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Episode 89
  Episode 89: Bei Kerzenschein in Paris


Weit entfernte, helle Decke... Staub im leuchtenden Sonnenlicht... Was war das... für ein Geräusch? Autos...? Hörte er... Autos? Er war nicht... in Henel... Menschenwelt. Er war in der... Menschenwelt... Sein Kopf war taub und schwer. Er konnte sich nicht bewegen. Er war zu müde. Neben ihm saß eine Person, die er nicht identifizieren konnte. Zu schemenhaft. Nur ein Schatten... aber er glaubte, sie nicht zu kennen... Er konnte den Kopf nicht drehen. Er hatte keine Energie. Er hatte... eine Verletzung am Kopf; das wusste er, obwohl er keine Schmerzen spüren konnte, doch er bemerkte, dass da ein Verband um seinen Kopf herum war. Wahrscheinlich müsste er Kopfschmerzen haben, doch er war zu betäubt.
"Guten... Morgen, Blue-san", flüsterte eine ruhige Mädchenstimme neben dem betäubten Halbdämon, doch er konnte nicht beurteilen, ob er ihr antwortete; wenn... dann waren es nicht zusammenhängende Worte. Konnte er sich noch... artikulieren...? Er konnte denken... aber das Denken... es war langsam... fühlten sich so dumme Menschen?
"Sie... haben sehr lange und sehr tief geschlafen. Sehr... sehr tief. Sie haben geschlafen... wie jemand, der stirbt. Aber es geht Ihnen jetzt besser. Mein Vater hat Sie wieder zurückgeholt; Sie sind in Sicherheit und müssen sich nicht fürchten. Sie sind bei uns in Paris." Paris? Par...is? Menschenwelt. Europa... Französische Revolution, Silver, der ins Louvre einbrechen wollte... Paris... Was zur Hölle... tat er in Paris? Was war... geschehen? Warum... war er... hier...?
"Bleiben Sie ganz ruhig... Sie waren sehr lange nicht bei Bewusstsein. Mein Vater wird Ihnen alles erklären, da bin ich mir sicher." Wenn Blue versuchte, die letzten Ereignisse wieder hervorzurufen, dann sah er... Flimmern... Licht... noch mehr Flimmern... Green vor sich... seine starke Green... Flimmern... den Stab erhoben... wieder Flimmern. Überall Flimmern. Hatte sie ihn angegriffen? Warum lebte er dann noch? Er hatte sterben wollen... aber Silver. Blue musste leben... für ihn... Silver war gekommen. Blue hörte seine Stimme. Wo war er? Wo war er jetzt? Wenn Blue in Paris war, wo war Silver?
"...Sil...ver... wo ist... mein...Bru...der?", hörte er sich nun endlich selbst sagen, doch es war nicht die Stimme des Mädchens neben ihm, die ihm antwortete, sondern die Stimme eines Mannes. War er die ganze Zeit da gewesen...? War er eben gekommen? Blue wusste es nicht. Er hatte zwar die Augen geöffnet, dennoch sah er nur verschwommen, wie eine schwarz gekleidete Person plötzlich neben ihm stand und das Sonnenlicht verdeckte.
"Schlaf. Du wirst eine Antwort auf deine Fragen erhalten, sobald du wieder auf eigenen Füßen stehen kannst. Bis dahin; schlaf."


Es verging ein weiterer Tag, ehe Blue wieder aufwachte. Dieses Mal war er alleine in dem nun dunklen Zimmer. Die Sonne schien nicht länger: es musste Nacht sein... durch große Fenster fiel Mondlicht ins Zimmer... zusammen mit dem grellen Licht der Stadt umrahmte es die Umrisse von Bücherregalen... einem Schreibtisch... Doch Blue schenkte seiner Umgebung keine Beachtung. Er konnte sich darauf nicht konzentrieren. Nicht darauf. Er musste sich darauf konzentrieren zu stehen. Auf eigenen Füßen stehen, um... Antworten... zu... erhalten... was gar nicht so einfach war, denn kaum dass Blue sich aufgerichtet hatte, fiel er auf das Bett zurück, welches... gar kein Bett war, sondern nur ein schwarzes Kanapé, notdürftig zu einem Bett umfunktioniert. Aber was... interessierte ihn... seine Schlafstelle... Silver, er musste...
Ein weiteres Mal versuchte Blue es: und dieses Mal hielten ihn seine Beine. Da er ihnen jedoch nicht allzu viel Vertrauen schenkte, steuerte er sofort auf die Tür zu, welche sich am anderen Ende des Zimmers befand, wobei er sich jedoch erst einmal an der Türklinke festklammern musste, um die Balance nicht zu verlieren - und nach der Tür folgte auch noch ein viel zu langer Gang. Wieder taumelte Blue zurück, stieß mit dem Rücken gegen eine andere Tür und fluchte über seine Schwäche. Wie lange hatte er... seinen Körper... nicht mehr bewegt? Wie lange hatte er geschlafen?

Sie haben... tief geschlafen... wie im Tod...

... wie im Tod?
War das der Grund, weshalb er sich kaum bewegen konnte? Wenn er sich jetzt nicht an der zweiten Türklinke festhalten würde, dann würde er zu Boden rutschen. Streng genommen erfüllte er die Bedingungen nicht um... Antworten... zu erhalten... Denn er konnte sich nicht aufrechthalten. Seine Beine zitterten. Sie konnten ihn nicht tragen. Wie lange... wie lange war er...
