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Episode 23
  Episode 23: Denn Hikaris weinen nicht
Ein merkwürdiges Gefühl beschlich Firey an diesem Morgen. Sie konnte nicht klar beurteilen, ob es ein positives oder ein negatives Gefühl war. Aber warum sollte es ein Negatives sein? Es war ein herrlicher Morgen. Es hatte über Nacht geschneit und die Sonne schien auf den weißen Garten, auf den sie von ihrem neuen Balkon aus hinab sehen konnte. Der Schnee unter ihr glitzerte in den Strahlen der aufgehenden Sonne, welche ihr so nah vorkam, als müsste sie einfach nur ihre Hand nach ihr austrecken um sie berühren zu können. Firey streckte sich, nachdem sie gegähnt hatte und wischte sich die Tränen des Schlafes aus den Augenwinkeln. Einen kurzen Moment genoss sie noch den Ausblick, ehe sich die Kälte bemerkbar machte und sie wieder in ihr neues Zimmer huschte. Kaum vorzustellen, dass sie gestern noch in T-Shirt auf den Tokioter Flughafen gelandet war, auf den Rückweg von Kyoto.
Vielleicht kam das merkwürdige Gefühl daher. Dies war die erste Nacht, die sie im Tempel verbracht hatte. Bald würde sie jede Nacht in diesem Zimmer schlafen... in wenigen Tagen musste sie sich von ihrer Familie verabschieden.
Aber daran wollte sie momentan nicht denken. Obendrein hatte die Feuerwächterin auch gar keine Zeit dafür, da sie nicht umsonst im Tempel geschlafen hatte. Sie hatte einen Termin, für welchen sie sich gerade umzog und fertig machte. Grey hatte sie, Yuuki und Azuma zu sich berufen und da es so früh war, hatte es sich nicht gelohnt am vorigen Abend zurück nach Japan zu reisen.
Firey brauchte nicht lange um sich fertig zu machen. Ihren Zopf band sie sich auf dem Weg zu dem Raum, wo sie sich mit den drei Männern treffen sollte. Noch einige Gänge von ihrem Ziel entfernt sah sie Azuma, auf dem gegenüberliegenden Pfad, in die andere Richtung gehend. Als er sie gesehen hatte, blieb er sofort stehen und winkte zu ihr herüber.
"Guten Morgen, Fireyskat!" Die Augen der Feuerwächterin verengten sich sofort, da sie nicht wusste was dieses Anhängsel bedeutete und sie sich auch nicht sicher war, ob sie es verstehen wollte. Am liebsten würde sie jetzt einfach weitergehen; so tun, als hätte sie ihn nicht gesehen, aber das verbat ihre gute Erziehung.
"Morgen. Du weißt, dass du in die falsche Richtung gehst, oder?"
"Oh, nein, das wusste ich nicht. Mein Orientierungssinn ist für diesen Ort nicht geschaffen."
"Kann ich verstehen, ich habe damit auch Probleme gehabt. Wenn du jetzt weiter gerade aus gehst... Was grinst du so?" Firey fragte sich, ob sie irgendetwas im Gesicht hatte, weshalb er sie so angrinste, oder ob sie sich falsch angezogen hatte. Doch die Träger ihrer Trägerhosen saßen absolut so wie sie sollten und ihr Gesicht hatte sie gerade erst gewaschen. Warum also hatte er so ein breites Grinsen auf dem Gesicht?
"Ach ich freu mich einfach, dass du dir Gedanken um mich machst. Das ist alles!"
"Gedanken?! Ich sage dir doch nur, wo du hin sollst..." Azuma grinste weiterhin und Firey spürte langsam, wie ihr Temperament die Oberhand gewann.
"Wenn du weiter so dumm grinst, kommen wir garantiert zu spät und das kommt bei den Wächtern genauso wenig an, wie bei den Menschen."
"Gut, dann bleib ma' da stehen, ich komme zu dir." Ehe Firey etwas sagen wollte, verschwand Azuma auch schon in die Richtung welche sie ihm vorher vorgeschlagen hatte. Die Feuerwächtern blieb wenige Minuten stehen, sich fragend wie er den Weg finden wollte, ohne dass sie ihn den Gesamten erklärt hatte: Doch es gelang ihm. Kaum zwei Minuten später stand er grinsend vor ihr.
"Woher wusstest du plötzlich welcher Weg es war?", fragte Firey skeptisch.
"Ich kannte den Weg nicht. Ich habe mich einfach an dir orientiert."
"Wie, du hast dich an mir orientiert?"
"Ich habe dich gespürt!", antwortete er mit einem romantischen Unterton. Wahrscheinlich war er sich nicht bewusst, dass dies absolut nichts mit innerer Bindung zu tun hatte, sondern mit der Tatsache, dass sie Auren besaßen. Aber es überraschte Firey, dass er bereits in der Lage war, Auren zu spüren. Sie hatte fast ein Jahr gebraucht... und er konnte es einfach so?
"Du hast meine Aura gespürt", klärte Firey ihn auf und fügte noch hinzu, dass sie das alle konnten und dass das ganz normal war. Er schien ihr jedoch nicht wirklich zuzuhören, wahrscheinlich gefiel ihm die Begründung lieber, dass sie und er eine seelische Bindung zu einander hatten und egal was sie versuchte zu sagen, es kam nicht durch sein zufriedenes Grinsen.
So war Firey doch ein wenig genervt, als sie nach fünf Minuten endlich vor Grey auf dem Sofa saß und Azuma sich obendrein auch noch neben ihr setzte.
