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Ri-Il & Lycram
  Nach Westen

Es war ein Zufall gewesen.
Ein Zufall, der normalerweise nicht eintreten konnte.
Die Bedingungen dafür wurden nämlich nur sehr selten erfüllt.

Denn Lacrimosa mochte die Bar in Lerenien-Sei nicht sonderlich. Sie war nur selten dort; eigentlich war sie generell selten in der Hauptstadt der Dämonenwelt, außer sie musste es sein in ihrer Position als Fürstin; das Dasein dort betrübte sie zu sehr und sie kehrte nie heim ohne eine Handvoll geretteter Mädchen. Es gab auch andere… privatere Gründe, aber über diese wollte sie jetzt nicht nachdenken; immerhin ging man in die Bar, um zu vergessen, nicht um sich zu erinnern.
Daraufhin folgte ein ausgiebiger Schluck Weiß-… oder Rotwein oder… ach, egal. Was auch immer es war, es hatte Prozente und das war jetzt alles, was sie brauchte. Sie betrank sich eigentlich ungern - sie war ja nicht wie ihre männlichen Kollegen! Sie hatte Verantwortung zu tragen, sie kümmerte sich um alle Bewohner ihres Gebietes… aber jetzt gerade… da war sie keine Fürstin. Sie war einfach nur… herrje, das Brennen in ihren Augen deutete Tränen an, nein, Lacrimosa, nein!
Aber sie war traurig. Da konnte sie sich selbst nichts vormachen, auch wenn sie tapfer die Tränen zurückhielt. Sie weinte nicht. Nein. Sie war doch kein dummes, kleines Dämonenmädchen mehr. Ihre Augen brannten nur wegen diesem stinkenden, dichten Dampf dieser schrecklichen Wasserpfeifen, die in letzter Zeit so in Mode waren. Es hatte wohl nicht ausgereicht, der ersten Etage - der Etage, die ihr als die starke Dämonin, die sie war, zustand! - fernzubleiben und sich stattdessen in einer kleinen, verlassenen Sofaecke zu lümmeln, begleitet von mehreren bereits leeren Weinflaschen. Der Dampf zog auch ins Erdgeschoss der Bar, verpestete die Luft, erschwerte das Atmen. Und dann war es auch noch Wasserverschwendung, als hätten sie nicht wenig genug! Aber wahrscheinlich war genau das der Grund, weshalb diese Dinger so im Trend waren... Sie war auch nicht der einzige Dämon, der etwas gegen den neuen Wasserpfeifentrend hatte; die eben erst von oben herunterfliehende Person, die nun in der Sofagruppe hinter Lacrimosa Platz nahm, beschwerte sich lauthals und bemängelte mit bereits leiernder Stimme dasselbe wie Lacrimosa, was sie zu einem zustimmenden Nicken brachte, ehe sie sich ein weiteres Mal nachschenkte und das Glas sofort leerte, womit ihr nun die Getränke ausgegangen waren. Grummelnd und fluchend überprüfte sie argwöhnisch jede Flasche, nur um festzustellen, dass sie nur noch ein paar wenige Tropfen beinhalteten… alles scheiße. Alles scheiße. Diese leeren Flaschen, dieser Saftladen, die Lautstärke, der Dampf, der ihr in den Augen brannte, die Männer, oh ganz besonders die Männer… und die gackernden Frauen, die sich, verblendet und hilflos wie sie waren, ihnen hingaben… Lerenien-Sei war einfach nur scheiße. Dieses Leben war scheiße, alles war scheiße.
"Bekommt man in diesem verfickten Saftladen nichts zu trinken?!" Wow, sie lallte schon mehr, als sie es geglaubt hatte; es war wohl schon zu lange her, dass sie gut was getrunken hatte… ihre Stimme kam ihr fast verdoppelt vor, als hätte sie zwei Mal ertönt… hatte sie schon immer so einen tiefen Unterton gehabt? Das war wohl der Alkohol… es schmeckte nicht.
"Alles scheiße." Jetzt redete sie schon mit sich selbst - aber sie bekam Antworten, das war doch gut.
"Alles eine große verfickte Scheiße. Sogar der Alkohol ist heute Abend… beschissen."
"Und das soll die Erlösung sein!"
"Alles Verarsche."
"Gut gesagt."
"Eine große Verarsche."
"Noch besser gesagt." Und dann ertönten beide Stimmen auf einmal, nun den Lärm der Bar übertönend:
"WO BLEIBT DER NACHSCHUB?!"