"Der Junge wird es nicht schaffen. Schau ihn dir doch an, er ist mehr tot als lebendig!" Blues Beine mochten versagen - aber seine Ohren taten es nicht. Ha, natürlich nicht... sie waren geschult jedes Wort zu vernehmen, sei es auch noch so sehr geflüstert. Aber diese Worte waren nicht geflüstert gewesen; sie kamen von vorne, vom Ende des Ganges, der ihm so lang vorkam. Stand dort jemand? Ja, da musste jemand stehen, aber Blue konnte den Kopf nicht heben.
"Das ist Zeitverschwendung. Es ist nichts anderes als dies." Blue erkannte die Stimme nicht. Er... glaubte jedenfalls, die Stimme nicht zu kennen. Vielleicht funktionierte aber auch sein Gehirn nicht so wie es sollte. Aber die Stimme war... speziell, er konnte nicht sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war, die da so irritiert sprach. Blue müsste sich an sie erinnern, wenn er sie schon einmal gehört hatte... Dämonisch, gebrochenes Dämonisch... argh, war er im Begriff das Bewusstsein zu verlieren?
"Sei nicht so streng mit ihm. Wenn du dich so lange nicht bewegt hättest, sähst du nicht anders aus, Kronprinz." Kronprinz? Aber es gab keine Kronprinzen in der Dämonenwelt? Sie hatten doch gar keine klassische Monarchie - urgh, Blue wurde schlecht, große, nein, enorme Übelkeit überkam ihn.
"Ah nein, nein, neeeein, nicht hier! Der Teppich ist empfindlich!" Plötzlich spürte Blue Hände auf seiner Schulter und die einzige Frage, die er hatte, war nicht, wem diese dürren Hände gehörten, sondern wie diese Person so schnell diesen ewig langen Gang hatte durchqueren können?
"Könnte das Prinzchen vielleicht helfen? Es wäre jedenfalls nett, wenn du das tun würdest." Blue konnte sich noch zusammennehmen; er übergab sich nicht, aber die Hände der Person blieben auf seiner Schulter... Schwarz, es war schwarz um ihn herum; die Konturen waren immer noch so schrecklich verschwommen. Aber er roch etwas - Parfüm?
"Oh nein! Das ist dein Schlamassel. Dieses Desaster gucke ich mir gar nicht erst an."
"Sil...ver..." Die Stimme der anderen Person verstummte, als Blues Stimme ertönte.
"... ich... muss zu ihm..." Er musste sich teleportieren, aber es war unmöglich - er konnte die nötige Konzentration dafür gar nicht aufbringen.
"Wo ist er? Wo ist... mein Bruder?"
"Fragen beantworte ich erst, wenn du auf eigenen Beinen stehst."
"Das tue ich..." Nein, das tat er nicht. Blue hielt sich nun nicht mehr an der Tür fest, dafür aber an den Armen der Person vor ihm. Er musste sich an ihn klammern, um nicht zu fallen.
"Du verschwendest deine, unsere Zeit, Nocturn. Er fängt schon wieder an aus den Ohren zu bluten." Nocturn?! Dieser Name, diese Information hinterließ einen viel größeren Effekt als dass er aus den Ohren blutete. Sofort ließ der Halbdämon die Arme gehen, an denen er sich eben noch festgehalten hatte, aber er stürzte nicht - denn dieser Schrecken... er weckte ihn, schüttelte seine Sinne und plötzlich --- konnte er wieder sehen. Endlich. Sein letzter Sinn war zurückgekehrt und sein Dämonenmodus aktivierte sich sofort, damit er im dunklen Gang sehen und seine Umgebung erkennen konnte. Sein dämonischer Sinn überanstrengte kurz seinen Kopf und jagte einen enormen Schmerz durch diesen, aber Blue blieb stehen, mit schnell pochendem Herzen genau vor Nocturn, der ihn aufmerksam, mit einem abwartenden Lächeln musterte - und da hinter ihm, am Ende des Ganges, wo eine kleine Lampe erleuchtet war, stand Youma.
Paris! Natürlich! Das hätte seinem langsamen Hirn früher... aber warum... was tat er hier?
"Ganz ruhig, Blue." Ruhig? Er war ruhig... Aber scheinbar sah er nicht so aus, denn Nocturn hob beschwichtigend die Hand und nahm auch ein wenig Abstand.
"Wie meine Tochter dir bereits sagte, bist du außerhalb jeglicher Gefahr. Hier musst du nicht fürchten, dass ein Fehltritt deinen Tod bedeuten wird." Nocturn warf einen Blick über seine Schulter, woraufhin Youmas Augen sich etwas verengten und er missvergnügt die Arme über der Brust verschränkte.
"Du kannst hier... ganz frei sein."
"...Was?", antwortete Blue verwirrt, welcher sich noch nie so überrumpelt, ja, dumm gefühlt hatte wie in diesem Moment. Aber Nocturn lächelte immer noch. Er lächelte... genau wie... Ri-Il es immer tat, wenn er darüber belustigt war, wenn er andere verwirrte.
"...Was tue ich hier? Was wollt Ihr... von mir?" Erst als diese Frage gestellt wurde, regte Nocturn sich wieder, indem er die Arme hinter seinen Rücken legte.
"Nun, ich wollte einfach gerne ein Gespräch mit Blacks Sohn führen."
