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Episode 94
  Episode 94: Gl÷ckchengesang


"Gary?"
Greens Stimme war zaghaft. Sie hatte sehr lange gezögert, hatte sich nicht getraut, diesen einst so vertrauten Namen auszusprechen. Der Halbdämon vor ihr antwortete auch nicht, als hätte er sie nicht gehört. Weiterhin sah er auf das leere Buch auf dem Tisch, dort, wo er ihr immer Nachhilfe gegeben hatte. Derselbe Raum, dieselbe Wohnung, derselbe Ort, den sie schon lange nicht mehr betraten. Jeden Moment könnte Siberu reinplatzen und dann war die Konzentration dahin und jedes Lernen unmöglich. Dann wurde es laut und stürmisch und schön.
Aber jetzt war alles ruhig. Schrecklich, quälend ruhig. Gary antwortete ihr nicht, obwohl er doch gehört hatte, dass da eine deutliche Bitte in ihrer Stimme lag. Green schluckte. Irgendwo in ihr wusste sie, dass sie in einem Albtraum gefangen war und dass weder der Raum noch die Person vor ihr wirklich war - und dennoch wollte sie nicht aufwachen, so bedrückend die Stille auch war.
"Ich habe Angst, Gary." Sie hatte es niemand anderem gesagt. Sie hatte stark sein wollen.
"Ich habe Angst vor der Weihe." Sie hatte es auch sich selbst gegenüber verschwiegen.
"Was passiert da mit mir? Bin ich danach noch ich selbst?" Immer noch keine Antwort. Die Spitze des blauen Kugelschreibers, mit dem er immer ausgerüstet gewesen war, bewegte sich nun hoch und runter. Hörte er ihr zu? Konnte er sie gar nicht hören?
"Ich darf nicht zweifeln... Ich muss stark bleiben, aber..." Green biss sich auf die Lippen, als sie hochsah; und ihre Zähne gruben sich noch tiefer hinein, als Gary ihren Blick nicht erwiderte. Seine Bücher waren immer noch interessanter als sie.
"Sag doch bitte etwas... Irgendetwas..." Wie auf Knopfdruck hoben sich Garys Augen, nein, Blues Augen und sofort schloss Green ihre. Sie wollte seine roten Augen nicht-----
"Wie sollte ein Toter denn sprechen können?"


Mit einem zum Schrei geformten Mund fuhr Green aus dem Albtraum empor und erwachte in ihrem dunklen Schlafzimmer. Der verfluchte Spiegel vor dem Himmelbett zeigte ihr panisches Gesicht und ihre suchenden, verwirrten Augen, die im Zimmer herumhuschten und die noch verwirrter wurden, als sie sah, dass sie nicht alleine im Bett lag.
Natürlich lag sie nicht alleine im Bett, herrschte Green sich selbst an und versuchte ihr Herz zu beruhigen - sie war verlobt und die Person, die neben ihr lag, war ihr Verlobter, ihr Getreuer, ihr verdammter...
Sie schloss ihre Augen und beschwor sich seinen Namen empor: Saiyon. Er hieß Saiyon. Nicht "ihr Verlobter" und besonders nicht "ihr verdammter Getreuer". Aber sie war froh darüber, dass sie ihn nicht geweckt hatte - weniger aus Fürsorge, als deshalb, dass sie ihren Albtraum nicht erklären wollte.
Gary... schon wieder. Sie träumte in letzter Zeit oft von ihm. Zu oft...
Green presste ihre Augen zusammen und huschte aus dem Bett ohne ihren Verlob- Saiyon zu wecken. Es war erst kurz nach Mitternacht und sie hatte noch längst nicht genug geschlafen - besonders in Anbetracht dessen, dass es der Tag war, an dem die Weihe beginnen würde. Aber das hielt sie nicht davon ab, sich leise und vorsichtig aus dem Bett zu erheben.
Im Hauptraum ihres Gemaches war es trotz der großen Fensterfront dunkel, denn weder Sterne noch Mond waren am Himmel zu sehen und so lagen die Gesichter der drei Lichtgötter im Dunkeln, eingerahmt in ihren goldenen Käfigen. Green warf ihnen einen kurzen Blick zu, dann wandte sie sich ab und setzte sich in dem ehemaligen Arbeitsraum Shaginais an den großen Schreibtisch.