Lacrimosa und Lycram starrten sich eine lange Weile an, ehe ihre vom Alkohol vernebelten Köpfe in der Lage waren, zu verstehen, wen sie ansahen und vor allen Dingen, dass sie der gleichen Meinung gewesen waren. Aber das durfte natürlich nicht sein:
"Ich war nicht deiner Meinung, Schlampe!", entfuhr es Lycram aufgebracht, worauf Lacrimosa ebenso aufgebracht konterte:
"Ich war auch nicht deiner Meinung!"
"Gut!"
"Gut!" Beide funkelten sich wütend an, dann entschlossen sie im selben Moment, sich einfach herumzudrehen und weiter zu trinken, womit sie wieder an dem Punkt angekommen waren, dass sie noch keinen Nachschub bekommen hatten, was sie beide zum Kochen brachte.
"Saftladen!"
"Verfickter Saftladen!"
"Sprich mir nicht nach, Lycram!"
"Setz dich doch woanders hin, Schlampe!"
"Ich war hier zuerst, Arschgesicht!"
"Was machst du überhaupt hier?! Du bist doch nie hier!" Diese Worte gaben einen kleinen Stoß in Lacrimosa, als sie durch Lycrams Frage wieder daran erinnert wurde, warum sie dort war, warum sie aus ihrem Gebiet hatte flüchten müssen, weil sonst alle bemerkt hätten, dass sie traurig war… und natürlich dachte sie wieder an eben diesen Grund und während Lycram weiter darüber lästerte, was Lacrimosa an diesem Ort, von dem er geglaubt hätte, dass er hier sicher sei vor ihr, zu suchen hatte, flaute Lacrimosas Wut ab und sie wurde melancholisch.
Ohne dass Lycram es bemerkte, denn er hatte sich nun in Rage gesprochen, stand Lacrimosa auf und brachte ihn dann plötzlich zum verblüfften Schweigen, denn sie setzte sich zu ihm, auf den Platz ihm gegenüber. Die Frage und die sofortige Aufforderung, sich gefälligst zu verpissen, überhörte sie und zählte stattdessen die Flaschen Absinth - aber sie gab es auf. Doch auch ohne im Moment zählen zu können war ihr klar, dass sie nicht der einzige Besucher dieser Bar war, der etwas runterspülen wollte.
Hoffentlich war es etwas schrecklich Peinliches. Sie wollte es hören. Sie wollte es wissen. Sie wollte schadenfroh sein, dann ging es ihr hoffentlich selbst besser.
"Und, was willst du vergessen?" Lycram reagierte ähnlich wie sie; er kam ins Stocken, aber so leicht machte er es ihr nicht:
"Das geht dich einen Scheißdreck an, du Hure." Normalerweise fühlte sie sich nie sonderlich von Lycrams vulgärem Vokabular angegriffen oder gar verletzt, aber dieses Mal tat es weh - das war wohl der Alkohol. Ja, das war der Alkohol. Und zum Glück kam jetzt endlich ein gelangweilt aussehender Kellner, dem Lycram und Lacrimosa im Wettstreit die Flaschen aus den Händen rissen. Eine solche Behandlung war er natürlich gewohnt, weshalb der kleine, graue Dämon nicht einmal mit den Augenbrauen zuckte und zum nächsten ungeduldigen Dämon abzottelte.
"So, und jetzt verpisst du dich--"
"Findest du nicht auch, dass der Dämon neben Karou an der Bar Ri-Il ähnlich sieht?" Ri-Il zu erwähnen war wie auf einen Knopf zu drücken. Lycram vergaß sofort, dass er eigentlich damit beschäftigt war, Lacrimosa wegzugraulen und wirbelte erstaunlich schnell zur Bar herum. Ob das auch so schnell und auffällig geschehen wäre, wenn er nicht betrunken gewesen wäre?
Er brauchte nicht lange, um den Dämon auszumachen, den sie gemeint hatte, aber da es eben nicht Ri-Il war, entspannte sich Lycrams Körperhaltung wieder.
"Der sieht Ri-Il doch sowas von nicht ähnlich! Was laberst du da eigentlich; der gleiche skurrile Körperbau vielleicht…" Lacrimosa und Lycram sollten sich mehr Gedanken darüber machen, mit wem sich Karou, der sich ebenfalls eigentlich nie in der Bar aufhielt, zum Trinken traf, aber stattdessen streifte ein erheiternder Gedanke die von Trauer heimgesuchte Fürstin; konnte es sein, dass…?
"… aber nur vielleicht, wenn man denn unbedingt von Ähnlichkeit sprechen will! Und ich dachte schon, es sei wirklich Ri-Il; aber das ist natürlich unmöglich; ich hätte ihn gespürt, diesen Hurensohn - seine Aura spüre ich immer, immer, immer…" Aber wäre das möglich…?
"Du springst auch immer auf seinen Namen an…"
"Natürlich!", rief Lycram und pfefferte seine Faust auf die Tischplatte:
"Dieser Dreckskerl ist ja auch mein Erzfeind!"
"Dein Erzfeind, ja…ja." Lacrimosa nickte sich selbst und ihren Überlegungen zu, während Lycram sich einen großen Schluck seines Getränks genehmigte.
"Wie lange eigentlich schon?"
"Schon immer!"
"Schon immer?"
"Schon immer."
"Wie alt bist du eigentlich?" Das brachte Lycram ins Stocken und stirnrunzelnd antwortete er:
"Irgendwas mit 310 oder 320. Frag Azzazello, sowas Langweiliges weiß er." Es hätte Lacrimosa auch im nüchternen Zustand nicht überrascht, dass Lycram nicht genau wusste, wie alt er war - sobald man die 100 Jahre überschritten hatte, war das nur noch eine belanglose Zahl. Viel wichtiger und entscheidender war, welche Erfahrungen man in dieser Zeit gesammelt hatte und ob diese das weitere Überleben sicherten. 100 Jahre des Überlebens waren auch kein Grund, um anzugeben; ab 400 Jahren konnte man allerdings durchaus angeben...
"Und wann hast du Ri-Il kennengelernt?"
"Mit 121. Ich habe ihn aber schon vorher mal gesehen - so eine Visage muss einem ja auffallen!" Ein breites, zufriedenes Lächeln breitete sich auf Lacrimosas Gesicht aus und obwohl sie sofort zur Flasche, griff um ihr offensichtliches Amüsement über diese Information zu verbergen, war es Lycram nicht entfallen:
"Hey, was gibt es denn da so blöd zu grinsen?!"
"Also, außer, dass du Ri-Il schon dein ganzes, langes Leben kennst…" Ihr Grinsen wurde noch breiter und ihr plötzlich sehr mädchenhaftes Kichern brachte seine Wut zum Kochen:
"...wusstest du auch ziemlich genau, wann du ihn kennengelernt hast - aber dein eigenes Alter weißt du nicht, Lycilein!" Man konnte es natürlich mit dem getrunkenen Alkohol erklären, aber Lacrimosa war sich sicher, dass Lycrams Ohren erst jetzt rot wurden - wie wunderbar, dass seine Ohren dank seiner Frisur so gut sichtbar waren und nun herrlich von seinen blauen Haaren abstachen. Sie wusste, es war eine gute Idee gewesen, sich zu ihm zu setzen, sie wusste es! Ha!
"Natürlich weiß ich das!", keifte Lycram, eine selbstgefällige Kopfbewegung machend:
"Er ist immerhin mein Erzfeind, da muss man sowas doch wissen!" Mit Inbrunst stellte Lycram sein Glas Absinth zurück auf den Tisch und mit derselben Inbrunst reagierte er auch auf Lacrimosas Frage, ob er ihr nicht erzählen wolle, wie er Ri-Il das erste Mal getroffen habe:
"Als ob ich dir das erzählen würde, Schlampe - ist das Informationsbeschaffung? So betrunken bin ich noch nicht, als dass das ziehen würde!"
"Ja, genau, Lyci - deine Kindheitserinnerungen sind der Dreh- und Angelpunkt der dämonischen Politik; mit ihnen steht und fällt alleeeees!", antwortete Lacrimosa feixend, sich darüber freuend, dass es eigentlich nicht Not tat, Lycrams derbes Vokabular mit dem gleichen zu kontern; ein niedlicher Spitzname hatte die gleiche Wirkung; sofort wurde er wieder wütend und die Röte seiner Ohren nahm zu. Ob es nun wegen der Antwort an sich war oder wegen des Spitznamens wagte Lacrimosa nicht zu beurteilen - und so oder so amüsierte sie der Anblick.
"Die Nacht ist noch jung! Also warum nicht ein wenig in den alten Erinnerungen schwelgen? Oder erinnerst du dich etwa nicht mehr daran? Ich wette, du hast ein Kurzzeitgedächtnis - obwohl ich mir auch gut vorstellen kann, dass du dich an alleees erinnern kannst, wenn es um deinen Erzfeind Ri-Il geht!" Lacrimosa hatte eigentlich erwartet, dass Lycram noch wütender werden würde, aber der gegenteilige Fall schien eingetreten zu sein und kurzzeitig fragte sie sich, ob er wirklich so betrunken war, wie sie geglaubt hatte. Nachdenklich lehnte Lycram sich zurück, kurz schweigend in Gedanken versunken, ehe er dann endlich mit der Sprache rausrückte:
"Was bekomme ich denn dafür?" Lacrimosa musste ein Lachen unterdrücken:
"Ich habe dir doch eben schon gesagt, dass deine niedliche Kindheitserinnerung nichts wert ist."
"Aber trotzdem willst du es wissen."
"Das nennen die Menschen Small-Talk."
"Nie von gehört."
"Dann frag Azzazello… und sowieso, keiner von uns wird sich morgen noch dran erinnern. Es ist einfach eine nette Abendunterhaltung, um den Alkohol zu genießen und auf andere Gedanken zu kommen." Wieder schwieg Lycram; offensichtlich wieder in Gedanken versunken. Lacrimosa musste zugeben, dass seine gerunzelte Stirn ihre Neugierde schürte - worüber dachte er nur nach?
"Gut, ich erzähls dir", begann Lycram auf einmal freudig erregt, als gefiele ihm der Gedanke, auf den er nach langem hin- und herüberlegen gekommen war:
"Aber ich will etwas dafür haben."
"Lycram, du verstehst das Prinzip einfach nicht, od-"
"Ich will mit dir schlafen."
Einen Augenblick starrte Lacrimosa den Dämon ihr gegenüber an, der ihren Blick ernst erwiderte, als sei es tatsächlich ein Geschäftsgespräch - aber dann spürte sie schon, wie sie die Kontrolle über ihr Gesicht verlor und wie sich ein breites Grinsen auf diesem ausbreitete. Ihr war ja schon immer klar gewesen, dass Lycram nur allzu gerne mit ihr das Bett teilen würde und er hatte es schon auf weitaus uncharmantere Art "angedeutet", aber dass er es direkt als Forderung für etwas stellen würde… das war wohl der Alkohol. Dieser war auch garantiert der Grund, weshalb sie nicht aufhören konnte, zu grinsen - ach, was versuchte sie eigentlich, sich herauszureden!? Sie freute sich über dieses Kompliment, denn es war eines; nicht nur in Anbetracht dessen, dass er es im Austausch forderte, sondern, dass er, der für sein loses Mundwerk und vulgäres Vokabular bekannte Fürst, tatsächlich gewählt hatte, seine Forderung ohne den Gebrauch von eben diesen zu formulieren. Als würde er Rücksicht nehmen - mein Gott, Lycram konnte ja direkt putzig sein, wenn er wollte... oder genug Alkohol intus hatte. Außerdem, so abscheulich er auch war - man musste einfach zugeben, dass er attraktiv war.
"Einverstanden." Offensichtlich hatte Lycram nicht mit ihrem Einverständnis gerechnet, denn für einen kurzen Augenblick konnte er seine freudige Überraschung nicht zurückhalten:
"Wirklich?!" Er räusperte sich und bemühte sich, wieder souverän zu sein, obwohl Lacrimosa ihn immer noch angrinste.
"Aber ich bestimme Zeit und Ort." Lycram deutete ein ärgerliches Nicken an.
"Und du erzählst mir alles - keine Details auslassen! Ich will alles hören!" Er himmelte mit den Augen:
"Ich hoffe, das wird sich lohnen."
"Oh, Lyci, ich verspreche dir, es wird eine Nacht, die du niemals vergessen wirst… und jetzt fang an!"


