Shatelle, er selbst und Isari würde es noch werden, davon war Adir schon sehr schnell überzeugt, als er vor ihr saß und ihre aufmerksamen, skeptischen Augen sah, die jede Information, die er preisgab, aufnahmen und verinnerlichten. Wenn er sie so ansah, spürte er fast einen väterlichen Stolz in sich aufkommen; Shaginai hatte gut gewählt.


Aber es war nicht immer so gewesen, dass Adir sich Shaginais Vertrauter hatte nennen dürfen. Auch Adir war skeptisch gewesen und hatte das Heranwachsen Shaginais mit besorgten Augen beobachtet - aber nicht aus der Ferne, sondern von Nahem, denn nach ihrem ersten, richtigen Gespräch und nachdem Shaginai, ganz, wie er es gewünscht hatte, ein Schwert erhalten hatte, hatte Adir versucht, ihm eine Schulter zum Anlehnen zu geben und ein Ohr zum Zuhören. Shaginai nahm diese Angebote jedoch nur sehr selten an; womöglich spürte er, dass Adir zwar Mitgefühl für ihn empfand, aber trotz seiner unmittelbaren Nähe - er besuchte ihn oft im Diesseits - auf Abstand blieb. Reitzel hätte dazu sicherlich einiges zu sagen gehabt: Schuldgefühle, weil Adir immerhin die Friedenspolitik zu verantworten hatte, die Espiritou del Aire fast schutzlos den Dämonen zum Fraß vorgeworfen hatte - und dann natürlich Adirs eigenes Unverständnis dem gegenüber, was er am Tag des Geschehens in Shaginais Augen gesehen hatte: die Tränen, die die Feigheit des Vaters beweinten, anstatt... Aber Reitzel wurde wie immer nicht gefragt und Dinge wurden heruntergeschluckt, verdrängt so gut es ging. Reitzel hatte sowieso genug zu tun; wenn Adir ihn zufällig in den Gängen des Jenseits traf und seinen Blick nicht schnell genug abwandte, wirkte der eigentlich stets auf entschuldigende Art lächelnde Psychiater und Psychologe mitgenommen und ausgezehrt, als höre er sich die Leiden der Wächter nicht nur an, sondern nehme sie in sich auf wie ein Schwamm.
Aber Reitzel war nicht der einzige Hikari, der zu jenen schwarzen Zeiten Bedrückung verspürte: das gesamte Jenseits schien von einem Geist geplagt zu sein - und dieser Geist trug den gleichen Namen, der auch in den Kindermündern hin und her ging: Kasra. Der Dämonenkönig, der vor einigen Monaten noch namenlos und kaum bekannt war - Hizashi konnte natürlich dennoch plötzlich eine volle Akte herzaubern, die eine ziemlich rege Aktivität in der Dämonenwelt darlegte - verband man nun mit Tod, Zerstörung, Leid und fehlschlagenden Strategien. Es war so gut wie sicher, dass es undichte Löcher im Wächtertum gab, die dem obendrein noch intelligenten Dämonenkönig stets alle Strategien der Wächter überbrachten, aber noch war das Loch nicht gefunden und somit auch noch nicht gestopft.
Es gab mehr als genug Gründe, diese Zeit "die schwarze Zeit" zu nennen.
Noch waren das keine Probleme, denen Shaginai sich direkt widmen musste. Er hatte damals das kriegsfähige Alter noch nicht erreicht; zwar war er Regime-Führer, aber niemand dachte im Traum daran, ihn an die Front zu schicken. Er war immerhin noch ein Kind; mit sieben Jahren schickten auch die Hikari niemanden an die Front. Das bedeutete aber dennoch nicht, dass seine Ausbildung nicht begonnen hatte - und das bedeutete ebenfalls nicht, dass seine Augen und Ohren nicht ständig offen waren, wenn Hikari um ihn herum ein Wort zu viel fallenließen: und da es in diesen dunklen Tagen kaum ein anderes Gesprächsthema als jene dunklen Dinge gab, gab es viel aufzuschnappen.