Eigentlich mochte sie es dort zu sitzen, in dem mit rotem Leder gepolsterten Bürostuhl mit den hölzernen Armlehnen, die hübsche, verschnörkelte Verzierungen aufwiesen und die sich etwas gebraucht unter ihren Fingern anfühlten, als hätte ihr Großvater oft seine Finger dort hineingegraben. Wenn er wütend war, wenn ihn jemand verärgert hatte - was sicherlich oft vorgekommen war - oder vielleicht in den wenigen Momenten in seinem Leben, wo auch er nicht weiter gewusst hatte... Zuerst hatte sie darüber geflucht, Shaginais Gemächer zu übernehmen, aber jetzt...
"Eigenartig... vor ein paar Jahren habe ich noch gar keine Familie gehabt und jetzt..." Green strich mit den Fingern über das Ende der Armlehne und lächelte melancholisch - jetzt saß sie in den Möbelstücken ihres Großvaters und war kurz davor einer uralten Familientradition zu folgen, indem sie geweiht wurde. Es war so viel... ihr Blick verdüsterte sich... geschehen in den letzten Jahren.
Träge versuchte Green, die Melancholie von sich abzuschütteln, während sie den Computer einschaltete. Nach der üblichen Passwortabfrage und Stimmenerkennung - die ziemlich laut war, weshalb Green über die Schulter schielte, um sicherzugehen, dass Saiyon nicht plötzlich hinter ihr stand - benötigte Green nur ein paar Handbewegungen, ehe der Computer ihr die Akte zeigte, die sie schon so oft gelesen hatte, dass sie sie beinahe auswendig konnte: Blues Akte.
Während Silvers Akte immer noch ein veraltetes Foto zeigte aus der Zeit, als sie in Tokio aktiv gewesen waren, war Blues Foto durch ein aktuelles ersetzt worden. Nun, ganz aktuell war es nicht. Es war ein Jahr alt, gemacht von einer Überwachungskamera vom Außenbereich des Tempels, als sie vor einem Jahr gegeneinander gekämpft hatten. Seine roten Augen sah man auf dem sonst recht verschwommenen Bild besonders gut.
Green starrte sie lange an. Lange ohne zu blinzeln und ohne zu bemerken, dass sie ihre Finger in das Holz der Stuhllehne drückte. Erst als ihre Augen leicht zu brennen begannen, drückte sie sie kurz zu, gönnte ihnen eine Pause, ehe sie den Satz las, den sie schon so oft in den letzten vier Wochen gelesen hatte - so oft, dass sich ihre Lippen mitbewegten, als sie die Worte las:

DER MOMENTANE STATUS DES DÄMONS B78988776 IST NICHT BEKANNT

"Ich kann mich täuschen, aber ich meine, es hieß, dass du dich von allen weltlichen Dingen lösen solltest, oder, Hikari-sama?" Eigentlich erschreckte Green sich mittlerweile selten, wenn Silence aus dem Nichts auftauchte, doch in diesem Augenblick war sie so sehr in Gedanken gewesen, dass ihr Herz ihr schier aus dem Brustkorb sprang.
"Silence! Was zum----!" Silence lachte beherzt, als sie Greens schockiertes Gesicht sah, wie ein Poltergeist, der seine Arbeit gut gemacht hatte, ehe sie Green bedeutete mit einem Zeigefinger vor ihren Lippen, dass sie ruhig sein sollte, unterstrichen von einem Grinsen und einem Blick in Richtung der Schlafkammer.
"Wir wollen doch den armen schlafenden Prinzen nicht wecken. Besonders nicht wenn du auf solch verbotene Dokumente guckst." Silence deutete mit den Augen auf Blues Akte, die Green, etwas beschämt und ertappt, mit einer Handbewegung beiseiteschob.
"Mir Dokumente anzugucken über einen Dämon ist nicht verboten." Silence grinste weiterhin, hob aber leicht die Augenbraue.
"Ich denke, das würde dein Getreuer anders sehen... Das beste Lesematerial in der letzten Nacht vor der Weihe ist es aber so oder so nicht."
"Wegen der Aufforderung, dass ich mich von allem Weltlichen lösen soll?" Green verschränkte die Arme und drückte sich in das rote Leder ihres Stuhls, mit dem sie ein wenig nach hinten kippelte.
"Was soll das ohnehin bedeuten..."
"Es bedeutet sicherlich nicht, dass du dir den Kopf über Halbdämonen zerbrichst..." Silence verschränkte ebenfalls die Arme über ihrer Brust und nahm ihre bekannte schwebende Sitzposition ein, mit dem einem Bein über das andere geschlagen.
"Allgemein solltest du gar nicht mehr wach sein."