Es wurde tatsächlich eine Nacht, die Lycram niemals vergessen würde, aber aus anderen Gründen, als die, die sich Lycram erhofft hatte. Tatsächlich war es eine sehr ereignisvolle Nacht - sie wurde zu einem Ereignis, von dem Lycram nicht nur nicht sprechen wollte, sondern eine, die sofort seine Schamesröte hervorrief und die fortan nur noch unter "Das Ereignis, von dem Lycram nicht spricht" bekannt war. Azzazello wusste, was in jener Nacht geschehen war, respektierte aber, dass Lycram darüber nicht sprechen wollte und hatte es auch Rime nicht erzählt, da sie es benutzen würde, um ihn aufzuziehen - und Ri-Il wusste es natürlich, weil… ja, was wusste er nicht?

Aber das war eine andere Geschichte, die Lycram so schnell nicht erzählen würde. Stattdessen begann er nun, Lacrimosa von seiner Kindheit zu erzählen.

Azzazello und Lycram erging es wie vielen anderen Dämonenkindern. Sie wurden unter dem Heulen ihrer Mütter und den auffordernden Worten, ihm auch ja keine Schande zu bereiten, vom Vater verabschiedet. Zu diesem Zeitpunkt waren sie fünf Jahre jung - und die schmutzigen, nach Tod riechenden Straßen Lerenien-Seis sollten sich als ihr Glück herausstellen, wie sich nur wenige Tage später zeigen würde.
Doch zuerst, nun langsam die Lust am Erzählen findend, erklärte Lycram Lacrimosa, dass Azzazello und Lycram die beiden letzten Kinder ihres Vaters gewesen seien und dass es ihm daher ein besonders wichtiges Anliegen gewesen sei, dass sie zu "richtigen Männern" wurden. Lacrimosa war überrascht, Lycram nur in den besten Tönen von seinem Vater erzählen zu hören; sie hatte nicht geglaubt, dass man noch positiv von jemandem sprechen konnte, der einen an Lerenien-Seis unendlichen Schlund geopfert hatte. Doch Lycram sprach von seinem Vater, als wäre er ein Held sondergleichen - und schnell stellte Lacrimosa fest, dass Lycrams Machogehabe eindeutig von seinem Vater kam... und dass sie einen solchen Macho auf den ersten Blick ohne viele Worte umgebracht hätte. Angeblich, wenn man Lycram trauen sollte, der allerdings selbst sehr davon überzeugt zu sein schien... hatte sein Vater spüren können, dass es mit seiner Potenz nach 415 Lebensjahren und mehr als 30 gezeugten Kindern - Lycram wisse keine genaue Zahl - langsam zur Neige ging und dass Lycram und Azzazello ihm daher besonders am Herzen gelegen hatten. Die ganzen Zufälle, die ihre Geburt umrankt hatten, waren ja auch einfach zu gut; die Tatsache, dass ihre Mütter Schwestern gewesen und beide gleichzeitig schwanger geworden waren und dass ihre Söhne auch noch an demselben Tag geboren worden waren, mit einem so geringen Zeitabstand, dass man sie sogar Zwillinge nannte. Ihr Vater war hellauf begeistert gewesen; einen krönenden Abschluss hatte er es genannt - hier musste Lacrimosa erst einmal einen kräftigen Schluck trinken, um dieses Machogehabe zu überstehen - und als sich dann auch noch herauskristallisierte, dass Lycram auch noch ein sehr talentierter Dämon war, der obendrein ständig an den Lippen seines Vaters klebte, war alles für den Vater perfekt. Lycram war für ihn ein so perfekter Sohn, dass er komplett darüber hinwegsah, dass Azzazellos Fähigkeiten Lycrams hinterher hinkten und dass er lieber mit deren Müttern zusammen war, als den Prahlereien seines Vaters zu lauschen, wie Lycram es stundenlang tun konnte und dabei das derbe Vokabular lernte, das ihm später so natürlich auf der Zunge lag.
Und sie hatten so prächtige Hörner, fuhr Lycram stolz fort; das war für seinen Vater sehr wichtig gewesen nach sechs missglückten Geburten, wo die Säuglinge alle keine Hörner gehabt hatten - natürlich waren sie dann gleich zu Fünkchen geworden - endlich zwei auf einmal, die das stolze Rassenmerkmal trugen. Es war nun einmal immer fiftyfifty.
Es war in der Dämonenwelt nichts Ungewöhnliches, dass die Eltern ihre Neugeborenen umbrachten, wenn sie aus irgendwelchen Gründen nicht mit ihnen zufrieden waren oder wenn ein Kind aus irgendwelchen Gründen nicht in ihre momentane Lebenssituation passte, denn Abtreibung war nichts, das für normale Dämonen ein Begriff war. Aber selten hatte Lacrimosa gehört, dass jemand seine Kinder umbrachte, weil sie keine Hörner hatten... was für ein schrecklicher Typ. Da konnte sie sich gar nicht entscheiden, ob sie froh darüber war, dass er nicht mehr lebte oder nicht. Es war gut, dass er nicht länger in Lerenien-Sei lebte, um den dortigen Machoanteil zu erhöhen, aber umso mehr sie von Lycram hörte, umso mehr wollte sie diesem Typen selbst den Hals umdrehen. Ach was, Hals umdrehen, andere Dinge waren viel geeigneter... viel passender. Lycram und Azzazello hatten daher die ersten fünf Jahre ihres Lebens unterschiedlich verbracht und während Lycram dem Aussetzen entgegenfieberte, fürchtete sich Azzazello davor; kein Wunder, im Gegensatz zu Lycram war er ja auch nicht sonderlich gut darauf vorbereitet gewesen und... wer war auch so dumm und freute sich darauf, auf der Straße zu leben mit nichts?!
"Azza-Aniki hat die ersten drei Tage nur damit verbracht zu heulen. Wenn er mich nicht gehabt hätte, dann wäre er verreckt, das sag ich dir."
"Ein Held bist du, Lycram. Ich trink auf dich."