Da Shaginai nun, ganz wie er es gewünscht hatte, ein Schwert erhalten hatte, erhielten er und sein Feuerflügel natürlich auch Unterricht - von Seigi. Aber während Shaginai sich wieder einmal komplett in diese gemeinsamen Trainingsstunden im Jenseits warf, war Seigi von Hizashi und Adir abgelenkt, die das letzte blutige Fiasko immer noch besprachen, obwohl es bereits in der Ratsversammlung ausgiebig auseinandergenommen worden war. Hizashi hatte sich sein Monokel vors Auge geschoben und studierte die Aufsätze seiner Schüler; dies hinderte ihn aber nicht daran, Adir mehr oder weniger dazu zu zwingen, eine Diskussion zu führen; denn im Gegensatz zu Hizashi war Adir nicht sonderlich erpicht auf das Thema, denn er fand nicht, dass sie über irgendwelche Schlachten reden sollten, wenn Shaginai dabei war. Zwar schien es so, als würde er sich ganz auf das Training mit Seigi konzentrieren, aber Adir war sich ziemlich sicher, dass Shaginais Augen und Ohren offen waren - und dass er mehr, als was sie glaubten, mit ihren Worten anzufangen wusste. Die Größe des Schwertes zeigte zwar überaus deutlich, dass er ein Kind war, aber in Wahrheit war er das nicht länger.
"... die Wächter sind miserabel ausgebildet, vollkommen überfordert mit dem Dämonenkönig und seiner Horde. Erschreckend finde ich besonders..." Hizashi blätterte in seinem Haufen Dokumente auf der Suche nach einem bestimmten, während Stahl gegen Stahl donnerte:
"... die Schwäche der Hii und Tsuchi, jene, die eigentlich den stärksten Teil unserer Streitmacht..." Anstatt, dass Adir antworten musste, tat Seigi es mit einer deutlichen Lautstärke, die kaum zu überhören war:
"Hallo, was ist mit mir?! Man könnte ja wohl auch mich mal wieder angreifen lassen..." Seigi parierte mit angeberischer Leichtigkeit Shaginais Angriff:
"... anstatt dass ich hier den Babysitter spielen muss für unseren Trauerprinzen." Adir runzelte die Stirn: es gefiel ihm nicht, dass Seigi Shaginai so nannte. Er sollte damit nicht aufgezogen werden, besonders in Anbetracht dessen, dass "Trauer" und "Leid" echter waren denn je...
"Du hast den Rat gehört, Seigi", erklärte Hizashi, ohne dabei von dem Dokument aufzusehen, welches er nun gefunden hatte:
"... du wirst weiterhin in der Defensive eingesetzt..."
"Die Defensive will ich aber nicht und sie will mich genauso wenig...", unterbrach Seigi Hizashi, indem er schmollend seine Hand in die Hüfte stemmte - was er nicht hätte tun dürfen, denn diese Chance nutzte Shaginai, um mit einem seitlichen Hieb Seigis ungedeckte Flanke anzugreifen - aber der talentierte Schwertkämpfer konnte natürlich ausweichen.
"Hey, hey! Ich war in einem Gespräch, Kleiner!"
"Ihr habt den Kampf nicht ausdrücklich pausiert, Seigi-sama." Seigi grinste über diese Antwort, die manch anderer Hikari wohl als "frech" hätte empfinden können, aber den Tausendtöter amüsierte sie, wie deutlich an seinem Tonfall herauszuhören war, als Seigi Shaginai darauf hinwies, dass Angriff nicht alles war und dass es ihm in puncto Defensive mangelte:
"Apropos Defensive...", warf er wieder Adir und Hizashi zu, die beide ihre Diskussion und das Lesen von Dokumenten unterbrochen hatten, um dem Training zuzusehen:
"...da hapert es bei unseren Wächtern. Sie greifen irgendwie alle immer nur an." Und wie um zu demonstrieren, dass es ihm in diesem Punkt an nichts mangelte, verzichtete Seigi auf einen Gegenangriff, wich Shaginais Angriffen nur aus und parierte sie lässig. Nachdenklich und bedrückt gab Adir zur Kenntnis, dass ihm das in den Aufnahmen auch schon aufgefallen wäre, wollte aber dazu eigentlich nicht mehr sagen, denn er konnte sich schon denken, woher der andauernde Wille zum Angriff kam - und diesen Grund wollte er vor Shaginai nicht erläutern - als Shaginai gekonnt zurücksprang, nachdem er bemerkt hatte, dass keiner von seinen Angriffen Erfolg zeigte.
"Ihr mögt Recht haben, Seigi-sama. Aber ist die Defensive für uns Hikari so wichtig, wo wir doch unsere Heilmagie besitzen?" Hizashi lachte in sich hinein, was wohl nur Adir bemerkt hatte: hatte Shaginai etwa da gerade Seigi durch die Blume beleidigt? Seine Lichtmagie hatte immerhin immer sehr zu wünschen übrig gelassen... Seigi schien Shaginais Worte jedenfalls genau so verstanden zu haben, denn sein Grinsen wurde steif. Aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, was Adir überraschte:
"Kleiner, jede Wunde kostet Heilmagie und jeder Einsatz von Heilmagie kostet Zeit - Zeit, die ein Dämon auch dazu nutzen kann, dir den Kopf abzureißen, während dein Bein dabei ist zu heilen. Heilmagie ist praktisch, das stimmt, aber ihr Einsatz sollte dennoch beschränkt werden; die Zeit, die sie verbraucht, kannst du besser nutzen - und die angewandte Heilmagie sicherlich ebenfalls. Oder sollen Wächter, die du hättest heilen können, sterben, weil du zu dumm warst, um auszuweichen?" Seigis Worte zeigten Wirkung - in den kommenden Monaten würde Shaginai nur noch seine Abwehrtechniken trainieren, zusammen mit seinem Tempelwächter, dem er befohlen hatte, mit Pfeilen auf ihn zu schießen; selbstverständlich ohne Rücksicht auf Verluste und er trainierte dies solange, bis er keinen einzigen Kratzer mehr davon trug.
Aber in diesem Moment, dort im Jenseits, mit Hizashi, Adir und Seigi, schwieg er nur - dann nickte er und die beiden setzten ihr Training fort, sich wieder voll auf dieses konzentrierend. "Ich muss sagen, ich habe hohe Erwartungen, was den kleinen Regime-Führer anbelangt", flüsterte Hizashi und klemmte sich seine Dokumente unter den Arm, ehe er mit Adir einen Blick wechselte:
"Vielleicht wird er der erste Hikari seit 100 Jahren sein, der ins Jenseits kommt." Adir war da deutlich anderer Meinung. Vielleicht würde Shaginai die Möglichkeit erhalten, aber er glaubte nicht, dass er die Ewigkeit wählen würde: er, der doch so gerne daran glauben wollte, Shatelle nach dem Tod wiedersehen zu können.
"Weshalb glauben Sie das, Hizashi-san?" Aber das teilte er natürlich nicht mit seinem Mithikari. Shaginai hatte es ihm nicht gesagt, aber Adir hatte auch ohne Worte verstanden, dass die mit ihm geteilten Gedanken privater Natur waren.
"Ach... ein Gefühl." Hizashi lächelte eigenartig fahl: ein Lächeln, welches Adir nicht gefallen mochte, was sein Gesicht wohl auch zeigte, als Hizashi sich abwandte und wieder zu Shaginai sah:
"Ich sehe es in seinen Augen. Ich sehe dort ein Gefühl, das ich wiedererkenne." Und mehr sagte er nicht. Musste er auch nicht, denn Adir verstand schon so, was er meinte - Hizashi glaubte in Shaginais festen Augen dasselbe zu sehen, was ihn in den Kämpfen vorantrieb.