"Du bist also hier, um mich ins Bett zu schicken?", antwortete Green mit einem kleinen Anflug eines Lächelns, aber als hätte sie irgendetwas besonderes gesagt, schwieg Silence plötzlich und Greens Lächeln schwand, als sie bemerkte, dass ihre geisterhafte Freundin sie sehr intensiv in Augenschein nahm. Green sagte nichts, um sie in ihrer Musterung zu unterbrechen, aber in ihrem Gesicht sah man eine deutliche Verunsicherung, von der Silence sich aber natürlich nicht stören ließ.
"Nein, deswegen bin ich nicht hier", flüsterte Silence nach einigen verstrichenen Sekunden, in denen Green schwören könnte, dass Silence sie geröntgt hatte und ihr war ein wenig unwohl, als Silence die Arme von der Brust nahm und vor ihr auf dem Boden landete. Sie sah... sehr ernst aus. Als hätte sie eine sehr schwierige Botschaft zu übermitteln.
"Du fürchtest dich vor der Weihe, nicht wahr?" Green, sich ein bisschen ertappt fühlend, schwieg betreten.
"Das ist verständlich. Auch ich fürchte mich davor, was passieren wird." Was? Was?! Silence fürchtete sich vor der Weihe?! Das war nicht gerade beruhigend?! Alles andere als das!
Gerade als Green spürte, dass eine heftige Angst sie zu übermannen drohte, überspülte sie eine eiskalte Kälte; klar und kühlend und Green begriff erstaunt, dass Silence gerade ihre Stirn gegen die ihre lehnte. Spüren konnte sie den Körper Silence' nicht bis auf die Kälte, die dieser aussonderte - aber es war eine Kälte, die Green guttat, genauso wie Silence' tiefe, schwarze Augen, die fest in ihre sahen und sie auffingen.
"Du musst mir versprechen, dass du auf dich aufpasst und dass du stark bleibst, Green." Green wollte nicken, aber sie war ganz von den Augen Silence in Beschlag genommen. Sie schienen... zu leuchten, als wären Sterne in ihnen.
"Bleibe du selbst und du hast nichts zu befürchten." Tausend kleine Sterne wie auf einem Nachthimmel...
"Versprichst du mir das?, drängte Silence, als Green ihr nicht antwortete.
"Ich werde mein Bestes geben." Das war Silence nicht gut genug, sie sah es in ihren Augen und Green zwang sich zu einem Lächeln:
"Ich verspreche es dir."


Bei den ersten Strahlen der Morgensonne ertönten die Glöckchen. Sie dekorierten die Bäume, baumelten an deren Ästen, waren an Säulen und Straßenbeleuchtung befestigt worden, als Girlanden bedeckten sie die Pfade Sanctu Ele’Saces; überall hingen sie, in jedem Winkel war ihr sanftes Spiel zu hören, wenn der Wind sie erfasste und ihre leichten Klänge sich auf jeder Insel verbreiteten. Selbst in den Ruinen von Min Intarsier, als würden sie das geschehene Leid beklagen und den dort arbeitenden Wächtern Trost und Zuversicht spenden. Green saß in einem großen, kahlen Badezimmer und ließ sich von Itzumi die Haare kämmen. Sie kannte den Raum nicht und sie wusste auch nicht, wie sie dorthin gekommen war. Sie hatte in ihrem Gemach wieder die Augen geschlossen... und als sie sie geöffnet hatte, hatte sie ihr eigenes Spiegelbild und das von Itzumi vor sich gesehen. Steif und starr saß sie auf einem kleinen Hocker, vor einer Säule, die mitten in dem runden Raum stand und an welcher ein einfaches Waschbecken mit goldenen Hähnen befestigt war, eingerahmt von dem großen Spiegel, in welchem Green ihre Nervosität deutlich sah. Tonlos fuhr Itzumi mit ihren Haaren fort, als bedurfte es keinerlei Erklärung, dass sich Green nicht mehr in ihrem Schlafzimmer befand und als sähe sie nicht die tausend Fragen in dem bleichen Gesicht ihrer Hikari. Sie schluckte, pikste sich in den Arm, um sicherzugehen, dass sie wirklich nicht träumte... und Itzumi kämmte und kämmte.
War ihre Tempelwächterin denn gar nicht nervös? Das erfolgreiche Ausführen der Weihe lag immerhin auf ihren Schultern - sie war für den gesamten praktischen Teil verantwortlich... oder war sie so verantwortungsbewusst, dass sie es einfach als einen Teil ihrer normalen Pflichten ansah?