"Guten Morgen", grüßte Grey die beiden, da Yuuki noch nicht da war.
"Wir warten noch auf Yuuki-san, dann beginnen wir. Möchtet ihr etwas zu trinken?", fragte er die beiden neuen Wächtern aufmerksam lächelnd. Kaum hatte er diese Frage gestellt, kam auch prompt eine Antwort, jedoch nicht von den beiden Wächtern, sondern von Yuuki, der gerade wie aus dem Nichts neben Firey auf dem Sofa aufgetaucht war:
"Also ich hätte gerne einen grünen Tee! Ach, ist das lange her, dass ich richtig guten grünen Tee probiert habe, niemand vermag so einen vorzüglichen Tee zu kochen wie die Tempelwächter die hier arbeiten. Hach, was habe ich mich danach gesehnt! Achja, ehe ich es vergesse: Guten Morgen allerseits! Entschuldigt mein Zuspätkommen. Ich bin wahrlich untröstlich!" Grey gab dem übereifrigen Yuuki ein "Guten Morgen", während Azuma Yuuki fragte, ob dieser überhaupt in der Lage war mit einem einzigen simplen Satz zu antworten - was der Illusionswächter ausgiebig verneinte.
Yuuki bekam seinen Tee, wie Firey auch. Ryô fragte Azuma höflich was dieser zu trinken wünschte und erhielt eine weniger höfliche Antwort:
"Ich mag keinen Tee. Ich will was anderes." Ryô ließ sich von Azumas ruppigen Tonfall absolut nicht stören, im Gegensatz zu Grey, der sofort aufhorchte und sein Gespräch mit Firey unterbrach. Der Windwächter konnte nicht gerade behaupten, dass er Azuma positiv gegenüber gestimmt war.
"Was wünscht Ihr an Stelle von Tee, Tsuchi-sama?" Azuma hatte keine Ahnung was "Tsuchi-sama" bedeutete, aber ihm war anzusehen, dass ihm der respektvolle Ton Ryôs gefiel.
"Ich will Cocio." Natürlich wusste keiner der Anwesenden wovon Azuma sprach, dennoch dachte Ryô kurz nach und entschuldigte sich dann, dass sie das wohl nicht in der Getränkekammer hätten.
"Tz, was für ein schlechter Service." Immer noch warf er den Tempelwächter nicht aus der Bahn obwohl Azuma ihn beleidigt hatte. Ryô bemerkte, dass es Grey sehr wohl störte, jedoch wollte er nicht, dass sein Meister sich die Hände an so einen schmutzig machte.
"Wenn Ihr mir sagt um was für ein Getränk es sich handelt, dann werde ich dafür sorgen, dass Ihr es in Zukunft genießen könnt", antwortete Ryô galant.
"Es ist dänischer Kakao und ich will ihn nicht in Zukunft, ich will ihn jetzt!" Jetzt hatte Azuma den Bogen von Ryôs Meister eindeutig überspannt.
"Entschuldige, Azuma-san, aber das hättest du vielleicht auch ein wenig höflicher sagen können indem du weniger Kindlichkeit an den Tag gelegt hättest." Azuma sprang sofort auf Grey an und antwortete:
"Wieso sollte ich? Warum soll ich höflich mit einem Diener reden?" Damit hatte er Greys Punkt getroffen, was deutlich in seinem Gesicht zu sehen war, wo das höfliche Lächeln sofort verschwand. Ryô fühlte sich nach wie vor nicht weiter beleidigt, doch Grey konnte es nicht leiden, wenn man Ryô einfach nur als "Diener" abstempelte, denn er war immerhin so viel mehr für ihn.
Gerade als Grey zornfunkelnd antworten wollte, ging Firey dazwischen:
"Azuma! Ich finde, Grey hat Recht, du hättest das schon höflicher sagen sollen. Sei doch froh, dass du in Zukunft deinen Kakao bekommen wirst." Das war der rettende Wink. Azumas Gesichtsausdruck schlug sofort zu einem breiten Lächeln um und es sah so aus, als würde er sie am liebsten umarmen wollen.
"Alles was du wünscht, Fireyskat! Du hast natürlich Recht, Diener sind es nicht wert, dass man sich über sie streitet." Grey seufzte tief und zählte langsam bis zehn, während Azuma sich nun doch mit einem normalen Kakao zufrieden gab. Als er ihn dann erhielt, konnten sie endlich mit dem eigentlichen Thema anfangen, obwohl das Bild Azumas für Grey nun vollkommen zerstört war.
"Ihr drei habt alle etwas gemeinsam. Ihr seid unerfahrene Wächter." Das schien Yuuki nicht zu fallen und sofort widersprach er dem auch:
"Unerfahren? Ich habe schon gegen ziemlich viele Dämonen gekämpft und bin siegreich hervorgegangen! Außerdem..." Grey unterbrach Yuuki, ehe er sich wieder in einen Wortschwall verknotete.
"Hast du dafür einen Beweis?"
"Beweis? Wofür brauche ich Beweise? Ich bin ein Elementarwächter!"
"Sagen wir es so... niemand hat bis jetzt gesehen wie du deine Magie dazu angewendet hast, Dämonen zu beseitigen, sondern nur um zu fliehen." Dem konnte Yuuki sich nicht widersetzen. Er wurde ein wenig rot und grinste vor sich hin: Grey hatte wohl ins Schwarze getroffen.