Rache. Vergeltung.

Den Willen, so viele Dämonen zu töten wie nur irgendwie möglich. So viel Blut zu vergießen wie möglich, wo doch eigentlich... niemals genug Blutstropfen fallen würden, um die Trauer im Herzen schließen zu können.

Ein weiterer Grund, vielleicht der entscheidendste, weshalb Adir Shaginai zu Beginn mied.

Aber es sollte nicht lange andauern.


Adir erinnerte sich nicht mehr genau daran, wann es gewesen war: aber es war nur kurz darauf, dass der ältere Hikari seinen jungen Mithikari mitten in der Nacht an einem ungewöhnlichen Punkt im Tempel alleine trainieren vorfand. Eigentlich wurde der Innenhof zum Trainieren benutzt; Shaginai aber trainierte alleine draußen, in der unmittelbaren Nähe des Eingangsbereichs des Tempels, gleich vor jenem gigantischen Springbrunnen, in dem sich steinerne Wasserwächter lachend tummelten und steinerne Krüge emporhielten, aus denen das Wasser über mehrere Etagen herunterfloss in ein großes Becken, das von Treppen gesäumt wurde, die zum Tempelportal hinaufführten.
Shaginai allerdings schien nicht nach Lachen zumute zu sein: er sah verbissen aus und er war deutlich aus der Puste, als er Adirs Herankommen bemerkte und aufsah. Er sah ihn nur kurz an, dann trainierte er weiter, ohne ihn zu fragen, was er zu dieser späten Stunde hier tat; er konnte sich wohl selbst denken, dass Adir von Sanctu Ele‚ÄôSaces kam.
"Was tust du noch so spät hier draußen, Shaginai? Es ist schon nach Mitternacht und du hast morgen Unterricht..."
"Ich trainiere, wie Sie sehen können, Adir-sama."
"Um diese Uhrzeit, an diesem Ort?"
"Das Geräusch des Wassers wirkt stimulierend." Was für eine kindgerechte Formulierung...
"Du und Seigi, ihr habt heute doch bereits sehr lange trainiert?" Shaginai nickte, während sein Schwert in einer hektischen, nicht unbedingt fließenden Art durch die Luft sauste.
"Das ist nicht genug Training. Wenn ich nur mit Seigi-sama trainiere..." Noch ein Hieb, dieses Mal ein wenig gekonnter, aber das Schwert war ihm eindeutig zu groß und zu schwer. Shaginai hatte es gewählt, auch wenn der Waffenschmied ihn davon hatte abhalten wollen: er wollte kein Kinderschwert, um dann später ein anderes zu erhalten: er wollte dieses. Er wollte mit diesem kämpfen und eines Tages mit ihm sterben: das waren die Worte eines Siebenjährigen, der die Worte leider sehr ernst meinte.
"... dauert es zu lange, bis ich in der Lage bin, ein Heer mit gutem Beispiel führen zu können. Aber Seigi-sama..." Das Schwert donnerte auf den Steinboden, aber Shaginai hievte es wieder hoch, ohne darüber zu murren:
"... kann das Jenseits nicht verlassen und ich will nicht im Jenseits trainieren." Adirs Augen weiteten sich eine Spur überrascht:
"Du willst nicht im Jenseits trainieren?"
"Nein", erwiderte Shaginai und wischte sich den Schweiß von der Stirn, ehe er weitermachte, Adir darum bittend, aus dem Weg zu gehen:
"Sollte mir ein Leben nach dem Tod gewährt sein, werde ich noch lange genug im Jenseits sein." Wenn möglich weiteten sich Adirs Augen noch weiter; er glaubte gar einen kurzen Moment lang, dass er sich verhört hatte.
"Du würdest die Ewigkeit wählen?", hakte Adir ungläubig nach:
"Ich dachte, du..." Scheinbar wusste Shaginai, was sein Vorfahre sagen wollte, denn er unterbrach ihn, den Feuerflügel auf dem Boden abstützend, und obwohl Shaginai Adir den Rücken zugekehrt hatte, so hatte er das Gefühl, als würde Shaginai sein Schwert ansehen, sein eigenes Spiegelbild in der Klinge... dann wandte er sich herum:
"Ich habe Eure Worte nicht vergessen, Adir-sama. Ich habe sie verinnerlicht; Eure Worte über das, was uns Hikari auferlegt worden ist."


Hizashi glaubte, Vergeltung und Rachedurst in Shaginais Augen zu sehen, aber Adir glaubte... in diesem Moment etwas ganz anderes zu sehen, nein, er war sich sicher: dieser entschlossene Wille, unbändig, zielgerichtet und entflammt - der Wille...
"Verantwortung."
Der Wille, Verantwortung zu übernehmen.

Bis in alle Ewigkeit.