Das Geräusch einer sich öffnenden Tür - welche sehr schwer klang - ließ Green aufschrecken, doch sie beruhigte sich schnell wieder als sie Ryô sah, der hinter der Säule auftauchte mit einem Tablett in der Hand, auf der ein Krug aus Lehm und ein Glas standen. Green ignorierte sowohl den Krug als auch das Glas. Sie sah in Ryôs Gesicht, suchte ein Lächeln, ein aufbauendes Wort... von Itzumi erwartete sie es nicht, aber von Ryô...? Von ihm konnte sie doch ein wenig Beistand erhoffen...?
Es regte sich jedoch nichts in den Bernsteinaugen des Tempelwächters, der sich vorbeugte und Green aus dem Krug ein Glas eigenartig aussehendes Wasser einfüllte. Gespannt und mit angehaltenem Atem folgte Green dem Fließen des Wassers mit den Augen, aber sie wich dem Glas aus, als Ryô es ihr tonlos reichte. Zwar nahm sie es entgegen, doch ihre gesamte Aufmerksamkeit galt dem sonst immer so freundlichen Tempelwächter, der weder Wärme noch Beistand ausstrahlte.
Auch wenn er nichts sagte, seine Aufforderung war unmissverständlich. Auch Itzumi hatte mit dem Kämmen aufgehört.
"Das soll ich trinken?", fragte Green leise flüsternd, doch ihre Stimme kam kaum gegen die bedrückende Stille an. Weder Itzumi noch Ryô sagten etwas. Sie nickten nicht einmal und Green rann ein Schauer über den Rücken, als sie das Glas zu ihren Lippen führte, obwohl sie lieber schreien wollte.
Keiner der beiden hatte es angedeutet, aber Green wusste genau, dass sie das gesamte Glas leeren musste und eine süßliche, lauwarme, schwere und alles andere als leckere Flüssigkeit rann ihre Kehle herunter. Tränen begannen in ihren Augen zu brennen, noch ehe sie das Glas geleert hatte - nur um dann mit Schrecken festzustellen, dass Ryô ihr gnadenlos das nächste Glas reichte.
12 Mal wurde dies im absoluten Schweigen wiederholt. 12 Mal musste Green das Glas leeren, bis der Krug kein Wasser mehr trug. Was war nur der Sinn dahinter? Und konnten die beiden nicht wenigstens mal blinzeln, wenn sie Green ein neues Glas reichten?
Jedes Glas fiel ihr schwerer. Jedes Glas vergrößerte ihre Übelkeit und ihre Sicht wurde zunehmend trüber, weshalb sie gar nicht bemerkte, dass Itzumi den im Halbdunkel gelegenen Raum verließ. Green spürte etwas in sich hochsteigen; Hitze... und... ihr... ihr wurde schwindelig. War das die Nervosität oder war es das eigenartige Getränk? Sie hatte nicht das Gefühl, als wäre das Wasser in ihrem Magen angekommen... sie fühlte sich eher so an, als hätte es sich überall in ihrem Körper ausgebreitet. Was für ein schreckliches Gefühl... war das normal? War das beabsichtigt? War das richtig so?
"Ryô... Ryô, mir ist komisch... irgendwie ist mir schlecht... was war das für ein Wasser? Ist es normal, dass es sich so... so schwer anfühlt?" Green wandte sich an Ryô; jedenfalls glaubte sie, dass sie es tat - ihr Sichtfeld verschwamm immer mehr - aber es musste Ryô sein, denn Itzumi war noch nicht zurück und die Tür hatte sich nicht geöffnet - und wer sollte die goldene Gestalt denn sonst sein?
"Ryô, ich... ich habe Angst; die Weihe, was passiert da mit mir? Was ist, wenn sie schiefläuft...? Kann ich sterben? Können alle anderen auch sterben... Wäre es dann meine Schuld, so wie..." Er sagte nichts, tat nichts; sah er sie überhaupt an? Blickte er an ihr vorbei?
"Ryô, ich vermisse Grey so, ich will ihn so gerne jetzt bei mir haben..." Jetzt reagierte Ryô; natürlich, sie sprach immerhin von Grey...
"... er wollte, dass ich die Weihe durchführe, wusstest du das? Nicht, weil er es als Elementarwächter gerne wollte, sondern... sondern sicherlich, weil er auf mich stolz sein wollte... oder? Aber stattdessen liegt er irgendwo auf Sanctu Ele’Saces in einem dummen Glassarg... ob da die Glöckchen auch zu hören sind?" Verschwommen bemerkte Green, dass er vor sie getreten war.
"Ich vermisse ihn so schrecklich, Ryô..." Green streckte die Hand nach ihm aus, denn sie wusste, dass nur er ihr Trost geben konnte, weil nur er diese Trauer spüren konnte; er war Teil dieser schrecklichen Trauer, vermisste Grey genau wie sie es tat...