"Und was sollen wir jetzt gegen diese Unerfahrenheit tun? Zur Schule gehen?", fragte Azuma spöttisch, doch die Antwort gefiel ihm gar nicht:
"Genau, Azuma-san." Die drei Wächter sahen sich an und sie sahen sofort, dass sie alle drei nicht gerade begeistert waren. Azuma stöhnte und beschwerte sich als erstes:
"Das ist doch nicht dein ernst! Ich habe gerade die folkeskole hinter mir gelassen, ich hab doch jetzt kein Bock wieder die Schulbank zu drücken!" Auch Firey konnte es nicht lassen ihren Widerwillen zum Ausdruck zu bringen:
"Grey, ist das wirklich notwendig? Ist es nicht wichtiger, dass wir trainieren?"
"Also ich hab nichts dagegen", meinte Yuuki plötzlich, erntete sich entsetzte Blicke von seinen zukünftigen Schulkameraden und wollte seine Meinung daher gerade rechtfertigen, als Grey ihn abermals unterbrach:
"Ihr müsst nicht zurück auf die Schulbank, wie Azuma-san es so schön ausgedrückt hat. Denn wir haben in der Tat dafür keine Zeit. Daher wird eure Ausbildung zu wahren Elementarwächtern sich auf die Weiterbildung eurer Fähigkeiten basieren und eure Fertigkeiten als Elementarwächter sollen gestärkt werden." Dabei sah er ganz besonders Yuuki an, da seine Feigheit sicherlich nicht zu den Fertigkeiten eines Wächters gehörte.
"Um dieses Ziel so schnell wie möglich zu erreichen, werdet ihr alle drei einen speziellen Unterricht vollziehen."
"Mir schwant Übles", kommentierte Azuma, ohne von Grey gehört zu werden.
"Ihr werdet einen Privatlehrer zugeteilt bekommen." Azuma fluchte irgendetwas auf Dänisch und versuchte noch dagegen zu argumentieren, doch vergebens: Es war keine Diskussion möglich; es war bereits beschlossene Sache. Und, egal wie sehr einer von ihnen etwas dagegen einzuwenden hatte, sie wussten alle, dass es Not tat.
Auf diese Art und Weiße wurden Yuuki, Azuma und Firey unfreiwillig zu "Klassenkameraden".


Die Wut über Azumas gestrige Reaktion war selbst am frühen Nachmittag noch nicht verraucht. Green war nach wie vor außer sich, ihre Gedanken kreisten nur um dies; es war ihr schlichtweg nicht möglich an etwas anderes zu denken. Wenn sie auch nur seinen Namen hörte, hatte sie das schreckliche Verlangen ihm wieder eine Ohrfeige zu verpassen. Das war auch der Grund weshalb ihr Training unwahrscheinlich schlecht verlief. Sie brach ihren schlechtesten Rekord und begab sich danach, vollkommen frustriert über sich selbst, ins Bad. Die Gänge zum Bad waren leer und so fühlte sie sich unbeobachtet, als sie ihr gerissenes Glöckchen unter ihren Rüschen hervorholte und es drohend anfunkelte:
"Funktionier endlich, du..."
"Was ist dir denn über die Leber gelaufen?" Scheinbar waren die Gänge doch nicht so leer wie Green gedacht hatte und eilig ließ sie das Glöckchen wieder unter ihrem Oberteil verschwinden, obwohl sie eigentlich keinen Grund hatte irgendetwas zu verstecken, denn die Stimme, die diese Worte gesagt hatte, gehörte Firey. Sie schien zu sehen, dass Green alles andere als gut gelaunt war und auf Fireys fragendes Gesicht antwortete ihre Hikari:
"Er kann froh sein, dass er noch laufen kann, dieser...", grummelte Green vor sich hin und Firey verstand nur die Hälfte, jedoch genug um zu verstehen, dass sie lieber nicht weiter nachfragen sollte. Green jedoch war froh darüber Firey getroffen zu haben; sie konnte gut jemanden gebrauchen, mit dem sie darüber reden konnte. Silence war an diesem Tag noch nicht aufgetaucht, ansonsten hätte sie sich mit ihr darüber unterhalten.
"Willst du mit ins Bad?" Firey sah überrascht aus und Green stellte sofort fest, dass die Feuerwächterin keine Ahnung von dem Bad hatte, welches der Hikari zustand. Die Hikaris besaßen das größte der Badezimmer des Tempels, welches auch nur sie benutzen durften, außer andere Wächter erhielten eine persönliche Einladung. Green war sich dessen lange Zeit nicht bewusst gewesen; sie hatte einfach das größte Badezimmer benutzt, da dies das Schönste war und so einen herrlichen Ausblick hatte. Erst als Grey ihr den Plan über den Tempel zeigte, wo er ihr zeigte, wo die Offiziere, die Wächter, die Elementarwächter und zu guter Letzt ihre Zimmer waren, war ihr aufgefallen, dass sie ein eigenes Bad hatte.
Diese Zimmerordnung wurde langsam und sicher in die Tat umgesetzt, denn es war die offizielle Zimmerordnung wenn eine gewisse Anzahl von Wächtern im Tempel lebten und immerhin würden bald ziemlich viele Wächter zu deren Wurzeln, dem Tempel, zurückkehren, alleine schon um bei der Hikari zu sein, die immerhin der Mittelpunkt vom Wächtertum war.