"Black hat zwei Söhne." Genauer gesagt hatte Black 13 Kinder gezeugt - sieben alleine in der Zeit, in der er Nocturn in Paris gedient hatte, um seine Kinder alle, wie er es selbst gesagt hatte, Nocturn "zum Geschenk zu machen" - aber Nocturn korrigierte Blue nicht. Er mochte es, dass er Argwohn in der Stimme des Halbdämons hören konnte, obwohl er weiterhin schwächelte - und er mochte es auch, dass er trotz allem so schlau war und auf Japanisch dachte, eine Sprache, die Nocturn nicht verstand, weshalb Blues Gedanken nur ein für ihn verwirrender Haufen fremdartiger Wörter waren.
"Und ich kann... Silver hier nirgends spüren."
"Das kommt daher, dass er nicht hier ist. Ich interessiere mich nicht für ihn. Du musst dich also nicht um seine Sicherheit sorgen; du musst im Allgemeinen nicht besorgt sein, Blue. Ich will nur mit dir reden und dir... etwas vorschlagen. Aber du musst mir nicht heute Nacht antworten; du musst mir auch morgen nicht antworten. Ich will dir nur eine neue Zukunftsaussicht geben, das ist alles; aber vielleicht sollten wir lieber morgen darüber reden; du wirkst müde..." Zukunftsaussicht...?
"Nein, ich kann..." Aber Blues Sprachorgan versagte seinen Dienst, jedenfalls für einen kurzen Augenblick:
"Ich möchte jetzt sprechen." Nocturn musterte ihn weiterhin, lächelte auch immer noch, bis Youma irgendetwas zu ihm sagte, was Blue nicht verstehen konnte, da er die Sprache der Wächter benutzte.
"Wie unhöflich", antwortete Nocturn auf Dämonisch.
"Wenn du nicht an unserer Unterhaltung teilnehmen willst, Kronprinz, warum gehst du nicht einfach ins Bett? Es ist doch schon spät." Youma erzürnte diese Antwort offensichtlich, aber er kam nicht dazu zu antworten, denn Nocturn kam ihm zuvor - offensichtlich mit einer zündenden Idee, denn er schlug seine Hände zusammen.
"Ich weiß, was wir machen!" Er schwieg, sah Blue an, welcher - das war ihm gar nicht aufgefallen - tatsächlich stand, ohne sich irgendwo festhalten zu müssen.
"Wir werden dinieren gehen. Eine gute Speise wird dir guttun, Blue! Ich weiß auch schon genau, wo wir hingehen, um dein Erwachen zu feiern!"


Hizashi redete, ohne dass Green zuhörte. Sie war erstarrt und die Welt um sie herum hatte keine Bedeutung mehr, als sie das Gefühl überkam, dass sie... Sie konnte es nicht in Worte fassen, denn es war eigentlich komplett unmöglich - aber sie hatte einen Moment lang geglaubt, dass sie Blues Aura gespürt hatte. Nicht hier, nicht im Sanctuarian, nicht bei ihr - woanders. Wo konnte sie nicht platzieren, aber obwohl dieser Ort weit weg war, so hatte sie ihn dennoch kurz... aber sehr deutlich vernommen.
Sie konnte dieses Gefühl gar nicht von sich abschütteln. Es war keine Einbildung, das wusste Green. Es war Instinkt - Verbindung?! - Element, was auch immer - aber es war wirklich.

Blue lebte.
Sie hatte es gewusst. Ganz egal was Silence Green auch gesagt hatte - Green hatte gewusst, dass ihr Angriff nicht tödlich gewesen war.

Und nun... nun...

"Ehem." Hizashi räusperte sich laut und penetrant, so wie es wohl nur Lehrer tun konnten - und es gelang ihm Greens Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. Plötzlich war sie nicht mehr in ihren Gedanken, nicht mehr in irgendeiner Zwischenwelt, wo es nur sie und Blue gab - jetzt war sie wieder in dem Büro von Hizashi, wo grelle Strahlen der Sonne durch drei hohe Fenster hinter ihm hinein schienen und die Waffe Greys über ihren Köpfen schwebte... die Saiyon haben wollte... wovon er ihr nichts erzählt hatte... urgh, Green musste ihre Gedanken wieder sammeln, aber es fiel ihr schwer. Ihre Seele, ihr ganzes Sein... zog sie woanders hin.
"Wie ich nun bereits mehrere Male gesagt habe, habe ich dich nicht rufen lassen, weil ich mit dir über ein Familienerbstück sprechen möchte." Hizashi lächelte wieder sein nicht gerade warmes Lächeln, obwohl es so breit und strahlend war.
"Ich möchte mit dir über deine bevorstehende Weihe sprechen!"
"Huh?" Green musste darüber stutzen. Hizashi war der erste nicht direkt mit ihr verwandte Hikari, der daran überhaupt ein Interesse hatte. Nicht einmal Shaginai sprach viel darüber; ihre Mutter hatte es auch nicht wieder angesprochen, obwohl die Weihe in vier Tagen stattfinden würde. Keiner der Hikari hatte es getan, außer wenn es sein musste - und jetzt war es ausgerechnet Hizashi?
"Setz dich!", forderte er sie nun noch einmal auf und Green folgte seinen Worten fast automatisch, ein wenig skeptisch, als erwartete sie etwas Bedrohliches. Aber es war auch einfach so... eigenartig. Warum, von allen Hikari, Hizashi!? Der sie extra dafür rufen ließ?!
"Ich kann mir vorstellen, dass du nervös bist." Er legte seine weißen Finger - welche auffällig lang waren - zusammen und legte sie auf die grüne Tischplatte, die irgendwie nach Smaragd aussah.
"Im Augenblick bin ich eher skeptisch."