"Macht Euch bereit, Hikari-sama."
Es durchfuhr Green wie ein Blitz; diese Stimme, nein, diese Stimmen... sie kannte sie, aber sie gehörten nicht an diesen Ort, waren weder Itzumis noch Ryôs... es waren Ecuis und Acuis.


Shaginai war zufrieden mit dem, was er sah; jedenfalls zu dem Grad, dass er nichts fand, was er an Greens Auftritt hätte bemängeln können. Alle Weihen waren stets ohne Vorkommnisse und nach den heiligen Regeln verlaufen, aber bei seiner Enkelin war er davon ausgegangen, dass sie mal wieder wusste, wie sie ihre Familie negativ überraschen würde. Aber nein, sie war den Pfad, den alle Hikari vor ihr hatten zurücklegen müssen und welcher von der Hauptzentrale Sanctu Ele'Saces zum Turm der Reinheit führte, genau wie die Hikari vor ihr gegangen. Ohne Abweichungen, oder Mucken. Ohne eine ihrer Yogosu-Untaten und Eigenheiten. Ihr Haar fiel offen herunter auf ein wallendes, simples weißes Gewand mit langen Ärmeln und offenem Kragen ohne jegliche Verzierung, Demut vor den Elementen zeigend. Sie alle hatten es getragen, aber an ihr sah es befremdlich aus - Demut war seiner Enkelin immerhin gänzlich fremd.
Green verneigte sich in Demut vor den zwölf auserwählten Hikari, so wie diese sich vor ihr verneigten und sagte, genau wie sie, kein Ton. Wenn Shaginai über ein Familienmitglied erzürnt sein wollte, dann über White, dessen Sorge ihr zu deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Sie sah Green mit einer inständigen Sorge hinterher, nachdem
das Steinportal sich langsam hinter den Rücken ihrer Tochter geschlossen hatte.
Die zwölf anwesenden Hikari sprachen nicht miteinander; sie lauschten dem fernen Rauschen der Glöckchen und warteten ab.


Das tosende Widerhall der Steintore erschrak Green und ließ sie hoch-, aber auch auffahren. Was, wie, wo!? Vor allen Dingen: wo?! Wo war sie?! Und wie war sie hierhergekommen? Sie war in einem Turm - warte, dem Turm der Reinheit? Aber wie war sie...

Was für eine schreckliche Ruhe.

Kein Geräusch von außen drang durch die dicken Gemäuer; sie war in Stille gehüllt. Aber ihre Sinne funktionierten wieder; es kam ihr so vor, als wäre sie nach einem langen Schlaf erwacht; ein langer Schlaf mit eigenartigen Träumen... und sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihr jemand erzählt hatte, was sie nun zu tun hatte.
Sicher war: Sie konnte den Turm nicht verlassen. Das Tor hinter ihr war zugesperrt und so wie es aussah war es nicht vorgesehen, dass es von innen heraus zu öffnen war. Natürlich nicht... sie musste immerhin zwölf Tage an diesem eigenartigen Ort bleiben; einem Ort, den sie nun langsam in Augenschein nahm, nachdem sie sich zögerlich von der Tür löste.
Der etwa 20 Meter breite und wohl 200 Meter hohe Turm war hohl; Green konnte seine Spitze sehen, wo sich auch die einzige Lichtquelle befand; eine gläserne Kuppel, durch die fahles Licht hineinfiel, aber kaum bis nach unten gelangen konnte. Weit weg, oben an der Spitze erahnte sie etwas. Gemälde... womöglich?
Ob sie irgendwie nach oben kommen sollte? Aber da waren keine Treppenstufen... im echten Sureminence, den Green bei ihrer Zeitreise mit Silence von innen gesehen hatte, war eine Art magischer Fahlstuhl gewesen... aber dieser hier unterschied sich in dessen Umfang und dadurch, dass sich dort offensichtlich keine leuchtende Scheibe befand, die als Fahrstuhl hätte funktionieren können. Toll. Und jetzt? Sollte sie hier zwölf Tage sitzen bleiben? Bekam sie Essen und Getränke? Oder war das der Sinn des ekelhaften Wassers--
Greens Gedanken kamen zum Stillstand, als sie einen Schritt getan hatte - denn da tauchte vor ihren Füßen eine kleine, zierliche, ohne Geländer versehene Treppenstufe auf, die aus purem Licht bestand. Unsicher beäugte Green die leuchtende Treppenstufe vor ihren Fußspitzen, legte den Kopf schief und beäugte sie weiterhin, bis sie zögerlich den Fuß hob und ihn auf der Stufe abstellte, womit sie nun 10 Zentimeter über dem Boden auf einer leuchtenden Treppenstufe schwebte. Aber gut, warum war sie eigentlich überrascht: sie hatte in den letzten Jahren nun weitaus komischere Dinge gesehen als leuchtende, sich nach oben schlängelnde, nacheinander auftauchende Treppenstufen.