Lycram überhörte Lacrimosas schnippischen Tonfall und erklärte ihr, dass das einzige, was sie mitbekommen hatten, eine Wasserflasche gewesen sei. Heimlich, versteht sich; die Mütter hatten sie Azzazello hinter dem Rücken ihres Herren zugesteckt. Lycram war davon nicht begeistert gewesen; das sei Schummelei und er würde ihnen schon Wasser besorgen, er würde davon nichts trinken, sich sein Eigenes besorgen... schon am zweiten Tag war er dankbar für die Flasche, aber das purzelte Lycram nur aus Versehen heraus.
Das Ganze war in Lacrimosas Augen so dumm. Denn der Vater lebte zusammen mit seinen Frauen selbst in Lerenien-Sei; warum hatte er seine Söhne dann überhaupt aussetzen müssen? Obendrein hatte er die Mittel gehabt, die Kinder bei sich zu behalten; aber gut, es gab viele, die Lacrimosas Einstellung zu diesem Thema nicht teilten. Die Einstellung, dass das Aussetzen absolut notwendig war und einen zu einem richtigen Dämon machte, war sehr einzementiert in den Köpfen der meisten Dämonen. Es starben dabei sehr, sehr viele Kinder - na und? Dann waren sie wohl nicht stark genug.
Dennoch musste Lycram Azzazello dazu zwingen, die ersten Tage nicht ständig zurückkehren zu wollen - das sollte sich als Azzazellos Rettung herausstellen, denn deren Vater besaß dieselbe große Klappe wie Lycram und so legte er sich einmal mit dem Falschen an.
Ihr Vater war der zweite von drei Kommandeuren Lerenien-Seis gewesen, mit anderen Worten Teil der königlichen Horde und mit einem Posten, der sich sehen lassen konnte. Offensichtlich fand er aber, dass sogar der König selbst ihm für seine "großartige Arbeit" Respekt zollen sollte.
Nun, das fand der König nicht.

"Dann hat Azza-Aniki zwei Wochen lang nur geflennt. Ich natürlich nicht, ich musste ja auf uns aufpassen! Und sowieso, ein wahrer Mann flennt nicht!"

Dann machte Lycram einen Sprung in der Zeit, wofür Lacrimosa dankbar war, denn natürlich war das Leben auf den Straßen Lerenien-Seis kein Zuckerschlecken gewesen. Aber der Vernichtung des Königs waren sie knapp entgangen; stattdessen wurden die beiden letzten Söhne langsam von Lerenien-Sei verzehrt.
Die Jahre vergingen, irgendwo auf einem fremden Schlachtfeld wurden Wächter umgebracht, Fürsten bekriegten sich wie immer um die Territorien und der König wurde ermordet, der darauffolgende nur zwei Monate später, um dann nach einem Jahr von Kasra umgebracht zu werden - der den Thron lange behielt. Geschichte wurde geschrieben, während die Stadt unablässig an den beiden Brüdern nagte. Sie wurden dünner, verwahrlosten, waren mehr als einmal dazu gezwungen, sich von sich selbst zu ernähren, aber gänzlich verschlingen konnte die Stadt sie nicht. Sie wurden stärker, lernten, dass wenn der eine nur noch eine Hand hatte, weil sie sich diese geteilt hatten, dann musste der andere extra hart kämpfen. Lycram nannte es nicht, aber Lacrimosa war klar, dass es wohl meistens Lycram gewesen war, der das Kämpfen übernommen hatte, aber obwohl das eigentlich die für ihn perfekte Auflage war, um mit seinen vielen Kämpfen zu prahlen, nutzte er die Gelegenheit nicht - scheinbar war er nicht stolz darauf, dass Azzazello auf so makabere Art ihr Überleben gesichert hatte.

"Das war natürlich alles notwendig." Lacrimosa kommentierte es nicht, sie beobachte Lycrams ungewohnt ernste Gesichtszüge, seine Augen, die auf das Glas in seiner Hand gerichtet waren, seine Pupillen, die den kleinen Bläschen in der Flüssigkeit folgten.
"Aber ich schwor mir, dass ich uns von der Straße wegbringen würde. Ich wollte nie wieder einen Teil meines Bruders fressen müssen. Sein verdammtes "Ist schon gut"-Lächeln wollte ich nie wieder sehen."

Lacrimosa erwartete, dass Lycram diese Aussage noch irgendwie mit einem lustigen Kommentar aufweichen würde, aber das tat er nicht. Es gab daran nichts Lustiges.
Stattdessen fuhr er fort und erklärte seiner aufmerksamen Zuhörerin schnell, dass es für ihn eine große Enttäuschung gewesen war, dass es Azzazello war, dem zuerst die Gelegenheit geboten worden war, die Straße zu verlassen. Ein Fürst hatte an ihm Interesse gezeigt, nachdem er gesehen hatte, wie hervorragend Azzazello seinen Armstumpf geflickt hatte, um nicht zu verbluten. Darin war er - notgedrungen - sehr gut geworden. Lycrams Stolz und seine Entschlossenheit waren verletzt, besonders als der Fürst mit ihm nicht anzufangen wusste: ein kleiner Bengel mit großer Klappe und nichts dahinter, zitierte Lycram säuerlich und dass der Fürst Azzazellos Bitte, Lycram doch ebenfalls mitzunehmen, nicht nur belächelte, sondern auslachte; jetzt stellten diese Gören auch noch Anforderungen, also so nötig hatte er es ganz bestimmt nicht.

Lycram ging nicht näher darauf ein; es war auch eigentlich komplett unnötig, näher davon zu berichten, denn Lacrimosa war klar, dass die erniedrigenden Worte nicht alles gewesen waren, was auf Azzazellos inständige Bitte folgte.