"Wieso?" Wie sagte man nun auf eine höfliche Art, dass sie ja nicht gerade Freunde waren?
"Ich bin verwundert über das Thema...", antwortete Green mit einem gezwungenen Lächeln:
"... bis jetzt hat noch kaum jemand mit mir darüber gesprochen. Wegen dem Schweigegelübde und weil sich niemand daran erinnern kann, was bei der Weihe geschieht, denke ich. Deswegen wundert es mich, dass du mich fragst." Moment... wusste Hizashi... es etwa? Er war uralt. Er war der älteste aller Hikari, auch wenn man es bei seinem glänzenden, glatten Gesicht nicht vermuten konnte. Green konnte sich nicht daran erinnern, wie lange er schon tot war - aber er war definitiv vor Christus gestorben, das wusste sie noch von dem Unterricht Greys.
"Nun, ich denke ich breche kein heiliges Gebot, wenn ich dich nach deinem Gemüt frage." Warum interessierte es Hizashi, ob Green nervös oder nicht war? Green wollte darauf nicht eingehen: über ihr Gemüt wollte sie nämlich ganz gewiss nicht mit Hizashi reden.
"Hast du die Weihe vollzogen oder dein Zwilling?" Da hatte sie ihn - er hatte nicht erwartet, dass sie die Geschichte seines zu Tode gefolterten Zwillings kannte. Aber das tat sie; diese Geschichte hatte sie sich durchaus gemerkt und damit nun auch dafür gesorgt, dass Hizashi aufhörte zu lächeln. Aber aus der Fassung hatte sie ihn nicht gebracht.
"Das war ich." Es war deutlich, dass er nicht viel Lust hatte, über sich selbst zu sprechen: seine Stimme war auch etwas härter geworden.
"Erinnerst du dich denn noch an etwas?" So, nun hatte sie die Frage gestellt - und bekam auch sofort eine Antwort, begleitet von einem wiederkehrenden Lächeln:
"Wenn ich darauf antworten würde, dann würde ich das Schweigegelübde wohl brechen." Das war weder ein "Ja" noch ein "Nein" - und Green fand eigentlich... dass es mehr nach einem "ja" klang. Also konnten sich einige Hikari... doch erinnern...?
"Weshalb hast du mich dann rufen lassen, wenn du vorhast, dich..." Hizashi fiel ihr ins Wort:
"Weil ich dich dazu auffordern möchte, während deiner Weihe auf etwas sehr Wichtiges zu achten." Green runzelte die Stirn. Sie konnte bei der Weihe auf etwas... achten? Eigentlich hatte sie sich nicht vorgestellt, dass sie das tun konnte - aber wenn Green ehrlich zu sich selbst war, dann... hatte sie sich gar nichts Konkretes unter der Weihe vorgestellt und nun, wo sie den Raum gesehen hatte, wo es stattfand, wollte sie sich noch weniger Gedanken darüber machen. Sie hatte das Gefühl, dass dieser Raum sich auf ihre Netzhaut eingebrannt hatte!
"Und auf was soll ich achten?", tastete Green sich langsam vor und beobachtete währenddessen wie Hizashis weiße Finger im hellen Sonnenlicht sachte gegeneinander pochten.
"Unser Element wird dich umschließen und willkommen heißen in dem Moment, wo du dich in die Obhut des Lichtes begibst und dein Glöckchen zu singen beginnt." Hizashi lächelte selig, während seine Finger zum Stillstand kamen und Green... einfach nur verwirrt war von diesen Worten:
"Wenn das Licht dich umarmt... achte darauf, wie es sich anfühlt." Wolken schoben sich vor die Sonne und von einem Moment auf den anderen begann Green zu frieren:
"Ist das Licht warm... oder kalt."


Blue empfand das Licht der Kerze als unglaublich grell. Dabei war es nur eine kleine Kerze, die zwischen ihm und Nocturn auf einem runden Tisch stand. Es fiel ihm schwer, seine Augen von dem Licht abzuwenden, als wären sie von dem Licht angezogen, obwohl es in seine Augen schmerzte. Um ihn herum war gedämpftes Gerede zu hören, das sich mit den sanften Klängen von Geigen vermischte. Es waren sicherlich talentierte Musiker, die weder zu laut noch zu leise spielten, aber dennoch tat Blue die Musik in den Ohren weh - oder schmerzten seine Ohren im Allgemeinen? Sie hatten aufgehört zu bluten - das hatte Nocturn vor zehn Minuten festgestellt, als er sich und Blue mittels einer Blue völlig unverständlichen Magie umgezogen hatte - aber seine Sinne waren einfach überanstrengt. Er wusste gar nicht, wie er etwas zu essen bestellen sollte, obwohl er die Karte in der Hand hielt. Wie sollte er auch etwas bestellen, wenn er weiterhin das Licht anstarrte?
Essen bestellen! Weil er mit Nocturn in einem wahrscheinlich sehr teuren Restaurant in Paris saß! Was tat er hier eigentlich?!
"Du solltest das Lammragout probieren, Blue. Die Rotweinsoße ist ein Traum! Und als Vorspeise eine Zwiebelsuppe... ja, ich denke, das könntest du sicherlich gut vertragen, oder? Du wirst sicherlich großen Hunger haben... Verträgst du Alkohol?" Blue starrte Nocturn, der über seine Speisekarte hinweg lugte, verwirrt an, als sei er ein Geist und wusste nicht, was er antworten sollte.