Da es allerdings kein Geländer gab, war Green vorsichtig beim Aufstieg; die Treppenstufen wirkten trotz ihrer leuchtenden Substanz zwar sehr robust, aber man... man wusste nie. Der Turm war hoch und sie wollte garantiert nicht herausfinden, was passieren würde, wenn sie sich nicht auf ihre Schritte konzentrierte.
Immer weiter ging der Weg nach oben und hätte sie nicht mittlerweile eine sehr gute Kondition, wäre sie nach diesem Aufstieg völlig außer Atem. Oben angekommen strahlte der unermüdlichen Hikari durch die gläserne Kuppel der blau schimmernde Himmel entgegen und beruhigte ihre Seele - und ihren Atem. Eigentlich sollte es hier direkt unter der gläsernen Kuppel warm sein, aber es war kühl; doch die Sonnenstrahlen taten ihr dennoch gut.
Mit Vorsicht sah Green sich um - und versuchte dabei nicht nach unten zu sehen. Die Wand war tatsächlich dekoriert - in sie hineingehauen waren sechs lebensgroße Fresken... Hikari, die Green nicht kannte, von denen sie aber glaubte, dass es die Geschwister Inceres' seien... Hikarus Schöpfungen.
Alle ruhten sie starr mit geschlossenen Augen in weiße Gewänder gehüllt im grauen Stein. Ihre goldenen Glöckchen waren auf ihren Oberkörpern gebettet und ihre großen, prächtigen Flügel reichten aus dem steinernen Rahmen heraus. Sie waren farblos; einzig ihre Glöckchen strahlten in einem deutlichen Gold. Green hatte noch nie zuvor Kunstwerke von ihnen gesehen - oder nicht bewusst auf sie geachtet - weshalb sie sie nun von ihrer etwas unsicheren Position von der letzten Treppenstufe aus in Augenschein nahm.
Sie sahen alle ziemlich ernst aus... sie hatten zwar die Augen geschlossen und eine ruhende Position eingenommen... Moment.
Green rann ein Schauer über den Rücken, denn sie war sich absolut sicher, dass die Augen der Geschwister Inceres' gerade noch verschlossen gewesen waren - nun aber sah sie das weiße Innere der Augen, die sie anstarrten, genau wie sie es tat; zurückstarrte auf die Gesichter, die sie nun alle ansahen, apathisch und unnatürlich mit ihren weißen Augen so stechend durchbohrend, dass Green es mit der Angst zu tun bekam. Sie bildete sich das ein... oder?
Sie hatte Lust die Treppen wieder herunterzurennen, aber da packte irgendetwas ihre Hand. Green sah nicht, was es war, weil da--- da--- war doch gar nichts--- die weißen Augen starrten sie immer noch an, starrten in sie hinein, als die unsichtbare Hand, die sich kalt und beklemmend anfühlte, Green nach vorne zog; über die Treppenstufe, hinaus ins Nichts. Green wollte schreien, aber da schoss ein weißer Lichtstrahl auf ihr Glöckchen zu, durchbohrte das Glöckchen, durchbohrte Greens Brust.
Green spürte nichts mehr. Sie nahm nichts mehr wahr. Mit weit aufgesperrten Augen blieb sie in der Luft hängen, aufgespießt von einem Lichtstrahl, beobachtet von den weißen Augen der Hikari... die diese nun langsam wieder schlossen und sich zur Ruhe begaben.


Es war Youma sehr unlieb, sich irgendwo in der Wächterwelt aufzuhalten. Alle diese Häuser; die hübschen Türme, das saftige Grün, die Architektur, die immer noch ein wenig von Aeterniem hatte - das alles weckte seine Heimweh und den Wunsch dort zu bleiben, anstatt in dieser schrecklichen Welt, wo die Häuser so hoch gebaut wurden, dass man den Himmel nicht mehr sehen konnte. Aber er sagte nichts, ließ sich nichts anmerken, sprach nicht von dem Schmerz, den er in sich spürte, ließ seine Stimme ernst wirken, als er sich an Nocturn wandte, der neben ihm auf dem dicken Ast saß, der ihnen als Ausguck diente - Youma allerdings stand aufrecht, mit der Hand an dem Baum.