"Er hat uns am Leben gelassen, weil er meinte, wir würden sowieso sterben und dass dieser Tod langsamer und qualvoller sei." Ein ironisches Grinsen huschte über Lycrams Gesicht:
"Ich habe ihn viele, viele Jahre später auf dem Schlachtfeld getroffen. Er hat mich an meinen Hörnern wiedererkannt; lange genug gelebt, um es zu bereuen, uns am Leben gelassen zu haben, hat er dann allerdings nicht mehr." Lacrimosa musste unwillkürlich lächeln, denn sie kannte dieses Gefühl der genugtuenden Rache; es war umso stärker, umso befriedigender, wenn die Rache sich lange Zeit verzögert hatte und dann endlich in die Tat umgesetzt wurde. Ein herrliches Gefühl.
"Und wie kommt jetzt Ri-Ils ins Spiel?"
Überrascht beobachtete Lacrimosa, wie das ironische Lächeln sich plötzlich veränderte - sie wusste nicht, wie sie es beschreiben sollte, weil dieses Lächeln so ungewohnt auf dem Gesicht Lycrams aussah. Es verschwand auch schnell, wurde zu einem Grinsen, ehe er den nächsten Schluck Absinth herunterspülte und fortfuhr.

Einige Tage später hatten sich die Körper der Brüder wieder einigermaßen von der Malträtierung des Fürsten erholt - Lycrams Stolz allerdings nicht. Um diesen wieder zu richten, ließ er sich mit den anderen Straßenkindern auf einen wahnwitzigen Handel ein. Am nächsten Tag sollte der neue König gekrönt werden und zu diesem Zweck würden alle Mitglieder der Hohen in Lerenien-Sei anwesend sein. Die Kinder, die sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen hatten, hatten einstimmig beschlossen, dass die Fürsten eigentlich bestraft werden müssten; sie waren nämlich in der letzten Zeit nicht gerade großzügig gewesen, wenn es darum ging, Kinder in ihre Horde aufzunehmen. Aber die meisten der Kinder waren in der Lage, Auren zu spüren und so wussten sie natürlich, dass von einer "Bestrafung" kaum die Rede sein konnte; aber einfach ziehen lassen... das konnte man doch auch nicht. Man müsse auf sich aufmerksam machen, auch wenn diese Aufmerksamkeit noch so klein war... sie einigten sich also darauf, dass der, der einen der Fürsten angriff und das natürlich auch noch mit heiler Haut überstand, der würde mit einer halbgefüllten Wasserflasche belohnt werden; das war sehr viel, sehr verlockend, besonders für Lycram und Azzazello, die normal nicht zur Gruppe gehörten und daher nicht von deren Streifzügen profitierten. Niemand wollte nämlich mit Lycram zusammenarbeiten.
Das kleine Grüppchen ausgehungerter und halb verdursteter Kinder begrüßte Lycrams Enthusiasmus, sich dieser Mutprobe anzunehmen, genauso wenig wie Azzazello es tat, der natürlich versucht hatte, ihn davon abzuhalten. Nach einem kurzen Hin- und Hergetuschel der Kinder wurden sie sich allerdings einig, dass sie alle gerne sehen wollten, wie Lycram sich ein weiteres Mal blamierte und versprachen, dass die gehörnten Brüder die Flasche bekommen würden, wenn es Lycram gelang, einen Fürsten anzugreifen und lebend zu ihnen zurückzukehren.
"Okay, Lycram, am besten du... du greifst von hinten an und dann fliehst du ganz schnell. Guck mal, wenn die Hohen da vorne die Weggabelung passieren, könntest du ganz schnell in die Gasse fliehen. Das muss doch für Tarek ausreichen? Vielleicht sollten wir vorher noch mal... nachfragen?" Lycram antwortete nicht auf Azzazellos schlauen Einwurf; er war zu sehr damit beschäftigt, die Fürsten von deren Aussichtspunkt aus mit den Augen zu verfolgen. Die Verbissenheit, die Azzazello in Lycrams Augen sah, gefiel ihm nicht.
"Hast du gehört, Lycram?" Offensichtlich hatte er das nicht. Offensichtlich war ihm jedes Risiko, sein Leben innerhalb der nächsten zehn Minuten entweder auf dem schnellsten oder grausamsten Weg zu verlieren, komplett gleichgültig. Ohne Rücksicht auf Verluste sprang der junge Lycram empor, rannte über die Dachzinnen Lerenien-Seis, hörte Azzazellos verzweifelten Ruf nicht mehr, sprang auf das nächste Dach und dann herunter auf die grob gepflasterte Straße.
Azzazello traute seinen Augen nicht, wollte ihnen nicht trauen, obwohl er genau wusste, dass das, was er sah, natürlich wahr war - er kannte seinen Zwilling immerhin gut genug, um zu wissen, dass seine Augen ihm keinen Streich spielten. Lycram war natürlich nicht hinter den Fürsten gelandet; er hatte nie vorgehabt, sich einfach anzuschleichen, denn so war er nicht; er griff nie von hinten an, attackierte nie aus dem Schatten heraus, nutzte nie das Überraschungsmoment... obwohl die acht Fürsten schon ziemlich überrascht dreinblickten, als der kleine Junge plötzlich vor ihnen landete.
Die Hohen waren tatsächlich für einen Moment sprachlos: zuerst glaubten sie wohl, das sei eine neue Masche der Kinder, ein neuer Härtegrad ihres Bettelns um Wasser, Essen, Angebot ihrer körperlichen Dienste - aber nein, Lycram bettelte nicht. Er hatte nie gebettelt und auch nicht im Sinn, es jetzt zu tun. Der Blick des kleinen Straßenjungens war nicht flehend; er war herausfordernd, direkt und nicht weniger entschlossen als der erwachsener Herausforderer. Seine Augen glühten fast vor Willensstärke - und das angesichts der acht stärksten Dämonen dieser Welt.
"Warte, ist das nicht das Gör von letzter Woche?" Als wären diese Worte der Startschuss gewesen, leuchteten Lycrams Hände plötzlich auf; blau vibrierende Fäden wirbelten um seine Finger herum-
"Der Junge will uns nicht wirklich angr-" Weiter kam der andere Fürst nicht; nicht, weil Lycram ihm mit Taten bewies, dass er ihn sehr wohl angreifen wollte, sondern weil Azzazello beherzt angestürmt kam, Lycram mit der Schulter rammte und die zwei in den Schatten der nächsten Gasse schleuderte - und damit war die Gefahr gebannt, denn beim Sturz schlug sich Lycram den Kopf auf und wurde ohnmächtig. Somit konnte er zum Glück nicht hören, wie die Fürsten herzhaft zu lachen begannen, sich einig, dass ihr Erscheinen in Lerenien-Sei sich alleine schon deswegen gelohnt hatte.
Sie würden diese witzige Unterhaltung bald vergessen, denn für sie war es nicht mehr als das gewesen. Ri-Il hatte ebenfalls mitgelacht, sich allerdings zurückhaltender gezeigt.
Er behielt dieses Treffen in Erinnerung.