"Ein Whisky wäre vielleicht angebracht, um deinen Geist ein wenig in Schwung zu kriegen." Blue fühlte sich bereits benebelt - ob da Alkohol eine gute Idee war... aber Nocturn, der unglaublich höflich lächelte, bestellte das Getränk bereits und auch das Lammragout. Das glaubte Blue jedenfalls herauszuhören... er war ein wenig des Französischen mächtig. Eigentlich sollte Blue die Bestellung verhindern, doch... er hatte tatsächlich Hunger. Er musste zu Kräften kommen, so schnell wie möglich, damit er wieder klar denken konnte und sich auch nicht länger davor fürchten musste, vom Stuhl herunter zu rutschen.
"Ist die Aussicht nicht fantastisch?" Nocturn faltete seine Hände und stützte sein spitzes Kinn auf diese ab, während er träumend aus dem Fenster links von ihnen sah; Paris lag unter ihnen, ein weites Meer aus Lichtern, in lavendel und dunklem Blau und östlich leuchtete der Eiffelturm gelb hervor. Blue wusste nicht, wie das Restaurant hieß, in welchem sie saßen, aber sie befanden sich in einem Turm... Montparnasse wohlmöglich, dieses Gebäude wäre hoch genug, aber hatte der Montparnasse-Turm ein Restaurant...?
"Warum bin ich in Paris?" Blues Frage lenkte Nocturn nicht von dem Anblick der Stadt ab; er sah ihn auch nicht an, als er ihm antwortete:
"Warum solltest du nicht in Paris sein? Es gibt keinen guten Grund, um Paris fernzubleiben." Blue verwirrte diese Antwort und er befürchtete, dass sie ihn auch unter normalen Umständen verwirrt hätte. Nocturn war... eigenartig. Es war eigenartig, mit ihm zu sprechen und Blue glaubte nicht, dass es daran lag, dass seine Sinne nicht klar waren. In einen dunkelbraunen Anzug gekleidet, mit hohem weißen Stehkragen und den braunen Kontaktlinsen, sah er aus wie ein Mensch... und Blue konnte auch nicht behaupten, dass per se eine bedrohliche Ausstrahlung von ihm ausging; dennoch war er angespannt, als befürchtete er, dass Nocturn jederzeit seine menschliche Persona abwerfen würde, um ihn anzugreifen. Lag es daran, dass er Gedanken lesen konnte...? Aber solange Blue auf Japanisch dachte, müsste das eigentlich keine Gefahrenquelle sein... Was nur wollte er von ihm? Und warum ging er mit ihm essen anstatt es einfach zu besprechen?
"Sie haben mich nach Paris gebracht..."
"Ja, das stimmt." Wollte er nicht mehr dazu sagen? Eine Erklärung geben dafür? Obwohl Nocturn Blue eine Erklärung versprochen hatte, folgte diese nun nicht. Worauf wartete er? Hatte Blue seine Frage nicht richtig gestellt? Wenn Blue wieder zu Kräften gekommen war - und er hoffte, dass das Essen ihn erquicken würde - dann könnte er sich einfach in die Dämonenwelt teleportieren, aber was auch immer Nocturn mit ihm besprechen wollte, er schien sich Zeit lassen zu wollen, als wisse er schon, dass Blue das nicht tun würde.
"Nocturn-sama...", versuchte Blue es nun noch eindringlicher und auch ein wenig irritiert klingend, aber Nocturn stoppte ihn, ihn nun ansehend:
"Nocturn genügt. Dein Vater hat mich "Nocturn-sama" genannt und ich glaube deshalb, dass du das ungerne tun würdest - Worte in den Mund nehmen, die dein Vater benutzt hat." Dieses Angebot, das man wohl als "nett" bezeichnen konnte, vergrößerte Blues Skepsis - aber in diesem Moment kam sein Whisky in einem rundlichen Glas und ein hohes Glas mit Rotwein für sein Gegenüber samt einer großen Karaffe mit Wasser und Eiswürfeln. Der Kellner füllte ihnen ihre Getränke ein und verschwand wieder mit einer Verbeugung. Was er sich wohl dachte? Blue und Nocturn sprachen immerhin Dämonisch miteinander... oder hörte er das gar nicht, weil Nocturn seine Gedanken mani...
"Du warst sechs Wochen lang in einem koma-ähnlichen Zustand, Blue." Blue, der gerade nicht von seinem Whisky, sondern von dem Wasser einen großen Schluck genommen hatte, verschluckte sich nun fast. Sechs Wochen?!
"Den letzten Monat habe ich mich um dich gekümmert. Ich und Feullé - meine Tochter, die reizende kleine Fee, die du schon beim Abendmahl in Lerenien-Sei gesehen hast - haben deine Wunden versorgt..." Nocturn deutete mit den Augen auf einen Verband an Blues Kopf, welchen er schon fast vergessen hatte.
"... haben dir zur Genesung verholfen, nachdem Ri-Il keine Ressourcen mehr für dich verwenden konnte... oder wollte. Das zu beurteilen ist dir überlassen." Nun musste Blue doch zu seinem Whisky greifen und er nahm auch einen ordentlichen Schluck. Wie lange war es her, dass er Alkohol getrunken hatte? Aber es tat gut; er hatte das Gefühl, dass das brennende Getränk ihn wachrüttelte.
"Aber Sie wollten es. Sie wollten Zeit und Geld investieren... Anti-Licht nehme ich an." Das teure Anti-Licht. Kein Wunder, dass Ri-Il als Fürst mit Verantwortung für eine Horde keine Möglichkeit hatte, das einen Monat lang für Blue aufzubringen. Aber ein Monat... Greens Licht war stark gewesen und... sie hatte ihn am Kopf getroffen, aber... es erschien Blue dennoch sehr unwahrscheinlich, dass er einen Monat lang im Koma hatte liegen sollen, genau wie er nicht glaubte, dass Nocturn über so viel Anti-Licht verfügte.