"Die Information, die du von diesem Tempelwächter hast, scheint richtig zu sein. Die Wächter bereiten in der Tat irgendetwas vor." Eigentlich versorgte jener Gedanken- und körperkontrollierte Tempelwächter das Appartement 667 nur mit neuen Büchern aus dem Wächtertum und mit Akten, aber er diente auch als Wissensquelle, ohne dass er es wusste - ab und zu machte sich die Zusammenarbeit mit Nocturn doch bewährt, auch wenn sie nervtötend war.
"Nicht irgendetwas, Kronprinz, sondern..." Nocturn schwieg kurz theatralisch, um seinen nachfolgenden Worten mehr Gewicht zu geben:
"...die Weihe! Das Fest aller Feste, die höchste und wichtigste aller Wächtertraditionen." Youma sah Nocturn kurz mit hochgezogenen Augenbrauen an, der wie immer ein Grinsen auf dem Gesicht hatte, während sein zerrissener Umhang sachte im Wind flatterte - dann sah er wieder in dieselbe Richtung wie Nocturn, der von Weitem die Hikari beobachtete, die sich vor dem hohen Turm versammelt hatten und alle hinaufsahen. Genau konnte Youma es nicht sehen, dafür waren sie zu weit weg - die beiden ungebetenen Gäste auf dieser Insel, deren Auren beide nicht spürbar waren, wollten immerhin nicht entdeckt werden.
"Ein mysteriöses Fest... ein R i t u a l, um genau zu sein." Youma wollte nicht nachfragen - weil er nicht wusste, ob das zum Allgemeinwissen gehörte und er es eigentlich wissen sollte, wenn er denn ein Bewohner dieser Zeit wäre. Aber Nocturn witterte offensichtlich schon, dass Youma nicht wusste, was die Weihe war, obwohl Youma versucht hatte, es zu verstecken.
"Es wird einmal pro Generation abgehalten; allerdings ist unsere kleine Lichtprinzessin eigentlich zu alt dafür... he he, ob alles gutgeht? Ungewöhnlich für die Wächter, ihre Traditionen zu brechen. Sie müssen sich wohl einiges davon versprechen. Wie sich das wohl auf fille auswirken wird? Ich bin gespannt, ich bin gespannt..." Nocturn versank ins Schweigen, betrachtete die Hikari, die alle den Kopf senkten und zu schweigen schienen, genau wie Youma, dem es immer noch eigenartig und befremdlich vorkam, so viele Hikari auf einmal versammelt zu sehen. Hikari, die eigentlich tot sein sollten...
Eine Handbewegung Nocturns lenkte Youma von seinen Gedanken ab: eine lockere, grüßende Hand, zusammen mit einem verschmitzten Lächeln.
"Wen grüßt du denn da?!", fragte Youma skeptisch seinem Blick folgend.
"Ich habe White gegrüßt! Ist mein Engel nicht herrlich, wie sie im morgendlichen Glanz erstrahlt..."
"Du hast... White gegrüßt?! Du hast sie auf uns aufmerksam gemacht?! Sie hat uns gesehen?! Wir sollten lieber..." Youma löste seine Hand vom Baum und wollte sich schon wegteleportieren, als Nocturn sein Handgelenk packte.
"Keine Sorge! White wird keinen Alarm schlagen. Sie spürt mich immer, egal ob ich eine Aura habe oder nicht - das ist ein Zeugnis..." Nocturns Finger lösten sich wieder von Youma, obwohl dieser die dürftige, eigentlich nicht wirklich vorhandene Erklärung seines Partners nicht gerade überzeugend fand, aber Nocturn benötigte seine Hand, um sie sich ergriffen auf sein Herz zu legen.
"... unseres tiefen, gemeinsamen Bundes! Ah, White, deine Augen; ein Blick genügt! Wie sehnsüchtig vermisse ich nicht deinen Anblick in jeder quälenden Minute, wo ich von dir getrennt bin..."