Lacrimosa blieb der Mund offen stehen.
"Du bist entweder ein verdammt mutiges Kind gewesen... oder ein verdammt dummes." Lycram konnte ein selbstgefälliges Grinsen nicht unterdrücken und als er das nächste Glas leerte, sah es aus, als würde er auf sich selbst trinken. Lacrimosa himmelte mit den Augen, konnte aber ein leicht beeindrucktes Lächeln nicht unterdrücken.
"Und da ist dir Ri-Il aufgefallen?"
"Ja", nickte Lycram:
"Er ist mir schon vom Dach aus aufgefallen."
"Obwohl er damals noch nicht seine komischen Haare hatte? ... wie die wohl fliegen? Die fliegen doch, oder?"
"Ja, die fliegen. Keine Ahnung wie."
"Ob er merkt, wenn man daran zieht?"
"Ja, tut er."
"Sag mir nicht, das hast du versucht?!"
"Natürlich hab ich das!"
"Ich mag es jedoch nicht, wenn man an meinen Haaren zieht - das ist ja auch nicht sonderlich höflich."
"Als ob ich mich darum schere, was du magst und was ni---" Lacrimosa hatte bereits Abstand genommen; Lycram fuhr erst jetzt erschrocken hoch, als er bemerkte, dass Ri-Il plötzlich gemütlich neben ihnen auf dem Ecksofa saß - und das sogar mit einem Schälchen seines geliebten Sakes. "Was machst du denn hier?!", rief Lycram empört, während Lacrimosa Ri-Il nur feindselig beäugte.
"Oh, dein Bruder hat mich gebeten, dich abzuholen; er sei verhindert - ich denke, er und seine Frau sind mit den Kindern auf einem Ausflug ♥"
"Und da beordert er dich---"
"Aber natürlich, Lycilein---"
"LYCRAM."
"--- er weiß doch, dass er mir vertrauen kann und ich dich schon sicher nachhause bringe. Oder störe ich? Ihr scheint gerade so in Erinnerungen zu schwelgen..." Grinsend sah er vom einen zum anderen.
"... und dass ihr beide an ein und demselben Tisch sitzt, ist ja an sich schon ein Wunder. Ich setze mich gerne noch woanders hin; Karou scheint ja interessanten Besuch zu haben!"
"Nein", antwortete Lacrimosa entschlossen, das letzte geleerte Glas von sich wegschiebend und mit Inbrunst aufstehend:
"Es riecht plötzlich hier drinnen." Ohne ein weiteres Wort zu verlieren war sie auch schon Richtung Theke verschwunden, wo sie das Geld auf den Tisch knallte und verschwand.