"Ha! Ja, ich schon!", lachte Nocturn und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, das schlanke Glas mit dem Rotwein immer noch in der Hand, es ein wenig hin und her schwenkend.
"Mir liegt nämlich etwas an dir. Für mich hast du einen sehr großen Wert." Nocturn sah in die rote Flüssigkeit und fuhr langsam fort:
"Aber es war nicht das Anti-Licht, das dich gerettet hat. Dieses wirksame Mittelchen habe ich dir nicht verabreicht; ich wusste schon, dass ich dich damit nicht erwecken konnte... und das wusste Ri-Il ebenfalls. Er wusste, dass nur ich dich retten konnte und siehe da, ich habe es getan. Ich habe das geschafft, was Ri-Il nicht vermochte zu tun." Nocturns Augen verengten sich und er lächelte schmal... und etwas bedrohlich.
"Darauf sollte ich mir etwas einbilden." Er nahm einen Schluck von seinem Rotwein, wie um auf sich selbst anzustoßen und stellte ihn dann von sich weg.
"War es ein Handel zwischen Ihnen und Ri-Il?", fragte Blue, ohne dass er seinem Lebensretter Dank aussprach. Dieser schien es auch nicht erwartet zu haben, denn er antwortete ohne darauf einzugehen, dass das "Danke" fehlte:
"Nein. Wie gesagt: Ri-Il hat dich aufgegeben. Du dienst ihm nicht länger." Nocturn und Blue, dessen Augen sich leicht geweitet hatten, sahen sich an und dem Halbdämon war, als könne er das Rot hinter dem Braun von Nocturns Kontaktlinsen aufleuchten sehen.
"Du bist nun frei. Du kannst tun, was auch immer du tun möchtest. Du bist nicht länger Ri-Ils Eigentum. Ist das nicht an sich ein Grund zum Feiern? Ah! Da kommt auch dein Gericht!" Nocturn hatte sich tatsächlich nichts bestellt. Er war zufrieden mit seinem Wein, auch wenn der Kellner ihn zu fragen schien, ob er nicht auch etwas speisen wollte, aber Nocturn schickte ihn mit einer etwas brüsken Handbewegung weg, ohne etwas zu sagen. Blue bemerkte dies allerdings kaum. Als das dampfende Fleisch mit goldener Kruste und die Soße mit betörendem Duft, Kartoffeln, Karotten und Zucchini mit frischem Rosmarin und Thymian vor ihn gestellt wurde, spürte er auf einmal wie ein tierischer Hunger ihn überkam, größer, als er ihn jemals zuvor gespürt hatte.
"Iss, Blue, iss. Du musst sehr großen Hunger haben! Aber iss nicht zu schnell, ansonsten wird es dir nicht bekommen." Blue wollte gerade aus Höflichkeit fragen, warum Nocturn sich nichts bestellt hatte - aber sein Hunger verschlang sämtliche Höflichkeit. Er hatte Messer und Gabel schon in der Hand, ehe er sich für das Essen bedanken konnte... und er spürte kaum wie die Zeit verging, während er aß und Nocturn ihn auch essen ließ, ohne das Gespräch wieder aufzunehmen. Er fragte nur, ob ihm das Essen gefalle - ob das Fleisch zart war und die Soße den Geschmack des Fleisches gut unterstrich, das Gemüse nicht zu hart, aber auch nicht zerkocht war. Aber es war alles perfekt. Blue hatte noch nie so etwas Gutes gekostet und als er sich für die Mahlzeit bedankte, kam diese Dankbarkeit vom Herzen.
"Je ton pries", antwortete Nocturn mit einem höflichen, aber distanzierten Lächeln, als wolle er vom Essen an sich Abstand nehmen.
"Man könnte sagen, dass es Teil deines Genesungsprozesses ist. Du musst wieder zu Kräften kommen! Es wird sicherlich noch eine Weile dauern, ehe du an irgendeinem Kampf teilnehmen kannst, aber... Eile mit Weile, nicht wahr?" Nocturn füllte sich von seinem Wein nach, derweil nippe Blue an seinem Whisky.
"Morgen früh dann das herrliche Frühstück meiner Feullé... ja, du wirst sehen, bald wirst du wieder ganz auf den Beinen sein! Alleine ihr Orangensaft wirkt wahre Wunderchen." Blue wollte nun nicht mehr von Essen reden - auch wenn dieses ihm gutgetan hatte - und es verwirrte ihn auch zunehmend, dass Nocturn so sprach, als wäre alles normal und als würden sie sich kennen, nein, miteinander vertraut sein.
"Ich sei "frei" sagten Sie." Nocturn nickte.
"Sie erwähnten auch in Ihrem Appartement, dass Sie kein Interesse an Silver hätten - aber Sie haben ein Interesse an mir."
"So ist es."
"Sie haben mich gerettet, obwohl Ri-Il mich bereits für tot erklärt hat." Das hatte Nocturn nicht so gesagt - aber das war der einzige Grund, weshalb Ri-Il Blue keinerlei Wert mehr zumessen würde... Blue war - jedenfalls so wie es im Moment aussah - kein Teil von irgendeinem Handel. Er hatte ihn einfach an Nocturn überlassen, weil er unnütz geworden war. Nicht einmal wichtig als Tauschgegenstand für irgendetwas. Warum überraschte Blue das nicht? Er war nicht einmal wütend darüber. Es passte einfach zu Ri-Il... Er hatte Blue ausgenutzt, so lange es ging. Er hatte aus Blue so viel wie möglich herausbekommen - und ihn dann wie eine leere Dose weggeworfen.