Ein merkwürdiger Gedanke, dachte Green plötzlich. Sie war der Mittelpunkt... Früher hatte sie das nicht besonders gestört, weil sie es schlichtweg für abwegig gehalten hatte. Sie wollte es nicht wahrhaben und wenn man es genau betrachtete, war sie es auch nie gewesen: der Mittelpunkt. Green war noch nie in die Situation geraten wo man von ihr verlangte, dass sie dieser Position entsprechend handeln; als wäre sie eine Hikari. Von Anfang an, hatte man ihr eingebläut, dass sie als Hikari unfähig war und dass sie diese Position niemals einnehmen müsste: dafür würde ihre Familie schon sorgen. Doch jetzt.. jetzt wo womöglich der Krieg vor der Tür stand und alles sich von Grund auf verändert hatte, war die Vorstellung die Rolle des Mittelpunktes zu übernehmen nicht länger abwegig. Es war eine geschriebene Tatsache. Green war überrascht darüber, dass sie auf Grund dessen nur eine leichte Nervosität in sich spürte, aber keine Widerwehr. Es war eine geschriebene Tatsache... und sie fand sich damit ab.
Green berührte das heiße Wasser mit der Zehenspitze, ehe sie die steinernen Stufen hinunter ins Becken nahm und das Wasser ihren Körper vollkommen umarmte. Sie schloss die Augen und spielte mit den auf der Wasseroberfläche schwimmenden Rosenblättern, ehe sie Firey ansah, welche sich neben sie gesetzt hatte. Sie hatte ihren Zopf geöffnet und ihre roten Haare schwammen zwischen den Rosen.
"Du hast es hier ja richtig gut", sagte Firey grinsend, als sie sich umsah. Green erwiderte ihr Grinsen.
"Beklagen kann ich mich jedenfalls nicht! Wenn ich will, könnte ich sogar Itzumi darum bitten, mich zu waschen ohne, dass ich überhaupt einen Finger krümmen muss." Green ließ Firey keine Zeit zum Antworten, da ihr plötzlich was eingefallen war.
"Sag mal, welches Zimmer bekommst du eigentlich?" Fireys Grinsen flaute ab und sie sah hinab ins Wasser.
"Es ist in der Nähe von Pinks. Auf der zweiten Etage." Green nickte langsam und sah ebenfalls ins Wasser, wo die Rosenblätter herumtrieben. Nur aus den Augenwinkeln sah sie zu Firey. Sie hatte noch gar keine Gelegenheit gehabt mit ihr darüber zu reden. Green musste zugeben, dass sie es auch vermied... Sie wollte mit ihrem alten Leben als "Green Najotake" abschließen. Sie wollte, dass die Wunden heilten, ihre Schwäche mit sich nahmen. Sie hatte Angst, dass Firey diese Wunden aufriss, die es sich doch so schwer taten zu verheilen...
"Was ist mit deiner Familie?", fragte Green daher erst nach kurzen Zögern vorsichtig. Firey hob nun den Kopf und sah sie direkt an:
"Es ist auch deine Familie. Du hättest dabei sein können in Kyoto, wo wie früher."
"Nein, das hätte ich nicht", antwortete die Hikari und unterbrach Firey damit, welche gewiss noch mehr hätte sagen wollen:
"Es ist nichts mehr wie früher." Die Feuerwächterin öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch Green kam ihr zuvor:
"Also, was hast du vor?" Fireys Augen verengten sich skeptisch; offensichtlich hatte sie eigentlich nicht vor, Green dies durchgehen zu lassen, doch nach mehreren Sekunden, wo sie sich schweigend anstarrten, ergab sich Firey, wahrscheinlich wissend, dass sie Nachsicht zeigen musste:
"Grey hat zu Azuma und mir gesagt, dass uns zwei Möglichkeiten offen stehen. Entweder wir spielen unserer Familie ein Theaterstück vor und lassen uns eine Ausrede einfallen, welche perfekt sein muss, damit kein Verdacht aufkommt und obendrein abgesegnet werden muss, oder... wir können uns dazu entscheiden unsere Existenz als Menschen vollkommen aufzugeben. Man würde "Hinako Minazaii" vollkommen auslöschen, die Erinnerung meiner Eltern, meiner Schwestern. Selbst wenn ich heil aus dem Krieg rauskomme, könnte ich nicht mehr als Mensch weiterleben." Sie seufzte und legte ihren Kopf auf ihre Knie.
"Azuma hat ohne überhaupt darüber nachzudenken, die zweite Möglichkeit gewählt."
"Wundert mich nicht, dieser Idiot hat doch keine Ahnung von Familie... Aber Firey, ich will nicht, dass du dich überhaupt entscheiden musst. Lass mich mit Grey reden! Du weißt doch, ich bin ein Profi was das Brechen von Regeln angeht, ich kann es sicherlich so hinbekommen, dass du bei deiner Familie bleiben kannst und gleichzeitig eine Wächterin sein kannst." Firey lächelte schwach.
"Das ist lieb von dir, Green. Aber du weißt genauso gut wie ich, dass das unmöglich ist. Ich kann nicht ganz normal zur Schule gehen, während ihr auf dem Schlachtfeld gegen die Dämonen kämpft. Ich kann nicht beide Leben parallel führen, ich muss mich zwischen eins entscheiden und das habe ich auch. Anders wie Azuma, kann ich meine Familie jedoch nicht so einfach... vergessen und mich selbst auslöschen... ich habe mich für die erste Möglichkeit entschieden."
"Aber was sagst du ihnen?"