Lycram erfuhr erst viel, viel später, dass Ri-Il Lycram damals in Erinnerung behalten hatte; und das, obwohl sie sich erst wiedertrafen, als der blauhaarige Dämon 121 war; gut 100 Jahre später also. Dieses erste Treffen, das eigentliche erste Treffen, fand auf dem Schlachtfeld statt; keines, das von einem Kampf zwischen Wächtern und Dämonen geschaffen wurde, sondern geboren ward von dem Übermut eines einzelnen Fürsten, der Ri-Ils Gebiet angriff - und scheiterte, wie so viele andere vor ihm. Dieser Fürst war Ri-Ils damaliger östlicher Nachbar; ein unüberlegter Hitzkopf, der sich daher bestens mit Lycram vertrug; sie waren auf einer Wellenlänge, das hatte der Fürst schon bemerkt, als er Lycram samt Azzazello von der Straße geholt hatte, woraufhin sie beide in seine Horde kamen. Dort verbrachten die beiden viele Jahre, lernten zum ersten Mal, wie anders es war, gegen gut ausgebildete Wächter zu kämpfen, sahen zum ersten Mal den Himmel der Menschenwelt, in den sich Azzazello sofort verliebte, kämpften, kämpften, kämpften... Lycram tobte sich in seiner Pubertät mit Frauen aus und war zum ersten Mal auf Kosten seines Fürstens betrunken - er schlug ihn tatsächlich beim Trinkspiel, woraufhin er Lycram seine Tochter versprach - während Azzazello sich vom ersten Tag an in eben jene Tochter verguckt hatte, denn die Tochter des Fürsten war keine geringere als Rime. Viel später würde Azzazello mit Rime durchbrennen, nachdem Lycram deren Fürst in einem Kampf nicht nur vernichtend schlagen, sondern ihn dabei auch umbringen würde; eine Geschichte, von der Lycram gerne schwärmte, denn deren Fürst sei wie ein wahrer Mann gestorben, glücklich, im Kampf gegen seinen Lieblingsschüler gefallen zu sein - aber das war eine andere Geschichte, die Lycram leider nicht zu laut erzählen durfte, da Rime immer noch glaubte, dass Azzazello derjenige gewesen sei, der glorreich um die Hand der Fürstentochter gekämpft hatte.
Aber zurück zu der Schlacht, die diese Begebenheiten eingeläutet hatte.
Lycram hatte selbst nach so vielen Jahren keine Ahnung, was eigentlich zwischen Ri-Il und seinem damaligen Fürsten vorgefallen war - aber das war auch egal, denn man brauchte ja eigentlich keinen sonderlichen Grund, um Ri-Il anzugreifen, oder? Man tat es einfach!
Aber wie so viele andere vor ihm... scheiterte auch er. Ri-Il und seine Horde schlugen die gegnerische mit Leichtigkeit und kaum Verlusten. Entschlossen, bei dieser Schlacht zu brillieren und seine Glanzleistung zu zeigen, hatte Lycram ganz vorne, ganz in der vordersten Reihe gekämpft und war tatsächlich gegen Ri-Il höchstpersönlich angetreten. Eigentlich hatte dieser die Schlacht nur überwachen wollen, Darius das Kommando überlassend, der damals gerade erst sein Kommandeur geworden war und kein anderes Mitglied der gegnerischen Horde wäre wahrscheinlich auf die Idee gekommen, den wachsamen Ri-Il auch nur schief von der Seite anzugucken.
Aber Lycram tat es natürlich. Er wollte den gegnerischen Fürsten angreifen; er achtete dabei gar nicht darauf, wer es eigentlich war und hatte den Namen auch schon längst vergessen; Warnungen sowieso, in den Wind geschossen hatte er sie.
Bis er dann selbst in den Wind geschossen wurde.
Ri-Il hatte einen Angriff tatsächlich nicht kommen sehen, aber er war ihm dennoch mit überraschter Miene und Leichtigkeit ausgewichen und noch ehe Lycram überhaupt zu einer zweiten Attacke ausholen konnte, lag er auch schon mit dem Rücken auf dem Boden, einen gezielten Stiefel auf seiner Brust, der ihn an den Boden heftete, obwohl es nicht danach aussah, als bräuchte Ri-Il dafür sonderlich viel Anstrengung.
Ri-Il wollte den am Boden liegenden Lycram gerade etwas mit einem leichten Grinsen mitteilen, als dieser ihm zuvor kam:
"Du bist doch der Dämon mit dem skurrilen Körper!" Diese absolut unverfrorene Aussage brachte Ri-Il tatsächlich dazu, seine Augen zu öffnen. Aber Lycram brachte dieser direkte Blickaustausch nicht ins Wanken; er schien absolut keine Angst vor Ri-Ils Augen zu haben - nichts als ein kurzes Erstaunen lösten die Augen bei ihm aus.
"Und du bist der kleine Dämon aus Lerenien-Sei mit dem unkontrollierbaren Mundwerk." Er kicherte verspielt angesichts Lycrams hoffnungslosen Versuchs, sich aufzurichten.
"Lycram", knurrte er verbissen, Ri-Ils gelbe, in schwarz schwimmende Augen unablässig dabei fixierend:
"Mein Namen ist Lycram!"
"Oho?" Ri-Il lehnte sich ein wenig vor, seinen Unterarm nun auf seinem Oberschenkel abstützend:
"Warum sollte es mich interessieren, wie ein unwichtiges Hordenmitglied eines anderen Fürsten heißt?" Diese Worte hatten Eindruck hinterlassen; diese Worte vergaß Lycram nicht wieder - er war zum ersten Mal so sprachlos, dass er nicht wusste, was er antworten sollte und auch nichts tat, als Ri-Il mit einem galanten Rückwärtssalto, der ihn wie ein Blitz aussehen ließ, zurück sprang. Wieder gelandet drehte er sich herum, sah mit einem Zwinkern über die Schulter und sagte:
"Berichte deinem Fürsten, dass er mich lieber selbst herausfordern sollte, anstatt sein Schoßhündchen vorzuschicken, Lycilein."

Es dauerte nicht lange, denn der Entschluss war sofort gefällt.
Nur zwei Monate später rannten Azzazello und Lycram die Straße entlang, die sie aus ihrem ehemaligen Gebiet herausführen würde - nach Westen. Sie waren weit und schnell gerannt, Azzazello obendrein mit der bewusstlosen Rime auf dem Arm.
"Lycram, ich hab ja verstanden, dass du Fürst werden willst - aber warum fliehen wir?!" Azzazellos Atem ging stoßweise, er war schon ziemlich aus der Puste, konnte kaum noch mit seinem übereifrigen Zwilling mithalten, den nichts außer Atem zu bringen schien. Er grinste schon, seitdem sie die Stadt verlassen hatten.
"Ich meine...", Azzazello holte Luft:
"...du hast unseren Fürsten umgebracht; dieses Gebiet hier gehört dir! Und du bist beliebt, niemand wird ein Problem mit dem Machtwechsel haben..."
"Ich will dieses Gebiet aber nicht!" Lycrams erfreutes Grinsen wurde breiter; selten hatte Azzazello ihn so euphorisch gesehen:
"Ich will Gebiet 21!"
"21...?" Azzazello blieb stehen, als ihm klar wurde, welches Gebiet das war:
"Aber das ist das Gebiet neben Ri-Il! Warum willst du denn so einen mächtigen Nachbarn haben; ganz zu schweigen davon, dass der da herrschende Fürst stark sein soll... Lycram! Warte!"

Aber Lycram wartete nicht; er rief seinem Bruder hinterher, dass er zu langsam sei. Er würde nicht mehr warten; es gab nur noch einen Weg.
Nach Westen.