"Das stimmt ebenfalls."
"Dafür danke ich Ihnen." Keiner von beiden glaubte diesen Worten.
"Aber Sie haben mir nicht den Grund für Ihre Großzügigkeit genannt." Nocturn stellte sein Glas auf den Tisch, wobei die Kerze auffällig flackerte, aber nun achtete Blue nicht mehr auf diese.
"Doch, das habe ich." Er pausierte kurz, lächelte weiter, während Blue die Luft anhielt.
"Ich habe dir gesagt, dass ich ein großes Interesse an dir habe und das ist die Wahrheit - mehr Grund um zu handeln benötige ich nicht. Interesse, Neugierde, eine gewisse... Spannung ist alles was ich brauche, um auf diesen Pfaden der Langweile nicht zu verkommen, die ein gewisser Kronprinz am Auslegen ist. Ich möchte dir daher einen Vorschlag machen, der dich hoffentlich genauso anspricht wie mich!" Wieder war da dieses kräftige Leuchten in seinen Augen, das trotz der Farbe so deutlich machte, dass dies nicht die Augen eines Menschen waren... sondern die eines Dämons. Mehr noch - die Augen eines Dämons, der es gewohnt war zu manipulieren und der daran Spaß hatte.
"Hiermit schlage ich dir vor, nein, ich bitte dich darum, dich uns anzuschließen! Kehre Gebiet 17 den Rücken und wende deinen Blick gen Menschenwelt und die Stadt der Städte - Paris! Damit meine Tage nicht mehr mit Langeweile gefüllt sind, ich wieder inspiriert werde und du! Du bekommst deine Zukunftsaussicht - die, nach der du dich die ganze Zeit gesehnt hast!" Blue starrte Nocturn wieder an, unfähig sich von seinen Augen abzuwenden - aber es waren nicht seine Worte, die ihn paralysierten. Es waren Nocturns Worte:
"Die Aussicht, wieder mit deiner Green vereint zu werden!"


Ob das Licht... kalt oder warm war...?
Hizashis Lächeln wurde breiter, während er Green musterte. Sein Lächeln blendete einen wie immer, aber in diesem Lächeln lag Kälte: so große Kälte, dass Green einen Schauer über den Rücken laufen spürte.
"Verstehst du nicht, wovon ich spreche?" Er neigte den Kopf kurz, dann wieder zurück:
"Du müsstest doch eigentlich lange genug wieder mit dem Licht vereint sein, um das zu wissen? Zwei Jahre ist es meines Wissens nach schon her, dass dir bewusst wurde, dass du kein Mensch, sondern ein Wächter bist." Green wusste auch was er meinte, aber was das mit der Weihe zu tun hatte, verstand sie nicht - und warum Hizashi so... so unheimlich lächelte...
"Nun lass uns aber nicht weiter davon sprechen. Dieses Thema ist nur für uns Hikari von Belang." Zuerst verstand Green nicht, warum er das Thema plötzlich beenden wollte - aber anders als Green hatte Hizashi Saiyons Ankommen bereits gespürt, weshalb er auch nicht sonderlich überrascht war, als es plötzlich an der Tür klopfte, anders als Green, die so auf Hizashi fixiert war, dass sie zusammenschrak. Für diese unerfahrene Reaktion hatte Hizashi ein schelmisches Lächeln übrig, welches Green nicht gerade als Kompliment auffasste - aber dann, nach Hizashis Erlaubnis, stand Saiyon auch schon in der Tür.
"Entschuldigt, Hikari-Hizashi-sama, dass ich zu früh... Green?!" Ja, sofort dachte Green über etwas anderes nach als kaltes oder warmes Licht, als ihr Verlobter hinter ihr durch die Tür trat und sie nun beide in Hizashis Büro standen. Hizashi lächelte weiter, aber Saiyon lächelte ganz gewiss nicht. Für einen Moment sah man ihm deutlich an, dass er Greens Anwesenheit weder erwartet hatte, noch dass er darüber erfreut war. Ja, dachte Green, zu dumm, dass sie da war und nun schon wusste, dass Saiyon Greys Waffe haben wollte... Was hatte er eigentlich vorgehabt zu sagen? Hatte er ihr etwa eine schöne Überraschung darbieten wollen, wenn er mit der Waffe ihres toten Bruders vor ihr auftauchte?
Green hatte keine Lust, Saiyon zu begrüßen oder sein gezwungenes höfliches Lächeln zu erwidern, nur weil Hizashi sich ebenfalls im Raum befand. Was Hizashi dachte, war ihr ohnehin vollkommen egal - was Saiyon durch den Kopf geschossen war, als er beschlossen hatte, dass das eine gute Idee war; das wollte sie wissen.
"Du möchtest also Greys Windklinge haben", stellte Green fest, damit sie nicht lange um den heißen Brei herumsprachen:
"Warum?" Über ihnen wirbelte besagte Waffe immer noch und hinter ihnen lächelte Hizashi, aber die Verlobten achteten nur auf den anderen.