"Moment, ist das der Grund, weshalb wir hier sind - weil du geahnt hast, dass White hier..." Weiter kam Youma nicht. Es gelang ihnen nicht einmal den Kopf zum Ursprung dessen zu wenden, was sie erstarren ließ, als eine enorme Lichtwelle sie ergriff und vom Baum herunter fegte. Sie hätten beide, als Dämonen, nicht hier sein dürfen, als das Licht der Weihe entfacht wurde; sie hätten sich, genau wie Silence, von der Inseln der Wächter fernhalten müssen, nun da das Licht in den Himmel hinaufgeschickt wurde und eine große, stark leuchtende Säule aus Licht vom Turm aus in die Höhe schoss und das Licht wie eine Schallwelle über Sanctu Ele’Saces hinwegfegte. Alle Wächter hatten diesen Stoß gespürt; einige von ihnen waren auf die Straßen hinausgegangen, wo sie das Singen der vielen Glöckchen hören konnten, das Licht am Himmel sahen und das Licht in ihren Herzen spüren konnten. Viele von ihnen legten die Hand auf die Brust, senkten in Verehrung den Kopf - obwohl dies nicht vorgeschrieben war. Sie taten es einfach, weil ihr Herz sie dazu drängte. Auch Firey sah in den Himmel; denn das Licht war auch auf der Tempel-Insel zu sehen, wo sie sich gerade beim Kämmen auf dem Balkon befunden hatte. Die Bürste hatte sie fallengelassen; ihre Gedanken rasten sofort zu Green - sie spürte Besorgnis, die die Ergriffenheit ihres Herzens übertünchte. Azuma wurde von dem Licht fluchend aus dem Bett geworfen; Yuuki senkte ebenfalls wie die anderen den Kopf; Tinami und Ilang wandten sich in ihren Zimmern ab - die eine mit verbissenem Blick, die andere mit Trauer in den Augen; Kaira hatte ebenfalls ihre Hand auf ihr Herz gelegt, aber sie hielt den Kopf nicht gesenkt. Sie war bereit für die Weihe und die Rolle, die sie in dieser zu spielen hatte.
Pink wandte und krümmte sich vor Schmerzen, als das Licht auch durch ihr Zimmer fegte. Ri-Il musste sie dazu zwingen nicht zu schreien, aber für einen kurzen Moment - und das mitten in einer Besprechung mit Darius, der seinen plötzlich verbissen aussehenden Fürsten besorgt musterte - entglitt ihm die Kontrolle über Pink.
"Ri-Il-sama?!"
"Es ist nichts", antwortete Ri-Il immer noch ernst und verbissen wirkend, aber auch abwesend, Darius kaum hörend, weil er zu sehr mit Pinks Ohren versuchte zu hören - aber vergebens, denn Pink war bewusstlos, während Green im Turm, unter dem strahlenden Blau des Himmels, ihre Seele aus dem Leib schrie.
Die Hikari standen immer noch genau vor dem Turm, wo das Licht nun abzunehmen begann. Auch einige von ihnen hatten die Hand auf ihre Brust gelegt, aber nicht alle - unter anderem Shaginai nicht. Er hielt seine Arme über Kreuz, beharrlich zum Turm hinaufsehend.
"Er hat eine schöne Klangfarbe, der Gesang des Glöckchens Ihrer Enkeltochter", flüsterte Hizashi, als wäre das laute Sprechen noch nicht angebracht.
"Es ist ein tieferer Ton als der von White-san." Hizashi ließ seinen Blick zu White schweifen, die rechts von ihm stand, ihn aber nicht ansah; zu besorgt waren ihre Augen auf die Spitze des Turms gerichtet. Aber Adir hörte ihn und auch wenn er es nicht sagte, er musste Hizashi zustimmen. Doch ihn brachte das nicht zum Lächeln, so wie seinen Mithikari, der sehr zufrieden aussah... Whites Glöckchengesang war von großer Reinheit gewesen; wie der Gesang von Vögeln am Morgen. Traurig, aber auch von großer Güte und Reinheit... dieser Gesang, den er nun hörte und der nur von Hikari gehört werden konnte, weil sie den Gesang durch die Glöckchen um ihren Hals hörten und nicht mittels ihrer Ohren, erinnerte ihn an eine frühere Weihe. Aber welche war es... ah, er wusste es sofort. Es war Shaginais.
Der Gesang von Greens Glöckchen war tief, selbstbewusst, willensstark, wie ein starker Herzschlag - einer Trommel gleich. Er klang ein wenig anders als Shaginais... dennoch fragte Adir sich genau wie damals bei dem noch so jungen Shaginai, wo dieser Klang sie noch hinführen würde.
"Ich hätte nicht gedacht, dass Yogosus Glöckchen überhaupt singen würde", begann Shaginai nicht flüsternd wie Hizashi, sein eigenes Glöckchen packend und mit festen Fingern die großen, stählernen Flügel umschließend, die sich wie immer heiß anfühlten, als würden sie brennen:
"Jetzt wird sich zeigen, ob sie wirklich eine Hikari ist und wie sehr das Licht..." White senkte den Blick, als hielte sie Shaginais Worte nicht aus:
"... sie liebt."