"Offiziell gehe ich wieder nach England zurück und schließe dort meine Schule ab. Ich werde dort eine kleine Wohnung haben, wo mich meine Eltern vielleicht ein paar Mal besuchen werden. Ich habe schon mit Tinami gesprochen. Sie wird meine Zeugnisse fälschen, damit ich Beweise habe, dass ich schön fleißig zur Schule gehe. Es ist also alles sehr gut durchdacht und muss nur noch abgesegnet werden."
"Aber, du musst keine Wächterin sein...Warum gehst du nicht wirklich zu dieser Schule?" Firey drehte sich zu Green um und sah sie ein wenig wütend an:
"Weil ich eine Wächterin bin; ich will an deiner Seite kämpfen! Glaubst du, ich würde sterben? Ich verspreche dir, dass ich hart an mir arbeiten werde, ich werde dafür sorgen, dass du dir keine Sorgen um mich machen musst!" Green lächelte schwach, zu einer Antwort war sie nicht in der Lage. Sie wollte nicht, dass Firey sich in dem bevorstehenden Krieg beteiligte: sie hatte nie gewollt, dass ihre Freundin eine Wächterin war. Sie hatte immer ihre Augen davor verschlossen, doch jetzt war es unvermeidlich. Firey war genauso ein Mitglied ihrer Elementarwächter wie die anderen, es war ihre Pflicht, ihre Aufgabe, zusammen zu stehen und als Team zu arbeiten. Firey war keine Ausnahme, sie war einer von ihnen und eigentlich sollte Green sie auch nicht anders behandeln als ihre anderen Elementarwächter. Nie hatte sie versucht Ilang oder Kaira auszureden ein Wächter zu sein und deren Leben im Krieg zu riskieren. Nur bei Firey versuchte sie es. War es, weil sie Firey lieber mochte? Nein, es hatte nichts mit Sympathie und Freundschaft zu tun, sondern damit, dass Green wusste, dass Firey eine Alternative hatte, dass sie ein Leben als Mensch führen könnte... gäbe es Green nicht. Hätten sich die beiden nie kennengelernt, hätte sich das Element des Feuers niemals Firey als Wirt ausgesucht. Doch durch Green war sie die Wächterin des Feuers geworden, eine Elementarwächterin mit der Pflicht ihre Hikari zu beschützen und beizustehen. Wenn jemand auf Green zielte um sie zu töten, war es Fireys Pflicht sich davor zu werfen.
Green wusste nicht was sie antworten sollte, was sie tun und sagen sollte, um diese Zukunft zu verhindern. Firey sah es Green an, doch sie hatte nicht im Sinn sich von ihr abhalten zu lassen - das wusste auch Green. Sie wusste, Fireys Entscheidung war bereits gefällt.
"Mach dir keine Sorgen, Green", wiederholte die Feuerwächterin, gerade als die Hikari wieder an Kari denken musste und daran, dass das alles nicht passiert wäre, hätte Kari Green nicht getroffen...
Beide Mädchen schreckten aus ihren Gedanken auf, als es an der Tür klopfte, welche hinter dem Pavillon war, damit niemand die Badenden stören konnte. Green spürte Itzumis Aura und sagte, sie könne reinkommen. Die Tempelwächterin blieb hinter dem Pavillon stehen und die beiden Wächter sahen nur ihre Silhouette als sie sich verbeugte - sie durfte nur auf Befehl der Hikari näher kommen.
"Was gibt's denn, Itzumi?", fragte ihre Herrin.
"Ich wollte Euch daran erinnern, Hikari-sama, dass Ihr in 20 Minuten mit Eurem Bruder verabredet seid."


Normalerweise wären Greens Mundwinkel ganz weit nach unten gerutscht hätte Grey ihr mitgeteilt, dass sie gemeinsam einen offiziellen Besuch abhalten würden, bezüglich, dass Green in Funktion als Hikari, einen Besuch abstatten müsste. Alleine schon die Tatsache, dass Green sich plötzlich bei ihren Wächtern beliebt machen müsste, ging ihr gegen den Strich. Kaum wollten die Hikari sie nicht mehr umbringen, musste sie sich um die Gunst ihres Volkes bemühen? Doch Green fügte sich ihrem Schicksal, da sie schon in den Sinn darin sah, auch wenn es gegen ihre Überzeugungen ging, um Sympathie zu betteln: entweder man mochte sie, oder nicht. Früher hätte sie auch einfach und locker mit dieser Überzeugung ihr Leben leben können, aber jetzt, wo sie gewählt hätte ihren Posten als Hikari anzunehmen, musste sie über ihren Schatten springen. Ihr Volk durfte sie nicht hassen, ansonsten war das Bestehen des Wächtertums in ernsthafter Gefahr. Green musste geachtet, respektiert und geliebt werden, wenn sie eine erfolgreiche Kriegsführung führen wollten. Das war der Grund weshalb die Hikari Green dazu aufgefordert hatten, sich "unter das Volk zu mischen". Grey liebte den Gedanken, dass Green bald von ihren Wächtern akzeptiert und geliebt werden würde und tat alles um dies auch zu Stande zu bringen. Seine Schwester tat wie geheißen, jedoch ohne Begeisterung und ohne davon überzeugt zu sein, dass es jemals klappen würde. Immerhin hatte sie einen... recht schlechten Start hingelegt.