"Weil ich dich im Kampf bestmöglich unterstützen möchte. Die Windklinge der Eien-Familie ist die wirksamste Waffe, um die Hikari zu beschützen und die Dämonen zu töten." Das war leider eine gute Antwort, dachte Green zerknirscht, während Saiyon auf sie zuging und dabei kurz empor zur Waffe sah, als wolle er sie begrüßen.
"Kein Kaze hat jemals eine mächtigere Waffe getragen."
"Weswegen auch nicht feststeht, ob Sie die Windklinge benutzen dürfen", mischte sich nun Hizashi ein mit einer sachten, aber eleganten Bewegung seiner flachen Hand.
"Sind Sie der Waffe würdig? Wir haben beschlossen, die Klinge dies entscheiden zu lassen." Hätte ihre Familie das besprochen, wenn Green dabei gewesen wäre, oh, sie hätte es verhindert... Obwohl sie gar nicht so genau wusste, warum sie so dagegen war. Aber es war einfach... es war Greys Waffe... und Kanoris...
"Sie sehen ja, in welchem Zustand die Windklinge sich befindet", fuhr Hizashi fort und Saiyon antwortete auch sofort:
"Ja, das sehe ich. Aber ich bin mir sicher, dass ich mich der Ehre sie führen zu dürfen würdig erweisen werde."
"Nun gut, dann..." Green unterbrach Hizashi, ehe Saiyon gänzlich vor dem wirbelnden Schwert angekommen war:
"Hältst du das für notwendig, Saiyon?" Saiyon, der es nicht gewohnt war, dass Green ihn so direkt ansprach, sah sie nun ernst, aber auch ein wenig errötet an.
"Du hast doch bereits eine gute Waffe." Er sah sie ernst, ein wenig feierlich an, aber es lag auch ein wenig Verwunderung in diesen dunklen grünen Augen, die Green in diesem Moment eine Qual waren. Sie wollte sich abwenden... aber sie tat es nicht. Sie hielt stand, obwohl alles in ihr tausendmal lieber Hizashis unheimliches Lächeln angesehen hätte als diese grünen Augen. Jetzt. Ausgerechnet jetzt, wo sie sich so sicher war, dass sie Blue gespürt hatte... war das gemeiner Zufall... oder Schicksal.
"Aber ich habe keine, die gut genug ist für den Kampf, der uns bevorsteht." Meinte er... ja, Green war sich sicher. Er meinte Blue.
"Diese Waffe ist auch eine Mordwaffe. Eine Waffe, die zur Mordwaffe wurde, weil sie das Leben ihres Benutzers ausgelöscht hat." Helles Licht fiel wieder durch die Fenster und brachte das viele Smaragdgrün in diesem Büro zum Leuchten - genau wie Saiyons Augen, der Green offensichtlich missverstand.
"Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen, Green." So hatte sie es nicht gemeint - aber Saiyons Augen strahlten nun so deutlich, dass sie es nicht übers Herz brachte, ihn aufzuklären. Ihn aufzuklären war auch einfach gemein. Er meinte es ja nur gut... Er wollte sie unterstützen, das war alles, was er wollte...
"Ich bin mir sicher, diese Waffe wird mir beistehen." Er ging an Green vorbei - aber nicht ohne ihre kalten Finger kurz berührt zu haben, wie um ihr die Sorge zu nehmen - und sah nun genau wie Hizashi und Green empor zur Waffe, dessen Wind die Haare der Anwesenden aufscheuchte.
"Wirst du das?", fragte Saiyon in einem freundlichen, warmen, aber auch festen Tonfall, die Arme emporstreckend, die Handflächen nach oben zeigend.
"Ich bitte dich darum." Der Wind nahm zu, weshalb Green einige Schritte Abstand nahm, anders als Hizashi, welcher hinter dem Schreibtisch stehen blieb wie eine Statue, während seine weißen Haare ihm aus dem Gesicht gewirbelt wurden.
"Ich werde dir Ehre erweisen..." Die Papiere auf Hizashis flatterten empor und der Wind nahm immer weiter zu, wurde so stark, dass einige Bücher im Regal umfielen und andere zu rattern begannen, aber Hizashi blieb weiterhin stehen, genau wie Saiyon, der seine Position nicht geändert hatte - aber die Entschlossenheit in seinen Augen hatte zugenommen, genau wie der Wind.
"... und dich mit Stolz tragen, wenn du mir dabei hilfst, meinem Element gegenüber meine Pflicht zu tun. Ich werde dich hüten wie einen Freund und mit Kraft schwingen, um unser aller Feind zur Vernichtung zu führen." Hizashis Lächeln wurde ein wenig dünner, aber breiter, obwohl er solche Worte schon so oft gehört hatte... er hörte sie immer wieder gerne.
"Ich bitte dich, prüfe mich und lass mich mich beweisen!" Noch einmal nahm der Wind zu, noch einmal musste er sich auftürmen - um dann, ganz sanft, zu verebben... zusammen mit der Waffe, die sachte in Saiyons Hände hinabschwebte. Die gesamte lange Klinge glänzte im Licht, leuchtete bläulich und strahlte, als wäre sie frisch geschmiedet. Die Schwingen, aus denen der Griff gefertigt war, schienen bereit zu sein, sich auszubreiten, wie ein Vogel, der zum ersten Mal fliegen wollte - eine Waffe, neugeboren und bereit von Saiyon geführt zu werden, der sie ehrfürchtig ansah.
"Die Windklinge der Eien-Familie gehört nun Ihnen", sprach Hizashi als erster.
"Beweisen Sie, dass Sie zu Ihrem Versprechen stehen und erweisen Sie dieser Waffe die Ehre, die ihr gebührt."