Doch dieses "unter das Volk mischen" wozu Grey sie an diesem Tag begleitete, gefiel Green. Sie würden die Baustelle von Espiritou Del Aire besuchen. Dort würden sie sich mit Ilang treffen, die dort bei der Regenerierung der Pflanzen half. Die Geschwister hatten sich dafür einen wahrlich perfekten Tag ausgesucht. Anders als im Tempel, wo gerade der Winter herrschte, herrschten auf Espiritou del Aire Plusgrade und die Sonne lachte einem förmlich entgegen vom wolkenfreien Himmel. Wie jeder anderer Hikari genoss Green die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut, aber auch den kühle Wind, der ihre Haare aufwirbelte. Der Wind roch nach Staub und Sand, die Atmosphäre war gefüllt von Geräuschen und Rufen der Arbeiter und würde Green sich nicht auf einer Insel mitten in den Wolken befinden, hätte sie fast vergessen, dass sie nicht auf der Erde war.
"Green, vergiss nicht: Kein Wort über irgendeinen Krieg", unterbrach Grey Greens Gedanken im Flüsterton, damit auch ja niemand etwas hören konnte. Green zweifelte daran, dass überhaupt jemand auf die beiden Geschwister achtete. Die meisten Wächter waren zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt und nur ein paar, die deren Wege kreuzten, fanden die Zeit, sich vor Green zu verbeugen.
"Warum dürfen die Wächter es eigentlich nicht wissen?", fragte Green, während sie zu sah wie eine Gruppe von Wasserwächtern Proben vom Wasser nahmen.
"Ganz einfach, Green. So lange es noch nicht offiziell ist, und das ist es erst, wenn die Dämonen uns angreifen oder uns tatsächlich eine Kriegserklärung schreiben, sind wir nicht im Krieg. Eine unnütze Panik, wäre nicht zum Vorteil unserer Gesellschaft." Green nickte, hörte ihrem Bruder jedoch nicht vollends zu.
Die Hikari kannte diese Gegend von Espiritou del Aire. Es war der Ort wo sie einst gegen Siberu und Gary gekämpft hatte... nur noch gut 200 Meter und sie würden zum Centrum der Insel ankommen, wo der Gedenkstein stand und nicht weit davon entfernt war Green beinahe in den Himmel hinab gestürzt, hätte Gary sie nicht gerettet... und das alles nur aus dem einen Zweck: um Greens Element zum versiegen zu bringen.
Sie hatten wirklich hervorragend gespielt.
Das Lächeln welches Green gerade noch auf dem Gesicht hatte schwand. Sie spürte das Glöckchen unter ihrem weißen Kleid wieder wie ein bleiernes Gewicht, als Zeugnis ihrer großartigen Schauspielkünste.
Die beiden Geschwister kamen im Centrum an, wo jetzt doch reges Leben herrschte, da hier wohl der Ort war, wo die Wächter Pause hielten. Das enorm hohe Monument, zum Andenken derer, die hier vor über 100 Jahren ihr Leben gelassen haben, erstreckte sich Richtung Himmel und warf einen Meter langen Schatten über den verzierten Platz. Green fiel eine Gruppe von Wächtern auf, die dabei waren den Platz zu skizzieren um wahrscheinlich die fehlenden Elemente des Musters neu zu ersetzen. Green achtete nicht auf das beklemmende Gefühl, als sie und Grey das Monument kreuzten, um zu einem Zelt zu kommen, wo sich mehrere Wächter versammelt hatten. Doch ehe sie dort ankamen, blieb Green plötzlich stehen, da sie eine bekannte Person unter den Wächtern, die den Platz neugestalteten, entdeckt hatte: Saiyon.
Er hatte ihr den Rücken zugekehrt, dennoch erkannte sie ihn und entfernte sich von ihrem Bruder um ihren Offizier des Windes zu begrüßen.
"Saiyon-san, lange nicht mehr gesehen..." Ehe sie diese Floskel beendet hatte, hatte er sich samt Skizzenbrett aufgerichtet und sich zu ihr herum gedreht. Saiyon wollte sie gerade ebenfalls begrüßen, wie es sich gehörte mit einer Verbeugung, doch er war in eben dieser Bewegung erstarrt. Überrascht, nein viel eher geschockt starrte er sie an, als wäre vor ihm gerade ein Geist aufgetaucht. Green konnte sich das nicht erklären: Wäre ihr Glöckchen nicht unter dem Stoff verborgen, dann vielleicht...
"Hi-Hikari-sama, was... ist mit Euch? Warum seht Ihr so traurig aus?" Nicht nur Green schockte diese Aussage, sondern auch Grey, der dies ebenfalls gehört hatte. Woher wusste Saiyon davon? Green hatte nicht mit ihm darüber gesprochen, sie hatte mit niemanden darüber gesprochen. Er konnte es nicht wissen. Sah man es ihr etwa an? Grey fand eigentlich, dass seine Schwester ihre Traurigkeit sehr gut verstecken konnte und dass man es ihr nicht ansehen konnte, wie sehr sie nach wie vor darunter litt. Warum fiel es Saiyon sofort auf?
"Mir geht es gut, ich weiß nicht was du meinst...", entgegnete Green nachdem sie den ersten Schock überwunden hatte und wieder ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Saiyon überzeugte dies jedoch nicht. Nicht unbedingt skeptisch, doch viel mehr besorgt, sah er sie an und das einzige was ihn hinderte weiter nach zu fragen, war seine Höflichkeit der Hikari gegenüber. Zu Greens Glück kam in diesem Moment gerade Shitaya hinzu, in den Armen seine kleine Tochter, was ihm das Verbeugen doch erschwerte. Nachdem er sowohl Green als auch Grey begrüßt hatte, wie es sich gehörte, schritt er neben seinen Bruder, der seine Hikari nach wie vor besorgt ansah. Shitayas Tochter begann mit seinen hell blauen Haaren zu spielen, während er sein Wort an Green richtete:
"Was haltet Ihr von einer Rundführung, Hikari-sama? Mein Bruder könnte auch alles zeigen, während Grey-sama und ich uns mit der Bürokratie beschäftigen." Saiyon sah seinen Bruder verdattert an, scheinbar von seinen Vorschlag überrumpelt.
"Aniki! Was versuchst du..." Shitaya grinste ihn ein wenig an und gab ihn einen leichten Klaps auf den Rücken. Doch Green reagierte nicht. Wahrscheinlich weil sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Sie wollte nicht mehr als nötig mit Saiyon zusammen sein, obwohl sie ihn eigentlich mochte. Es waren seine Fragen die sie nicht mochte und der Faktum, dass er sofort bemerkt hatte, dass sie eine tiefe Wunde verbarg.
Aber sie konnte nicht ablehnen, dennoch kam sie nicht drum herum ein wenig hilfesuchend zu ihrem Bruder zu gucken und obwohl er sie verstand, wusste er auch, dass sie Shitayas Vorschlag nicht ablehnen konnte. Es würde so wirken als wäre die Hikari nicht an dem Projekt interessiert und es waren zu viele Wächter vor Ort, als dass das keine Auswirkungen haben würde.
So ergab sich Green und verließ flankiert mit Saiyon den Platz. Dieser tat sofort seine Pflicht und fing an seiner Hikari alles zu erklären. Green versuchte so interessiert wie möglich zu wirken, aber auch ihn bei Laune zu halten. So lange sie nur über Espiritou del Aire sprachen, würde er gar nicht dazu kommen sie auszufragen.
Als sie jedoch am Wasserfall ankamen, drangen wieder Erinnerungen in Green hoch, was jetzt gerade nicht zum Vorteil war. Das Wasser war nun um einiges klarer als damals, als sie hier gegen Gary gekämpft hatte. Einige hundert Meter von ihr entfernt war man dabei Brücken zu bauen um den Fluss zu überwinden.
Alles veränderte sich.
Und vielleicht würde sie hier irgendwann stehen und lächeln können, ohne dass es so schrecklich weh tat.
Green hatte zu lange geschwiegen, dass wurde ihr schnell klar, als sie bemerkte, dass Saiyon sie ansah. Sie wollte ihn aber nicht ansehen. Ihr war noch gut in Erinnerung geblieben was das letzte Mal geschehen war, als sie sich in seine dunkeln grünen Augen verloren hatte: Es war auf jeden Fall etwas was sich nicht wiederholen sollte.
Doch Saiyon hatte nicht vor weiter in einer Wunde herum zu bohren, die er so offensichtlich sehen konnte. Etwas war seit dem letzten Treffen passiert; etwas hatte sie grundlegend verändert. Das Strahlen ihrer Augen... es war nicht weg, aber abgestumpft. Er wüsste zu gerne was geschehen war und noch lieber würde er wissen wollen, was er tun sollte, damit er ihr Strahlen wieder zum Leuchten bringen konnte. Wäre er doch nur das, was er sich so sehr ersehnte... Wäre er doch nur ihr Verlobter. Wäre er dies, könnte er jetzt einfach seine Arme um sie legen, sanft auf sie einreden und vielleicht ihre geheimen Tränen aus den Augenwinkeln wischen - denn Hikaris weinten nicht.
Aber er war nicht ihr Verlobter und so blieb ihm nichts anderes übrig als zu versuchen sie irgendwie aufzuheitern, oder auf andere Gedanken zu bringen. Aber es war fast so, als würde ein enorm tiefer Abgrund sie voneinander trennen. Er konnte rufen so viel er wollte, Green hörte es zwar - aber kam es wirklich an?
Als die beiden Wächter kurz davor waren wieder am Centrum von Espiritou del Aire anzukommen, fiel dem Windoffizier doch noch etwas ein; etwas was er Green schon seit deren letzten Treffen sagen wollte:
"Hikari-sama, ich wollte Euch noch etwas sagen..." Daraufhin drehte Green sich zu ihm um und sah ihn fragend an. Zuerst druckste er ein wenig herum, doch dann sagte er:
"Erinnert Ihr Euch an die Worte des Wächters, an dem Tag des Festes, welches zu Euren Ehren gehalten wurde?"
"Natürlich, wie könnte ich das vergessen", antwortete Green ein wenig verbittert, was Saiyon sehr gut nachvollziehen konnte.
"Das was er behauptet hat, ist nicht wahr."
"Was genau meinst du?"
"Dass kein Wächter Euch je als Hikari anerkennen wird. Ich... kenne viele Wächter die sehr viel von Euch halten, Hikari-sama. Und ich bin mir sicher, dass es mehr werden, wenn sie Euch nur kennen lernen würden." Green lächelte, doch Saiyon wusste sofort, dass sie es ihm nicht glaubte. Sie dachte wahrscheinlich, dass er das nur sagte um sie aufzuheitern. Natürlich wollte er sie aufheitern. Aber seine Worte entsprachen der Wahrheit. Als er ihr eben dies sagte, schien sie doch ein wenig überzeugter und bedankte sich bei dem Windwächter. Doch dieser war noch nicht fertig, er hatte noch etwas zu sagen, obwohl er es vielleicht lieber für sich behalten wollte, da es ihm schwer fiel dies überhaupt zu akzeptieren und darüber zu reden.
"Und..." Saiyon sah weg.
"Eure Liebe für diesen Halbdämon ist nicht bei allen Wächtern ein negativer Faktor." Da der Offizier sich von Green abgewandt hatte, bemerkte er nicht, dass ihr Gesicht erstarrt war und dass sie, sobald sie das bemerkt hatte, den Kopf gesenkt hatte. Saiyon fuhr ununterbrochen fort:
"Natürlich sind sie im Prinzip gegen Eure Liebe, doch einige rechnen es Euch dennoch als Charakterstärke an, dass Ihr trotz allem zu Eurer Liebe steht... und auch ich muss eingestehen, dass..." Er hatte sich nun wieder zu ihr gewendet und hatte sofort bemerkt, dass seine Worte nicht die gewünschte Wirkung hervorgebracht hatten.
"Hikari-sama? Habe ich etwas Falsches gesagt?" Green sah weiterhin nach unten, schluckte den schweren Kloß in ihrem Hals herunter und schüttelte den Kopf. Während sie diesen wieder langsam hob, sagte sie:
"Weißt du, Saiyon-san... es freut mich, dass zu hören und es ist lieb von dir, mir das zu sagen. Aber..." Sie sah ihn nun wieder an, mit einem mechanischen Lächeln um ihre Lippen. Ihre Augen stumpf, aber absolut nicht feucht, wie er es bereits befürchtet hatte.
"Es ist nicht mehr notwendig. Er... ist tot."
Saiyon war von dieser Antwort so geschockt, dass es ihm nicht mehr gelang sich vernünftig von Green zu verabschieden, denn schneller als er sich von diesem Schock erholen konnte, hatte sie sich schon ihm entschuldigt und ihm den Rücken zu gekehrt. Festen Schrittes schritt sie über den Sandweg und war auch schnell außer Reichweite.
Der Windwächter starrte ihr nur hinterher, wusste nicht wie er fühlen oder denken sollte. Er fühlte sich einfach nur schlecht, aber er konnte den genauen Grund nicht definieren.
Erst als sein Bruder bei ihm auftauchte, diesmal ohne seine Tochter auf dem Arm, wurde er abgelenkt. Shitaya bemerkte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war:
"Was ist los, Saiyon?" Saiyon schwieg einen Augenblick lang und fragte seinen Bruder dann, ob er davon wüsste, dass Gary tot war.
"Nein, davon wusste ich nichts. Hast du das von Hikari-sama erfahren oder ist es nur ein Gerücht?" Der Angesprochene nickte und während er seine Hand in seinem ultramarinen Haar vergrub erzählte er seinem Bruder von dem eben geführten Gespräch.
"Aber das konntest du nicht wissen, Saiyon."
"Das ändert nichts daran, dass ich sie nicht aufgeheitert habe, sondern nur unnötig Wunden aufgerissen habe. Ich hätte meine Worte besser für mich behalten sollen."
"Du hast es doch nur gut gemeint", warf Shitaya ein und ehe Saiyon etwas tun konnte, legte er seinen Arm um die Schultern seines Bruders und gab ihn einen leichten Knuff.
"Du solltest eher ein wenig egoistischer sein und das Positive daran sehen."
"Das Positive?", wiederholte Saiyon fragend.
"Was genau meinst du, Aniki?" Der Angesprochene seufzte und konnte nicht fassen, dass Saiyon nicht die Vorteile an dem Tod des Halbdämons sehen konnte - die Vorteile für ihn.
"Um es gerade aus zu sagen. Unsere Hikari-sama ist wieder frei." Dem kleinen Bruder schien es zu dämmern, doch erfreut darüber zu sein schien er nicht gerade. Dennoch fuhr Shitaya weiter aus:
"Dass Hikari-sama einen Mann braucht um Kinder auf die Welt zu bringen ist wohl unumstritten. Da du kein Unterwächter mehr bist, sondern der Offizier des Windes, hast du gute Chancen. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Halbling sie auch nur halb so sehr geliebt haben soll, wie du es tust." Nun befreite sich Saiyon aus der brüderlichen Umarmung und sah seinen Bruder missbilligend an.
"Das kannst du nicht beurteilen, Shitaya. Keiner kann das."
"Saiyon, allen Ernstes! Wir reden von einem Halbdämon. Wenn er überhaupt wusste was Liebe war, denn nur weil er eine menschliche Hälfte besaß."
"Vielleicht war er ja eine Ausnahme und hat sie wirklich geliebt."
"Mag sein, aber wie du selbst schon gesagt hast, kannst du das nicht beurteilen und du solltest dich nicht in den Gedanken verirren, dass du schlechter bist, als er. Du hast doch wohl nicht vor gegen einen toten Rivalen zu verlieren?" Saiyon schüttelte bei diesen Gedanken sofort den Kopf.
"Nein, ich habe nicht vor aufzugeben." Shitaya schien mit dieser Aussage zufrieden zu sein und sagte, dass sie sich beeilen sollten Nachhause zu gelangen, denn Säil wartete mit dem Essen auf sie. Als Saiyon bereits seinem Bruder hinterher ging und dieser ihn wieder mit vollkommen anderen Dingen belagerte, entschloss Saiyon, dass er ein neues Ziel hatte:
Das Strahlen in Greens Augen wieder zurückzubringen.